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Marshallplan

Der Marshallplan, offiziell European Recovery Program (ERP), war ein historisch bedeutendes Wirtschaftsförderungsprogramm der USA für den Wiederaufbau der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Zweck, Umfang und Ausgangslage
  2. 2. Entstehung und politische Einigung
  3. 3. Organisation, Hilfen und Gegenwertfonds
  4. 4. Besondere Fälle: Deutschland, Österreich und neutrale Staaten
  5. 5. Wirkungen und Bewertung

Zweck, Umfang und Ausgangslage

Der Marshallplan, offiziell European Recovery Program (ERP), war ein Wirtschaftsförderungsprogramm der USA für den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Von 1948 bis 1952 erhielten vor allem westeuropäische Staaten Hilfen von etwa 13,12 Milliarden US-Dollar, nach heutiger Kaufkraft rund 155,05 Milliarden Dollar. Deutschland und Österreich nahmen trotz ihrer vorherigen Rolle als Kriegsgegner teil; die BRD erhielt 1,41 Milliarden US-Dollar. Die Sowjetunion sowie mittel- und osteuropäische Staaten waren zunächst eingeladen, doch die Sowjetunion brach die Verhandlungen ab und untersagte den von ihr beeinflussten Staaten die Teilnahme.

Die Hilfe bestand überwiegend aus Krediten sowie Lieferungen von Rohstoffen, Lebensmitteln und Industriegütern. Sie sollte Hilfe zur Selbsthilfe sein: Empfängerländer mussten selbst beitragen, Handelshemmnisse abbauen, ihre Währung stabilisieren und mit anderen Staaten zusammenarbeiten. George C. Marshall, US-Außenminister von 1947 bis 1949, gab die Initiative; er erhielt 1953 dafür den Friedensnobelpreis.

Nach Kriegsende waren Deutschland und Österreich in vier Besatzungszonen geteilt. Zerstörte Städte und Infrastruktur, Wohnungs- und Lebensmittelmangel, Flüchtlinge, Demontagen von Industrieanlagen und Kohleausfuhren verschärften die Not. Schon 1946 lieferten die USA GARIOA-Hilfsgüter; im Hungerwinter 1946/47 brach die Versorgung vieler deutscher Städte dennoch zusammen. Die wachsenden Spannungen zwischen USA und Sowjetunion führten 1947 zur Bizone, die 1948 mit der französischen Zone zur Trizone erweitert wurde.

Auch andere westeuropäische Staaten waren wirtschaftlich und politisch belastet. Großbritannien war hoch bei den USA verschuldet und wirtschaftlich geschwächt. In Frankreich und Italien gewannen kommunistische Parteien in der Nachkriegsarmut an Zustimmung, während beide Länder politisch instabil waren. Die USA waren wirtschaftlich gestärkt, benötigten aber Absatzmärkte, weil Europa zwar Waren brauchte, jedoch kaum Dollarreserven hatte. Trumans Containment-Politik zielte darauf, sowjetischen Einfluss einzudämmen. Als Beginn des Kalten Krieges gilt häufig Trumans Rede vom 12. März 1947, in der er „freien Völkern“ Unterstützung zusagte; dies bezog sich besonders auf Griechenland und die Türkei.

Entstehung und politische Einigung

Ein Kurswechsel in der US-Deutschlandpolitik zeigte sich in James F. Byrnes’ Stuttgarter „Hoffnungsrede“ am 6. September 1946. Nach der ergebnislosen Außenministerkonferenz in Moskau vom 30. März bis 24. April 1947 beauftragte Marshall George F. Kennan mit Grundzügen eines Aufbauprogramms. Die USA wollten ihre westlichen Besatzungszonen gegen sowjetischen Einfluss sichern, sahen aber einen Konflikt: Deutschland und Österreich sollten wirtschaftlich aufgebaut werden, zugleich hemmten Industriebeschränkungen, Reparationen und Rohstoffexporte den Wiederaufbau. Frankreich bestand besonders auf Entschädigungen.

Am 5. Juni 1947 schlug Marshall in einer etwa zehnminütigen Rede an der Harvard University ein Programm für alle europäischen Staaten vor. Er betonte, die wirtschaftliche Desorganisation Europas sei folgenreicher als die sichtbaren Zerstörungen. Gestörte Handelsbeziehungen und die nicht mehr funktionierende Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land hätten eine Versorgungskrise ausgelöst. Die Hilfe richte sich nach Marshall nicht gegen ein Land oder eine Anschauung, sondern gegen „Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos“. Europa sollte sein gemeinsames Programm selbst erarbeiten; die USA wollten es unterstützen, wenn es ausführbar sei.

Bei der Pariser Konferenz vom 27. Juni bis 2. Juli 1947 verließ der sowjetische Außenminister Molotow die Verhandlungen. Er begründete dies mit einer Einmischung der USA in innere Angelegenheiten. Die Sowjetunion setzte stattdessen im Juli 1947 den Molotow-Plan, später das Kominform und im Januar 1949 den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) entgegen. Staaten wie Bulgarien, die Tschechoslowakei, Polen und Ungarn hatten Interesse gezeigt, wurden aber nicht beteiligt.

