Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Draußen vor der Tür

Draußen vor der Tür ist ein Drama des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert, das er innerhalb von acht Tagen niederschrieb.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundkonflikt
  2. 2. Handlung
  3. 3. Aufbau, Figuren und Sprache
  4. 4. Deutungsansätze
  5. 5. Zeitbezug und Entstehung
  6. 6. Wirkung und Bearbeitungen

Werk und Grundkonflikt

Draußen vor der Tür ist ein Drama von Wolfgang Borchert, entstanden vermutlich im Spätherbst 1946 oder Januar 1947 innerhalb von knapp acht Tagen. Es wurde am 13. Februar 1947 zuerst als Hörspiel des Nordwestdeutschen Rundfunks ausgestrahlt und am 21. November 1947 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Borchert starb einen Tag zuvor im Alter von 26 Jahren. Das Stück, untertitelt „Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“, gilt als eines der wichtigsten deutschen Nachkriegsdramen.

Im Mittelpunkt steht Beckmann, ein ehemaliger Wehrmachtssoldat. Nach dem Krieg gegen die Sowjetunion und drei Jahren Kriegsgefangenschaft in Sibirien kehrt er körperlich verletzt, hungrig und frierend nach Hamburg zurück. Er humpelt, weil ihm nur noch eine Kniescheibe geblieben ist, und trägt einen alten Soldatenmantel sowie eine mit Bändern befestigte Gasmaskenbrille. Seine Kriegserfahrungen und Schuldgefühle verhindern die Rückkehr in das zivile Leben. Während seine Umwelt die Vergangenheit verdrängt, sucht Beckmann Verantwortung, Mitgefühl und Antworten auf Fragen nach Schuld, Gott, Tod und dem Sinn des Lebens. Er bleibt ausgeschlossen und erhält keine Antwort.

Handlung

Das Stück spielt an einem einzigen Abend, drei Jahre nach der Schlacht von Stalingrad, in Hamburg: an den St.-Pauli-Landungsbrücken, an der Elbe und in Blankenese. Im Vorspiel springen oder fällt möglicherweise Beckmann in die Elbe. Der gut gelaunte Beerdigungsunternehmer erweist sich als Tod, dessen Geschäft wegen der vielen Toten floriert. Ein alter Mann ist Gott: Er klagt über seine Kinder, kann ihnen aber nicht helfen; der Tod sei ihr neuer Gott geworden.

Beckmann versucht in der Elbe Suizid. Der Fluss erscheint ihm als alte, resolute Frau und weist ihn zurück: Er solle erst leben, leiden und sich wehren, bevor er sterben dürfe. Am Ufer begleitet ihn der „Andere“, eine optimistische Figur, die ihn zum Weiterleben drängt. Beckmann berichtet, seine Frau habe ihn nach der Rückkehr nur noch „Beckmann“ genannt und lebe mit einem anderen Mann; sein Kind sei tot unter Trümmern, bevor er es sehen konnte.

Ein Mädchen nimmt ihn mit nach Hause, doch ihr seit Stalingrad vermisster, einbeiniger Mann erscheint und verlangt Frau und Jacke zurück. Beckmann war im Krieg sein Unteroffizier und fühlt sich wegen seines Befehls, die Stellung zu halten, für dessen Verstümmelung verantwortlich. Er belastet sich außerdem mit dem Tod von elf Soldaten einer zwanzig Mann starken Aufklärungstruppe. Beim ehemaligen Oberst verlangt Beckmann, ihm diese Verantwortung zurückzugeben. Der Oberst lacht ihn aus, hält den Auftritt für Kabarett und verweigert jede Verantwortung.

Auch ein Kabarettdirektor weist Beckmann ab: Seine sarkastische Bearbeitung des Schlagers Tapfere kleine Soldatenfrau sei zu wahr, zu unerquicklich und zu plakativ. An der Wohnung seiner Eltern erfährt Beckmann von Frau Kramer, dass die Eltern sich vergast hätten. Der Vater sei aktiver Nazi gewesen; nach Verlust von Pension und Wohnung hätten die Eltern sich selbst „entnazifiziert“.

In einem langen Traum ziehen alle Figuren an Beckmann vorbei und reagieren gleichgültig oder abweisend. Das Mädchen möchte mit ihm leben, doch der Einbeinige ist inzwischen in die Elbe gegangen und fordert Beckmann auf, seinen Tod nicht zu vergessen. Beckmann erwacht allein. Er klagt an, dass täglich gemordet werde und Menschen sterben, ruft nach Gott und dem Anderen und endet mit: „Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort??? Gibt denn keiner, keiner Antwort???“.

Aufbau, Figuren und Sprache

Das Drama beginnt ungewöhnlich mit Prolog, Vorspiel und Traum; ein entsprechendes Nachspiel fehlt. Die fünf unterschiedlich langen Szenen bilden ein Stationendrama: Beckmann durchläuft locker gereihte Stationen, und die anderen Figuren sind vor allem wichtig, weil sie seine Entwicklung beeinflussen. Diese offene Form und weitere Merkmale knüpfen an den Expressionismus an: typisierte, oft namenlose Figuren, der Wechsel zwischen Wirklichkeit und Irrealität sowie eine konzentrierte, expressive Sprache.

