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Wohlstand
Wohlstand (auch Wohl, Wohlergehen) ist ein positiver Zustand, der individuell unterschiedlich wahrgenommen wird. achten „Wirtschaftsleistung, Lebensqualität …
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Begriff und Messung
Wohlstand, auch Wohl oder Wohlergehen, bezeichnet einen positiven Zustand, der individuell unterschiedlich wahrgenommen wird. Er besteht aus immateriellem und materiellem Wohlstand. Materieller Wohlstand hängt eng mit dem Lebensstandard zusammen und ist leichter zu messen. Umgangssprachlich meint Wohlstand oft, dass jemand mehr Geld als „normal“ zur Verfügung hat oder dass es ihm materiell an nichts fehlt.
In Politik und Wirtschaft wird Wohlstand häufig über materiellen Wohlstand beschrieben, besonders über das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, misst den Wert der in einem Land erzeugten Güter und Dienstleistungen. Pro Kopf gerechnet soll es den Vergleich zwischen Ländern erleichtern. Weitere Wohlstandsindikatoren sind Faktoren des Engelschen Gesetzes und Indizes der menschlichen Entwicklung. Zugleich wird gefordert, auch andere Dimensionen wie geistige Entwicklung und seelisches Gleichgewicht in den politischen Diskurs aufzunehmen.
Geschichtliche Entwicklung
Die Vorstellungen von Wohlstand haben sich stark verändert. Der Ethnologe Marshall Sahlins bezeichnete Wildbeuterkulturen der warmen Länder als ursprüngliche Wohlstandsgesellschaften, weil dort alle Bedürfnisse erfüllt worden seien und viel Zeit für Muße geblieben sei. Im Durchschnitt hätten sie nur zwei bis fünf Stunden täglich für Jagd, Sammeln und Nahrungszubereitung aufwenden müssen. Sahlins stellte dies der modernen Konsumgesellschaft gegenüber, in der Werbung ständig neue Bedürfnisse erzeugt, die ohne Geld und Arbeit oft nicht erfüllbar sind. Er warnte davor, moderne Vorstellungen eines guten Lebens als einzig wahren Maßstab zu sehen.
In Altertum und Mittelalter war Wohlstand vor allem durch ethische und religiöse Normen bestimmt. Im Merkantilismus, in Deutschland auch Kameralismus genannt, galt das Wohlergehen des Herrschers als Oberziel. Die Physiokraten des 18. Jahrhunderts, etwa Quesnay, sahen die Landwirtschaft als einzige Quelle des Wohlstands. In der Klassik gewannen Arbeit und Arbeitsteilung an Bedeutung, besonders bei Adam Smith, David Ricardo und Malthus.
Später rückte im Utilitarismus die individuelle Wahrnehmung von Wohlstand in den Vordergrund, orientiert am „Prinzip des größten Glücks für die größte Zahl“. Alfred Marshall entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts die Theorie der Konsumentenrente, die den ökonomisch-materiellen Wohlstandsaspekt betrachtet. Pigou befasste sich ebenfalls Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Messbarkeit des Geldes und Kriterien für Wohlstandssteigerung. In der New Welfare Economy wurde Wohlstand mit dem Pareto-Optimum verbunden, also mit einem Zustand, in dem niemand besser gestellt werden kann, ohne jemand anderen schlechter zu stellen.
Das heutige Verständnis von materiellem Wohlstand wird stark über die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ermittelt. Erste Schätzungen des Volkseinkommens gab es Mitte des 17. Jahrhunderts durch Petty; in Deutschland geht diese Entwicklung auf Leopold Krug zurück. Keynes und Föhl entwickelten später die Theorie des Wirtschaftskreislaufs weiter. Ihre Arbeiten wurden Grundlage internationaler Systeme wie der OECD. Genannt werden das System of National Accounts von 1993 und die europäische Version ESVG 1995.
Glück und Einflussfaktoren
Die Glücksforschung untersucht, wie wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingungen mit Wohlbefinden zusammenhängen. Der Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey untersuchte unter anderem die Beziehung zwischen Einkommen und Wohlbefinden. Er vertrat die These, dass es wichtiger sei, die Bedingungen des Glücklichseins zu erforschen als nur das durchschnittliche Glücksniveau. In Happiness Research in Economics nennt Frey vier Probleme der Ökonomie: Einkommen, Arbeitslosigkeit, Inflation und Ungleichheit. Arbeitslosigkeit habe den größten negativen Effekt auf das Glücksempfinden, weil sie das Einkommen begrenzt. Inflation beeinflusse das Glücksempfinden laut Frey eher weniger. Außerdem seien Sozialnormen wichtig: Wenn Arbeitslosigkeit sozial akzeptierter ist, fallen ihre negativen Effekte auf das Wohlergehen geringer aus. Steigendes Einkommen beeinflusse das Glücksempfinden positiv.
