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Nachkriegsboom
Der Nachkriegsboom (in der englischsprachigen Literatur auch Golden Age of Capitalism) war eine Periode ungewöhnlich starken Wirtschaftswachstums und hoher …
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Begriff, Zeitraum und Bedeutung
Der Nachkriegsboom, in der englischsprachigen Literatur auch „Golden Age of Capitalism“, bezeichnet die Zeit ungewöhnlich starken Wirtschaftswachstums und hoher Einkommenszuwächse vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur ersten Ölkrise 1973. Besonders Westeuropa und Japan näherten sich dem damals höheren Produktivitäts- und Einkommensniveau der USA an. Japan stieg sogar zur zweitstärksten Volkswirtschaft der Welt auf.
In Westeuropa wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt je Einwohner von 1950 bis 1973 durchschnittlich um 4,0 % jährlich. Zum Vergleich: Von 1890 bis 1913 waren es 1,4 %, von 1913 bis 1950 0,9 % und von 1973 bis 1994 1,7 %. Der Boom widersprach Befürchtungen, nach Kriegsende könne eine neue schwere Wirtschaftskrise entstehen. Seine Ursachen sind bis heute Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte; weitgehend anerkannt ist eine Verbindung aus Wiederaufbau, Aufholen gegenüber den USA, günstiger Weltwirtschaftsordnung sowie wirtschafts- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen.
Wiederaufbau und moderne Produktion
In den USA wurde die starke Senkung der Rüstungsausgaben nach 1945 durch eine hohe Nachfrage nach Konsumgütern ausgeglichen. Die während des Krieges erweiterte und modernisierte Industrie stellte teilweise auf Konsumgüter um und produzierte zunehmend günstigere, zugleich hochwertige Waren.
In Kontinentaleuropa brach die Industrieproduktion zunächst stark ein: in Frankreich, Belgien und den Niederlanden auf 30–40 % des Vorkriegsniveaus, in Deutschland und Italien auf 20 %. Hauptursachen waren jedoch weniger zerstörte Fabriken als der Mangel an Rohstoffen sowie Schäden an Verkehrswegen und Transportmitteln. Qualifizierte Arbeitskräfte und erhebliche Teile der Industriesubstanz waren weiterhin vorhanden. In Westdeutschland fiel das Bruttoanlagevermögen bis 1948 lediglich auf den Stand von 1936 zurück und bestand überwiegend aus weniger als zehn Jahre alten Anlagen. Nach der Wiederherstellung der Verkehrsinfrastruktur stieg die Industrieproduktion von Januar 1947 bis Juli 1948, gemessen am Niveau von 1936, von 34 % auf 57 % und bis zur Gründung der Bundesrepublik auf 86 %.
Der Marshallplan gewährte westeuropäischen Ländern von 1948 bis 1951 insgesamt 13 Milliarden US-Dollar. Die Hilfen entsprachen nur 2,5 % des Nationaleinkommens der Empfängerländer und erklären daher unmittelbar nur einen kleinen Teil des Wachstums. Wichtiger war ihre psychologische Wirkung: Sie vermittelten politische und finanzielle Stabilität und förderten dadurch Investitionen.
Deutschland und Japan entwickelten außerdem eine flexible Massenfertigung. Sie verband standardisierte Produktion mit größerer Anpassungsfähigkeit an Kundenwünsche und erlangten dadurch eine produktionstechnologische Führungsposition. Automatisierung erhöhte die Arbeitsproduktivität. Zugleich nahm das theoretische und praktische Wissen schnell zu; 1946 wurde etwa der erste digitale Computer installiert. Medizinische Fortschritte der 1950er Jahre machten Operationen weniger riskant und steigerten die Nachfrage nach Krankenhausleistungen.
Internationale Ordnung und gesellschaftlicher Konsens
Der Boom wurde durch eine neue globale Wirtschaftsordnung unterstützt. Mit dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen GATT von 1947 vereinbarten die beteiligten Staaten den schrittweisen Abbau von Zöllen und anderen Handelshemmnissen. Damit kehrten die großen Industriestaaten nach der Schutzzollpolitik der Weltwirtschaftskrise zum Freihandel zurück.
