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Wirtschaftswunder

Ursachen des Wirtschaftswunders · Marshallplan-Hilfen · Keynesianische Erklärung · Angebotstheoretischer Ansatz · Nachfragetheoretischer Ansatz · Spezifisch deutsche …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Ausgangslage
  2. 2. Verlauf des deutschen Wirtschaftswunders
  3. 3. Österreichisches Wirtschaftswunder
  4. 4. Erklärungen des Nachkriegsbooms
  5. 5. Rekonstruktion und Aufholen

Begriff und Ausgangslage

Als Wirtschaftswunder wird der unerwartet schnelle und nachhaltige Wirtschaftsaufschwung in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. In Österreich meint der Begriff den rapiden Aufschwung seit den 1950er Jahren. Die Prosperitätsphase der 1950er und 1960er Jahre war jedoch kein ausschließlich deutsches oder österreichisches Ereignis, sondern Teil eines gesamteuropäischen Nachkriegsbooms. Ihre Ursachen sind in der Volkswirtschaftslehre teilweise umstritten.

Die Ausgangslage Westdeutschlands war trotz der Kriegszerstörungen günstiger, als ein Blick auf die zerstörten Innenstädte vermuten lässt. Im Gebiet der späteren Bundesrepublik waren etwa 80 bis 85 Prozent der Produktionskapazitäten unzerstört geblieben; ihre Gesamtkapazität übertraf sogar die des letzten Friedensjahres 1938. Auch Straßen, Schienen und Schifffahrtswege waren vor allem an Brücken und wichtigen Knotenpunkten unterbrochen, konnten aber vergleichsweise schnell wiederhergestellt werden. Wiederaufbau und Aufräumarbeiten machten bereits bis 1948 deutliche Fortschritte.

Die Reichsmark war nach dem Krieg weitgehend entwertet. Am 21. Juni 1948 wurde sie in den drei westlichen Besatzungszonen durch die Deutsche Mark ersetzt. Die Währungsreform schuf die Voraussetzung für wirtschaftliche Konsolidierung und beendete Tauschhandel und Schwarzmarktwirtschaft praktisch über Nacht. Die westlichen Alliierten gingen schließlich vom anfänglichen Bestrafungs- und Demontagekurs zum Wiederaufbau über. Die Frankfurter Dokumente von 1948 bereiteten außerdem die Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 vor.

Verlauf des deutschen Wirtschaftswunders

Ende der 1940er Jahre begann in Westdeutschland ein dynamischer Aufschwung, der – abgesehen von einer Konjunkturdelle 1966 und 1967 – bis zur Ölpreiskrise 1973 anhielt. Nach der Währungsreform füllten sich die Warenregale zunächst mit Gütern zur Deckung der Grundbedürfnisse. Unternehmen konnten Investitionen anfangs nur begrenzt finanzieren; später ermöglichten steigende Gewinne eine weitgehend selbstfinanzierte Investitionstätigkeit.

Der Marshallplan stellte ab Ende 1947 Finanzmittel bereit, überwiegend Kredite und nur zu einem kleinen Teil Zuschüsse. Die Exporte profitierten von geringen Produktionskosten, dem Korea-Boom in den USA 1950/1951 und dem festen Wechselkurs von 4,20 DM zu 1 US-Dollar, der wie eine indirekte Exportsubvention wirkte. 1960 war der deutsche Export 4,5-mal so hoch wie 1950, während sich das Bruttosozialprodukt verdreifacht hatte. Der westdeutsche Anteil an den Weltexporten stieg von sechs auf zehn Prozent. Besonders Maschinen, Fahrzeuge und elektrotechnische Erzeugnisse konnten wieder international verkauft werden.

Das Realeinkommen einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie übertraf bereits 1950 das Vorkriegsniveau. 1955 wuchs die Wirtschaft real um 10,5 Prozent, die Reallöhne stiegen um 10 Prozent und der Kraftfahrzeugbestand um 19 Prozent. Die Fahrzeugproduktion verfünffachte sich zwischen 1950 und 1960. Der VW-Käfer wurde zu einem wichtigen Exportschlager.

Anfang der 1950er Jahre gab es noch über zwei Millionen Arbeitslose. Die aufstrebende Wirtschaft nahm jedoch bis Ende der 1950er Jahre rund acht Millionen Heimatvertriebene, 2,7 Millionen Zuwanderer aus der DDR und zwei Millionen weitere Arbeitslose auf. Wegen des zunehmenden Arbeitskräftemangels wurden ab 1955 Gastarbeiter angeworben. Der Anteil ausländischer Arbeitnehmer stieg von 0,4 Prozent 1955 auf 3,1 Prozent 1962. Seit den späten 1950er Jahren lag die Arbeitslosenquote unter zwei Prozent; nach heutigem Verständnis galt bereits bei etwa 4 bis 5 Prozent 1955/1956 Vollbeschäftigung.

