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Krieg statt Wohlstand: Was mit Russlands Wirtschaft gerade passiert
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 158 Zeilen
- Am Donnerstag, den 17. September, wandte sich Putin an die russischen Wähler und rief sie dazu auf, bei der dreitägigen Dumawahl ihr Kreuzchen bei der richtigen Partei zu setzen.
- Wer allerdings gehofft hatte, dass der russische Präsident diesen Appell mit finanziellen Argumenten unterstützen würde, wurde enttäuscht. Keine Rentenerhöhungen,
- keine Armutsbekämpfung, kein Protzen mit hohen Löhnen und günstigen Lebensbedingungen. Starker Patriotismus musste für die große russische Seele reichen, und die nationale
- Einheit wird schon irgendwie die Mägen füllen. Steht es wirklich so schlecht um die Wirtschaft, dass er nicht einmal versucht hat, darüber zu sprechen?
- Genau das schauen wir uns im heutigen Video an. Macht es euch bequem! Und wir legen los! Anfang September zeichnete German Gref, Chef der größten russischen Bank Sber und
- ehemaliger Vorgesetzter der russischen Zentralbankchefin Elvira Nabiullina, auf dem Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok ein sehr düsteres Bild.
- Er wiederholte erneut seine Einschätzung, dass die russische Wirtschaft bereits „unterkühlt“ sei und die Unternehmen Unterstützung benötigten. Gegenüber Journalisten machte Gref auch
- keinen Hehl daraus, dass er die Situation anders bewertet als seine ehemalige Stellvertreterin und heutige Zentralbankchefin Nabiullina. „Die Zentralbank spricht von einer
- schrittweisen Verlangsamung der Wirtschaft. Wir dagegen bezeichnen die Situation als Abkühlung, inzwischen sogar als Unterkühlung. Die Zahlen sprechen heute für sich“, so Gref.
- In der Pressekonferenz zur Leitzinsentscheidung am 11. September sagte Nabiullina zur wirtschaftlichen Lage dagegen: „Die aktuellen Daten zeigen, dass die Wirtschaft
- im dritten Quartal 2026 weiterhin moderat wächst.“ Man fragt sich, was los ist. Nutzen Gref und Nabiullina unterschiedliche Daten? Oder wie lässt sich erklären, dass beide auf
- dieselbe Wirtschaft schauen und trotzdem zu völlig gegensätzlichen Einschätzungen kommen? Das tun sie tatsächlich. Beide sprechen nur die Daten an, die den eigenen Interessen dienen,
- und lassen alle anderen Daten unerwähnt. Die russische Wirtschaft ist im ersten Halbjahr 2026 nach Angaben von Rosstat tatsächlich um 0,6 Prozent gegenüber dem
- Vorjahreszeitraum gewachsen. Im ersten Quartal schrumpfte sie noch um 0,2 Prozent, im zweiten Quartal folgte ein Wachstum von 1,3 Prozent. Der Sprung von -0,2 % auf +1,3 Prozent macht
- schon mal stutzig. Woher kam diese wahnsinnige Verbesserung der wirtschaftlichen Entwicklung? Kam es zum Waffenstillstand, sind vielleicht Sanktionen weggefallen? Was war da los?
- Sanktionen wurden tatsächlich marginal und vorübergehend gelockert, aber nur, weil der weitsichtigste Präsident des mächtigsten Landes der Welt auf die Idee kam,
- dass er ohne Plan B und ohne jegliche Kalkulation möglicher Folgen ein anderes Land angreifen kann. Als Reaktion auf die US-israelischen Angriffe blockierte der Iran Ende Februar die Straße von
- Hormus, die Meerenge, über die rund ein Fünftel des weltweiten Rohölverbrauchs transportiert wurde, dazu zahlreiche Erdölprodukte, LNG und Düngemittel. Aber das wisst ihr alles.