Das 1944 geschaffene Bretton-Woods-System band die Wechselkurse an den US-Dollar und verringerte dadurch Wechselkursrisiken im Welthandel. Gleichzeitig durften Staaten internationale Kapitalbewegungen durch Kapitalverkehrskontrollen regulieren. Nach Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff waren vor allem diese Kontrollen dafür verantwortlich, dass in den 1950er und 1960er Jahren nur wenige Bankenkrisen auftraten. Anfang der 1970er Jahre scheiterte das System am Triffin-Dilemma und an der sinkenden Bereitschaft einiger Staaten, ihre Geldpolitik an feste Wechselkurse anzupassen.
Eine relative Niedrigzinspolitik sollte Investitionen und Wachstum fördern, sodass sowohl Löhne als auch Unternehmensgewinne stiegen. Finanzrepression, hohes Wachstum und im Durchschnitt niedrige Haushaltsdefizite senkten zugleich die kriegsbedingt hohen Staatsschuldenquoten. In Großbritannien fiel die Staatsverschuldung bis 1980 von mehr als 250 % auf etwa 50 % des Bruttoinlandsprodukts; in den USA sank sie von Präsident Truman bis Präsident Nixon von 120 % auf weniger als 40 %.
Auch gesellschaftspolitisch bestand ein breiter Konsens. Gewerkschaften hatten an Einfluss gewonnen, Sozialstaaten wurden begründet oder ausgebaut, und Finanzmärkte sowie Banken wurden stärker reguliert. Progressive Steuern und starke Gewerkschaften verringerten die Einkommensungleichheit. Diese Entwicklung wird als „Große Kompression“ bezeichnet.
Unterschiedliche nationale Wege
Die höchsten kaufkraftbereinigten Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf in Europa zwischen 1950 und 1973 erzielten Griechenland mit durchschnittlich 6,2 % jährlich, Spanien mit 5,8 %, Portugal mit 5,6 %, Deutschland mit 5,0 %, Österreich und Italien mit jeweils 4,9 % sowie Frankreich mit 4,0 %.
In Westdeutschland führten Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack die Soziale Marktwirtschaft ein. Nach der Währungsreform von 1948 folgte zunächst eine Durchbruchskrise: Die Lebenshaltungskosten stiegen schneller als die Stundenlöhne, und die Arbeitslosigkeit nahm von 3,2 % auf 12,2 % Anfang 1950 zu. Der weltweite Boom infolge des Koreakrieges entspannte die Lage; 1962 wurde Vollbeschäftigung erreicht. Die Unterbewertung der DM im Bretton-Woods-System verbilligte deutsche Exporte und verteuerte Importe. Deutschland erreichte hohe Produktivität und Einkommen sowie vergleichsweise kurze Arbeitszeiten. Nach dem Ende von Bretton Woods wertete die DM stark auf, wodurch einige Branchen an Wettbewerbsfähigkeit verloren und der Strukturwandel beschleunigt wurde.
Österreich führte 1945 den Schilling wieder ein, erhielt ab 1947 Marshallplanhilfe und verfolgte unter Finanzminister Reinhard Kamitz und Bundeskanzler Julius Raab einen sozialmarktwirtschaftlichen „Raab-Kamitz-Kurs“.
Frankreich erlebte von 1945 bis 1973 die „Trente Glorieuses“. Seine gelenkte Marktwirtschaft, der dirigisme beziehungsweise die Planification, bevorzugte sechs Schlüsselbranchen bei Krediten, Devisen und Rohstoffen. Eine Planungskommission koordinierte den Wiederaufbau; größere, international konkurrenzfähige „National Champions“ wie Renault und PSA Peugeot Citroën entstanden. Erst ab 1958 verstärkten eine Abwertung des Franc und Lohnkontrollen die Freihandelsorientierung.
Spanien wechselte 1959 von importsubstituierender Industrialisierung zur Liberalisierung des Außenhandels. Während zuvor 90 % der Importe mengenmäßig begrenzt waren, waren es 1966 nur noch 30 %. Der Index der Industrieproduktion stieg von 100 im Jahr 1929 auf 133 im Jahr 1949, 320 im Jahr 1959 und 988 im Jahr 1970.
Italien verband freie Marktwirtschaft mit Staatsinterventionen für Sozialstaatlichkeit und soziale Gerechtigkeit. Es liberalisierte im Rahmen des Marshallplans und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft seinen Außenhandel bis 1968 vollständig. Staatliche Institutionen förderten Schlüsselindustrien, staatliche Banken, Staatsunternehmen, Exporte und die Industrialisierung Süditaliens. Ab 1963 verlangsamte sich das Wachstum; einige politisch motivierte Unternehmensrettungen führten zu vorhersehbaren Fehlinvestitionen.
