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Nachts schlafen die Ratten doch

Der Text gilt als bekanntes Beispiel der Trümmerliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg und war als Schullektüre in den Lehrplänen vieler Bundesländer verankert.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Handlung
  2. 2. Aufbau, Erzählweise und Sprache
  3. 3. Grundstruktur und dynamische Entwicklung
  4. 4. Der alte Mann und die Lehrer
  5. 5. Entstehung, Einordnung und Wirkung

Gegenstand und Handlung

„Nachts schlafen die Ratten doch“ ist eine Kurzgeschichte des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert. Sie entstand im Januar 1947 und erschien im November desselben Jahres in der Prosasammlung „An diesem Dienstag“. Der Text gilt als bekanntes Beispiel der deutschen Trümmerliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Handlung spielt in der Trümmerwüste einer durch einen Bombenangriff zerstörten deutschen Stadt. Der neunjährige Jürgen bewacht eine Ruine, unter der die Leiche seines beim Bombenangriff getöteten vierjährigen Bruders liegt. Er glaubt, den Toten vor Ratten schützen zu müssen, und hält deshalb Tag und Nacht Wache.

Ein älterer Mann kommt vorbei und versucht, das Misstrauen des Jungen zu überwinden. Mit dem Kaninchenfutter in seinem Korb weckt er Jürgens Interesse und lädt ihn ein, seine Kaninchen anzusehen. Jürgen lehnt zunächst ab, weil er seine Wache nicht verlassen darf. Erst als der Mann gehen will, erzählt der Junge den Grund für sein Verhalten: Sein Lehrer habe ihm beigebracht, dass Ratten die Toten fräßen.

Der Mann behauptet daraufhin, Ratten schliefen nachts. Diese Aussage ist sachlich falsch, denn Ratten sind dämmerungs- und nachtaktiv. Als therapeutische Notlüge ermöglicht sie Jürgen jedoch, seine Wache nach Sonnenuntergang auszusetzen. Der übermüdete Junge beginnt, wieder an ein normales Leben zu denken. Der Mann verspricht, ihn nach Einbruch der Dunkelheit abzuholen, ihm ein weißes Kaninchen zu schenken und ihn zu seinen Eltern nach Hause zu begleiten.

Aufbau, Erzählweise und Sprache

Die Kurzgeschichte zeigt exemplarisch das Leiden der Kriegsopfer. Die politisch-historischen Bedingungen des Krieges werden nur angedeutet; Zeit und Ort der Handlung bleiben unbestimmt. Die Figuren werden nicht ausführlich charakterisiert und erscheinen zunächst als Typen, nämlich „der Junge“ und „der Mann“. Nur der Junge erhält im Verlauf der Erzählung den Namen Jürgen.

Die Geschichte besitzt einen offenen Anfang und einen offenen Schluss. Sie wird in der Er-Form erzählt, nimmt aber überwiegend die Perspektive des Jungen ein. Der Altersunterschied zwischen den Figuren wird zusätzlich durch ihre räumliche Stellung sichtbar: Der Mann steht, während das Kind sitzt.

Das zentrale Geschehen ist als Dialog gestaltet. Ein ausführlich beschreibender oder kommentierender Erzähler tritt in den Hintergrund. Dadurch wirkt die Begegnung wie eine dramatische Theaterszene. Diese Form steht auch mit Borcherts Tätigkeit als Schauspieler und Theaterregisseur in Verbindung.

Sprachlich ist der Text durch die knappe, stakkatoartige „Kahlschlag-Prosa“ geprägt. Vorherrschend ist Alltagssprache; der Mann passt seinen Sprachgebrauch dem Jungen an. In den erzählenden Passagen steht meist das Präteritum, im Dialog das Präsens. Wiederholungen, Farbsymbolik, Metaphern und Vergleiche sind wichtige Stilmittel. Die Trümmer werden durch Verben wie „gähnte“ und „döste“ personifiziert. Gefühle werden indirekt durch Gegenstände und Bewegungen ausgedrückt, etwa durch die unruhigen Beine oder den schwenkenden Korb. Die knappen Dialoge zeigen Jürgens innere Veränderung, ohne sie psychologisch ausführlich zu erklären.

Grundstruktur und dynamische Entwicklung

Die Erzählung folgt einer für Borcherts Geschichten typischen Grundstruktur. Die Figuren gelangen aus einem Zustand scheinbarer oder vergangener Geborgenheit über eine Phase historischer Ausstoßung und Isolation in einen neuen Zustand von Geborgenheit oder Schein-Geborgenheit. Für Jürgen liegt das frühere heile Familienleben bereits in der Vergangenheit. Durch die Kriegserfahrung ist er aus der Kindheit herausgerissen und übernimmt als Neunjähriger eine Aufgabe, die ihn überfordert. Sein Rauchen unterstreicht, dass er zu früh erwachsen werden musste.

