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François Quesnay

Ziel war es, merkantilistische Behinderungen der Produktion und des Handels zu beseitigen, die kleinbäuerliche Wirtschaft durch eine Großlandwirtschaft zu …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Quesnay und seine Bedeutung
  2. 2. Vom Chirurgen zum Wirtschaftstheoretiker
  3. 3. Grundgedanken der Physiokratie
  4. 4. Produktive Arbeit, Überschuss und Klassen
  5. 5. Das Tableau économique und die Steuerlehre
  6. 6. Leistung, Grenzen und Wirkung

Quesnay und seine Bedeutung

François Quesnay (4. Juni 1694–16. Dezember 1774) war ein französischer Chirurg, Hofarzt, Ökonom und Enzyklopädist. Er gilt als Begründer der Physiokratie, des ersten Systems der klassischen politischen Ökonomie. Seine wichtigste wirtschaftswissenschaftliche Leistung war das Tableau économique: ein Modell, das die Volkswirtschaft als Kreislauf von Produktion, Einkommen, Ausgaben und Verbrauch darstellt.

Quesnay wandte sich erst in fortgeschrittenem Alter der Ökonomie zu. 1756/57 verfasste er für die Enzyklopädie von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert mehrere Artikel über Landwirtschaft und ihre gesamtwirtschaftliche Bedeutung. 1758 entwickelte er erstmals sein Kreislaufmodell. Damit verlagerte er den Blick von einzelnen Waren und Geschäften auf die Volkswirtschaft als zusammenhängendes Ganzes.

Vom Chirurgen zum Wirtschaftstheoretiker

Quesnay absolvierte am Pariser Chirurgiekollegium von Saint-Côme eine Ausbildung zum Wundarzt und war seit 1718 Chirurg. Bekanntheit erlangte er durch seine Kritik an der damals verbreiteten Auffassung, fast jede Krankheit müsse durch einen kräftigen Aderlass behandelt werden. Er empfahl einen vorsichtigeren Umgang mit Blut.

Nach einer Tätigkeit als Leibarzt des Herzogs von Villeroy wurde er 1744 Doktor der Medizin. 1749 berief ihn Madame de Pompadour, die einflussreiche Mätresse Ludwigs XV., als vertrauten Leibarzt an den Hof von Versailles. 1751 wurde er Mitglied der Académie royale des sciences. Nachdem er den Kronprinzen von den Windpocken geheilt hatte, erhielt er 1752 einen Adelstitel.

Ob seine medizinischen Kenntnisse des Blutkreislaufs unmittelbar zum Modell des Wirtschaftskreislaufs führten, wird unterschiedlich beurteilt. Die verbreitete Deutung sieht eine Anregung durch William Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs von 1628; der Artikel weist aber auch darauf hin, dass Quesnay selbst diese Analogie nicht verwendete und ein eindeutiger Beleg fehlt. Die alternative historische Sicht schreibt dem medizinischen Kreislaufdenken dagegen einen starken Einfluss zu.

Grundgedanken der Physiokratie

Die Physiokratie entstand als Gegenbewegung zum Colbertismus und Merkantilismus. Sie wandte sich gegen die feudal-absolutistische Regelung der Wirtschaft, die Förderung der gewerblichen Exportproduktion und die gleichzeitige Vernachlässigung der Landwirtschaft. Merkantilistische Hindernisse für Produktion und Handel sollten beseitigt und die kleinbäuerliche Wirtschaft durch eine leistungsfähige Großlandwirtschaft nach englischem Vorbild ersetzt werden.

Ihre sozialphilosophische Grundlage war die „natürliche Ordnung“. Dazu gehörten die Freiheit des Privateigentums, der Wirtschaft und der Person. Natur, Vernunft und Freiheit galten als grundsätzlich übereinstimmend; die juristische oder „positive Ordnung“ sollte sich an Naturgesetzen orientieren. Daraus folgte die Forderung nach möglichst wenigen staatlichen Eingriffen, zusammengefasst im Wahlspruch „Laissez faire et laisser passer“.

Die Physiokraten analysierten erstmals systematisch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse und betrachteten die Wirtschaft als Einheit, deren Teile durch Geld- und Warenströme verbunden sind. Die Lehre war jedoch widersprüchlich: Ihr Inhalt war teilweise antifeudal und bürgerlich, trat aber in einer feudalen Form auf und sollte den bestehenden Feudalabsolutismus durch Reformen stabilisieren. Außerdem leitete sie gesellschaftliche Kategorien unmittelbar aus der Natur ab, etwa die Grundrente aus dem natürlichen Mehrprodukt. In Frankreich war sie von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Revolution von 1789 einflussreich.

Produktive Arbeit, Überschuss und Klassen

Für Quesnay und die Physiokraten war nur landwirtschaftliche Arbeit produktiv. Sie galt allerdings nur dann als produktiv, wenn sie innerhalb einer Vegetationsperiode mehr hervorbrachte, als die Produzenten selbst verbrauchten. Dieser Überschuss hieß „Nettoprodukt“. Ein kleiner Bauer, dessen Ertrag gerade zum eigenen Verbrauch reichte, leistete nach dieser Definition keine produktive Arbeit.

Der Mehrwert wurde als Überschuss an Gebrauchswerten verstanden: Die Summe der während der Produktion geschaffenen Gebrauchswerte ist größer als die Summe der verbrauchten. Damit leiteten die Physiokraten Wert und Mehrwert aus der Produktion und nicht, wie die Merkantilisten, aus der Zirkulation ab. Ihr entscheidender Fehler bestand darin, Mehrwert ausschließlich mit der landwirtschaftlichen Grundrente gleichzusetzen. Profit und Zins erschienen nur als davon abgeleitete Größen.

