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Morgenthau-Plan
Der Morgenthau-Plan war ein im August 1944 vom damaligen US-amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau entworfener Plan, das Deutsche Reich nach dem …
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Kern und Bedeutung
Der Morgenthau-Plan war ein im August 1944 im US-Finanzministerium entworfener Vorschlag des damaligen Finanzministers Henry Morgenthau. Nach dem erwarteten Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg sollte das Deutsche Reich in einen vorwiegend landwirtschaftlich geprägten Staat ohne militärisches Potenzial umgewandelt werden. Dadurch sollte Deutschland dauerhaft daran gehindert werden, erneut einen Angriffskrieg zu führen.
Das Memorandum wurde durch eine Indiskretion am 21. September 1944 in den USA öffentlich bekannt. US-Präsident Franklin D. Roosevelt verwarf den Entwurf wenige Wochen später. Er erreichte nie ein konkretes Planungsstadium, war nicht zur politischen Umsetzung vorgesehen und spielte für die tatsächliche alliierte Besatzungspolitik nach 1945 keine Rolle.
Bedeutung erhielt der Plan vor allem durch seine propagandistische Verwendung: Die nationalsozialistische Führung stellte ihn als angeblich offiziellen Plan zur Versklavung oder Vernichtung der Deutschen dar. Diese verzerrte Darstellung wirkt in rechtsextremen und antisemitischen Verschwörungserzählungen als sogenannte „Morgenthau-Legende“ weiter.
Vorgesehene Maßnahmen
Der Entwurf umfasste vierzehn Punkte. Im Mittelpunkt standen die vollständige Demilitarisierung Deutschlands und eine territoriale Neuordnung. Ostpreußen sollte zwischen der Sowjetunion und Polen aufgeteilt, Südschlesien Polen sowie das Saarland und einige linksrheinische Gebiete zwischen Rhein und Mosel Frankreich übergeben werden. Das übrige Deutschland sollte in einen nördlichen und einen südlichen unabhängigen Staat zerfallen; zwischen dem Südstaat und Österreich war eine Zollunion vorgesehen.
Die Industrie im Ruhrgebiet, im Rheinland, in angrenzenden Industrierevieren und in der Umgebung des Nord-Ostsee-Kanals sollte vollständig demontiert werden. Eine von den Vereinten Nationen verwaltete internationale Zone sollte dafür sorgen, dass diese Gebiete auf absehbare Zeit nicht wieder industrialisiert würden. Deutschland sollte Entschädigungen und Reparationen aus seinem vorhandenen Besitz leisten, jedoch keine späteren Zahlungen oder Überlassungen erbringen.
Zur Entnazifizierung sollten Schulen, Universitäten, Zeitungen und Rundfunk zunächst geschlossen und danach unter Leitung einer alliierten Erziehungskommission neu aufgebaut werden. Politisch war eine Dezentralisierung durch Föderalisierung vorgesehen. Deutsche sollten die Volkswirtschaft selbst steuern, ohne dass die Militärbehörden die übergeordnete Verantwortung übernahmen. Zugleich sollten die Vereinten Nationen die deutsche Wirtschaft zwanzig Jahre lang kontrollieren, um den Aufbau einer neuen Militärindustrie zu verhindern.
Weitere Punkte waren die Bestrafung von Kriegsverbrechern, die Zerschlagung des Großgrundbesitzes und dessen Verteilung an Bauern sowie eine Änderung des Erbrechts. Uniformen und Militärparaden sollten verboten werden; Deutsche sollten keine Luftfahrzeuge führen dürfen. Die US-Truppen sollten abziehen und Besatzungsaufgaben den Nachbarstaaten Deutschlands übertragen, während entscheidende Befugnisse bei den USA blieben. Ein US-amerikanischer Hoher Kommissar war als wichtigste politische Kontrollinstanz vorgesehen.