Der ältere Mann wirkt als ambivalente Vermittlungsfigur: Er hilft Jürgen, obwohl er dazu eine Unwahrheit verwendet. Durch seine Worte führt er den Jungen aus der Welt von Trümmern, Tod und Angst zurück in eine Welt des Vertrauens und des Lebens. Am Ende ist Jürgen wieder eine Zukunftsperspektive eröffnet, auch wenn nicht alle Fragen seines weiteren Überlebens geklärt sind.

Diese Veränderung wird durch Gegensätze in Sprache und Bildgestaltung sichtbar. Das anfängliche Bild einer grauen, tristen und toten Trümmerwüste verwandelt sich in ein rötliches, warmes Schlussbild. Die Sonne scheint durch die krummen Beine des Mannes, der dadurch zum Vermittler des Lebens wird. Während am Anfang kurze Sätze und Satzfragmente dominieren, wird Jürgens Sprache gegen Ende direkter und vollständiger. Sein abschließendes lautes Rufen enthält wieder Leben und Hoffnung.

Äußerlich bleibt die Situation weitgehend unverändert: Jürgen steht weiterhin in den Ruinen. Dennoch kommt Bewegung in die anfängliche Starre. Der aufgeregt schwankende Korb symbolisiert die innere Verwandlung. Als neue Farbe erscheint am Ende Grün, „etwas grau vom Schutt“. Sie steht für das trotz Zerstörung und Tod unzerstörbare Leben. Der Titel deutet damit an, dass die zerstörerische Macht des Krieges begrenzt ist und durch einfachen, direkten Humanismus überwunden werden kann.

Der alte Mann und die Lehrer

Der alte Mann durchbricht Jürgens anfängliche Ablehnung und gewinnt sein Vertrauen. Im Gegensatz zum gleichfalls „Alter Mann“ betitelten Gott aus Borcherts Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ bleibt er nicht hilflos, sondern leistet dem Jungen konkrete Hilfe.

Seine Notlüge über die schlafenden Ratten steht im Gegensatz zu der grausamen Schauergeschichte, die Jürgens Lehrer über Ratten und die Toten vermittelt hat. Dieses Wissen verschärft Jürgens traumatische Kriegserfahrung, anstatt ihm bei ihrer Bewältigung zu helfen. Die Geschichte stellt damit auch eine kritische Sicht auf eine Lehrerschaft dar, die Schüler in Kriegsbegeisterung erzog und sie an die Front schickte, ohne sie auf die Schrecken des Krieges vorzubereiten.

Borcherts eigene Abneigung gegen eine solche Lehrerschaft wird in diesem Motiv sichtbar. Der alte Mann verkörpert dagegen praktische Mitmenschlichkeit: Er erkennt Jürgens Bedürfnis nach Schutz, spricht in einer für ihn verständlichen Sprache und eröffnet ihm die Möglichkeit, wieder Kind zu sein.

Entstehung, Einordnung und Wirkung

Die Kurzgeschichte gehört zu den über 50 Prosatexten, die Borchert nach der Fertigstellung seiner ersten Nachkriegsgeschichte „Die Hundeblume“ am 24. Januar 1946 bis zu seinen letzten Texten im September 1947 verfasste. Eine von Borchert angefertigte Abschrift für seinen Vater trägt das Datum 11. Januar 1947. In seiner eigenen Textliste vermerkte Borchert als Entstehungsjahr „47“.

Die Erstausgabe erschien im November 1947 in „An diesem Dienstag. Neunzehn Geschichten“ beim Rowohlt Verlag, S. 69–72. Im selben Monat starb Wolfgang Borchert mit 26 Jahren in Basel an den Folgen seiner Lebererkrankung. 1949 wurde die Geschichte in das Gesamtwerk aufgenommen; 1986 erschien eine Faksimile-Ausgabe des Originalmanuskripts von „Die Hundeblume“ und „Nachts schlafen die Ratten doch“. Eine erweiterte und revidierte Neuausgabe des Gesamtwerks erschien 2007 bei Rowohlt.

Der Text zählt zu den bekanntesten Erzählungen Borcherts, wurde sprachwissenschaftlich untersucht und häufig als Schullektüre eingesetzt. Seine Verständlichkeit hängt auch mit der Perspektive des neunjährigen Jungen zusammen. Im Gesamtwerk Borcherts nimmt die Geschichte eine besondere Stellung ein, weil hier eine Begegnung zwischen zwei durch den Krieg isolierten Menschen gelingt. Anders als in vielen anderen Werken Borcherts entscheiden sich beide Figuren zukunftsorientiert füreinander. Der Schluss bleibt dennoch offen: Die Rückkehr des Mannes wird erwartet, ist aber nicht vollständig gesichert. So verbindet die Erzählung einen deutlichen Hoffnungsschimmer mit der realistischen Möglichkeit eines anderen Ausgangs.

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