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Wolfgang Borchert, Trümmerliteratur, Nachkriegsliteratur - Deutschsprachige Autoren

MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule8:18 597 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 58 Zeilen
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  1. Hallo und herzlich willkommen. Schön, dass ihr dabei seid. Heute nehmen wir uns jemanden vor, dessen Texte auch Jahrzehnte später noch eine unglaubliche
  2. Wucht haben. Wolfgang Borchert. Wir schauen uns an, warum er als die Stimme der deutschen Nachkriegszeit gilt und was seine Werke uns eigentlich über eine
  3. Gesellschaft erzählen, die, na ja, die komplett am Boden lag. Lasst uns da mal eintauchen. Eine Tür schlägt zu und ich bin draußen. Puh. Dieser eine Satz, der
  4. ist nicht einfach nur eine Zeile aus einem Theaterstück. Nein, das ist im Grunde das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf den Punkt gebracht.
  5. Dieses Gefühl nirgendwo mehr dazu zu gehören, vor verschlossenen Türen zu stehen. Und genau das dieses draußen sein, das wird der rote Faden für uns
  6. sein, um Borchd wirklich zu verstehen. So, um Borchd wirklich greifen zu können, müssen wir erstmal einen Schritt zurückmachen. Wir müssen uns die Welt
  7. ansehen, in der er gelebt und geschrieben hat. Und das war ganz wortlich eine Welt in Trümmern. Nicht nur die Häuser, auch die Seelen. Stellt
  8. euch das mal vor. Da war zuerst dieser ganz brutale alltägliche Mangel. Es ging nicht um Luxus, es ging ums nackte Überleben. Kein Essen, keine Heizung im
  9. eiskalten Winter, kaum was zum Anziehen. Dieser ständige Kampf hat natürlich alles geprägt. Jede Beziehung, jede kleine Entscheidung im Alltag. Und dann
  10. war da noch was, das vielleicht noch schwerer wog als der Hunger. Die Schuld, eine riesige drückende Last, über die aber kaum jemand sprach. Ein ganzes
  11. Land, das irgendwie mit der Frage klar kommommen musste, was war meine Rolle in alldem? Und die Antwort für die allermeisten war: Schweigen, verdrängen.
  12. Und dieses Schweigen führte direkt in einer Art Sprachlosigkeit. Denk mal drüber nach. Die Sprache, die die Menschen kannten, die Sprache der großen
  13. Reden, des Pathos, die war ja komplett vergiftet durch die Nazis. Die konnte man nicht mehr benutzen. Aber wie ja, wie soll man denn über das Unfassbare,
  14. über den Krieg, über den Holocaust sprechen? Wenn einem die Worte fehlen. Tja, das Ergebnis war oft einfach Stille. Genau in dieser Situation taucht
  15. dann dieser Begriff auf, die Stunde null. Und der ist super interessant, weil er so eine doppelte Bedeutung hat. Auf der einen Seite beschreibt er
  16. natürlich die Realität. Alles war kaputt. Ein totaler Zusammenbruch, aber und das ist der Knackpunkt, es war auch ein ziemlich praktischer Mythos. So nach
  17. dem Motto alles auf null, wir fangen komplett neu an. Das macht es natürlich einfacher, die ganze Verantwortung für die Vergangenheit einfach, na ja, unter
  18. den Teppich zu kehren. Und aus genau diesen Trümmern, aus diesem Schweigen und dieser Schuld wächst etwas Neues, eine Literatur, die man dann auch
  19. Trümmerliteratur nennt. Das war der Versuch von Autoren, eine komplett neue Sprache zu finden. Eine Sprache, die Karl war, ehrlich, ungeschminkt. Eine
  20. Sprache, die es aushalten konnte, über all das zu schreiben. So und damit sind wir bei unserem Mann Wolfgang Borch. Er ist ohne Zweifel die Ikone, die
  21. berühmteste Stimme dieser ganzen Bewegung. Aber und die Frage müssen wir uns stellen, war er wirklich die Stimme einer ganzen Generation oder vielleicht
  22. doch nur eine von vielen? Das ist echt wichtig, um ihn fair einzuordnen. Schaut euch das mal an. In Hamburg geboren, dann zur Wehrmacht eingezogen und dann
  23. das hier. 1946 schreibt er draußen vor der Tür in einer einzigen Woche. Nur eine Woche, das muss man sich mal vorstellen. Sein Schreiben
  24. war keine Hobby, das war kein intellektuelles Spiel, das war pure Notwendigkeit. Er schrieb gegen die Zeit, gegen die Krankheit, gegen den
  25. Tod. Und hier kommen wir zu einem ganz wichtigen Punkt. Klar, Borchits Perspektive ist unglaublich stark. Diese Sicht des Soldaten, der nach Hause kommt
  26. und sein Zuhause nicht mehr findet, die haut rein. Aber wenn wir sagen, er ist die Stimme der Generation, dann ist das problematisch, denn das würde ja
  27. bedeuten, dass wir ganz viele andere Stimmen überhören. Was war mit den Frauen in den Trümmern? Was mit den Überlebenden der Konzentrationslager?
