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Hans-Ulrich Wehler
Hans-Ulrich Wehler (* 11. September 1931 in Freudenberg; † 5. Juli 2014 in Bielefeld) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer, 1970 bis 1971 als …
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Bedeutung und historische Einordnung
Hans-Ulrich Wehler (11. September 1931–5. Juli 2014) war ein deutscher Historiker und Hochschullehrer. Er prägte die deutsche Geschichtswissenschaft besonders durch die Verbindung von Sozialgeschichte und Modernisierungstheorie. Seine fünfbändige Deutsche Gesellschaftsgeschichte, die den Zeitraum von etwa 1700 bis 1990 behandelt, gilt als Standardwerk der deutschen Geschichtsschreibung. Wehler zählt zu den einflussreichsten deutschen Historikern seiner Zeit.
Im Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Ansatzes standen nicht in erster Linie einzelne Ereignisse oder die Entscheidungen bedeutender Personen, sondern langfristige Strukturen und Prozesse. Dazu gehörten insbesondere demografische Entwicklungen, Wirtschaft, soziale Ungleichheit, politische Herrschaft und Kultur. Geschichte sollte dadurch mit Fragestellungen und Methoden der Soziologie, der Wirtschaftswissenschaften und teilweise auch der Psychoanalyse verbunden werden. Diese Richtung bezeichnete sich an der Universität Bielefeld als Historische Sozialwissenschaft.
Leben und akademische Laufbahn
Wehler wurde in Freudenberg geboren und wuchs ab 1933 in Gummersbach auf. Wegen der Kriegseinwirkungen legte er im März 1952 am Gymnasium Moltkestraße das Abitur ab. Anschließend studierte er Geschichte, Soziologie, Ökonomie und Amerikanistik an der Universität zu Köln. Von 1952 bis 1953 war er Austauschstudent an der Ohio University in Athens, Ohio, mit einem Fulbright-Stipendium. Im Wintersemester 1953/54 studierte er an der Universität Bonn und setzte sein Studium anschließend in Köln fort.
1960 wurde Wehler bei Theodor Schieder mit der Arbeit Sozialdemokratie und Nationalstaat (1840–1914) promoviert. Danach arbeitete er als Assistent am Historischen Seminar in Köln. Seine erste Habilitationsschrift Aufstieg des amerikanischen Imperialismus 1865–1900 wurde 1964 von der Universität Köln als „nicht hinreichende historische Leistung“ abgelehnt. Auch die zweite Arbeit Bismarck und der Imperialismus stieß zunächst auf starken Widerstand. Nach einem Kolloquium über Clausewitz und die Entwicklung vom absoluten zum totalen Krieg wurde die Habilitation 1968 in einer knappen Abstimmung angenommen.
1970 wurde Wehler Professor für amerikanische Geschichte an der Freien Universität Berlin. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1996 war er Professor für Allgemeine Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Bielefeld. Dort gehörte er zu den Begründern der sogenannten Bielefelder Schule. Außerdem lehrte er als Gastprofessor in Harvard, Princeton, Stanford, Yale und Bern. Zu seinen akademischen Schülern gehörten unter anderem Hanna Schissler, Paul Nolte, Christina von Hodenberg, Svenja Goltermann und Cornelius Torp.
Bielefelder Schule und zentrale Werke
Die Bielefelder Schule verstand sich als Vertreterin einer historisch-sozialwissenschaftlichen Geschichtsschreibung mit einem umfassenden methodischen Anspruch. Wehler forderte, die klassische Politikgeschichte für sozialwissenschaftliche Fragestellungen zu öffnen. Strukturen und Prozesse erschienen ihm wichtiger als einzelne politische Entscheidungen. Theoretisch orientierte er sich vor allem an Max Weber. Von Weber übernahm er insbesondere Fragestellungen und Grundkonzepte, nicht einfach dessen konkrete Ergebnisse.
Wehler verband die Moderne mit einem Prozess der Rationalisierung, Bürokratisierung und Individualisierung. Diese Entwicklung sollte in der Geschichte untersucht und zeitlich wie gesellschaftlich eingeordnet werden. 1975 war er maßgeblich an der Gründung der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft beteiligt, die als Publikations- und Diskussionsorgan der Historischen Sozialwissenschaft diente.
Besonders einflussreich war Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918 von 1973. Darin setzte Wehler seinen strukturgeschichtlichen Ansatz konsequent um und hob sozioökonomische Prozesse hervor. Eine wichtige Rolle spielte die Sonderwegsthese, nach der die deutsche Entwicklung in bestimmten Punkten einen besonderen Weg genommen habe. Obwohl diese These in wichtigen Details inzwischen als widerlegt gilt, löste sie einen internationalen Forschungsboom zum Deutschen Kaiserreich aus und prägte das deutsche Geschichtsbewusstsein nachhaltig.