Ein besonderes Beispiel ist Bhutan. Der asiatische Staat hat eine Staatskommission zur Glücksforschung eingesetzt, die regelmäßig das „Bruttonationalglück“ der Bevölkerung ermittelt. Bhutan hat ein nicht wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell in der Verfassung verankert und wird von wachstumskritischen Vertreterinnen und Vertretern als Beispiel dafür genannt, andere Staatsziele als Wirtschaftswachstum zu verfolgen.
Einflussfaktoren auf Wohlstand können positiv oder negativ wirken. Positive politische Faktoren sind Frieden, Sicherheit, Freiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Negative politische Faktoren sind Krieg, Flucht, Einfluss des Militärs, Isolation, geschlossene Grenzen, Blockaden, Korruption, unkontrollierte Macht, Populismus und Terrorismus. Wirtschaftlich können steigende Arbeitsproduktivität, steigende reale Löhne, eine homogene Einkommensverteilung und technischer Fortschritt den Wohlstand erhöhen. Dagegen können Inflation, Geldentwertung, Verlust von Eigentum, Arbeitslosigkeit, häufige Streiks, Rechtsunsicherheit und zu hohe Staatsverschuldung Wohlstand senken. Ökologisch wirken saubere Luft, sauberes Wasser, wenig Lärm und Zugang zu Natur- und Grüngebieten positiv, Naturkatastrophen und Umweltverschmutzung negativ. Gesellschaftlich fördern Bildungsmöglichkeiten, Kinderbetreuung, Kulturangebote, soziales und politisches Engagement sowie Freizeit den Wohlstand; epidemische Krankheiten, Sucht, Analphabetismus, professionelle Kriminalität, mafiöse Strukturen und kollektive Angst schaden ihm.
Wohlstand in Deutschland
Für Deutschland wird Wohlstand im Artikel vor allem mit hoher inländischer Produktion von Gütern und Dienstleistungen verbunden, weil dadurch das Versorgungsangebot verbessert wird. Voraussetzung dafür sind ein wachsender Binnenabsatz oder zunehmende Exporte. Wegen stagnierender Bevölkerungszahlen und zunehmender Überalterung sei ein Wachstum der Binnennachfrage in Deutschland nur begrenzt möglich. Deshalb ist internationale Wettbewerbsfähigkeit wichtig, damit Außenhandelspotenziale genutzt werden können und der Binnenmarkt nicht durch Konkurrenzländer bedroht wird. Die hohen Exportumsätze zeigten die Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen: Im Jahr 2008 betrugen sie nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes 1.157,18 Mrd. € nominal beziehungsweise preisbereinigt.
Als Messgröße wird das Bruttoinlandsprodukt je Kopf genannt, beeinflusst durch Produktivität und Beschäftigung. Produktivität wird dabei als Bruttoinlandsprodukt pro geleistete Arbeitsstunde gemessen. In Deutschland sei die Entwicklung beider Größen ungünstig gewesen: Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Produktivität betrug von 2000 bis 2005 nur 1,2 %, und es zeichnete sich ein negativer Trend ab. Das Beschäftigungswachstum verringerte sich in diesem Zeitraum durchschnittlich um 0,4 %. Politische Maßnahmen zielten daher auf mehr Beschäftigung.
Als entscheidend gilt das System der Sozialen Marktwirtschaft. Es verbindet die Effizienz der Märkte mit sozialen Aspekten. Aus Sicht der Bevölkerung führen steigende Einkommen zu mehr Wohlstand. In Deutschland ist abhängige Beschäftigung die wichtigste Einkommensquelle. Der Nettoverdienst stieg über 60 Jahre deutlich schneller als die Preise. Die durchschnittlichen Stundenlöhne lagen in Westdeutschland 1950 bei 1,31 DM = 0,67 € und stiegen bis 2007 auf 13,59 €. Die Lohnquote erreichte 2008 wegen steigender Löhne noch ein hohes Niveau von 65 %.
Auch zunehmende Freizeit gilt als Wohlstandsmerkmal. Die tarifliche Wochenarbeitszeit sank von durchschnittlich 47 auf 37 Stunden. Mit ungefähr 30 Urlaubstagen im Jahr lag Deutschland auf einem hohen Niveau. Weitere wichtige Wohlstandsdimensionen sind eine intakte Umwelt sowie kulturelle und gesellschaftliche Werte, die im BIP nicht berücksichtigt werden. Deshalb werden ergänzende Indikatoren gefordert. Ein gemeinsames Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und des französischen Conseil d’Analyse Economique schlägt 25 Indikatoren aus den Bereichen materieller Wohlstand, Lebensqualität und Nachhaltigkeit vor. Die Stiftung Denkwerk Zukunft nennt im Wohlstandsquintett neben dem BIP pro Kopf vier weitere Indikatoren: die 80/20-Relation als Verteilungsmaß, die gesellschaftliche Ausgrenzungsquote, den ökologischen Fußabdruck in Relation zur global verfügbaren Biokapazität und die Schuldenquote.