- Dazu habe ich im Frühjahr ein Video gedreht, sowie unzählige andere Medien und YouTuber. Diese Blockade führte zu einer Verknappung des weltweiten Rohölangebots bei gleichzeitig
- relativ unelastischer Nachfrage. Und völlig überraschend für Trump passierte genau das, was bei weniger Angebot und nahezu gleichbleibender Nachfrage normalerweise
- passiert: Die Preise schossen in die Höhe. Das sorgte nicht nur in den USA, sondern auch bei zahlreichen Partnern für Unmut. Um die Situation irgendwie zu entspannen, ließen die USA zeitweise
- eine Ausnahme für russisches seegestütztes Öl zu. Diese Ausnahme lief bis Mitte Mai. So konnte Russland im Frühjahr sein Öl einfacher und zum doppelten Preis verkaufen. Die Einnahmen
- der russischen Ölunternehmen und des russischen Staates stiegen gewaltig, auch wenn ein großer Teil der Staatseinnahmen wieder an die Erdölindustrie zurückfloss.
- Die Deviseneinnahmen sprudelten. Aber der russische Staat kennt manchmal keine Grenzen. In dieser Euphorie gab er der Rüstungsindustrie und allen Unternehmen,
- die ihn im Krieg unterstützen, so viel Geld, als gäbe es kein Morgen. Die Ausgaben überstiegen deutlich sogar die stark gestiegenen Einnahmen, und die Staatsschulden schossen in die Höhe.
- Die Unternehmen bekamen Geld und Aufträge. Und das kurbelte die Produktion im zweiten Quartal an. Das alles erwähnt Nabiullina nicht, verweist dagegen auf die positive Entwicklung im Juli.
- Sie verschweigt dabei allerdings erneut, dass auch das Wachstum im Juli vor allem durch staatliche Aufträge an die Rüstungsindustrie und die mit ihr verbundenen Bereiche gestützt
- wurde. Die zivilen Bereiche befinden sich dagegen mehrheitlich im Abschwung. Für die Zentralbank sind das aber Details und im Moment für die Geldpolitik zweitrangig. Es klingt
- komisch und unglaubwürdig. Ergibt aber Sinn. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wenn eines von zehn Unternehmen eine Million Euro verdient und die anderen neun jeweils nur 1.000 Euro,
- dann verdienen diese Unternehmen im Durchschnitt 100.900 Euro. Für die tatsächliche wirtschaftliche Lage im Land ist dieser Durchschnittswert aussagelos.
- Für die Geldpolitik ist er aber wichtig. Das eine Unternehmen kann durch zusätzliche Gewinne zusätzliche Nachfrage erzeugen. Und selbst wenn vom zusätzlichen Konsum nur die Beschäftigten
- dieses einen Unternehmens profitieren, kann die gestiegene Nachfrage trotzdem zu höheren Preisen führen, wenn das Angebot mit der Nachfrage nicht Schritt halten kann.
- Für Nabiullina und die Zentralbank ist es zweitrangig, welche Unternehmen sich im Abschwung, welche im Aufschwung und welche bereits im Niedergang befinden.
- Sie schaut vor allem auf Angebot, Nachfrage und Geldmenge im Inland. Wenn das BIP wächst, die Beschäftigung auf hohem Niveau bleibt, die Löhne steigen und Geld ausgegeben wird,
- bedeutet das für die Zentralbank vor allem eines: Inflationsgefahr. Wer dieses Geld ausgibt, ist für die Zentralbank zunächst irrelevant. Für ihre Geldpolitik zählt
- vor allem, ob die Nachfrage stärker wächst als das Angebot und dadurch zusätzlicher Preisdruck entsteht. Vereinfacht gesagt: Sie kümmert sich um die Inflation und nicht darum, ob das Wachstum aus
- besonders gesunden Bereichen der Wirtschaft kommt. Gref schaut dagegen auf sein Portfolio. Wenn in seinem Portfolio vor allem Kredite an Unternehmen aus der zivilen Wirtschaft
- und an deren Beschäftigte stehen, interessiert ihn der Durchschnitt ziemlich wenig. Er will das Geld, das er an Verbraucher und Unternehmen verliehen hat, inklusive Zinsen wiedersehen.