Von 1952 bis 1960 stiegen die Investitionen um 120 Prozent, das Bruttosozialprodukt um 80 Prozent. Das Londoner Schuldenabkommen von 1953 halbierte annähernd die deutschen Altschulden und erleichterte den weiteren Aufstieg. 1954 hatte der Wohnungsbestand wieder den Umfang von 1938 erreicht, obwohl Experten nach dem Krieg mit 40 bis 50 Jahren Wiederaufbauzeit gerechnet hatten.

Von 1950 bis 1970 stiegen die Reallöhne auf das Zweieinhalbfache. Zugleich wandelte sich die Wirtschaftsstruktur: Der Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft sank von 21 Prozent 1949 auf unter 10 Prozent 1970. Industrie und später Dienstleistungen gewannen an Bedeutung. Ab den frühen 1960er Jahren ging der Investitionsboom zurück, weil die Nachfrage weitgehend befriedigt und der technische Rückstand aufgeholt war. Das Wachstum blieb bis 1973 dynamisch. Der Wohlstand, die Stabilität und der soziale Ausgleich trugen dazu bei, dass die Bevölkerung die zweite deutsche Demokratie akzeptierte.

Österreichisches Wirtschaftswunder

Österreichs Entwicklung verlief ähnlich wie die westdeutsche. Nach der Wiedereinführung des Österreichischen Schillings 1945 qualifizierte sich das Land 1947 für den Marshall-Plan. US-Hilfe ermöglichte den schnelleren Wiederaufbau und die Modernisierung angeschlagener Industrien. Von 1945 bis 1950 wurden wichtige Unternehmen wie Austria Metall AG, VÖEST und Steyr-Puch verstaatlicht und mit Steuermitteln sowie US-amerikanischen Investitionen wiederaufgebaut.

1952 wurde Reinhard Kamitz Finanzminister. Gemeinsam mit Bundeskanzler Julius Raab verfolgte er den „Raab-Kamitz-Kurs“, eine Politik der Sozialen Marktwirtschaft. Diese Wirtschaftsordnung war zunächst – ebenso wie in Westdeutschland – parteiübergreifend umstritten.

Industrie und Infrastruktur waren in Österreich im Zweiten Weltkrieg weniger stark beschädigt worden als in Deutschland. Sozialer Frieden förderte Investitionen. Deutsche Unternehmen gründeten zahlreiche Tochterfirmen, wodurch die Arbeitslosenquote auf unter 3 Prozent sank. Großprojekte wie das Speicherkraftwerk Kaprun und der Ausbau der Westautobahn zwischen Salzburg und Wien schufen zusätzliche Arbeitsplätze.

1949 entwickelten Ingenieure der VÖEST das Linz-Donawitz-Verfahren, das die Stahlproduktion weltweit revolutionierte. Steyr-Puch konstruierte 1959 und 1965 die Geländefahrzeuge Haflinger und Pinzgauer, die zu Exportschlagern wurden. Mitte der 1960er Jahre ließ die Dynamik nach; Krisen der verstaatlichten Unternehmen und ein schwächerer Anstieg der Kaufkraft traten auf.

Erklärungen des Nachkriegsbooms

Die Forschung erklärt den Nachkriegsboom mit mehreren Ansätzen. Weitgehend anerkannt ist, dass bis Ende der 1950er Jahre der Rekonstruktionseffekt und bis Anfang der 1970er Jahre der Aufholeffekt besonders wichtig waren.

Der Marshallplan erleichterte den Wiederaufbau Westeuropas und konnte ihn zeitweise beschleunigen, verursachte das Wirtschaftswunder aber nicht allein. Westdeutschland erhielt insgesamt 1,4 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich förderte die Einbindung in das von den USA dominierte westliche Wirtschaftssystem Deutschland und Japan, unter anderem durch Unterstützung ihrer Exportwirtschaft.

Die keynesianische Erklärung betont eine expansive Wirtschafts- und Geldpolitik zur Stabilisierung der Konjunktur, zur Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit und zur Auslastung der Produktionskapazitäten. Das Bretton-Woods-System liberalisierte den Außenhandel und stabilisierte das internationale Finanzsystem. Die exportorientierte westdeutsche Strategie war von diesem Umfeld abhängig; auch die Deutsche Bundesbank wurde durch Bretton Woods zu einer expansiven Geldpolitik gezwungen. Der Ansatz kann den langfristigen Aufschwung erklären, aber in reiner Form die unterschiedlichen Wachstumsraten zwischen USA und Großbritannien einerseits sowie Deutschland und Frankreich andererseits nicht vollständig erklären.

