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Ludwig Erhard

Erhard wird häufig als Vater des „deutschen Wirtschaftswunders“ angesehen; sein tatsächlicher Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung ist allerdings umstritten.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und wirtschaftspolitisches Konzept
  2. 2. Ausbildung und Tätigkeit bis 1945
  3. 3. Erhard in der NS-Zeit
  4. 4. Weg zum Wirtschaftsminister und politische Entscheidungen
  5. 5. Kanzlerschaft, spätere Jahre und Erinnerung

Bedeutung und wirtschaftspolitisches Konzept

Ludwig Wilhelm Erhard (4. Februar 1897–5. Mai 1977) war ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Politiker. Von 1949 bis 1963 war er Bundesminister für Wirtschaft, von 1957 bis 1963 zusätzlich Vizekanzler und von 1963 bis 1966 der zweite Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Von 1966 bis 1967 war er außerdem CDU-Bundesvorsitzender. Er gehörte zunächst keiner Partei an und war später politisch eng mit der CDU verbunden.

Erhard gilt häufig als „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ und als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik. Sein tatsächlicher Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung ist jedoch umstritten. Die Soziale Marktwirtschaft verbindet Wettbewerb und freie Preisbildung mit einem staatlichen Ordnungsrahmen und sozialen Ausgleich. Erhard stand zugleich dem Ordoliberalismus nahe. Nach diesem Konzept soll der Staat die Regeln für freien Wettbewerb schaffen und die Freiheit der Wirtschaftsteilnehmer schützen.

Zu Erhards wichtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen gehörten die schrittweise Aufhebung von Zwangsbewirtschaftung und Preisbindungen nach der Währungsreform von 1948, die Neuordnung des Kartellrechts durch das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen von 1957, das Bundesbankgesetz von 1957 und die Privatisierung staatlicher Unternehmen. Bei der Privatisierung von Preussag AG (1959), Volkswagen AG (1960) und VEBA (1965) konnten Bürger Anteile als Volksaktien erwerben. Damit sollte die Vermögensbildung gefördert werden. Erhard setzte sich außerdem für die Liberalisierung des Außenhandels und die Konvertierbarkeit internationaler Währungen ein.

Seine Vorstellungen erläuterte er besonders in dem populären Buch Wohlstand für Alle (1957). Von Alfred Müller-Armack übernahm die Soziale Marktwirtschaft zwar grundsätzlich Bedeutung für die Politik der jungen Bundesrepublik, Erhards Verständnis unterschied sich jedoch erheblich von Müller-Armacks Konzeption.

Ausbildung und Tätigkeit bis 1945

Erhard wurde in Fürth als zweites von vier Kindern eines Textilhändlers geboren. Nach einer Erkrankung an spinaler Kinderlähmung im Alter von zwei Jahren behielt er einen deformierten Fuß. Er besuchte die Volks- und Realschule und schloss im Frühjahr 1916 eine kaufmännische Lehre als Einzelhandelskaufmann ab.

Im Ersten Weltkrieg diente er in der Bayerischen Armee, 1916/17 in Rumänien und 1918 an der Westfront. Ende September 1918 wurde er bei Ypern durch eine Handgranate schwer verwundet und erst nach sieben Operationen wiederhergestellt. 1919 schied er als Unteroffizier und Offiziersaspirant aus der Armee aus.

Von 1919 bis 1922 studierte Erhard ohne Abitur an der Handelshochschule Nürnberg und erwarb den Abschluss als Diplom-Kaufmann. Anschließend studierte er Betriebswirtschaftslehre und Soziologie an der Universität Frankfurt. Im Dezember 1925 promovierte er bei Franz Oppenheimer zum Dr. rer. pol. über „Wesen und Inhalt der Werteinheit“. Seine Dissertation behandelte die volkswirtschaftliche Bedeutung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und erhielt die Note „Gut“.

Von 1925 bis 1928 arbeitete Erhard im elterlichen Betrieb, der in Konkurs ging. Danach wurde er Assistent am Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware in Nürnberg. Vor 1933 veröffentlichte er wirtschaftspolitische Beiträge gegen Nationalsozialismus und radikale Rechte. Er kritisierte Kartelle und Monopole, forderte eine stärkere Verbrauchsgüterproduktion und trat für eine Wettbewerbswirtschaft und freie Marktpreisbildung statt Protektionismus ein.

