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Trümmerliteratur
Die Trümmerliteratur (auch Literatur der Stunde Null, Kriegs- oder Heimkehrerliteratur) ist eine deutsche Literaturepoche. Sie entstand in Deutschland …
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Begriff und Bedeutung
Die Trümmerliteratur ist eine kurze deutsche Literaturepoche unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie wird auch als Literatur der Stunde Null, Kriegs- oder Heimkehrerliteratur bezeichnet. Ihre Texte behandeln Krieg, Heimkehr, Zerstörung und das schwierige Leben in der Nachkriegszeit. Zugleich versuchen sie, nach dem ideologischen Missbrauch der Sprache im Nationalsozialismus einen sprachlichen und literarischen Neuanfang zu schaffen.
Die Epoche dauerte nur wenige Jahre. Anfang der 1950er Jahre trat sie gegenüber komplexeren und experimentelleren Literaturformen zurück, die an die literarische Moderne anknüpften. Sie prägte jedoch die Anfangszeit der Gruppe 47 und beeinflusste die weitere deutsche Nachkriegsliteratur. Eng mit ihr verbunden ist die Kahlschlagliteratur.
Historischer Zusammenhang
Viele Autoren waren junge Männer, die als Soldaten am Krieg teilgenommen hatten und anschließend aus Kriegsgefangenenlagern in die zerstörte Heimat zurückkehrten. Erste Texte erschienen deshalb auch in Zeitschriften der Gefangenenlager, beispielsweise in „Der Ruf“. Die meisten Vertreter standen noch am Anfang ihres literarischen Schaffens. Sie wollten weder die nationalsozialistische Literatur noch die Literatur der Inneren Emigration oder die Exilliteratur unmittelbar fortsetzen.
Wichtige ausländische Vorbilder waren amerikanische Short Stories mit ihrem knappen und einfachen Stil, besonders Werke von Ernest Hemingway, John Steinbeck und William Faulkner. Einflüsse kamen außerdem aus dem Existentialismus und der Résistance, unter anderem von Jean Anouilh, Jean-Paul Sartre und Albert Camus sowie von Elio Vittorini und Ignazio Silone. Auch die deutschen Emigranten Arthur Koestler und Gustav Regler dienten als Bezugspunkte. Nach dem Ende des Dritten Reiches waren diese Autoren wieder zugänglich; manche ihrer Werke wurden von den Siegermächten bewusst verbreitet.
Das Ende der Epoche hing mit dem zunehmenden Wohlstand, dem Wiederaufbau der Städte und dem Verblassen der unmittelbaren Kriegserfahrung zusammen. Hinzu kamen restaurative literarische Normen, die langsame Entwicklung der neuen Literatur, formale Unsicherheiten mancher Autoren und deren spätere Distanzierung von frühen Trümmerwerken. Einige Vertreter wirkten dennoch weiter, etwa in der Gruppe 47 oder in der DDR-Literatur.
Sprache und Darstellungsweise
Die Trümmerliteratur wollte sich formal und inhaltlich deutlich von früheren Strömungen absetzen. Weil die Sprache als Träger nationalsozialistischer Ideologie galt, sollte sie durch einen Reinigungsprozess neu aufgebaut werden. Abgelehnt wurde die „Kalligrafie“, also eine als bloße Schönschreiberei verstandene, kunstvoll ausgeschmückte Sprache. Auch pathetischer Gefühlsausdruck, Propaganda, Agitationsliteratur und stilistischer Eskapismus waren verpönt.
Die Texte sollten realistisch, unpsychologisch und wahrhaftig sein. Dieses Wahrheitspostulat verlangte, die vorhandene Wirklichkeit und das Geschehene möglichst genau zu erfassen. Gefordert wurde zugleich ein magischer Realismus, der hinter der sichtbaren Wirklichkeit auch die Irrealität wahrnimmt. Autoren sollten sich mit Literatur und Realität auseinandersetzen und den gesellschaftlich abgeschlossenen „Elfenbeinturm“ verlassen.
Kennzeichnend waren eine lakonische, also knappe und nüchterne Sprache, Wiederholungen sowie eine episodenhafte Begrenzung von Raum, Erzählzeit und Figuren. Die zerstörte und kahle Welt wurde beschrieben, aber möglichst nicht bewertet. Teilweise griffen die Autoren dennoch auf ältere Strömungen wie Romantik, Expressionismus und Neue Sachlichkeit zurück. Auch traditionelle Gedichtformen wie das Sonett kamen in der Trümmerlyrik weiterhin vor.