- Natürlich spielt auch die Inflation für ihn eine Rolle. Aber wenn er zwischen einer Verdopplung der Inflation und dem kompletten Ausfall einer Reihe von Krediten wählen müsste,
- würde er ganz klar die Inflation wählen. Doppelt so hohe Inflation würde etwa 12 Prozent pro Jahr bedeuten. Er bekommt aber um die 20 Prozent an Zinsen. Also würde er selbst bei einer Verdopplung
- der Inflation noch einen Gewinn machen, theoretisch sogar bei einer Verdreifachung. Die unterschiedlichen Bewertungen der Lage sind also auf unterschiedliche Ziele und Interessen
- zurückzuführen. Nichts Persönliches, nur Business. Und genau so sind beide auch zu verstehen. Wenn man sich allerdings beide anhört, bekommt man ein einigermaßen glaubwürdiges Bild
- der tatsächlichen Lage. Zinsentscheidung der russischen Zentralbank am 11. September Am 11. September hat die russische Zentralbank
- den Leitzins bei 14 Prozent belassen, während das Eurosystem einen Tag zuvor um 0,25 Prozentpunkte erhöht hat. Viele Analysten haben die Entscheidung der russischen Zentralbank als restriktiv
- bezeichnet. Klar, formal endete oder zumindest pausierte sie damit den Lockerungszyklus, den die Notenbank seit anderthalb Jahren verfolgte. Aber das heißt noch lange nicht,
- dass die Geldpolitik in Russland restriktiv ist. Klar, Russland ist als Rohöllieferant von einer Verknappung von Rohöl auf dem Weltmarkt durch den Krieg am Persischen Golf anders betroffen
- als rohölimportierende Länder. Mit einer tatsächlichen Verknappung von Rohöl kann Russland kaum konfrontiert sein. Außerdem kann es die inländischen Preise durch unterschiedliche
- Dämpfungsinstrumente weitgehend von der Entwicklung der Weltmarktpreise abschotten. Russland verfügt über solche Mechanismen, und sie werden seit Jahren/Jahrzehnte
- eingesetzt. Steigende Weltmarktpreise führen deshalb vor allem zu höheren Einnahmen für die Ölunternehmen. Die Preise im Land bleiben weitgehend stabil. Deswegen ist der Vergleich
- mit dem Euroraum nur bedingt sinnvoll. Aber Russland hat ganz andere Probleme. Die Inflationsrate lag im August 2026 nach Angaben von Rosstat bei 6,33 Prozent und die
- Kerninflation bei 5,37 Prozent. Klingt zunächst nach wenig, aber über die Kriegsjahre akkumuliert sind die Preise selbst nach offiziellen russischen Angaben um rund 45 Prozent gestiegen. Was Anfang
- 2022 noch 100 Rubel gekostet hat, kostet heute also im Durchschnitt etwa 145 Rubel. Im Euroraum liegt der Preisanstieg im selben Zeitraum bei rund 19 Prozent. Ein
- großer Teil davon geht auf den Inflationsschub im Jahr 2022 zurück. In Russland liegt die Inflation dagegen seit Jahren deutlich über
- dem Inflationsziel. Und dieses Ziel liegt mit 4 Prozent bereits doppelt so hoch wie das Inflationsziel des Eurosystems von 2 Prozent. Das heißt: Die russische Geldpolitik hat es über
- Jahre nicht geschafft, die Inflation dauerhaft auf den Zielwert zurückzubringen. Jetzt hat sich die Situation laut Nabiullina wieder verschärft. Sie weist darauf hin, dass sich der zugrunde liegende
- Preisdruck seit der letzten Sitzung verstärkt hat. Sie führt das vor allem auf Zweitrundeneffekte der Kraftstoffkrise zurück. Noch vor einigen Wochen sprach sie von einem vorübergehenden,
- einmaligen Effekt. Davon spricht sie zwar immer noch, stellt aber gleichzeitig fest, dass sich die durch ukrainische Drohnenangriffe beschädigten Raffinerien doch nicht so schnell reparieren
- lassen und dass sich die Folgen inzwischen auf die Preise eines breiteren Spektrums von Waren und Dienstleistungen übertragen. Inwieweit man über Monate andauernde
- Angriffe noch als einmalig bezeichnen kann, sei dahingestellt. Was allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weder einmalig noch vorübergehend ist,
- ist das Loch in der russischen Staatskasse. Und dieses Problem sprach Nabiulina diesmal mehr als deutlich an. Sie ging sogar soweit und sagte Folgendes:
- „Jeder zusätzliche Rubel staatlicher Nachfrage oder staatlicher Stimulierung der Nachfrage, entfernt uns von einer Senkung des Leitzinses.“ Während Nabiullina versucht, die Nachfrage mit
- hohen Zinsen zu bremsen, tritt der Staat bei seinen Ausgaben immer stärker aufs Gaspedal. Schon im Januar lag das Defizit des föderalen Haushalts bei rund 1,7 Billionen Rubel. Nach
- den ersten drei Monaten waren es bereits 4,58 Billionen Rubel beziehungsweise 1,9 Prozent des BIP. Damit war nach nur einem Quartal schon mehr Defizit aufgelaufen, als
- ursprünglich für das gesamte Jahr vorgesehen war. Im ersten Halbjahr stieg das Minus auf 5,73 Billionen Rubel, im Juli sogar auf 6,46 Billionen Rubel beziehungsweise
- 2,8 Prozent des BIP. Ich erinnere Euch: Ursprünglich hatte das Finanzministerium für das gesamte Jahr lediglich 3,79 Billionen Rubel beziehungsweise 1,6 Prozent des BIP eingeplant.