Ab 1933 arbeitete Erhard in der Gesellschaft für Konsumforschung und als Redakteur mehrerer Institutszeitschriften. 1935 organisierte er den ersten deutschen Marketing-Lehrgang, den „Absatzwirtschaftlichen Kurs“. Seine akademische Karriere blieb begrenzt: 1939 wurde seine Ernennung zum Honorarprofessor abgelehnt, und auch seine Habilitation scheiterte. Als Gründe wurden zu wenige Fachveröffentlichungen und die unzureichende wissenschaftliche Qualität seiner Habilitationsschrift genannt.

Erhard in der NS-Zeit

Erhards Verhalten während der NS-Zeit wird unterschiedlich bewertet. Ab 1933 äußerte er sich teilweise positiv über die nationalsozialistische Zwangskartellierung. 1942 musste er die Handelshochschule Nürnberg nach einem Konflikt um die Institutsleitung verlassen. Im Herbst 1942 gründete er mit finanzieller Unterstützung der Reichsgruppe Industrie das Institut für Industrieforschung.

Dort arbeitete er an der wirtschaftlichen Nachkriegsplanung. In der Denkschrift Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung von 1944 empfahl er unter anderem einen Währungsschnitt. Er ging dabei davon aus, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. 1944 verlegte er sein Institut nach Bayreuth, wo er das Kriegsende erlebte. Während des Krieges beriet er außerdem zur wirtschaftlichen Integration der annektierten Gebiete Österreich, Polen und Lothringen. Im Januar 1943 erhielt er für seine Beratertätigkeit das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse.

Die Beurteilungen dieser Tätigkeit widersprechen sich. Werner Abelshauser zufolge erstellte Erhard Gutachten für Regierungsstellen des NS-Staats, auch zur Ausbeutung des besetzten Polen. Er habe sich allerdings gegen die Diskriminierung polnischer Arbeiter gewandt, weil diese ihre Leistungsbereitschaft schwächen würde. Ulrike Herrmann bewertet Erhards Tätigkeit deutlich negativer und meint, er habe der NS-Herrschaft engagiert und willig gedient und von der Judenverfolgung profitieren wollen. Dieser Einschätzung widersprachen Thomas Mayer, Otmar Issing und Daniel Koerfer. Nach Koerfer war Erhard kein Widerstandskämpfer, sondern eher politisch naiv. Die Frage, ob ein 1944 an Carl Friedrich Goerdeler gesandtes Exemplar seiner Denkschrift diesen erreichte, ist umstritten.

Weg zum Wirtschaftsminister und politische Entscheidungen

Nach dem Krieg wurde Erhard rasch in wirtschaftspolitische Ämter berufen. 1945 war er zunächst Wirtschaftsreferent in Fürth und wurde im Oktober desselben Jahres Bayerischer Staatsminister für Handel und Gewerbe. 1947 leitete er die Sonderstelle Geld und Kredit der Bizone und war an der Vorbereitung der Währungsreform beteiligt. Am 2. März 1948 wurde er Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes.

Am 20. Juni 1948 trat die Währungsreform in Kraft. Einen Tag zuvor ließ Erhard über den Rundfunk verkünden, dass Zwangsbewirtschaftung und Preisbindungen für einen ersten Bereich industrieller Fertigprodukte aufgehoben würden. Die Lebenshaltungskosten stiegen in den ersten vier Monaten danach um 14 Prozent; einzelne Preise erhöhten sich bis zu 200 Prozent, bei Eiern bis zu 2000 Prozent. Die Lohnquote sank nach Berechnungen des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften von 83 Prozent im Juni 1948 auf 45 Prozent im Dezember. Am 12. November 1948 kam es zu einem Generalstreik mit einer Beteiligung von etwa 79 Prozent. Zugleich wurden zuvor gehortete oder nur auf dem Schwarzmarkt angebotene Waren wieder regulär verkauft. Erst ab 1949 gingen die überhöhten Preise langsam zurück. Die Arbeitslosenquote stieg von drei Prozent zur Währungsreform auf über zwölf Prozent im März 1950.

