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Merkantilismus
Diese Wirtschaftspolitik prägte die moderneren Länder in Europa und Bereiche in Afrika vom 16. Jahrhundert bis ins späte 18. und frühe 19. Jahrhundert. In der …
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Kernidee und Ziele
Merkantilismus war eine Wirtschaftspolitik der frühen Neuzeit, die möglichst viele Waren ausführen und möglichst wenige Waren einführen wollte. Sie prägte viele europäische Staaten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, teils bis ins frühe 19. Jahrhundert. In der Wirtschaftstheorie gilt diese Zeit auch als Frühkapitalismus, in der Geschichtswissenschaft als Proto-Industrialisierung.
Das Hauptziel war, die Macht und die Einnahmen absolutistisch regierter Staaten zu erhöhen. Herrscher brauchten Geld für stehende Heere, Beamte und repräsentativen Aufwand. Deshalb griffen sie aktiv in den Handel ein: Exporte von Fertigwaren wurden gefördert, Importe von Fertigwaren erschwert. Gleichzeitig sollten Binnenzölle abgebaut, Maße und Gewichte vereinheitlicht und ein größerer Binnenmarkt geschaffen werden.
Zentral war die positive Handelsbilanz: Ein Staat sollte wertmäßig mehr exportieren als importieren. Daraus erwarteten Merkantilisten mehr Geld im Land, höhere Beschäftigung und steigende Inlandsnachfrage. Eine wichtige Begründung lieferte Thomas Mun in England’s Treasure by Forraign Trade, veröffentlicht 1664: „We must yearly sell more to strangers than wee consume of theirs in value.“ Rohstoffe durften nach dieser Sicht durchaus importiert werden, wenn sie im Inland verarbeitet und als teurere Fertigwaren wieder verkauft wurden.
Merkantilismus war keine geschlossene Theorie. Er bestand aus verschiedenen praktischen Empfehlungen und frühen wirtschaftstheoretischen Überlegungen. Trotzdem gab es gemeinsame Leitgedanken: Förderung von Bevölkerung, Arbeit, Gewerbe, Manufakturen, Außenhandel, Geldumlauf und staatlicher Finanzkraft.
Wirtschaftliche Grundannahmen
Merkantilisten gingen oft von Unterbeschäftigung aus, also davon, dass Arbeitskräfte und Produktionsmöglichkeiten nicht vollständig genutzt wurden. Deshalb sollte der Staat die Wirtschaft aktiv fördern. Ein hohes Bevölkerungswachstum galt als wichtig, weil es viele Arbeitskräfte bereitstellte, Löhne niedrig hielt und die Inlandsnachfrage erhöhte. Niedrige Löhne sollten die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischer Produktion stärken.
In der Geldlehre spielten Edelmetalle, Münzen und Geldumlauf eine große Rolle. Frühe Bullionisten setzten Reichtum stark mit Gold- und Silberbeständen gleich. Spätere Merkantilisten sahen Geld nicht einfach als Reichtum, sondern betonten seine Funktion als Tauschmittel, Recheneinheit und Wertmaßstab. Geldhortung wurde kritisiert, weil Geld nur im Umlauf Handel und Produktion anregen könne. Jean Bodin entwickelte vor dem Hintergrund der Preisrevolution eine einfache Quantitätstheorie: Geldmenge und Geldwert stehen umgekehrt zueinander.
Auch Zinsen, Monopole und Marktprozesse wurden diskutiert. Josiah Child forderte niedrigere Zinsen, weil billiger Kredit Handel und Industrie fördern könne. Viele Merkantilisten lehnten Monopole im Binnenmarkt ab, befürworteten aber einzelne Monopolgesellschaften im Außenhandel, wenn sie ausländische Konkurrenz ausschalten sollten. Johann Joachim Becher kritisierte Monopole, Polypole und Verkaufskartelle und leistete damit einen frühen Beitrag zur Marktformenlehre.
James Steuart, ein Vertreter des späten Merkantilismus, verwendete 1767 als einer der Ersten die Begriffe Angebot und Nachfrage. Er sah den Marktpreis als Ergebnis von Produktionskosten plus Gewinnaufschlag, den die Nachfragesituation zulässt. Anders als Adam Smith hielt er staatliche Eingriffe bei Marktungleichgewichten für nützlich, wenn sie schneller wirken als der Markt selbst.