- Erst im August entspannte sich die Lage etwas, weil erstens Einnahmen durch die jährliche Dividendenzahlungen von Staatsunternehmen geflossen sind und zweitens keiner mehr dem
- Staat Geld ausleihen wollte und der Staat sich gezwungen sah, die Ausgaben herunterzufahren. Der Verkauf russischer Staatsanleihen (OFZ) wurde aufgrund der geringen Nachfrage Ende Juli
- vorübergehend ausgesetzt. Mittlerweile wurde er zwar wieder aufgenommen, aber zu horrenden Zinsen und mit einer auffällig starken Beteiligung der großen russischen Banken. Bei der ersten großen
- Auktion nach der Pause kauften systemrelevante Banken mehr als 83 Prozent der angebotenen Anleihen. Im Juni waren es nur 41 Prozent. August hin oder her. Dieser einmaliger plus
- macht auch nicht den Brei. Das kumulierte Defizit ist für Russland weiterhin riesig und liegt deutlich über dem ursprünglichen Jahresplan. Der Haushalt für das nächste Jahr wurde noch nicht
- vorgestellt. Ich glaube nächste oder übernächste Woche werden wir mehr darüber erfahren. Ich will aber nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ein Haushaltsdefizit muss nicht
- automatisch inflationär sein. Viele westliche Länder haben ein deutlich höheres Defizit und eine deutlich geringere Inflation als Russland. Entscheidend ist,
- wofür der Staat das Geld ausgibt und wie das Defizit finanziert wird. Wenn der Staat das Geld aber in eine weitgehend geschlossene Wirtschaft pumpt,
- steigt die Nachfrage bei stark begrenzten Produktionskapazitäten. Also Nachfrage, die durch zusätzliches Angebot nicht befriedigt werden kann. Ein Anstieg der Nachfrage bei
- gleichbleibendem Angebot führt zu höheren Preisen. Das letzte ist so klar wie das Amen in der Kirche. Im russischen Fall werden Ressourcen vom zivilen Bereich in den militärischen umverteilt, was zu
- einem geringeren Angebot im zivilen Bereich führt. Und für die Preisentwicklung ist ausschließlich das zivile Angebot relevant. Das niedrigere Angebot in diesem Segment beschleunigt weiter
- die Preissteigerung. Deutliche Rückgänge bei den Exporten aufgrund ukrainischer Attacken führten zusätzlich zu einem Rückgang von Deviseneinnahmen, was eine Schwächung des Rubels verstärkt hat.
- Niedriger Rubel im Vergleich v.a. zum chinesischen Yuan verteuert die Importe und beschleunigt damit die Inflation noch stärker. Problem: Staatsdefizit
- Für die Zentralbank stellen der Krieg und das Verhalten der russischen Regierung eine unlösbare Aufgabe dar. Wenn sie den Geldhahn zudreht, die Regierung ihn aber öffnet, schadet das
- dem zivilen Bereich der Wirtschaft und hilft kaum dabei, die Inflation einzudämmen. Die Schleusen komplett zu öffnen, würde die Preise noch um ein Vielfaches schneller steigen lassen und damit den
- kompletten Kollaps beschleunigen. Der zivilen Industrie würde es aber nur bedingt helfen. Das Märchen, das einige Industrielle und Politiker in Russland erzählen, wonach eine Lockerung der
- Geldpolitik notwendig sei, um Investitionen anzukurbeln und damit neue Produktionskapazitäten zur Ausweitung des Angebots im Inland zu schaffen und infolgedessen die Preise mittelfristig nach
- unten zu drücken, ist natürlich Wunschdenken. Das Angebot im zivilen Bereich in Russland kann nicht allein durch einen niedrigen Leitzins erhöht werden, weil für Investitionen in die
- Ausweitung von Produktionskapazitäten einiges mehr benötigt wird als nur billiges Geld. Es müssen freie Arbeitskräfte vorhanden sein, was in Russland im Moment nicht der Fall ist.