Erhards wirtschaftspolitische Vorstellungen wurden 1948 in den Düsseldorfer Leitsätzen der CDU aufgenommen. Dadurch wurden CDU und Soziale Marktwirtschaft eng miteinander verbunden. Nach der Bundestagswahl 1949 wurde Erhard am 20. September Bundesminister für Wirtschaft. Von 1949 bis 1977 gehörte er dem Deutschen Bundestag an, zunächst als direkt gewählter CDU-Abgeordneter des Wahlkreises Ulm, 1972 und 1976 über die Landesliste Baden-Württemberg. 1957 wurde er Vizekanzler.

Konflikte mit Bundeskanzler Konrad Adenauer gab es besonders über die Rentenreform von 1957, deren Umlageverfahren Erhard für nicht zukunftsfähig hielt. Auch die europäische Integration beurteilte er skeptisch und bevorzugte eine Freihandelszone. 1959 lehnte er Adenauers Vorschlag ab, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren.

Kanzlerschaft, spätere Jahre und Erinnerung

Nach Adenauers Rücktritt am 15. Oktober 1963 wurde Erhard am folgenden Tag zum Bundeskanzler gewählt. Er setzte außenpolitisch stärker auf die Vereinigten Staaten als auf Frankreich. 1965 nahm die Bundesrepublik unter seiner Regierung diplomatische Beziehungen zu Israel auf; daraufhin brachen mehrere arabische Staaten ihre Beziehungen zur Bundesrepublik ab. In seiner ersten Amtszeit wurde außerdem die Stiftung Warentest gegründet. Bei der Bundestagswahl am 19. September 1965 errang die Union unter seiner Führung einen ihrer bis dahin größten Wahlerfolge.

Erhards politische Stellung verschlechterte sich jedoch. 1966 setzte eine zweite wirtschaftliche Rezession ein, begleitet von steigender Arbeitslosigkeit. Hinzu kamen Konflikte über das Devisenausgleichsabkommen mit den USA, den Bundeshaushalt und seine Führung der CDU. Am 23. März 1966 wurde Erhard CDU-Vorsitzender. Nachdem die FDP-Minister am 27. Oktober 1966 aus der Regierung zurückgetreten waren, bildete er eine Minderheitsregierung aus CDU und CSU. Er erklärte am 3. November seine Rücktrittsbereitschaft und trat am 30. November 1966 zurück. Am folgenden Tag wurde Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler gewählt.

Erhard blieb bis zu seinem Tod Bundestagsabgeordneter und war 1972 und 1976 Alterspräsident. 1967 gründete er die Ludwig-Erhard-Stiftung. Er lebte seit 1953 in Gmund am Tegernsee, war seit 1923 mit Luise Schuster verheiratet und starb am 5. Mai 1977 in Bonn an Herzversagen.

Seine formale CDU-Mitgliedschaft ist nicht abschließend geklärt. Einer Darstellung zufolge trat er 1966 bei, wobei das Datum auf 1963 zurückdatiert wurde; andere Quellen gehen davon aus, dass er nie regulär Mitglied war. Eine weitere Forschung vertritt, Erhard sei erst 1968 Mitglied geworden, sein Parteibuch sei jedoch auf 1949 zurückdatiert worden.

In der Rezeption gilt Erhard vielen als Gestalter des Wirtschaftswunders, während Historiker den Aufschwung auch mit längerfristigen Entwicklungen der deutschen Wirtschaft erklären. Seine Kanzlerschaft wird häufig als glücklos bewertet; als Gründe gelten unter anderem mangelnde Durchsetzungsfähigkeit und ein kollegialer Führungsstil. Erhards Name lebt in Stiftungen, Preisen, Schulen, Straßen und anderen Einrichtungen fort. Das 2018 eröffnete Ludwig-Erhard-Zentrum in Fürth umfasst sein Geburtshaus, einen Neubau und eine Dauerausstellung auf 1400 Quadratmetern.

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