Politische Mittel
Die merkantilistische Wirtschaftspolitik nutzte viele Instrumente. Dazu gehörten hohe Importzölle auf Fertigwaren, niedrige Einfuhrzölle auf benötigte Rohstoffe, Ausfuhrbeschränkungen für Rohstoffe, Exportförderung, Exportprämien, staatliche Darlehen, Monopolrechte, Subventionen und die Gründung staatlicher oder privilegierter Manufakturen.
Manufakturen waren größere Betriebe, in denen viele Arbeitskräfte arbeitsteilig für einen Unternehmer produzierten. Sie standen oft außerhalb der traditionellen Zünfte. Zünfte wurden eingeschränkt, weil ihre Zugangsregeln die Ausweitung der Produktion behindern konnten. Der Staat förderte neue Gewerbe durch Steuerprivilegien, günstige Kredite, Gebäude, Holz aus Staatsforsten oder die Anwerbung ausländischer Fachkräfte.
Ein weiteres Mittel war Bevölkerungspolitik. Staaten förderten frühe Ehen, Einwanderung und Wiederbesiedlung dünn besiedelter Gebiete. Arbeitslosigkeit und „Müßiggang“ galten als Probleme, gegen die Arbeitshäuser, Arbeitspflichten und lange Arbeitszeiten eingesetzt wurden. In Kolonien sollten Rohstoffe gewonnen und Fertigwaren aus dem Mutterland verkauft werden. Viele Kolonien durften keine eigenen Fertigwaren herstellen oder nur mit dem Mutterland handeln.
Regional unterschieden sich die Varianten. In England und den Niederlanden stand der Handel im Mittelpunkt, diese Variante wird Kommerzialismus genannt. In Frankreich prägte Jean-Baptiste Colbert einen stark staatlich gelenkten Colbertismus. Im deutschen Kameralismus standen Finanzen, Steuern, Wiederbesiedlung und die gleichmäßige Entwicklung von Landwirtschaft, Gewerbe und Handel stärker im Vordergrund.
Regionale Beispiele
In Großbritannien begann die merkantilistische Politik unter Elisabeth I. mit staatlich unterstützten Handelskompanien wie der Moskovy Company (1554), der Levant Company (1581) und der Britischen Ostindien-Kompanie (1600). Die Navigationsakten von 1651 bestimmten, dass Überseegüter nur auf englischen Schiffen transportiert werden durften. Das stärkte englische Händler und Reeder, benachteiligte aber Kolonien und ausländische Konkurrenten. Im 18. Jahrhundert blieb die Außenhandelspolitik lange merkantilistisch; erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmte Freihandel die englische Außenhandelspolitik stärker.
In Frankreich erreichte der Merkantilismus unter Jean-Baptiste Colbert seinen Höhepunkt. Colbert wollte Exporte steigern, Gold ins Land holen und eine Million neue Arbeitsplätze in Manufakturen schaffen. Er förderte Qualitätskontrollen, königliche Gütesiegel, neue Produktionsverfahren, die Manufacture nationale des Gobelins und die Ansiedlung ausländischer Fachkräfte. Zugleich wurden Zölle auf Importe erhöht und Ausführzölle gesenkt oder aufgehoben. Um 1700 erkannte man jedoch, dass Frankreich nicht gleichzeitig autark sein und andere Länder zum Kauf französischer Waren zwingen konnte.
Im Heiligen Römischen Reich erschwerten Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges, politische Zersplitterung und unterschiedliche Münzordnungen eine einheitliche Wirtschaftspolitik. Brandenburg-Preußen warb Hugenotten an: Bis 1720 wurden 20.000 französische Hugenotten angesiedelt. Friedrich der Große förderte Siedlungen durch Trockenlegungen und die Kartoffel, unter anderem mit dem Kartoffelbefehl von 1756. In Österreich und Preußen wurden Manufakturen, Berufsbildung und Importsubstitution gefördert.