- Es müssen Maschinen vorhanden sein, die zu einem akzeptablen Preis gekauft werden können, und als Mindestmaß muss man sich einigermaßen sicher sein, dass die neue Anlage, die man sich für viel Geld
- angeschafft hat, die neue Produktionshalle oder das neue Lagerhaus morgen nicht durch ukrainische Drohnen vernichtet wird. Und neue russische Gesetze, die das Eigentumsrecht weiter aushöhlen,
- sind für die Ausweitung von Produktionskapazitäten auch nicht besonders förderlich. Von physisch fehlendem Kraftstoff ganz zu schweigen. Die 25.000 nordkoreanischen Arbeiter,
- die mit Studentenvisa nach Russland kommen und keine Universität von innen gesehen haben, dafür aber Tag und Nacht Geran-2 in Tatarstan zusammenbauen, helfen der russischen Wirtschaft
- auch nur in der Theorie. Die Menge macht es und die ist nicht da. 25.000 zusätzliche Arbeitskräfte klingen nach viel, sind aber ein Witz. Laut SCEEUS, dem Stockholm Centre for Eastern European
- Studies, hat sich die Zahl der Beschäftigten im russischen militärisch-industriellen Komplex seit Kriegsbeginn auf 3,8 Millionen verfünffacht. Wenn man bedenkt, dass Russland Schätzungen zufolge
- seit Kriegsbeginn noch ca. 1,4 Millionen getötete oder verwundete Soldaten hat und ca. eine halbe Million qualifizierter Arbeitskräfte das Land verlassen haben, versteht man erst das Ausmaß des
- Arbeitskräfteentzugs in der zivilen Wirtschaft. 25.000 sind in Anbetracht dieser Zahlen nichts anderes als ein Tropfen auf den heißen Stein. Niedrigere Leitzinsen werden in keiner Weise
- die Investitionen im privaten Bereich erhöhen. Dafür wären eher andere, komplexe Maßnahmen nötig. Man müsste Rahmenbedingungen schaffen, die es in Russland nicht mehr gibt, falls es sie jemals gab.
- Und staatliche Ausgaben sind ohnehin schon der Haupttreiber der Inflation neben den Sanktionen. Es ist ausweglos. Es ist wie in einem Fall, in dem man sich in Richtung Abgrund bewegt, weiß,
- dass man sich in diese Richtung bewegt, aber keine Lust hat, dort hinunterzufallen, und deshalb immer wieder die gleichen Schleifen dreht, um den Weg dorthin zeitlich möglichst in die Länge zu ziehen.
- Das Kraftstoffproblem Die Lage mit Kraftstoffversorgung bleibt in Russland, wie es auch zu erwarten war, weiterhin angespannt. V. a. für
- Benzinfahrer ist die Lage dramatisch. Reuters berichtete Ende August, dass die russische Benzinproduktion nach neuen Drohnenangriffen auf Raffinerien zeitweise nur
- noch rund 70 Prozent des inländischen Bedarfs deckte. Im August lag die durchschnittliche Produktion bei etwa 90.000 Tonnen pro Tag, bei einem geschätzten Sommerbedarf von rund
- 115.000 Tonnen pro Tag. Gegen Monatsende fiel die Produktion zeitweise sogar auf etwa 80.000 Tonnen täglich. Russland versuchte die Lücke durch Importe, unter anderem aus Belarus und Asien,
- sowie durch Exportbeschränkungen zu verkleinern. Der Erfolg ist allerdings begrenzt. Und das ist auch logisch: Belarus ist ein kleines Land, hat ungefähr so viele Einwohner wie Moskau
- und nur zwei große Raffinerien. Es kann also weder den europäischen Teil Russlands versorgen noch die ausgefallenen russischen Raffineriekapazitäten vollständig ausgleichen.