Vergleich in der EU
Trotz vieler Kritik ist das Bruttoinlandsprodukt der am häufigsten genutzte Indikator zur Wohlstandsmessung. Für internationale Vergleiche wird es pro Kopf berechnet. Wird das BIP pro Kopf in Kaufkraftstandards, kurz KKS, gemessen, werden unterschiedliche Preisniveaus zwischen Ländern ausgeglichen.
Im EU-Vergleich nach BIP pro Kopf belegt Luxemburg den ersten Platz. Laut Eurostat liegt das unter anderem an der Vielzahl von Ausländerinnen und Ausländern, die in Luxemburg arbeiten: Sie tragen zum BIP bei, werden aber nicht zur Bevölkerung Luxemburgs gezählt. Das Vermögen der Luxemburger ist 2,5 mal so groß wie das eines durchschnittlichen EU-Bürgers. Neben Luxemburg werden die reichsten EU-Bürger in Irland genannt. Am Ende der Rangliste steht Bulgarien. Die Menschen dort sind laut Artikel nicht einmal halb so vermögend wie ein durchschnittlicher EU-Bürger; ein Grund sei der niedrige Arbeitslohn von nur 1,80 €. Deutschland liegt mit 116 % knapp über dem Durchschnitt.
Der Artikel weist darauf hin, dass die Lage 2008 anders eingeschätzt wurde. Damals nahm man an, Deutschland habe sich langsamer entwickelt als andere Länder und könne von Ländern wie Italien oder Spanien überholt werden. Später zeigte sich jedoch, dass Spanien, Italien und Irland in eine ernste Krise gerieten, während Deutschland im Vergleich gut dastand. In Irland und Spanien war das Platzen von Immobilienblasen ein Hauptgrund für die Krise.
Grenzen der Wohlstandsmessung
Zur Wohlstandsmessung wurden viele Indikatoren und Indizes entwickelt, darunter Bruttoinlandsprodukt, Pro-Kopf-Einkommen, Wohlfahrtsfunktion und Index der menschlichen Entwicklung, kurz HDI. Besonders das BIP wird stark kritisiert. Es erfasst viele Wohlstandsverluste und unbezahlte Leistungen nicht, etwa Umweltverschmutzung, Lärm, Verkehrsunfälle, Freizeit, Hausarbeit, unbezahlte Arbeit wie kostenfreie Informationen und Unterhaltung im Internet, freie Software, Umweltschutz einschließlich Ressourcenverbrauch und Klimaschutz sowie Verbesserungen der menschlichen Gesundheit.
Der HDI des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen ergänzt das Pro-Kopf-Einkommen um Lebenserwartung, Volksgesundheit und Bildungsgrad. Ein weiterer Ansatz ist der Net Economic Welfare, kurz NEW. Er geht vom BIP aus, zieht soziale Kosten wie Umweltverschmutzung ab und ergänzt private Dienste wie Hausarbeit. Das Problem dieses Verfahrens ist die passende Kombination der einzelnen Messgrößen. Trotz Verbesserungen gegenüber dem BIP gibt es bisher keinen Indikator, der den Wohlstand eines Landes wirklich ganzheitlich erfasst.
Der Artikel nennt außerdem ökologische Kritik am BIP-basierten Wohlstandsverständnis. Im Juni 2020 warnten Wissenschaftler, dass weltweites Wachstum an Wohlstand, gemessen am BIP, Ressourcenverbrauch und Schadstoffausstoß drastisch erhöht habe. Die wohlhabendsten Bürger der Welt seien durch ressourcenintensiven Verbrauch für einen großen Teil der schädlichen Umweltwirkungen verantwortlich, aber auch für einen Übergang zu sichereren und nachhaltigeren Bedingungen. Laut der Studie müssen tiefgreifende Änderungen von Lebensstilen und Verhaltensmustern technologische Fortschritte begleiten. Bestehende Gesellschaften, Ökonomien und Kulturen reizten Überkonsum an; marktorientierte Strukturen, die auf BIP-Wachstum optimiert sind, verhinderten gesellschaftlichen Wandel.
Sarah Arnold von der New Economics Foundation erklärt, dass das BIP auch Aktivitäten umfasst, die Wirtschaft und Gesellschaft schaden, etwa Entwaldung, Tagebau und Überfischung. Genannt werden ungefähr 10 Milliarden Bäume, die jährlich netto verloren gehen, sowie etwa 600 Millionen übergewichtige Erwachsene weltweit im Jahr 2015, also 12 %. Johan Rockström sieht es als schwierig an, das gegenwärtige BIP-basierte Wirtschaftsmodell mit einer schnellen Senkung der Treibhausgasemissionen zu vereinbaren. Steve Cohen vom Earth Institute betont, dass unterschiedliche Aktivitäten und Lebensstile nicht dieselben Auswirkungen auf Umwelt und Nachhaltigkeit haben. Wohlstandsmessungen wie Kontostände, HDI oder BIP garantieren daher keinen direkten und korrekten Bezug zur realen Situation.