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Kurzgeschichte
Die Kurzgeschichte ist eine moderne literarische Form oder Gattung der Prosa, deren Hauptmerkmal in ihrer Kürze liegt. Dies wird oft durch eine starke …
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Definition und Grundprinzip
Die Kurzgeschichte ist eine moderne literarische Form beziehungsweise Gattung der Prosa. Ihr Hauptmerkmal ist die Kürze, die durch eine starke Reduktion und Komprimierung des Inhalts und aller Gestaltungselemente erreicht wird. Dadurch gewinnt jedes Detail an Bedeutung und der Text entwickelt eine besondere Suggestivkraft.
Es gibt keine Merkmale, die ausnahmslos auf alle Kurzgeschichten zutreffen. Viele typische Eigenschaften beziehen sich besonders auf die deutsche Kurzgeschichte der Jahre 1945–1955. Grundsätzlich soll eine Kurzgeschichte in einem einzigen Leseakt gelesen werden können. Ihre Aussage ist meist nicht sofort erkennbar: Leserinnen und Leser müssen zwischen den Zeilen lesen, Andeutungen verbinden und fehlende Informationen selbst ergänzen. Dieses Verfahren wird als Eisbergmodell bezeichnet, weil der größere Teil der Bedeutung unter der sichtbaren Textoberfläche liegt.
Die Kurzgeschichte ist eine offene Gattung. Autorinnen und Autoren können daher auch Elemente anderer Formen wie Fabel, Märchen oder Sage verwenden.
Erzähltechnik und Sprache
Meist wird das Geschehen von einem personalen Erzähler aus der begrenzten Perspektive einer Figur dargestellt. Möglich sind aber auch ein Ich-Erzähler oder ein auktorialer Erzähler, der das Geschehen überblickt und kommentieren kann.
Eine ausführliche Einleitung oder Exposition fehlt häufig. Der Text beginnt unmittelbar mitten in der Handlung, also in medias res. Noch unbekannte Figuren können zunächst nur durch Pronomen wie „er“ oder „sie“ eingeführt werden. Auch das Ende bleibt oft offen und kann eine Pointe enthalten. Ungeklärte Fragen sollen dazu anregen, über das Geschehen weiter nachzudenken.
Die Handlung wird häufig chronologisch und hauptsächlich im Präteritum erzählt. Innere Monologe und Einblendungen können jedoch mehrere Vorgänge miteinander verbinden oder gleichzeitig erscheinen lassen. Die erzählte Zeit umfasst meist nur wenige Minuten oder Stunden; teilweise beschränkt sich der Text auf einzelne Augenblicke, eine exemplarische Situation, ein Bild oder eine Momentaufnahme.
Zur Verdichtung dienen Aussparungen, Andeutungen, Metaphern und Symbole. Typisch sind außerdem ein knapper, lakonischer Stil und Alltagssprache, teilweise auch Dialekt oder Jargon. Hinter einem scheinbar gewöhnlichen Ereignis liegt oft eine zweite Bedeutungsebene: Metaphern und wiederkehrende Leitmotive verweisen auf komplexere Probleme. Ausdrückliche Wertungen, Erklärungen und fertige Lösungen werden weitgehend vermieden.
Handlung, Figuren und Wendepunkte
Im Mittelpunkt steht gewöhnlich eine konfliktreiche und emotional geprägte Situation, die nur in ihren wichtigsten Zügen dargestellt wird. Die Handlung ist meistens einsträngig, äußerst knapp und auf wenige Orte begrenzt.
Häufig treten nur ein oder zwei Hauptpersonen auf, es gibt aber auch Kurzgeschichten mit deutlich mehr Hauptfiguren. Die Figuren sind oft typisiert und werden nicht vollständig, sondern nur anhand einzelner Aspekte charakterisiert. Meist handelt es sich um gewöhnliche Menschen, die weder heldenhaft auftreten noch aus der Masse herausragen. Wolfdietrich Schnurre bezeichnete dies 1961 als „ein Stück herausgerissenes Leben“.
Erzählt wird oft ein entscheidender Einschnitt im Leben einer Figur. Dabei kann eine Peripetie auftreten, also ein Glücks- oder Schicksalswechsel. Eine Epiphanie – ein von James Joyce verwendeter Begriff – bezeichnet den Augenblick, in dem das Leben oder der Wesenskern einer Figur plötzlich in einem neuen Licht erscheint. Möglich ist auch ein Initiationsprozess, bei dem eine Person aus der Sicht eines Kindes oder Erwachsenen eine prägende Erfahrung und Entwicklung durchläuft.