- Im Juli 2026 lieferte Belarus laut Reuters rekordhohe Mengen nach Russland, nämlich etwa 212.000 Tonnen Benzin und 162.000 Tonnen Diesel in einem Monat. Bei einer täglichen Lücke von 35.000
- Tonnen würde das für etwa zehn Tage reichen. Was automatisch bedeutet, dass an 21 Tagen alle Autos, Lkw, Krankenwagen, Polizeifahrzeuge, öffentliche Verkehrsmittel, Traktoren usw. in der Garage
- bleiben müssten. Russland importiert zwar Sprit auch von Indien, Kazakstan und Maroko. Aber es reicht nicht und es ist sehr teuer. Die Knappheit ist regional sehr sichtbar.
- In vielen Regionen werden die Verkaufsmengen wieder begrenzt. Nach den wiederholten Angriffen auf die Raffinerie in Kirischi, zuletzt am 30. August, hat sich die Benzinversorgung in Sankt
- Petersburg deutlich verschärft. Seit Wochen ist Benzin in der Stadt schwer zu finden. Die Schlangen erstrecken sich über mehrere Kilometer. Diejenigen, die auf eine Besserung gehofft hatten,
- wurden am 17. September erneut enttäuscht. Die Raffinerie in Jaroslawl, die ebenfalls für die Versorgung des Nordwestens Russlands eine Rolle spielt, wurde angegriffen. Wie Reuters berichtet,
- wurde die Rohölverarbeitung in Jaroslawl gestoppt. Wann die Anlage wieder repariert und in Betrieb genommen werden kann, ist unklar. Auf dem Schwarzmarkt erreichen die Benzinpreise
- teilweise 600 Rubel. Das sind ca. 6 Euro pro Liter. Viele lassen ihre Benzinautos stehen und fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar nicht. Mit Diesel ist die Lage entspannter,
- aber der Preis ist ebenfalls deutlich gestiegen. Vom Jahresbeginn bis zum 7. September stiegen die Verbraucherpreise für Benzin laut Rosstat um 21,16 Prozent, für Diesel um
- 18,4 Prozent. Hier will ich allerdings ganz deutlich betonen, dass es ausschließlich um die Rosstat-Statistik geht, die sich auf die Preise an öffentlichen Tankstellen bezieht.
- Durch die Knappheit ist das Tanken in vielen Regionen inzwischen jeden Tag ein Roulettespiel. Man weiß nie, wann und ob man den Tank voll bekommt.
- Die Zentralbank spricht von vorübergehenden Problemen auf dem Kraftstoffmarkt, die durch Maßnahmen der Regierung spätestens bis Jahresende gelöst werden sollen. Aber wie
- realistisch ist diese Annahme? Erstens kann bis Jahresende noch viel Unheil passieren. Und zweitens können, wie ich bereits in einem meiner letzten Videos erwähnt habe,
- die Anlagen in den russischen Raffinerien nicht einfach ersetzt werden, weil es sich größtenteils um europäische und amerikanische Anlagen handelt, die aufgrund der Sanktionen nicht einfach neu
- gekauft und installiert werden können. Und je öfter dieselben Anlagen angegriffen werden, desto schwieriger wird es natürlich, sie zu flicken. Eine Verbesserung der Luftverteidigung ist das
- Einzige, was Russland aus diesem Schlamassel helfen würde, zumindest um das zu retten, was noch zu retten sein wird. Mit einem Horizont von einem halben Jahr ist eine
- Verbesserung sicher möglich, aber dazu kann man kaum seriöse Aussagen machen. Und wir wissen auch nicht, wie viele Kapazitäten die Ukraine Russland bis dahin überhaupt noch lässt.
- Trumps Aufruf an Selenskyj, die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien zu stoppen, um den Dieselpreis in den USA zu retten, ist so absurd und zynisch, dass ich ihn kaum
- kommentieren möchte. Aber ihn unkommentiert zu lassen, ist leider auch keine Option. Es gibt genug Leute, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, die diesen Aufruf für logisch
- und sinnvoll halten und hoffen, dass dadurch auch die Dieselpreise in Deutschland sinken werden. Erstens: Sowohl in den USA als auch in Deutschland beziehungsweise
- der EU gilt aufgrund der Sanktionen ein Verbot, russischen Diesel zu importieren. Also selbst wenn die Ukraine morgen sämtliche Angriffe auf russische Raffinerien einstellen würde, dürfte
- russischer Diesel weiterhin nicht in die USA oder nach Deutschland fließen. Klar kann Russland an andere Partner verkaufen, und damit bleiben die Weltmärkte trotz Sanktionen weiterhin versorgt.