Quesnay unterschied drei Klassen beziehungsweise Wirtschaftssektoren:

  • Die Landwirtschaft, die „classe productive“, erzeugt den volkswirtschaftlichen Überschuss.
  • Die Grundeigentümer, die „classe des propriétaires“ oder „classe distributive“, verpachten den Boden, sorgen für seine Verbesserung und verbrauchen den gesamten Überschuss.
  • Manufakturarbeiter, Händler und Gewerbetreibende bilden die „classe stérile“. Nach Quesnay schaffen sie keinen Überschuss, sondern formen nur landwirtschaftliche Rohstoffe um.

Die Einordnung von Gewerbe und Manufaktur als „steril“ stieß früh auf Widerspruch. Adam Smith erklärte 1776 in Der Wohlstand der Nationen nicht einen bestimmten Sektor, sondern allgemein die Arbeit zur Grundlage der Produktion. Arbeiter aller Produktionsbereiche könnten mehr Wert erzeugen, als sie verbrauchten, sofern ausreichend Kapital zur Verfügung stehe.

Die alternative historische Deutung erklärt Quesnays Unterscheidung aus den damaligen französischen Verhältnissen: Handwerker fertigten vor allem Luxusgüter für Adel und Kirche, während eine modernisierte Landwirtschaft Güter für den nächsten Produktionskreislauf hervorbringen und einen neuen Markt für industrielle Produkte schaffen konnte. Nach dieser Lesart war die allgemeine Bezeichnung der Industrie als „steril“ theoretisch falsch, bezogen auf die besondere historische Situation Frankreichs aber nachvollziehbar.

Das Tableau économique und die Steuerlehre

Quesnay entwarf das Tableau économique erstmals im Dezember 1758, präzisierte es 1759 in zwei weiteren Fassungen und brachte es 1766 in seine bekannteste Form. Es beschreibt den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess, also die fortlaufende Wiederherstellung von Produktion und Verbrauch, in einer arithmetischen und grafischen Formel aus fünf Linien. Ausgaben verschwinden darin nicht einfach: Sie werden bei anderen Wirtschaftsteilnehmern zu Einnahmen, aus denen neue Ausgaben entstehen.

Dem dargestellten Kreislauf geht die Zahlung der Pacht durch die produktive Klasse an die Grundeigentümer voraus. Danach folgen fünf Zirkulationsakte:

  1. Die Grundeigentümer kaufen Lebensmittel von der produktiven Klasse.
  2. Sie kaufen Manufakturwaren von der sterilen Klasse.
  3. Die Manufakturarbeiter kaufen Lebensmittel von der produktiven Klasse.
  4. Die landwirtschaftlichen Pächter kaufen Manufakturwaren von der sterilen Klasse.
  5. Die Manufakturarbeiter kaufen Rohstoffe von der produktiven Klasse.

Diese Tauschakte finden innerhalb eines ökonomischen Jahres von Ernte zu Ernte statt und beruhen auf dem Äquivalenzprinzip, also dem Austausch gleichwertiger Leistungen. Eine Ausnahme ist das Nettoprodukt: Die Grundeigentümer eignen es sich als Pacht ohne Gegenleistung an.

Daraus entstand die Lehre von der „einzigen Steuer“. Nur das Grundeigentum sollte besteuert werden, weil seine Eigentümer das Nettoprodukt erhielten. Die produktive und die sterile Klasse ersetzten dagegen lediglich ihre Vorschüsse, also die für die nächste Produktion nötigen Ausgaben. Ihre Besteuerung würde diese Vorschüsse mindern und die Reproduktion gefährden. Als angemessene Steuerquote betrachteten die Physiokraten ein Drittel der Einkünfte der Grundeigentümer.

Leistung, Grenzen und Wirkung

Das Tableau enthält grundlegende Schwächen der Physiokratie. Es trennt falsch zwischen produktiver und unproduktiver Klasse, erkennt Mehrwert nur als Grundrente und behandelt diese wie ein Geschenk der Natur. Die Rolle des Geldes wird auf das Zirkulationsmittel beschränkt; Geld als Wertaufbewahrungsmittel, Mittel der Akkumulation oder Kapital bleibt unberücksichtigt. Das Modell zeigt außerdem nur die einfache Reproduktion auf gleichbleibender Stufe, nicht wirtschaftliches Wachstum. Auch die „einzige Steuer“ wurde besonders von Grundeigentümern abgelehnt.

Seine bleibende Leistung liegt darin, die gesamte Produktion erstmals als dynamischen Reproduktionsprozess darzustellen. Produktion, Distribution, Konsumtion und Zirkulation werden als zusammenhängende Phasen erfasst. Deshalb gilt das Tableau als erste makroökonomische Analyse der Reproduktion. Karl Marx entdeckte das rund 100 Jahre lang weitgehend unverstandene Modell Mitte des 19. Jahrhunderts wieder und entwickelte unter seinem Einfluss eigene Reproduktionsschemata. Das Tableau kann außerdem als Vorläufer der Input-Output-Modelle Wassily Leontiefs gelten. Die Frage, wie die notwendigen Größenverhältnisse zwischen den Bereichen einer Volkswirtschaft dargestellt und begründet werden können, bleibt für spätere Kreislauf- und Reproduktionsmodelle bedeutsam.

Politisch versuchte Anne-Robert Turgot als französischer Finanzminister seit 1774 Teile des physiokratischen Programms umzusetzen. Seine Aufhebung innerfranzösischer Getreidezölle sowie seine Vorschläge von Januar 1776, die Fronarbeit der Bauern abzuschaffen und die Handwerkszünfte aufzulösen, stießen auf starken Widerstand. Der König verlangte schließlich seinen Rücktritt; damit verloren die physiokratischen Ideen auch in der Politik und in den Pariser Salons an Bedeutung.

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