  28. Borchit gibt uns also ein extrem wichtiges Puzzleteil, aber eben nicht das ganze Bild. Okay, aber wie hat er das gemacht? Was macht seine Texte so
  29. besonders so eindringlich? Die Antwort liegt ganz klar in seiner Sprache. Man kann wirklich sagen, er hat eine Sprache für eine Welt geschmiedet, für die es
  30. eigentlich keine Worte mehr gab. Das hier zeigt den Unterschied perfekt. Auf der einen Seite haben wir die alte Sprache, der niemand mehr getraut hat,
  31. so aufgedonnert, voller Pathos, immer mit langen Erklärungen und auf der anderen Seite Borchs radikaler Cut. Alles runterbrechen auf das Wesentliche.
  32. Kurze Sätze, Wiederholungen, die sich wie Hammerschläge anfühlen und ganz wichtig, das Schweigen. Das, was nicht gesagt wird, ist oft das Wichtigste.
  33. Schauen wir uns sein Handwerkszeug mal genauer an. Da ist zum einen die Parataxe. Klingt kompliziert, meint aber nur kurze aneinander gereite Hauptsätze.
  34. Das erzeugt so einen gehetzten atemlosen Rhythmus. Dann die Wiederholungen. Wenn jemand ständig das Gleiche sagt, zeigt das eine Besessenheit, ein Trauma. Und
  35. dann macht er was geniales. Er nimmt ganz alltägliche Dinge, ein Stück Brot, einen alten Mantel und lädt sie mit einer unglaublichen moralischen
  36. Bedeutung auf und schließlich die Lehrerstellen. Er lässt bewusst Dinge offen und zwingt uns damit, selbst nachzudenken und die Lücken zu füllen.
  37. Ziemlich clever. Okay, genug Theorie. Lasst uns mal schauen, wie das in der Praxis aussieht. Und wo ginge das besser als bei seinem berühmtesten Stück
  38. überhaupt draußen vor der Tür? die Geschichte von Beckmann, dem Soldaten, der nach Hause kommt, nur um festzustellen, dass es für ihn kein
  39. Zuhause mehr gibt. Beckmanns Weg ist wie ein Spießrutenlauf. Jede Person, die er trifft, ist im Grunde eine weitere zugeschlagene Tür. Da ist der Oberst,
  40. sein Vorgesetzter, der von Verantwortung nichts wissen will. Dann der Kabarettdirektor, dem Bäckmanns Geschichte zu düster, zu echt ist. Und
  41. so geht das immer weiter. Was die alle wollen, Normalität, weitermachen, vergessen. Und Beckmann, der stört da nur. Er ist die wandelnde Erinnerung an
  42. das, was alle verdrängen wollen und deshalb muss er draußen bleiben. Das wirklich faszinierende bei Borchd ist, wie er diese riesigen abstrakten Themen
  43. Schuld, Wahrheit überleben, in ganz kleine alltägliche Szenen packt. Nehmen wir das Brot, da geht es um eine einzige Scheibe Brot, die nachts heimlich
  44. gegessen wird und daraus entwickelt sich ein ganzes Drama über Hunger, Scham und Liebe in der Not. oder nachts schlafen die Ratten doch. Eine kleine tröstende
  45. Lüge, die einem Jungen das Leben rettet, der bei den Ruinen seines Elternhauses wacht. Das ist absolut meisterhaft. Und das bringt uns jetzt zur finalen Frage,
  46. zur großen Frage eigentlich, warum lesen wir das heute noch? Warum ist Beuchert nicht einfach nur ein Fall fürs Literaturarchiv?
  47. Was hat er uns heute noch zu sagen? Na ja, in der Schule kommt man an ihm ja kaum vorbei und da zeigt sich so ein bisschen die Zwickmühle. Auf der einen
  48. Seite ist Borchd eine riesige Chance. Seine Texte können Empathie wecken. Sie machen Geschichte spürbar, aber es gibt eben auch Risiken, wenn man ihn einfach
  49. nur so hinnimmt, ohne zu hinterragen. Die Chance ist klar, Geschichte wird plötzlich persönlich greifbar. Man fühlt mit. Das Risiko, dass man ihn auf ein
  50. Klischee reduziert. Ach ja, Beuchert, der typische Trümmerautor. Aber das wirklich heikle ist etwas anderes. Wenn man sich nur auf das Leid der deutschen
  51. Soldaten wie Beckmann konzentriert, läuft man Gefahr, das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Den Kontext der Täter, das Unvorstellbare Leid der Opfer
  52. des Nationalsozialismus. Deshalb ist es so wichtig, Beuchert, immer im historischen Gesamtbild zu sehen und nicht isoliert. Und damit
  53. kommen wir zum Kern der Sache. Das ist das, was ihr mitnehmen solltet. Bchers Texte sind nicht einfach nur berichte darüber, wie schlimm alles war. Nein,
  54. sie sind viel mehr. Sie sind eine brillante zeitlose Analyse darüber, wie Menschen, wie ganze Gesellschaften nach einer Katastrophe reagieren. Sie zeigen
  55. uns die Mechanismen des Verdrängens, des Wegschauens, der Ausgrenzung von allem, was stört. Und so möchte ich am Ende die Frage, die Borch damals gestellt hat,
  56. direkt an euch weitergeben, denn sie ist heute vielleicht aktueller als je zuvor. Er hat gefragt: "Wer ist der, der draußen vor der Tür steht?" Seine
  57. Antwort damals war klar, der Heimkehrer Beckmann. Aber wenn wir uns heute umschauen, wer sind die Menschen, die unsere Gesellschaft vor der Tür stehen
  58. lässt?

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