- Der Sinn von Sanktionen war allerdings, Russland den Geldhahn abzudrehen und nicht, sich in Unschuld die Hände zu waschen und die eigenen Verbraucher an der Tanksäule
- stärker zur Kasse zu bitten. Aber sei es drum. Der zweite Punkt ist noch wichtiger. Man muss schon viel Zynismus im Blut haben, um eine Regierung, deren Bevölkerung
- jeden Tag durch russische Angriffe ihr Leben riskiert, ihr Zuhause verliert, immer wieder ohne Strom und Wasser auskommen muss und im Winter friert, dazu aufzufordern,
- russische Raffinerien nicht mehr anzugreifen, weil in den USA der Diesel zu teuer geworden ist. Vor allem dann, wenn man selbst mit seinem Krieg die doppelte Menge Diesel dem Weltmarkt entzogen hat.
- Vor dem Krieg exportierten die Golfstaaten rund 1,5 Millionen Barrel Diesel pro Tag. Russland kam Anfang 2026 auf ungefähr 800.000 Barrel pro Tag. Die ukrainischen Angriffe auf russische
- Raffinerien verschärfen natürlich die Knappheit auf dem Weltmarkt. Das bestreitet auch niemand. Aber so zu tun, als würde ausgerechnet die Ukraine den globalen Dieselmarkt ruinieren,
- während gleichzeitig wesentlich größere Mengen aufgrund des Krieges am Persischen Golf ausfallen, ist eine ziemlich bemerkenswerte Verdrehung der Größenordnungen.
- Und besonders zynisch wird es, wenn man der Ukraine sagt, welche Ziele sie beim Feind angreifen darf und welche nicht, ihr aber gleichzeitig nicht die notwendigen Raketen zur
- Verfügung stellt, um ihr eigenes Territorium zu schützen. Die Ukraine würde liebend gerne gar keine Ziele in Russland angreifen und auch nicht um amerikanische Raketen betteln,
- um sich zu schützen, wenn durch russische Raketen nicht täglich Zivilisten im eigenen Land sterben würden. Es macht ihr sicher keinen Spaß, und das weiß Trump. Er braucht aber einen Sündenbock. So
- schön, wie Putin sich die Wahlergebnisse hinbiegen kann, kann er noch nicht. Dazu scheint sein Sohn einen großzügigen Freund in Russland zu haben, dem er sicherlich auch gerne einen Gefallen
- bereitet. Das tut man ja unter Freunden. Für die Ukraine ist es allerdings eine schlechte Nachricht. Sie kann sich über Trumps Absurdität angesichts der Tatsachen kaum amüsieren.
- Digitaler Rubel Ein weiterer Blödsinn, den auch viele russlandkritische Analysten verbreiten, ist, dass die Einführung des
- digitalen Rubels Russland helfen wird, Sanktionen zu umgehen. Das ist ein absoluter Irrtum und hat mit der Realität rein gar nichts zu tun. Russland hat tatsächlich zum 1. September den
- digitalen Rubel eingeführt. Auf dem russischen YouTube gibt es nicht weniger YouTuber als im deutschen, die zahlreiche Verschwörungstheorien verbreiten und erzählen, wie der Staat sie durch
- die digitale Währung berauben wird. Wie der Staat sie durch den sinnlosen Krieg mit dem Nachbarland und die Inflation im Land beraubt, erzählen sie komischerweise nicht, obwohl der Diebstahl
- hier real und sogar durch eigene staatliche Behörden dokumentiert ist. Der Diebstahl durch den digitalen Rubel ist dagegen ein Hirngespinst. Aber trotzdem haben sich einige russlandkritische
- Analysten die Frage gestellt, warum der russische Staat jetzt den digitalen Rubel eingeführt hat, nach dem Motto: Der russische Staat tut nichts, was ihm nicht auf Kosten der Bevölkerung nutzt.