Zentrale Themen
Im Mittelpunkt standen karge, direkte Beobachtungen des notvollen Alltags in Ruinenstädten und Flüchtlingslagern. Die Texte zeigten isolierte und orientierungslose Menschen, die nicht nur Heimat und Besitz verloren hatten, sondern auch vor den Trümmern ihrer bisherigen Wertvorstellungen standen.
Besonders wichtig war die Heimkehrer-Thematik: Menschen kehrten aus dem Krieg oder aus Gefangenenlagern zurück und fanden in der veränderten Gesellschaft keinen Platz mehr. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die Fragen nach persönlicher Schuld und Kollektivschuld an Krieg und Holocaust. Für viele Autoren war dies zugleich eine Prüfung der eigenen Rolle, da sie selbst als Soldaten am Krieg teilgenommen hatten. Die Werke kritisierten außerdem die politische und gesellschaftliche Restauration Deutschlands.
Als literarische Feindbilder galten unter anderem Propaganda und Agitationsliteratur, der unkritische Rückgriff auf Literaturklassiker oder die Antike, pathetische und überschwängliche Ausdrucksweisen sowie der ältere Rationalismus des 19. Jahrhunderts mit seiner rein rationalen Beschreibung.
Kahlschlagliteratur
Die Kahlschlagliteratur war eine thematisch ähnliche Nebenströmung. Sie schilderte das unmittelbare Erleben von Krieg und Nachkriegszeit aus der Perspektive der „kleinen Leute“. Wolfgang Weyrauch beschrieb ihr Programm besonders im Nachwort zu seiner Kurzgeschichtenanthologie „Tausend Gramm“.
Die Bezeichnung „Kahlschlag“ verweist auf die sprachliche Verknappung: Wenige Umschreibungen und Attribute sollten die durch die nationalsozialistische Ideologie missbrauchte Sprache reinigen. Die Literatur sollte bei der Bewältigung der Vergangenheit und beim Aufbau der Zukunft helfen. Inhaltlich untersuchte sie die Not in den Ruinenstädten, den Verlust von Heimat, Besitz und Wertvorstellungen sowie die Schuld an Krieg und Holocaust. Wie die Trümmerliteratur kritisierte sie die politische und gesellschaftliche Restauration und betonte den magischen Realismus.
Vertreter, Werke und Film
Zu den wichtigsten Vertretern zählen Alfred Andersch, Heinrich Böll, Wolfgang Borchert, Günter Eich, Hans Werner Richter und Wolfgang Weyrauch. Die Einordnung einzelner Schriftsteller ist jedoch nicht immer eindeutig, weil häufig nur ein kleiner Teil ihres Gesamtwerks in die kurze Epoche fällt.
Typische Werke sind Wolfgang Borcherts Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ sowie seine Kurzgeschichten „Das Brot“, „Die Küchenuhr“ und „Nachts schlafen die Ratten doch“. Heinrich Böll behandelte die Kriegs- und Nachkriegserfahrung unter anderem in „Der Zug war pünktlich“, „Wo warst du, Adam?“ und „Wanderer, kommst du nach Spa …“. Weitere Beispiele sind Günter Eichs Gedichte „Inventur“ und „Latrine“, Wolfdietrich Schnurres „Das Begräbnis“, Hans Werner Richters „Deine Söhne Europa“ und Wolfgang Weyrauchs „Tausend Gramm“. Auch Werke von Paul Celan, Nelly Sachs, Arno Schmidt, Wolfgang Koeppen und anderen werden der Strömung zugerechnet.
Parallel entstanden in den späten 1940er Jahren die Trümmerfilme. Einige beruhten auf literarischen Vorlagen; „Liebe 47“ ist beispielsweise eine Verfilmung von Borcherts Hörspiel „Draußen vor der Tür“. Heinrich Böll fasste die gemeinsamen Gegenstände der jungen Literatur als Krieg, Heimkehr und die bei der Rückkehr vorgefundenen Trümmer zusammen. In seinem „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“ verteidigte er diese Bezeichnungen durch den Vergleich mit Homer, dessen Werke ebenfalls von Krieg, der Zerstörung Trojas und der Heimkehr des Odysseus erzählen.
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