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Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (bis 1990)
Das zunächst angespannte Verhältnis der in den Westen eingebundenen Bundesrepublik zur DDR im Kalten Krieg wurde durch die neue Ostpolitik entspannt und endete …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Ausgangslage nach 1945
Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bis 1990 beschreibt die Entwicklung des westdeutschen Staates von seiner Entstehung 1949 bis zur deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Obwohl die Bundesrepublik die Wiedervereinigung staatsrechtlich ohne Unterbrechung überdauerte, betrachtet die historische Forschung die Zeit bis 1990 als politische und gesellschaftliche Epoche der „alten Bundesrepublik“.
Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde Deutschland von den Siegermächten besetzt. Die westlichen Besatzungszonen standen unter amerikanischer, britischer und französischer Verwaltung, die sowjetische Besatzungszone umfasste das spätere Gebiet der DDR. Berlin wurde als Viersektorenstadt von allen vier Mächten gemeinsam verwaltet. Auf der Potsdamer Konferenz vom 2. August 1945 wurde außerdem beschlossen, die deutschen Ostgebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie der Verwaltung der Sowjetunion und Polens zu unterstellen.
Die Nachkriegslage war durch zerstörte Städte, Wohnungs- und Nahrungsmangel, fehlende Energie, eine zusammengebrochene Infrastruktur und eine wertlose Reichsmark geprägt. Etwa 14 bis 16 Millionen Deutsche wurden aus den östlichen Gebieten und anderen ostmitteleuropäischen Ländern vertrieben oder flohen in die Besatzungszonen. Die Besatzungsmächte verboten die NSDAP, ordneten die Entfernung nationalsozialistischer Symbole und eine Entnazifizierung an. Zugleich mussten viele Behörden schnell neu besetzt werden, teilweise auch mit ehemaligen Nationalsozialisten. Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher begann am 14. November 1945; am 1. Oktober 1946 wurden 12 der 21 Hauptangeklagten zum Tode verurteilt.
Von der Besatzung zur Staatsgründung
In den westlichen Besatzungszonen entstanden 1946 und 1947 neue Länder; zugleich fanden erste freie Kommunal- und Landtagswahlen statt. Am 1. Januar 1947 wurden die amerikanische und britische Zone zur Bizone vereinigt. Der Marshallplan begann am 5. Juni 1947. Nach dem Scheitern der Londoner Außenministerkonferenz im Dezember 1947 verschärfte sich jedoch der Gegensatz zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion.
Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 führte in Westdeutschland die D-Mark ein und beendete dort die Zwangsbewirtschaftung. Die Sowjetunion reagierte mit der Berlin-Blockade ab dem 24. Juni 1948. Die Westalliierten versorgten die Westsektoren daraufhin ab dem 26. Juni durch eine Luftbrücke. Die Blockade endete am 12. Mai 1949.
Am 1. Juli 1948 übergaben die westlichen Militärgouverneure die Frankfurter Dokumente. Der Parlamentarische Rat trat am 1. September 1948 unter dem Vorsitz Konrad Adenauers zusammen und erarbeitete das Grundgesetz. Bonn wurde am 10. Mai 1949 mit 33 zu 29 Stimmen gegenüber Frankfurt am Main als vorläufiger Sitz von Parlament und Regierung ausgewählt. Das Grundgesetz trat mit Ablauf des 23. Mai 1949 in Kraft; mit dem Beginn des 24. Mai entstand die Bundesrepublik Deutschland. Bayern lehnte das Grundgesetz am 20. Mai 1949 zwar ab, akzeptierte aber seine Rechtsverbindlichkeit.
Bei der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 erhielt die CDU/CSU 31,0 %, die SPD 29,2 % und die FDP 11,9 % der Stimmen. Am 12. September wurde Theodor Heuss zum Bundespräsidenten gewählt, am 15. September Konrad Adenauer zum Bundeskanzler. Die Bundesrepublik bestand aus einer Koalition von CDU/CSU, FDP und Deutscher Partei. Umstritten ist, ob ihre Existenz bereits mit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes, mit der ersten Bundestagssitzung am 7. September oder erst mit dem Amtsantritt des Kabinetts Adenauer am 20. September 1949 begann.
Adenauerzeit: Westbindung, Teilung und Europa
Konrad Adenauer prägte die Bundesrepublik bis zu seinem Rücktritt am 15. Oktober 1963. Sein wichtigstes Ziel war die Westorientierung beziehungsweise Westintegration. Die Bundesrepublik band sich politisch, wirtschaftlich und militärisch an die westlichen Staaten. Diese Richtung wurde von der SPD kritisiert, weil sie eine dauerhafte deutsche Teilung befürchtete. Die geplante Wiederbewaffnung führte ebenfalls zu starken Protesten; Gustav Heinemann trat 1950 aus Protest als Bundesinnenminister zurück.