Die Deutsche Gesellschaftsgeschichte erschien in fünf Bänden von 1987 bis 2008. Sie untersucht die deutsche Geschichte seit etwa 1700 und folgt in allen Bänden einem einheitlichen Schema: Zunächst werden Demografie und Bevölkerungsentwicklung behandelt, danach Wirtschaft, soziale Ungleichheit, politische Herrschaft sowie Kultur. Wehler zielte damit auf eine Art „histoire totale“, also eine möglichst umfassende Darstellung gesellschaftlicher Entwicklung. Der fünfte Band behandelt die Bundesrepublik Deutschland und die DDR von 1949 bis 1990.
Das Werk wurde als Standardwerk anerkannt, aber auch kritisiert. Um den Erfolg des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers zu erklären, verwendete Wehler ein an Max Weber angelehntes Charismakonzept. Seine Deutung der DDR mit Webers Herrschaftstypus des „Sultanismus“ kritisierte Konrad Jarausch als begrifflich unzureichend. Michael Stolleis beanstandete ebenfalls die Verwendung dieses Begriffs und die scharfe Bewertung der DDR. In den 1980er Jahren wurde Wehlers Perspektive zunächst zu einem einflussreichen Paradigma. Später griffen jüngere Historiker aus der Alltagsgeschichte und der neuen Kulturgeschichte die sogenannte „Bielefelder Orthodoxie“ an.
Beiträge zu öffentlichen Debatten
Wehler beteiligte sich wiederholt an historisch-politischen Auseinandersetzungen. 1986 griff er gemeinsam mit Jürgen Habermas in den Historikerstreit ein und kritisierte die Thesen Ernst Noltes und seiner Unterstützer. 1989 verschärfte er seine Beteiligung an dieser Debatte. 1996 nahm er außerdem zur Auseinandersetzung über die Thesen Daniel Goldhagens Stellung und kritisierte dessen Position zum deutschen Antisemitismus.
1998 verlangte Wehler in Bielefeld die Entfernung des Namens Richard Kaselowsky von der Kunsthalle. Als Begründung wurde angeführt, Kaselowsky habe der NSDAP angehört und den „Freundeskreis des Reichsführers SS“ gefördert. 2002 sprach sich Wehler gegen einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union aus. Bei der Eröffnung der neu konzipierten Wehrmachtsausstellung betonte er im selben Jahr, die Ausstellung müsse gesamtgesellschaftliche Prozesse im nationalsozialistisch regierten Deutschland hinterfragen, um die Wehrmacht und ihr Vorgehen zu verstehen.
2003 kritisierte Wehler die Schulpolitik der nordrhein-westfälischen Landesregierung unter Ministerpräsident Wolfgang Clement beziehungsweise dem Kabinett Steinbrück. Er wandte sich unter anderem gegen eine Ökonomisierung des Schulbetriebs, gegen Mindestzahlen für Kurse und gegen die Beschränkung der gymnasialen Oberstufe auf nur eine Gesellschaftswissenschaft oder einen möglichen Ersatz durch einen Ergänzungskurs.
In den 2000er Jahren äußerte er sich mehrfach kritisch zur Einwanderungs- und Integrationspolitik sowie zur Integrationsbereitschaft türkischer und muslimischer Einwanderer. Diese Äußerungen waren stark zugespitzt und öffentlich umstritten. 2007 forderte er im Zusammenhang mit der geplanten DİTİB-Zentralmoschee in Köln eine offene Diskussion über die Stellung deutscher Muslime. 2010 kritisierte er die genetisch gestützte Argumentation in Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab, hielt dessen aus sozialpolitischen Erkenntnissen abgeleitete Analyse jedoch teilweise für zutreffend und sah in der öffentlichen Reaktion eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Die Aussage von Bundespräsident Christian Wulff vom 3. Oktober 2010, der Islam gehöre zu Deutschland, wies Wehler zurück.
Auszeichnungen und wichtige Veröffentlichungen
1997 erhielt Wehler das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. 1999 wurde er auswärtiges Ehrenmitglied der American Historical Association. Die AHA begründete dies damit, dass kein lebender Historiker in der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit mehr zur Neuorientierung und Belebung der modernen deutschen Geschichtswissenschaft beigetragen habe. 2003 erhielt Wehler den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. 2004 ernannte ihn die Universität Bielefeld zum Ehrensenator; im selben Jahr erhielt er die Helmholtz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 2006 wurde er Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences. 2014 wurde ihm der Lessing-Preis für Kritik zuerkannt.
Zu seinen wichtigen Veröffentlichungen gehören Sozialdemokratie und Nationalstaat, Bismarck und der Imperialismus, Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, Modernisierungstheorie und Geschichte, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft und Historische Sozialwissenschaft und Geschichtsschreibung. Weitere Themen waren Nationalismus, die deutsche Außenpolitik, der Nationalsozialismus, soziale Ungleichheit, Kapitalismus und die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Besonders prägend blieb die Deutsche Gesellschaftsgeschichte mit ihren fünf Bänden: Band 1 behandelt 1700–1815, Band 2 1815–1845/49, Band 3 1849–1914, Band 4 1914–1949 und Band 5 1949–1990.