Ab dem 12. Juli 1947 berieten Vertreter von 16 Staaten in Paris, darunter Frankreich, Großbritannien, die Benelux-Staaten, die westlichen deutschen Besatzungszonen und Österreich. Bedingungen der USA waren gegenseitige Unterstützung, Eigenleistung, Liberalisierung des innereuropäischen Handels, Währungskonvertibilität und eine supranationale Institution. Die Verhandlungen waren schwierig; Ende August beliefen sich europäische Erwartungen auf 29 Milliarden Dollar, ohne konkrete eigene Leistungen. Nach US-Druck unterzeichneten die Staaten am 22. September 1947 einen Vertrag. Der US-Kongress verabschiedete den Plan am 3. April 1948, und Präsident Harry S. Truman setzte ihn am selben Tag in Kraft. Vorgesehen waren insgesamt 17 Milliarden Dollar; die Hilfen mussten jährlich neu bewilligt werden.

Die Forschung nennt mehrere, nicht eindeutig gewichtete US-Motive: Europas Wirtschaftskrise, frühere unzureichende Hilfsprogramme, freier Handel und Europa als Exportmarkt, kommunistische Wahlerfolge, die Not in den Besatzungszonen, die Ruhrfrage, die Hilfe für Griechenland und die Türkei sowie Großbritanniens Schwäche.

Organisation, Hilfen und Gegenwertfonds

Die Economic Cooperation Administration (ECA) organisierte die Hilfen auf US-Seite. Sie wurde bis 1950 von Paul G. Hoffmann geleitet, beschäftigte zeitweise bis zu 7000 Personen und unterhielt Büros in allen Empfängerländern. Diese koordinierten und überwachten die Mittelverwendung; mit jedem Land bestanden bilaterale Vereinbarungen.

Die 16 europäischen Teilnehmer gründeten am 16. April 1948 in Paris die OEEC, den Vorläufer der OECD. Sie sammelte Wirtschaftsdaten, entwickelte einen vierjährigen Plan mit Produktions- und Investitionszielen und schlug die Verteilung und Verwendung der Gelder vor. Die endgültige Entscheidung behielten jedoch USA und Kongress. Die OEEC sollte außerdem Handelsbeschränkungen und Hindernisse im Zahlungsverkehr abbauen. 1950 entstand die Europäische Zahlungsunion (EPU) mit festen Wechselkursen zwischen europäischen Währungen.

Über die Gesamthöhe gibt es unterschiedliche Angaben: Sie reichen von 10,3 bis 13,9 Milliarden US-Dollar. Gründe sind verschiedene Enddaten des Plans — 31. Dezember 1951, 30. Juni 1952 oder 31. Dezember 1952 — sowie die unterschiedliche Einbeziehung anderer US-Programme wie GARIOA oder MSA. Nach der genannten Tabelle für 1948 bis 1952 betrugen die ECA/MSA-Zuteilungen 13.908,9 Millionen Dollar. Die größten Anteile gingen an das Vereinigte Königreich mit 3.442,8 Millionen Dollar beziehungsweise 24,75 %, Frankreich mit 2.806,3 Millionen beziehungsweise 20,18 %, Italien mit 1.515 Millionen beziehungsweise 10,89 % und Deutschland mit 1.412,8 Millionen beziehungsweise 10,16 %.

90 % der Mittel waren Zuschüsse für Warenimporte aus den USA. Die Empfängerstaaten verkauften diese Waren meist zu Marktpreisen und zahlten den Gegenwert in eigener Währung in Counterpart Funds ein. Diese Gegenwertfonds waren Sondervermögen für den nationalen Wiederaufbau; die ECA musste ihre Verwendung genehmigen. Damit wurden vor allem Industrie und Infrastruktur finanziert. Großbritannien und Norwegen verwendeten sie dagegen vor allem zur Verringerung der Staatsschulden. Insgesamt umfassten die Counterpart Funds von 1948 bis 1952 8.651 Millionen Dollar; davon gingen 29 % in öffentliche Schulden, 16 % in andere Industrie und 12 % in Elektrizität.

Bei den Warenlieferungen 1948–1951 machten Lebensmittel, Futter und Düngemittel insgesamt 26 % aus, andere Rohstoffe 15 %, Öl/Kohle 13 % und Maschinen/Fahrzeuge 12 %. In der BRD entfielen 43 % auf Lebensmittel, Futter und Düngemittel, 19 % auf rohe Baumwolle und nur 3 % auf Maschinen/Fahrzeuge.

Öffentlichkeitsarbeit war Teil des Programms: Schilder, Plakate, Ausstellungen, Filme und eine mobile Zugausstellung in der Bundesrepublik wiesen auf die Hilfe hin. Amerika-Häuser vermittelten US-Kultur und Demokratieverständnis. Technische Unterstützung sollte die Produktivität steigern. Bis Ende 1951 waren mehr als 30 Millionen Dollar ausgegeben worden; über 6.000 europäische Vertreter von Management, Technik und Arbeit hatten US-Produktionsmethoden studiert.