- Und sie entwickelten eine eigene Theorie, in der sie Kryptowerte mit digitalen Währungen einfach vermischt haben. Der digitale Rubel ist nichts anderes
- als eine Forderung gegenüber der russischen Zentralbank. Also im Prinzip dasselbe wie Bargeld, nur ohne Schein oder Münze. Wenn eine Person in Russland ihr Bankguthaben bei, sagen wir mal,
- Sber in digitale Rubel umwandelt, ändert sich nur, dass sie nun die Forderung nicht mehr gegenüber einer Geschäftsbank, sondern direkt gegenüber der Zentralbank hat, mehr nicht.
- Im internationalen Zahlungsverkehr tritt die russische Zentralbank als Emittentin des digitalen Rubels auf und ist als solche klar zu erkennen. Sanktionen gelten gegen einzelne russische Banken,
- die Zentralbank, Unternehmen usw., nicht aber gegenüber einer Währungsform. Wenn die russische Zentralbank Sanktionen unterliegt, dann gilt das für den analogen und den digitalen
- Rubel gleichermaßen. Der russische Rubel bleibt weiterhin der russische Rubel. Warum wurde er jetzt eingeführt? Jetzt ist kein bestimmter Zeitpunkt. Die russische Zentralbank
- arbeitet an diesem Projekt bereits seit mehreren Jahren. Ende 2021 stand der Prototyp, 2022 begannen die Tests und seit 2023 liefen reale Pilottransaktionen. Am 1. September
- 2026 begann schließlich die breite Einführung. Das korreliert mit den Sanktionen in keinster Weise. Für internationale Zahlungen wurden schon längst zahlreiche Umgehungswege wie SPFS, CIPS
- und bilaterale Lösungen aufgebaut. Der digitale Rubel kann natürlich, wie jede digitale Währung, die Zahlungsabwicklung effizienter machen. Aber auch hier gilt: Rubel ist Rubel, digital oder
- analog. Und wenn ein Land keine Rubel akzeptiert, dann wird es auch den digitalen Rubel nicht haben wollen. Also Effizienzsteigerungen sind möglich, aber es hat rein gar nichts mit Sanktionen zu tun.
- Auch im Inland ist unklar, welche Sanktionen umgangen werden sollen. Für Kartenzahlungen im Inland wurde nach der Krimannexion Mir implementiert, analog zu Mastercard oder Visa.
- Dieses System funktioniert einwandfrei. Nach Angaben der russischen Zentralbank wurden im 2. Quartal dieses Jahres 88,4 Prozent des Einzelhandelsumsatzes unbar abgewickelt,
- das allermeiste über Mir. Russland verfügt also längst über ein sehr stark digitalisiertes Zahlungssystem. Und ausländische Dienste, wie Apps im App Store oder Hotels auf Booking.com,
- kann man mit analogem und digitalem Rubel gleichermaßen schlecht bezahlen. Das Einzige, was die Zentralbank mit dem digitalen Rubel erreichen kann, ist auch das,
- was sie verspricht, nämlich: Effizienzsteigerungen und sinkende Kosten für Verbraucher und Handel. Was sich davon realisieren lässt, ist fraglich und hängt davon ab,
- wie das Angebot in Russland angenommen wird. Keine Kritik also an dieser Stelle von mir an die Zentralbank, dafür aber an Verschwörungstheoretiker, die eine ganze
- Menge Schwachsinn im Internet verbreiten. Falls euch das Video gefallen hat, gebt mir einen Daumen nach oben und abonniert den Kanal. Bis zum nächsten Mal, macht’s gut!
Zum Nachlesen
RusslandRussia: The Migration Dimension of the War in Ukraine . Brain Drain from Russia after February 24th 2022. In: Russian Analytical Digest (RAD)
KriegswirtschaftUnter Kriegswirtschaft oder Kriegsökonomie wird eine auf die Notwendigkeiten des Krieges ausgerichtete Wirtschaftsordnung einer Konfliktpartei verstanden, …
SberbankDie Sberbank ist überwiegend in staatlichem Besitz. Sie hält fast ein Drittel des Vermögens des russischen Bankensektors und den höchsten Anteil an Spareinlagen …
GeopolitikGeopolitik wird häufig als Synonym für das raumbezogene, außenpolitische Agieren von Großmächten im Rahmen einer Geostrategie bezeichnet.