1951 wurde die Bundesrepublik Mitglied im Europarat, 1955 in die NATO und in die WEU aufgenommen. Mit der Aufhebung des Besatzungsstatuts am 5. Mai 1955 wurde sie im Geltungsbereich des Grundgesetzes souverän. Die Alliierten behielten jedoch Vorbehaltsrechte für Deutschland als Ganzes und Berlin. Die Bundesrepublik erhob den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland in den Grenzen von 1937 und erkannte die DDR zunächst nicht als Staat an. Die Hallstein-Doktrin sah vor, Beziehungen zu Staaten abzubrechen, die die DDR diplomatisch anerkannten. Sie wurde erstmals 1957 gegenüber Jugoslawien angewandt und verlor Ende der 1960er-Jahre an Bedeutung.
Die deutsche Teilung verschärfte sich durch die Bildung zweier politischer und wirtschaftlicher Systeme. Die DDR ließ am 13. August 1961 die Berliner Mauer errichten, um die Flucht in den Westen zu stoppen. Die Bundeswehr wurde aufgebaut; zugleich wurde die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung und des Zivildienstes geschaffen. Das Verschweigen nationalsozialistischer Vergangenheit in Staat, Verwaltung, Justiz und Bundeswehr belastete die Gesellschaft später erheblich. Das Bundesverfassungsgericht verbot 1952 die rechtsradikale SRP und 1956 die KPD; dies blieben die einzigen Parteiverbote in der Bundesrepublik.
Die europäische Integration stärkte die Westbindung. Die Montanunion trat am 23. Juli 1952 in Kraft. Mit den Römischen Verträgen vom 25. März 1957 wurde die EWG gegründet, deren Gründungsmitglied die Bundesrepublik war. Das Saarland trat zum Jahresbeginn 1957 politisch der Bundesrepublik bei; die wirtschaftliche Eingliederung und die Einführung der D-Mark erfolgten am 6. Juli 1959. Der Élysée-Vertrag vom Januar 1963 besiegelte die Aussöhnung mit Frankreich.
Wirtschaftswunder und gesellschaftlicher Wandel
Der wirtschaftliche Aufschwung der 1950er- und frühen 1960er-Jahre wird als Wirtschaftswunder bezeichnet und war Teil des weltweiten Nachkriegsbooms. Nach der Währungsreform von 1948 füllten sich die Geschäfte. Zunächst stieg die Arbeitslosigkeit von 3,2 % auf 12,2 % Anfang 1950, sank aber durch den weltweiten Wirtschaftsboom infolge des Koreakrieges schnell wieder. 1962 wurde Vollbeschäftigung erreicht. Arbeitskräfte kamen zunächst aus dem Flüchtlingsstrom aus der DDR, später wurden vor allem Gastarbeiter aus Südeuropa und der Türkei angeworben.
Der steigende Wohlstand veränderte den Alltag. Lebensmittelkarten wurden 1950 abgeschafft, Konsum von Lebensmitteln, Kleidung und später langlebigen Gütern nahm zu. Supermärkte verdrängten seit den 1960er-Jahren viele „Tante-Emma-Läden“. Motorräder und Automobile wurden massenhaft verbreitet; der VW Käfer wurde zum Symbol des Wirtschaftswunders. Der Wiederaufbau orientierte sich häufig am Leitbild der „autogerechten Stadt“, wodurch Wohnen und Gewerbe getrennt und zahlreiche suburbane „Schlafstädte“ geschaffen wurden.
Die Landwirtschaft wurde durch große, technisch ausgestattete Betriebe geprägt. Mitte der 1960er-Jahre erreichte der Anteil der Industriearbeiterschaft einen historischen Höchststand. Frauen wurden rechtlich besser gestellt, blieben aber überwiegend Hausfrauen und Mütter. Sozialpolitische Maßnahmen waren unter anderem die Arbeitslosenhilfe von 1956, die dynamische Rente von 1957, das Kindergeld, das Mutterschutzgesetz und die Sozialhilfe von 1961. Dennoch blieben kinderreiche Familien, Arbeitslose und Rentner besonders benachteiligt.
Auch Medien und Freizeit veränderten sich. 1950 wurde die ARD gegründet, 1963 nahm das ZDF den Betrieb auf, 1967 wurde das Farbfernsehen eingeführt. Rock ’n’ Roll, später Popkultur, neue Jugendkulturen und steigende Kaufkraft prägten die jüngere Generation. Der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 wurde als „Wunder von Bern“ zu einem wichtigen Symbol des neuen Selbstbewusstseins.