Der angebotstheoretische Ansatz sieht ein „flexibles Arbeitsangebot“ als entscheidend an. Es entstand durch den Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft, hohe Einwanderung und starkes Bevölkerungswachstum. Dadurch blieben die Löhne niedrig, Gewinne stiegen und ein investitionsgetriebener Aufschwung wurde möglich. Nach Barry Eichengreen spielten außerdem soziale Bündnisse sowie staatliche Lohn- und Preiskontrollen eine Rolle. Kritiker wenden ein, dass sinkende Löhne nach 1982 trotz einer vielfach unter dem Produktivitätswachstum liegenden Reallohnentwicklung keinen neuen Nachkriegsboom ausgelöst hätten.

Der nachfragetheoretische Ansatz erklärt das Wachstum durch Exportüberschüsse der aufholenden Länder, besonders Deutschlands und Japans, zulasten der USA und Großbritanniens. Der zunehmende Welthandel führte schließlich zu Ungleichgewichten, die zum Ende von Bretton Woods beitrugen. Die Dollarabwertung stärkte anschließend die Wettbewerbsfähigkeit der USA. Kostenreduktionen und Lohnzurückhaltung in mehreren Ländern sowie der Aufstieg ostasiatischer Volkswirtschaften verstärkten den internationalen Druck. Daraus entwickelte sich nach diesem Ansatz ein langer Abschwung beziehungsweise „long downturn“ infolge zunehmender Überproduktion oder säkularer Stagnation.

Rekonstruktion und Aufholen

Die spezifisch deutsche Erklärung von Herbert Giersch, Karl-Heinz Paqué und Holger Schmieding führt den Aufschwung vor allem auf die ordoliberale Ordnungspolitik zurück. Die Währungsreform habe eine marktwirtschaftliche Schocktherapie ausgelöst. Zurückhaltende Geld- und Fiskalpolitik, geringe Regulierung und hohe Unternehmensgewinne hätten die Expansion getragen. Höhere Steuern, stärkere Regulierung und steigende Kosten hätten das Wachstum ab den 1960er Jahren verlangsamt. Werner Abelshauser und Mark Spoerer widersprechen der Vorstellung einer deutschen Sonderentwicklung: Das französische Wachstum verlief trotz der interventionistischen Planification in den 1950er bis 1970er Jahren nahezu parallel zum deutschen. Daraus folgern sie, dass wirtschaftspolitische Systeme weniger entscheidend waren, solange Eigentumsrechte und ein Mindestmaß an Wettbewerb bestanden.

Die Rekonstruktionsthese von Franz Jánossy, Werner Abelshauser und Knut Borchardt betont, dass die Produktivität durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die Weltwirtschaftskrise weit unter dem möglichen Produktionspotenzial geblieben war. Ein großer Teil der industriellen Anlagen, qualifiziertes Humankapital und bewährte Organisationsmethoden blieben erhalten. Deshalb bestand nach 1945 ein besonders hohes Wachstumspotenzial. Der Grenzertrag des Kapitals war anfangs besonders hoch und sank, je näher die Wirtschaft ihrem langfristigen Wachstumstrend kam. Nach dieser These hatten Marshallplan und Währungsreform eine geringere Bedeutung als häufig angenommen: Der Rekonstruktionsprozess hatte bereits ein Jahr vor der Währungsreform mit stark steigender Produktion begonnen. Zwischen 1945 und 1960 wuchsen die stark vom Krieg betroffenen Länder Deutschland, Österreich, Italien, Japan, die Niederlande und Frankreich durchschnittlich um 7 bis 9 Prozent jährlich, während weniger betroffene oder neutrale Länder nur 3 bis 4 Prozent erreichten. Die Rekonstruktionsthese erklärt damit vor allem das hohe Wachstum der 1950er Jahre.

Die 1979 von Angus Maddison und Moses Abramovitz formulierte Aufholthese erklärt auch das Wachstum der 1960er Jahre. Die USA hatten bis 1950 einen deutlichen Produktivitätsvorsprung gegenüber Europa erreicht. Europäische Unternehmen konnten sich an amerikanischen Vorbildern orientieren und dadurch schneller wachsen. Nach Abschluss dieses Aufholprozesses Anfang der 1970er Jahre waren vergleichbare Wachstumsraten nicht mehr möglich. Deutschland besaß zusätzlich großes Potenzial durch die Verlagerung von Arbeitskräften aus der niedrigproduktiven Landwirtschaft in die Industrie: 1950 arbeiteten in Deutschland 24 Prozent, in Großbritannien dagegen nur 5 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. Nach Ludger Lindlar bietet die Aufholthese für 1950 bis 1973 eine schlüssige und empirisch gut gestützte Erklärung für das Produktivitätswachstum Westeuropas und Japans.

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