Beckmann beherrscht das Stück mit mehr als 60 % seines Redeanteils; der Andere spricht nur rund 8 %. Dadurch wirkt das Drama stellenweise wie ein Monodrama, also wie ein Drama, das stark von einer Hauptfigur und ihren Monologen bestimmt wird. Die Gasmaskenbrille ist ein Symbol für Beckmanns vom Krieg geprägten Blick auf die Welt. Zufallende Türen beenden seine Stationen: Immer wieder steht er „draußen vor der Tür“.

Borchert verwendet Alltagssprache und Landserausdrücke wie „pennen“, „ersaufen“ und „saufen“, um Beckmann als gewöhnlichen Menschen zu kennzeichnen. Kennzeichnend sind Stakkato, also kurze abgehackte Sätze, Ellipsen (unvollständige Sätze), Wiederholungen und auffällige Interpunktion. Rhythmus, Alliterationen wie „breit, breiig, bresthaft und blutig“, ungewöhnliche Zusammensetzungen und Neologismen wie „Fischmensch“ verstärken die Sprache. Trotz der tragischen Handlung gibt es groteske, satirische und komische Elemente: der machtlose Gott, der überfressene Tod, der Oberst und der Kabarettdirektor zeigen Gesellschaft, Militär und Religion in verzerrter Form. Das Stück wird daher auch als Tragikomödie beschrieben.

Deutungsansätze

Die Handlung verbindet Wirklichkeit, Allegorie und Traum. Hamburg, die Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft und Beckmanns körperliche Not verankern das Stück in der Nachkriegswirklichkeit. Zugleich stehen Figuren wie Gott, Tod und die Elbe allegorisch für überpersönliche Vorstellungen. Auch Beckmann ist ausdrücklich „einer von denen“ und damit nicht nur ein Einzelner, sondern ein Typus. Der Einbeinige verkörpert für ihn Vergangenheit und Verantwortung. Der Andere wird unterschiedlich gedeutet: nicht nur als Teil von Beckmann, sondern als lebensbejahende, Probleme verdrängende Haltung der Mitmenschen.

Der zweite Traum in der 5. Szene bündelt die Ebenen. Nach einer Deutung erkennt Beckmann durch den Suizid des Einbeinigen die Sinnlosigkeit des eigenen Todes und vollzieht einen ersten Schritt vom Todes- zum Lebenswillen. Das Ende bleibt offen: Beckmann ist auf sich selbst zurückgeworfen.

Zeitgenössisch wurde das Werk häufig als „Schrei“ oder „Aufschrei“ einer jungen Kriegsgeneration verstanden. Andere betonen, Borchert habe das Stück bewusst gestaltet und das Motiv des Aufschreis selbst kritisch vorgeführt. Beckmann erscheint als vereinsamter, von Gott und Gesellschaft ausgestoßener Antiheld; die Figuren spiegeln häufig seine innere Lage. Eine kritische Lesart von Jan Philipp Reemtsma hebt hervor, dass Beckmann seine Kriegsschuld abgeben wolle und sich vor allem als Opfer darstelle. Das Drama konzentriere sich auf deutsche Opfer und bleibe beim Holocaust sowie bei der Verantwortung für Nationalsozialismus und Krieg unzureichend beziehungsweise ausweichend.

Spätere Deutungen beziehen Existenzialismus und Psychoanalyse ein. Im Vergleich mit Jean-Paul Sartres Geschlossene Gesellschaft geht es um Entfremdung und die Suche nach einer „authentischen Existenz“, also einem eigenen, nicht bloß angepassten Sein. Psychoanalytische Ansätze lesen die Elbe als mütterliches Element und ihre Zurückweisung des Suizids als zweite Geburt. Diese symbolischen Deutungen sind jedoch umstritten.

Zeitbezug und Entstehung

Das Werk entstand in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die oft als „Stunde Null“ der deutschen Literatur bezeichnet wurde. Kahlschlags- oder Trümmerliteratur suchte nach neuen, einfachen Ausdrucksformen für Zerstörung, Krieg und Zusammenbruch. Heimkehrer, Kriegsgefangene und ihre Schwierigkeiten waren zentrale Themen des Alltags und der Kunst. Draußen vor der Tür kritisiert die Nachkriegsgesellschaft dabei schärfer als viele andere Heimkehrer-Stücke.

Borchert schrieb nach einer schweren Lebererkrankung, die mit Krieg und zwei Inhaftierungen wegen so genannter Wehrkraftzersetzung verbunden war, verstärkt Literatur. Sein ursprünglicher Titel lautete Ein Mann kommt nach Deutschland; Ernst Schnabel änderte ihn für die Hörspielfassung in Draußen vor der Tür. Das ursprüngliche Motto „Eine Injektion Nihilismus bewirkt oft, daß man aus lauter Angst wieder Mut zum Leben bekommt.“ wurde später nicht gedruckt.