Besondere Fälle: Deutschland, Österreich und neutrale Staaten

In Westdeutschland begann die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) am 16. Dezember 1948 in Frankfurt am Main. Die Hilfen kamen vor allem als Nahrung, Treibstoff und Medikamente. Der Verkaufserlös floss an die KfW und wurde für Kredite eingesetzt; Deutschland trug die von den USA zunächst finanzierten Dollar-Schulden für die Importe. Von den rund 1,4 Milliarden Dollar wurden bis 1966 etwa 1 Milliarde über den Bundeshaushalt zurückgezahlt, der Rest wurde erlassen. Die KfW-Bankengruppe verwaltet im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums heute ein ERP-Sondervermögen von zwölf Milliarden Euro.

Österreich war der einzige teils sowjetisch besetzte Staat mit Marshallplan-Hilfe. Das Abkommen mit den USA wurde am 2. Juli 1948 geschlossen. Österreich erhielt Sachgüter als Grants, also Geschenke, und sollte dafür den Schilling stabilisieren sowie einen möglichst ausgeglichenen Staatshaushalt halten. Lieferungen bis 1953 hatten einen Wert von ungefähr einer Milliarde Dollar. Das Counterpart-Konto mit 11,2 Milliarden Schilling wurde am 1. Juli 1962 an Österreich übergeben. Der daraus entstandene ERP-Fonds wird seit 2002 von der Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft (aws) verwaltet. Die vergleichsweise hohe Förderung wurde mit der schwachen Industrialisierung vor dem Krieg, der wirtschaftlichen Ausbeutung der sowjetischen Zone und der Propagandawirkung im Kalten Krieg begründet.

Finnland verzichtete wegen seiner blockfernen Neutralität und der Rücksicht auf die Sowjetunion. Spanien wurde wegen des Franco-Regimes abgelehnt, erhielt aber gegen Ende der 1950er Jahre Hilfe aus einem OEEC-Sonderfonds. Jugoslawien nahm nach dem Bruch mit der Sowjetunion 1948 verspätet teil. Die Schweiz war zwar ab 1948 Mitglied der OEEC/OECD, erhielt wegen eines fehlenden bilateralen Abkommens zunächst keine Hilfen. Nach Gründung der EPU nahm sie ab September 1950 vermutlich Kredite in Anspruch; für 1950/51 werden etwa 250 Millionen US-Dollar genannt.

Wirkungen und Bewertung

Die Forschung bewertet den wirtschaftlichen Anteil des Marshallplans unterschiedlich. Als Zielerreichung galt er als erfolgreich: 1951 lagen Produktivität von Industrie und Landwirtschaft in Europa deutlich über dem Vorkriegsniveau von 1938. Das Handelsbilanzdefizit gegenüber den USA hatte sich 1952 gegenüber 1948 halbiert, und Handelshemmnisse waren stark reduziert worden.

Unstrittig ist die schnelle wirtschaftliche Erholung Europas, strittig dagegen ihr genauer Zusammenhang mit dem ERP. Barry Eichengreen berechnete für 1948 bis 1951 einen jährlichen BIP-Zuwachs durch ERP-Mittel von durchschnittlich 0,5 %; insgesamt seien dies weniger als 3 % des Nationaleinkommens der 16 geförderten Staaten. Werner Abelshauser betont, die Erholung in der Westzone habe nach der Währungsreform weitgehend ohne Marshallplanmittel begonnen; der Plan habe sie unterstützt, aber nicht ausgelöst. Andere Forscher sehen einen entscheidenden Einfluss auf die westdeutsche und europäische Entwicklung. Weitgehend anerkannt sind die positiven Folgen von Handelsliberalisierung, stabileren Währungen und der Überwindung des „Dollar Gap“, also des Mangels an US-Dollar für notwendige Importe. Ob dies auch ohne Marshallplan gelungen wäre, bleibt offen.

Politisch trug der Plan zur Blockbildung der Containment-Politik und zur Anerkennung der US-Führungsrolle in Westeuropa bei. Umstritten ist, ob das Hilfsangebot an die UdSSR ernst gemeint war und ob der Plan sowjetische Expansion zurückdrängte oder Europas und Deutschlands Teilung mit herbeiführte. Für die spätere Bundesrepublik war die Einbindung in die OEEC wichtig: Sie band Westdeutschland an die USA, machte es wieder zum Verhandlungs- und Handelspartner und erleichterte die Rückkehr auf die internationale Bühne. Der Marshallplan gilt außerdem als erster Schritt europäischer Integration; etwa Montanunion und EPU knüpften an OEEC-Ideen an.

In der westdeutschen Bevölkerung war der Plan sehr beliebt und wurde von allen Parteien außer der KPD begrüßt. Seine Öffentlichkeitswirkung, verbunden mit Währungsreform, Berlin-Blockade und Kaltem Krieg, verbesserte nach der Forschung das Bild der USA als Helfer. In osteuropäischen Ländern stieß die erzwungene Ablehnung bei Teilen der Bevölkerung auf Unverständnis und verdeutlichte deren Abhängigkeit von der Sowjetunion.

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