Spanien zeigt ein Gegenbeispiel: Große Gold- und Silberzuflüsse aus Kolonien führten zu starker Inflation. Spanische Waren wurden teuer, Exporte schwächer und Importe attraktiver. Trotz Empfehlungen von Louis Ortiz in den 1550er Jahren und Jerónimo de Uztáriz später setzte Spanien Reformen kaum durch. Die Niederlande dagegen waren im 16. und 17. Jahrhundert führende Wirtschafts- und Handelsmacht, hatten wenig Interesse an Handelsbeschränkungen und werden deshalb teils nicht klar dem Merkantilismus zugeordnet.
Kolonien und Folgen
Kolonien wurden im Merkantilismus in die Weltwirtschaft eingebunden, indem sie Rohstoffe für das Mutterland liefern und Fertigwaren aus dem Mutterland kaufen sollten. England verbot seinen Kolonien teilweise, bestimmte Waren an andere Länder zu verkaufen oder eigene Fertigwaren herzustellen. Zucker, Indigo, Baumwolle, Tabak, Teer, Pech und Terpentin durften nur zwischen englischen Kolonien und England gehandelt werden.
Diese Politik verringerte Englands Abhängigkeit von anderen europäischen Staaten und stärkte englische Händler, Schiffseigentümer, Kapitalgeber, Arbeiter und Seeleute. Zugleich wurden Kolonien wirtschaftlich eingeschränkt. Der atlantische Dreieckshandel weitete sich stark aus und beruhte maßgeblich auf Sklavenhandel. Durch Sklavenarbeit konnten billige Waren nach Europa gelangen; Plantagenbesitzer wurden reich, während andere Wirtschaftsbereiche in den Kolonien eher gebremst wurden.
Auch Portugal versuchte, Brasilien ähnlich zu kontrollieren. 1571 erhielten portugiesische Schiffe das exklusive Recht für den Brasilienhandel, doch Portugal konnte dies wegen einer schwachen Marine nur begrenzt durchsetzen. 1785 verbot Portugal in Brasilien fast jede Industrie, mit Ausnahmen etwa für Sklavenkleidung und Säcke für Agrarprodukte. Wegen des Methuenvertrags profitierte davon aber eher die englische als die portugiesische Industrie.
Kritik und Einordnung
Kritik am Merkantilismus kam schon zeitgenössisch von den Physiokraten, die staatlichen Dirigismus und in Frankreich die Vernachlässigung der Landwirtschaft kritisierten. Vincent de Gournay formulierte dagegen: „Laissez faire, laissez passer, le monde va de lui-même“ – sinngemäß: Lasst es geschehen, die Welt bewegt sich von selbst weiter.
David Hume kritisierte die Vorstellung, Außenhandel sei ein Nullsummenspiel, bei dem ein Land nur gewinnen könne, wenn ein anderes verliert. Reiche Nachbarn könnten mehr Waren kaufen und so auch anderen Ländern nutzen. Hume formulierte außerdem den Goldautomatismus: Außenhandelsüberschüsse führen zu Goldzufluss, mehr Geldmenge und höheren Preisen; dadurch verschlechtern sich Exporte und Importe werden attraktiver. Heute gilt dieser Mechanismus grundsätzlich als anerkannt, allerdings hängt Inflation nicht nur von der Geldmenge, sondern von deren Verhältnis zum Wirtschaftswachstum ab.
Der Begriff Merkantilismus ist keine Selbstbezeichnung. Er wurde später von Vertretern der klassischen Nationalökonomie wie Adam Smith und John Ramsay McCulloch geprägt, oft kritisch als Gegenbegriff zu Freihandel und Laissez-faire. Moderne Historiker betonen, dass Merkantilismus keine einheitliche Lehre war, aber ein gemeinsamer Grundzug erkennbar bleibt: Durch Außenhandel, Manufakturen und staatliche Förderung sollten Macht, Wohlstand und Finanzkraft des frühmodernen Staates wachsen.
Im Vergleich zum klassischen Wirtschaftsliberalismus befürwortete Merkantilismus deutlich mehr staatliche Eingriffe. Spätere Formen, die auf Exportüberschüsse, Protektionismus oder Beschäftigungsstabilisierung setzen, werden als Neomerkantilismus bezeichnet. Das heute verbreitete System des marktwirtschaftlichen Interventionismus, etwa die Soziale Marktwirtschaft, unterscheidet sich davon: Es sieht einen staatlichen Ordnungsrahmen und begrenzte Eingriffe vor, wenn sie der Funktionsfähigkeit des Marktes dienen.
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