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An diesem Dienstag
An diesem Dienstag ist eine Kurzgeschichte des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert. Wie andere Kurzgeschichten Borcherts gilt sie als Klassiker der …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Kerngedanke
„An diesem Dienstag“ ist eine Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert und ein Klassiker der Nachkriegsliteratur, der häufig im Deutschunterricht behandelt wird. Sie zeigt den Zweiten Weltkrieg nicht durch eine fortlaufende Handlung, sondern durch kurze, miteinander verbundene Szenen aus Heimat und Ostfront. Im Mittelpunkt steht das Schicksal des Hauptmanns Hesse. Seine Krankheit und sein Tod werden den scheinbar gewöhnlichen oder unbeschwerten Erlebnissen seiner Angehörigen gegenübergestellt.
Die Geschichte macht so den Kontrast zwischen brutaler Kriegswirklichkeit und banalem Alltag sichtbar. Zugleich kritisiert sie, dass die tatsächlichen Folgen des Krieges, besonders für Kinder, durch militärische und nationalsozialistische Vorstellungen verharmlost oder verdeckt werden.
Handlung an einem Kriegstag
Die Geschichte eröffnet mit den Sätzen: „Die Woche hat einen Dienstag. / Das Jahr ein halbes Hundert. / Der Krieg hat viele Dienstage.“ Danach folgen neun unterschiedlich lange Passagen. Alle spielen an einem Dienstag während des Zweiten Weltkriegs, abwechselnd in der Heimat und an der Ostfront.
In den geraden Episoden steht Hauptmann Hesse, Führer der Zweiten Kompanie, im Mittelpunkt. Der Bataillonskommandeur bestimmt Leutnant Ehlers zum Nachfolger des erkrankten Hesse. Ehlers freut sich, zündet sich eine Zigarette an und wird sofort von einem Scharfschützen erschossen. Hesse selbst wird bewusstlos und mit Verdacht auf Fleckfieber in das Seuchenlazarett Smolensk gebracht. Der Oberfeldarzt und der Chefarzt sprechen dort über die hohe Sterblichkeitsrate. Schließlich wird Hesse tot auf einer Bahre hinausgetragen und zu den anderen Leichen geworfen.
Die Episoden 3, 5 und 7 zeigen Hesses Umfeld in Deutschland. Herr Hansen beauftragt seine Sekretärin Fräulein Severin, Hesse Wilhelm Busch als humorvolle Lektüre an die Front zu senden. Frau Hesse erhält verspätet die Nachricht, ihr Mann sei zum Hauptmann und Kompanieführer befördert worden. Sie ist stolz, während eine Nachbarin wegen der Kälte in Russland besorgt ist. Am Abend besucht Frau Hesse eine Aufführung der „Zauberflöte“.
Die erste und letzte Episode gehören dem Mädchen Ulla. In der Mädchenschule diktiert die Lehrerin: „Im Kriege sind alle Väter Soldat.“ Als Ulla einen Fehler macht, erklärt die Lehrerin: Krieg werde mit „G wie Grube“ geschrieben. Ulla muss am Abend zehnmal den Satz „Im Krieg sind alle Väter Soldat.“ schreiben und beendet ihn mit „G wie Grube“.
Aufbau und Erzählweise
Die drei Anfangszeilen übernehmen die Funktion einer Exposition: Sie erklären den Titel und benennen den Krieg als Hintergrund. Die neun Miniaturszenen werden jeweils anaphorisch, also mit der wiederholten Anfangsformel „An diesem Dienstag“, eingeleitet. Sie bilden die Chronologie eines Tages; die letzten drei Szenen geschehen gleichzeitig.
Ullas erste und letzte Szene rahmen die Erzählung. Die Anlage legt nahe, ohne es ausdrücklich zu sagen, dass Ulla die Tochter der Hesses ist. Die Szenen hängen über Hesse, aber auch über wiederkehrende Motive wie Bücher und Symbole wie die Farbe Rot zusammen. Einen auktorialen, also allwissenden und kommentierenden, Erzähler gibt es nicht. Stattdessen kommentieren sich die Szenen durch ihre Gegenüberstellung selbst.
Walter Höllerer nannte die Geschichte wegen ihrer Montagetechnik eine „Überblendungsgeschichte“, in Anlehnung an den Film. Die Szenen sind jedoch eher hart gegeneinander geschnitten. Weitere Bezeichnungen sind „Simultaneitätsgeschichte“, „Puzzle von Momentaufnahmen“ und „Mosaik“. Aus den Einzelbildern entsteht ein Gesamtbild des Krieges. Der Schlusssatz „Krieg mit G. G wie Grube.“ fasst die Geschichte zusammen und entlarvt die Absurdität des Geschehens.
Sprache und Kritik
Borchert macht Hesses Einzelschicksal beispielhaft für das Kriegsgeschehen insgesamt. Die verschiedenen Perspektiven auf Hesse und sein Umfeld lösen sein Schicksal aus der bloßen Einzelheit. Die drei einleitenden Sätze betonen ebenfalls, dass dieser Dienstag für viele Kriegstage steht.
Die Geschichte kritisiert besonders die Schule als Ort nationalsozialistischer und militaristischer Indoktrination. Die Lehrerin lässt Ulla einen verniedlichenden Satz über den Krieg schreiben und verkennt dessen Realität. Ihre Brille symbolisiert dabei ihre Blindheit. Sie wirkt pedantisch und taktlos, weil „G wie Grube“ an Grab und Tod erinnert. In den folgenden Szenen wird diese Verbindung durch die Toten an der Front bestätigt.
Nach Werner Bellmann steht Borcherts späte Prosa in der Tradition amerikanischer Short Stories und zeigt Einflüsse Ernest Hemingways. Kennzeichnend sind Lakonie, Alltagssprache, Andeutungen, Ellipsen und Understatement. Borchert bezeichnete diesen Stil als „das Knappe, Angedeutete, Telegramm-Filmische“. Kritisch wird angemerkt, dass Borcherts Perspektive auf die deutsche Heimat verengt bleibt und die Folgen des deutschen Angriffskrieges für die sowjetische Bevölkerung ausblendet.
Veröffentlichung
Der zweite Erzählband Borcherts trägt den Titel „An diesem Dienstag. Neunzehn Geschichten“ und erschien im November 1947, kurz nach dem Tod des Autors. Die Erstausgabe erschien bei Rowohlt in Hamburg / Stuttgart; die Kurzgeschichte steht dort auf S. 38–41.
Weitere genannte Ausgaben sind „Das Gesamtwerk“, 3. Auflage, Rowohlt 2009, S. 224–228, sowie „Draußen vor der Tür und andere Werke“, herausgegeben von Axel Dunker, Reclam 2018, S. 92–96.