Entstehung und internationale Entwicklung
Die Kurzgeschichte entstand als short story in der englischsprachigen und besonders in der amerikanischen Literatur. Ihre Entstehung war eng mit dem Zeitschriftenwesen des 19. Jahrhunderts verbunden, weil Zeitschriften amerikanischen Autoren bessere Absatzmöglichkeiten boten als der Buchmarkt. Washington Irvings Rip Van Winkle von 1819 und The Legend of Sleepy Hollow von 1820 gelten als erste Kurzgeschichten der Weltliteratur. Edgar Allan Poe behandelte die Form auch in seinen ästhetischen Schriften.
Um 1900 war die amerikanische Kurzgeschichte teilweise zu einer schematischen Plotgeschichte mit moralisierendem Schluss geworden. Sherwood Anderson belebte sie neu: Statt eines spannenden Handlungsverlaufs mit Schlusspointe bevorzugte er die slice of life story. Diese stellt einen kurzen, aber entscheidenden Lebensabschnitt szenisch dar und lässt den Charakter der Hauptfigur erkennen, ohne ihn vollständig auszuleuchten. Daneben blieben sorgfältig konstruierte Plotgeschichten mit Überraschungsschluss bestehen. Zugleich gewann die Symbolik erneut als Strukturprinzip an Bedeutung.
Im deutschsprachigen Raum wurde die Kurzgeschichte um 1900 aufgegriffen. Sie musste sich zunächst gegen etablierte Kurzformen wie Novelle, Anekdote und Kalendergeschichte durchsetzen und wurde später auch von expressionistischen Autoren wie Alfred Döblin und Robert Musil verwendet.
Die deutsche Kurzgeschichte nach 1945
Die deutsche Kurzgeschichte gilt vor allem als Produkt der Kahlschlag- oder Trümmerliteratur nach 1945. Deren Autoren wollten nach der Zeit des Nationalsozialismus einen literarischen Neubeginn beziehungsweise eine „Stunde Null“, wie Alfred Andersch es nannte. Sie orientierten sich an amerikanischen Vorbildern, besonders an Ernest Hemingway. Kurze Texte in einfacher, sachlicher Sprache sollten sich zugleich von der umfangreichen, pathetischen und ideologisch aufgeladenen Literatur unter dem Nationalsozialismus absetzen. Dieser Stil entsprach auch dem Programm der Gruppe 47.
Bis in die 1950er Jahre beschäftigten sich zahlreiche Kurzgeschichten kritisch mit der Nachkriegszeit. Wolfgang Borchert schrieb über Kriegsheimkehrer, die Armut Ende der 1940er Jahre und die Schwierigkeiten ehemaliger Soldaten, sich im Frieden zurechtzufinden. Das Brot behandelt beispielsweise die damalige Armut; Nachts schlafen die Ratten doch verbindet die Ablehnung des Krieges mit der Suche nach „Menschlichkeit in den Ruinen“.
Andere Geschichten rückten weniger die große Politik als alltägliche menschliche Konflikte in den Mittelpunkt. Dazu gehören Kommunikationsmangel, Statusdenken, Denunziantentum und fehlendes Verständnis zwischen den Generationen. Beispiele sind Ilse Aichingers Das Fenster-Theater, Peter Bichsels Die Tochter und Walter Helmut Fritz’ Augenblicke.
Ab Mitte der 1960er Jahre verlor die Kurzgeschichte einen Teil ihrer Bedeutung. Mit dem Wirtschaftswunder und den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen verschwanden wichtige Themen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Nach Ruth J. Kilchenmann ist die Form ihrem Wesen nach „aggressiv, provozierend, antibürgerlich, erregend“ und passte daher immer weniger zur bürgerlichen Gesellschaft. Etablierte Nachkriegsautoren und jüngere Schriftsteller wandten sich anderen Formen zu. Eine weitere Reduktion und Komprimierung führte zur Kürzestgeschichte, die unter anderem mit Peter Bichsel, Kurt Marti, Helga M. Novak, Thomas Bernhard und Ror Wolf verbunden ist.
Neuere Bedeutung
Neue Aufmerksamkeit erhielt die Gattung durch den Literaturnobelpreis 2013 für Alice Munro, deren Werk ausschließlich aus Kurzgeschichten besteht. Zusätzlich erlebt die Kurzgeschichte im Internet durch zahlreiche Veröffentlichungsportale ein Revival.
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