Das Hörspiel wurde am 2. Februar 1947 unter Ludwig Cremer aufgenommen; Hans Quest sprach Beckmann. Es dauerte 79 Minuten 15 Sekunden. Es gibt drei Fassungen: Borcherts verlorene Urfassung, die Hörspielfassung und die Buch- und Bühnenfassung des Rowohlt Verlags. Besonders die Hörspielfassung kürzte die Kramer-Szene: Hinweise auf Drittes Reich, Judenverfolgung und die Schuld von Beckmanns Vater fehlen dort. Die Buch- und Bühnenfassung erschien im Juli 1947 als Bühnenmanuskript, im Mai 1948 dann für den Buchhandel.

Wirkung und Bearbeitungen

Die Hörspiel-Erstausstrahlung wurde sofort ein großer Erfolg und brachte Borchert den künstlerischen Durchbruch. Von 150 erhaltenen Hörerbriefen reagierte ungefähr die Hälfte begeistert, die andere Hälfte heftig ablehnend. Zustimmung bezog sich besonders auf die als wahr empfundene Darstellung von Leid; Gegner warfen dem Stück „Blasphemie“ und „Zersetzung“ vor. Auch die Bühnenpremiere am 21. November 1947 erschütterte das Publikum. Bis Ende 1948 entstanden 36 Inszenierungen.

Mit größerem zeitlichem Abstand wurden Sentimentalität, Pathos, Monotonie und dramaturgische Schwächen stärker kritisiert. Dennoch blieb das Drama präsent und wurde oft als Antikriegsstück gelesen. Inszenierungen verbanden seinen Antimilitarismus etwa mit Protesten gegen die Bundeswehr oder den NATO-Doppelbeschluss; soziale Isolation wurde auf unterschiedliche ausgegrenzte Gruppen übertragen. Seit 1947 gab es über 250 Inszenierungen in Bundesrepublik und DDR, von 1989 bis 1999 weitere 27 Neuinszenierungen in Deutschland. Das Stück wurde in 40 Sprachen übersetzt. Ende 1995 lag die Auflage von Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen als Taschenbuch bei über 2,25 Millionen.

Zu den Adaptionen gehören der Film Liebe 47 von 1949 unter Wolfgang Liebeneiner, Fernsehfassungen von 1957 und 1960 sowie mehrere Hörspielproduktionen. 1978 wurde Sándor Balassas Oper Az ajtón kívül in Budapest uraufgeführt, 1994 Xaver Paul Thomas Kammeroper Draußen vor der Tür in Hannover. Außerdem entstanden ein Ballett von Ulrich Schultheiss und 2018 eine Graphic Novel von Jakob Hinrichs.

Weiterlesen

Drama Ein Drama ist in der Regel ein literarisches Werk, das dafür konzipiert ist, im Theater aufgeführt zu werden. Ein Dramatext realisiert sich nur durch die … Wolfgang Borchert Mit seinem Heimkehrerdrama Draußen vor der Tür konnten sich in der Nachkriegszeit weite Teile des deutschen Publikums identifizieren. Kurzgeschichten wie Das … Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. Nachkriegszeit in Deutschland Als Nachkriegszeit bezeichnet man in Deutschland die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. In Deutschland und Österreich war sie … Nachkriegsliteratur Mit Nachkriegsliteratur bezeichnet man die nach dem Zweiten Weltkrieg und unter dem Eindruck des Krieges und des Nationalsozialismus entstandene Literatur. Deutsch-Sowjetischer Krieg Dieser Artikel behandelt den Deutsch-Sowjetischen Krieg. Den Kriegsplan selbst behandelt Unternehmen Barbarossa. Bedeutende Militäroperationen während des … Sinn des Lebens Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat die Einordnung der Existenz in einem größeren Kontext des Lebens bzw. Universums zum Thema. Epoche (Literatur) Aufklärung bezieht sich auf eine geistesgeschichtliche, vor allem philosophisch geprägte Entwicklung. ... Einigungskriege (insbesondere Deutsch … Expressionismus (Literatur) Als Begriff wurde der Expressionismus 1911 von Kurt Hiller geprägt, der damit die Epoche von etwa 1905 bis etwa 1925 beschreibt, obwohl auch nach dem Zweiten … Monolog Der Ausdruck Monolog bezeichnet auch eine Rede, die so formuliert ist, als sei sie nicht an einen Zuhörer oder Gesprächspartner gerichtet. Oftmals wird damit … Kleinbürger Kleinbürger hießen ursprünglich jene Angehörigen des Bürgertums, die dessen unterster Schicht angehörten, wie Handwerker, kleine Kaufleute, Volksschullehrer … Personifikation Die Personifikation, Personifizierung oder fictio personae ist je nach Kontext entweder eine rhetorische Figur, die Tieren, Pflanzen, Gegenständen, …