Erhard, Große Koalition und 68er-Bewegung
Ludwig Erhard wurde 1963 Bundeskanzler, verlor aber bald an Ansehen. Ab 1966 geriet die Bundesrepublik in eine Rezession. Zechenschließungen und der Bedeutungsverlust der Kohle leiteten den Strukturwandel im Ruhrgebiet ein. Erhard lehnte eine aktive Konjunkturpolitik ab, weil sie seinem Verständnis der Sozialen Marktwirtschaft widersprach. Am 30. November 1966 trat er zurück.
Unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger entstand eine Große Koalition aus CDU/CSU und SPD. Sie bekämpfte die Rezession mit dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz und der „konzertierten Aktion“, einem Konsens zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Außerdem wurden Arbeiter und Angestellte bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gleichgestellt und 1969 eine Finanzreform beschlossen. Die Notstandsgesetze regelten staatliche Befugnisse in Krisen, schränkten aber Grundrechte ein und stießen wegen der fehlenden parlamentarischen Opposition auf Widerstand.
Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gewann durch den Eichmann-Prozess, die Auschwitzprozesse und die Verjährungsdebatte an Bedeutung. 1969 wurde die Verjährung für Völkermord aufgehoben, 1979 generell für Mord. Gegen Bildungsnotstand, Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und gesellschaftliche Scheinmoral entstand die außerparlamentarische Opposition. Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 und das Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 verstärkten die Proteste.
Bei der Bundestagswahl 1969 bildeten SPD und FDP trotz der stärksten Fraktion der CDU eine Regierung. Willy Brandt wurde Bundeskanzler und leitete die sozialliberale Koalition ein. Die Innenpolitik wurde liberalisiert: Das Volljährigkeitsalter sank von 21 auf 18 Jahre, Ehe-, Familien- und Sexualstrafrecht wurden reformiert, und Bildungsförderung wurde ausgebaut. Mit dem BAföG von 1971 sollten finanziell Schwache Ausbildung und Studium aufnehmen können. In der Oberstufe wurden Grund- und Leistungskurse sowie eine Punktbewertung von 0 bis 15 eingeführt.
Ostpolitik, Krise und deutsche Einheit
Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt setzte auf „Wandel durch Annäherung“. Die Hallstein-Doktrin wurde aufgegeben, die Beziehungen zur DDR und zu den Ostblockstaaten wurden durch Ostverträge normalisiert. Brandt und der DDR-Ministerpräsident Willi Stoph trafen sich 1970 in Erfurt und Kassel. Am 18. September 1973 wurden Bundesrepublik und DDR Mitglieder der UNO. Die KSZE-Schlussakte von Helsinki vom 1. August 1975 wurde später von Bürgerrechtsgruppen in der DDR als Berufungsgrundlage genutzt.
Die Ölkrise von 1973 führte zu drastischen Preissteigerungen, einem Tankstellenlimit von 20 Litern pro Tankvorgang und vier Sonntagen mit Fahrverbot. Es begann eine langanhaltende Rezession. Zugleich entwickelten sich die linksextremistischen Gruppen Bewegung 2. Juni und RAF. Der Terrorismus erreichte im „Deutschen Herbst“ 1977 seinen Höhepunkt. Die Bundesregierung ließ die entführte Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch die GSG 9 stürmen; Hanns Martin Schleyer wurde dennoch ermordet. 1982 zerbrach die sozialliberale Koalition an Streit über NATO-Doppelbeschluss, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und Wirtschaftspolitik.
Helmut Kohl wurde am 1. Oktober 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum Bundeskanzler. 1983 zogen die Grünen erstmals in den Bundestag ein. Die Friedens- und Umweltbewegung gewann an Bedeutung; nach Tschernobyl 1986 wuchs die Ablehnung der Kernenergie. Die Bundesregierung unterhielt zugleich enge Beziehungen zu Frankreich, etwa durch das Schengener Abkommen von 1985. Die Perestroika und Glasnost Michail Gorbatschows führten ab 1985 zu einer Entspannung zwischen den Supermächten.
1989 öffneten sich in Osteuropa die Grenzen. DDR-Bürger flohen über Ungarn und die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Die Bundesregierung und die DDR-Regierung verhandelten über die Einheit; am 18. Mai 1990 wurde der Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion unterzeichnet, der am 1. Juli in Kraft trat. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag gab im September 1990 die Zustimmung der vier Siegermächte zur Vereinigung und entließ Deutschland in die volle Souveränität. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik bei; die fünf neuen Länder wurden in den Bund eingegliedert und Ost- und West-Berlin zum Land Berlin vereinigt. Die Bezeichnung „Bonner Republik“ verweist auf Bonn als Sitz der Staatsorgane von 1949 bis 1990; „Berliner Republik“ bezeichnet die folgende Epoche, je nach Sichtweise ab 1990, 1991 oder 1999.