Entstehung und politische Debatte
Auf der Konferenz von Teheran 1943 hatten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion grundsätzlich über eine Teilung Deutschlands, die Abtrennung ostdeutscher Gebiete und die Entmachtung Preußens gesprochen. Konkrete Einzelheiten waren jedoch offen. Auch Demontage, Entmilitarisierung und die Bestrafung nationalsozialistischer Täter wurden behandelt. Anschließend entstanden in britischen und amerikanischen Ministerien unterschiedlich strenge Konzepte für die Nachkriegsordnung.
Das US-Außenministerium unter Cordell Hull wandte sich seit 1942 mehrfach gegen eine erzwungene Teilung Deutschlands. Das Kriegsministerium unter Henry L. Stimson befürwortete eine vergleichsweise kurze Besatzung. Anfang 1944 gründeten die drei alliierten Außenminister die Europäische beratende Kommission, kurz EAC. Sie sollte Kapitulationsbedingungen und ein Besatzungsstatut ausarbeiten. Denkschriften des US-Außenministeriums sahen eine baldige wirtschaftliche Erholung, Reparationen in Form von Produkten, ein hohes Produktionsniveau, begrenzte alliierte Kontrollen und eine umfassende Demokratisierung vor.
Ein im Juni 1944 veröffentlichtes und von General Dwight D. Eisenhower gebilligtes Handbuch für die Militärregierung plante eine deutsche Zentralregierung, einen baldigen Wiederaufbau, wirtschaftliche Selbstversorgung und Exportüberschüsse. Deutschland sollte deshalb einen großen Teil seiner Industrie behalten und ausreichende Lebensmittelrationen erhalten.
Morgenthau hielt diese Vorschläge für zu mild. Im August 1944 erklärte er gegenüber Eisenhower, Winston Churchill, Anthony Eden und John Anderson, Deutschland müsse seine Fähigkeit zur Kriegsführung dauerhaft verlieren. Dazu sollten Rüstungs- und Schwerindustrie auch nach einem amerikanischen Rückzug aus Europa irreversibel ausgeschaltet werden. Mitte August bildete er in seinem Ministerium einen Ausschuss für Deutschlandpolitik. Roosevelt äußerte am 25. August ebenfalls, die bisherigen Maßnahmen seien zu mild. Auf Stimsons Anregung entstand ein Kabinettsausschuss mit Hull, Stimson, Morgenthau und Harry Hopkins. Am 2. September legte Harry Dexter White einen ersten Entwurf der später als Morgenthau-Plan bezeichneten Vorstellungen vor.
Der vollständige Text ist nicht bekannt; Einzelheiten stammen aus einem Eigenbericht Morgenthaus von 1950. Der Vorschlag reagierte auf Planungen, die eine dauerhafte Entmilitarisierung, aber keine wirtschaftliche Agrarisierung vorsahen. Morgenthau wollte eine Diskussion darüber anstoßen, welche Industriezweige Hitlers Aufstieg und den Angriffskrieg ermöglicht hatten und wie sie dem Zugriff künftiger deutscher Eliten entzogen werden könnten.
Ablehnung und Ende des Entwurfs
Auf der zweiten Québec-Konferenz vom 11. bis 19. September 1944 vereinbarten Churchill und Roosevelt die Verlängerung der amerikanischen Militär- und Wirtschaftshilfe. Das Abkommen nannte als gemeinsame Ziele die Verhinderung einer deutschen Wiederaufrüstung und die Demontage der Rüstungsindustrie. Es übernahm zudem einen Satz aus Morgenthaus Entwurf: Die Ausschaltung der Kriegsindustrie in Ruhr und Saar solle Deutschland in ein Land mit vorwiegend agrarischem und ländlichem Charakter verwandeln.