Zentrale Erklärungen des Booms
Heute gelten vor allem Rekonstruktion und Aufholen als wesentliche Erklärungen. Die Rekonstruktionsthese besagt, dass Kriege und Weltwirtschaftskrise die europäischen Volkswirtschaften weit unter ihrem möglichen Entwicklungspfad gehalten hatten. Da trotz der Zerstörungen viel Kapital, qualifiziertes Personal und organisatorisches Wissen erhalten geblieben waren, konnten Investitionen nach 1945 zunächst besonders hohe Erträge erzielen. Länder mit schweren Kriegsschäden und harter Besatzung, darunter Deutschland, Österreich, Italien, Japan, die Niederlande und Frankreich, wuchsen von 1945 bis 1960 durchschnittlich um 7–9 % jährlich; weniger betroffene oder neutrale Länder nur um 3–4 %. Diese These erklärt vor allem die hohen Raten der 1950er Jahre.
Die 1979 von Angus Maddison und Moses Abramovitz formulierte Aufholthese erklärt auch die 1960er Jahre. Europa konnte den großen Produktivitätsvorsprung der USA durch Übernahme bekannter Technologien und Organisationsformen schneller verringern, als die führende Volkswirtschaft selbst wachsen konnte. Außerdem wechselten Arbeitskräfte aus wenig produktiven Bereichen wie der Landwirtschaft in produktivere Industrien. 1950 arbeiteten in Großbritannien nur 5 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, in Deutschland dagegen 24 %. Mit dem Erreichen des amerikanischen Produktivitätsniveaus erschöpfte sich dieser Aufholeffekt Anfang der 1970er Jahre.
Die keynesianische Erklärung betont expansive Wirtschaftspolitik, hohe Kapazitätsauslastung, die Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit, Freihandel und die stabilisierende Wirkung von Bretton Woods. In reiner Form kann sie jedoch die unterschiedlichen Wachstumsraten einzelner Länder nicht erklären.
Angebotstheoretische Ansätze heben ein flexibles Arbeitsangebot durch Abwanderung aus der Landwirtschaft, Einwanderung und Bevölkerungswachstum hervor. Niedrige Löhne beziehungsweise institutionelle Lohnzurückhaltung ermöglichten hohe Gewinne und Investitionen. Kritiker weisen darauf hin, dass dieser Ansatz das außergewöhnliche Produktivitätswachstum nicht erklärt und dass spätere Lohnzurückhaltung den Boom nicht zurückbrachte.
Nachfragetheoretiker sehen dagegen sinkende Profitraten, Investitionen, Nachfrage und Beschäftigung als Folge verschärften Wettbewerbs. Exportüberschüsse Deutschlands und Japans standen Defiziten der USA und Großbritanniens gegenüber. Das Ende von Bretton Woods, die Dollarabwertung, Kostensenkungen und der Aufstieg ostasiatischer Volkswirtschaften hätten anschließend eine Überproduktionskrise beziehungsweise säkulare Stagnation begünstigt.
Ende des außergewöhnlichen Wachstums
Das Ende des Nachkriegsbooms entstand nach der heute weitgehend anerkannten Deutung vor allem dadurch, dass Wiederaufbau und Aufholen Sonderprozesse waren, die sich nach Erreichen ihrer Ziele erschöpften. Seit Ende der 1960er Jahre verlangsamte sich das Wachstum; Anfang der 1970er Jahre zerfiel das Bretton-Woods-System, und 1973 markierte die erste Ölkrise das Ende der Epoche.
Ergänzende Erklärungen sind umstritten. Angebotstheoretiker verweisen auf sinkende Kapitalrenditen und empfehlen angebotsorientierte Politik. Keynesianische Deutungen betonen verfestigte Inflationserwartungen und eine darauf folgende restriktive, wachstumsdämpfende Geldpolitik; die seit den 1980er Jahren betriebene monetaristische Geldpolitik gilt ihnen als tendenziell zu restriktiv. Eine ausschließlich deutsche Erklärung durch Währungsreform, Deregulierung und ordoliberale Politik wird ebenfalls bestritten: Frankreich wuchs trotz stärkerer staatlicher Planung nahezu parallel zu Deutschland. Das spricht dafür, dass verschiedene Wirtschaftssysteme erfolgreich sein konnten, solange Eigentumsrechte und ein Mindestmaß an Wettbewerb gewährleistet waren.