Die Außenminister Anthony Eden und Cordell Hull protestierten; auch das britische Kabinett lehnte diese Agrarisierungsformel ab. Nach der Veröffentlichung des Plans am 21. September fiel die öffentliche Reaktion so ablehnend aus, dass Roosevelt sich davon distanzierte. Das US-Außenministerium argumentierte, eine solche Politik würde Millionen Menschen die in den „Vier Freiheiten“ genannten Rechte auf Freiheit von Not und Freiheit von Furcht nehmen und das Vertrauen anderer Völker in die Grundsätze der USA erschüttern. Auch Churchill rückte von den in Québec unterzeichneten Vorstellungen ab.
Stimson lehnte eine „kollektive Rache“ als sinnlos und gefährlich ab. Er warnte davor, die Deutschen auf völliger Armut und dem Existenzminimum festzuhalten, weil daraus neue Spannungen und Ressentiments entstehen könnten. Ende September 1944 wurde Morgenthaus Entwurf aufgegeben, ohne dass die zuständigen Gremien ihn behandelt hatten. Morgenthau trat wegen politischer Differenzen mit Präsident Harry S. Truman im April 1945 als Finanzminister zurück. Im Oktober 1945 erläuterte er seine Vorstellungen in dem Buch „Germany Is Our Problem“.
Propaganda und historische Einordnung
Reichspropagandaminister Joseph Goebbels nutzte die Veröffentlichung ab September 1944 für die nationalsozialistische Durchhaltepropaganda. Der „Völkische Beobachter“ behauptete Anfang Oktober, die amerikanischen Pläne würden 30 Millionen Deutsche dem Hungertod ausliefern. In antisemitischer Absicht wurde Morgenthaus Entwurf mit Theodore N. Kaufmans 1941 erschienenem Buch „Germany must perish“ verbunden, das eine Sterilisierung der deutschen Bevölkerung vorschlug. Goebbels erklärte Kaufmans Schrift zum angeblichen Deutschland-Plan Roosevelts und stellte den Morgenthau-Plan als Vorhaben eines jüdischen und amerikanischen Feindes dar.
Der Versuch, die Bevölkerung dadurch in Angst vor einer britisch-amerikanischen Besatzung zu versetzen, blieb laut zeitgenössischen Berichten weitgehend erfolglos. Deutsche Stellen meldeten vielmehr die verbreitete Erwartung, Amerikaner und Briten würden weniger brutal vorgehen. Eine Befragung von 450 deutschen Kriegsgefangenen im Januar 1945 zeigte nach Angaben der Psychological Warfare Division ein „bemerkenswertes Fehlen“ von Feindschaft oder Furcht gegenüber einer amerikanisch-britischen Besatzung.
Spätere geschichtsrevisionistische Darstellungen behandelten den politisch bedeutungslosen Entwurf dennoch als angeblichen Beweis für einen jüdischen oder amerikanischen Vernichtungswillen. Historiker erklären diese Umdeutung auch als Versuch, die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus abzuwehren und den Alliierten vergleichbare Absichten zu unterstellen. Damit wurde teilweise auch deren moralisches Recht auf NS-Prozesse, Umerziehung und Entnazifizierung bestritten.
Wolfgang Benz beschreibt Morgenthau als Anhänger agrarromantischer Vorstellungen, der den Agrarstaat sowohl als Bestrafung und Mittel zur Kriegsverhinderung als auch als positive Utopie verstand. Zugleich zählt Benz die Behauptung, das Programm sei 1945 verwirklicht worden, zu den wichtigsten fortwirkenden Legenden über den Nationalsozialismus. Johannes Heil betont, dass es sich um eine inoffizielle Denkschrift handelte, die erst durch ihre versehentliche Bekanntmachung und die nationalsozialistische Propaganda den Anschein offizieller amerikanischer Politik erhielt. Entscheidend für die historische Bewertung ist daher die Trennung zwischen dem radikalen Entwurf Morgenthaus und der tatsächlich durchgeführten Deutschland- und Besatzungspolitik der Alliierten.