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Weströmisches Reich
Das sogenannte Weströmische Reich, auch Westrom oder Westreich (lat. Hesperium Imperium), entstand im Jahre 395 durch die sogenannte Reichsteilung von 395 …
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Entstehung, Stellung und Ende
Das Weströmische Reich (Westrom, Westreich; lateinisch Hesperium Imperium) bezeichnet die westliche Verwaltungshälfte des spätantiken Römischen Reiches. Es entstand 395 nach dem Tod Theodosius’ I.; Regierungssitze waren zunächst Mailand, danach Ravenna, ausnahmsweise auch Rom. Der östliche Kaiserhof residierte in Konstantinopel.
Westrom war formal nie ein eigener Staat: Nicht das Reich, sondern das Kaisertum war aufgeteilt. Schon seit dem späten 3. Jahrhundert waren mehrere Kaiser mit regionalen Aufgaben üblich; seit 364 gab es stets mindestens zwei Augusti. Nach zeitgenössischer Auffassung regierten daher zwei Herrscher weiterhin ein einziges Reich mit einem gemeinsamen römischen Bürgerrecht. Arcadius im Osten und Honorius im Westen waren Brüder und erließen gemeinsame Gesetze. Auch die Kaiser beider Reichshälften beanspruchten Mitspracherecht bei Nachfolgen. War der westliche Thron längere Zeit unbesetzt, galt der Kaiser in Konstantinopel automatisch auch als Herrscher des Westens, etwa 465–467 und nach 480.
Der Untergang ist deshalb umstritten. Als klassische Zäsur gilt die Absetzung Romulus Augustus’ durch Odoaker im September 476. Andere mögliche Endpunkte sind die Vertreibung des von Ostrom anerkannten Julius Nepos im August 475, dessen Ermordung 480, der Untergang des Reiches von Soissons 486 oder 487, Odoakers Tod 493, die Auflösung des weströmischen Hofes durch Justinian I. 554 oder der Einfall der Langobarden 568. Nach einer heute verbreiteten Auffassung endete 475–480 vor allem das weströmische Kaisertum durch einen Militärputsch; Verwaltung, Senat und Teile staatlicher Strukturen bestanden besonders in Italien noch lange fort.
Honorius und die ersten schweren Krisen
Honorius regierte von 395 bis 423 und war bei Amtsantritt noch ein Kind. Sein Vormund und Heermeister Stilicho, Sohn eines romanisierten Vandalen und einer Römerin, war der entscheidende militärische Politiker. Seine Herrschaft war früh von Aufständen und äußeren Angriffen geprägt: 395 meuterten westgotische Föderaten, also vertraglich an Rom gebundene Kriegergruppen, und 397 erhob sich Gildo in Africa, der wichtigen Kornkammer Westroms.
Nach einem westgotischen Einfall verlegte Honorius 402 seinen Hof von Mailand nach Ravenna, das als uneinnehmbar galt. Stilicho zog dafür Truppen von den Grenzen ab. Westrom fehlten ohnehin reguläre Soldaten, weil 394 im Bürgerkrieg viele weströmische Truppen vernichtet worden waren. In Britannien erhoben sich Soldaten unter Marcus und Gratian 406/407 sowie Konstantin III. 407–411; sie setzten nach Gallien über. Am 31. Dezember 406 überschritten Vandalen, Sueben und Alanen den Rhein und fielen in Nordgallien ein. Die fränkischen Föderaten und römischen Grenztruppen wurden geschlagen.
408 ließ Honorius Stilicho aus Furcht vor dessen Macht ermorden. Dadurch verlor Westrom seinen wichtigsten militärischen Führer. Die Westgoten unter Alarich plünderten 410 Rom, nachdem ihnen zugesagte Landzuweisungen wiederholt verweigert worden waren. Dies schadete dem Selbstvertrauen der Römer und dem Ansehen der Regierung in Ravenna erheblich.
Unter Flavius Constantius stabilisierte sich die Lage ab 411 zeitweise. Usurpationen wurden beendet, eingedrungene Gruppen teilweise kontrolliert und in römische Dienste genommen. Die Westgoten wurden 418 als Föderaten in Aquitanien angesiedelt. Constantius III. starb jedoch bereits im Herbst 421, nach nur wenigen Monaten als Kaiser. Honorius konnte das dadurch entstandene Machtvakuum nicht füllen.
Machtverlust, Africa und Attila
Nach Honorius’ Tod 423 wurde der Usurpator Johannes 425 besiegt. Mit Hilfe des Ostkaisers Theodosius II. wurde der noch minderjährige Valentinian III. Augustus. Während seiner Regierungszeit gingen wesentliche Gebiete verloren: Africa fiel ab 429 an den vandalischen Heerführer Geiserich, das nordwestliche Hispanien an die Sueben; um 440 etablierten sich aufständische sächsische Söldner in Britannien.
Die tatsächliche Macht lag zunehmend bei Heermeistern. Nach Rivalitäten zwischen Flavius Felix, Bonifatius und anderen Militärs herrschte Flavius Aëtius ab 433 etwa zwanzig Jahre als patricius und Heermeister. Seine Stellung war jedoch nicht allgemein anerkannt. Gruppen wie Sueben, Franken und Westgoten, aber auch Bagauden, widersetzten sich der Regierung. Aëtius konnte sich in Gallien nur mühsam behaupten und ließ 436 eine burgundische Rebellion durch hunnische Hilfstruppen niederschlagen.
Besonders schwer wog der endgültige Verlust Karthagos 439 an Geiserich. Africa brachte der Regierung zuvor Getreide und hohe Steuereinnahmen. Die Vandalen konnten Italien nun von der afrikanischen Kornversorgung abschneiden, lieferten Getreide nur noch zu hohen Preisen und schwächten damit Wirtschaft und Armee. Obwohl Geiserich 442 ein foedus mit Valentinian III. schloss, war sein Herrschaftsgebiet das erste faktisch unabhängige regnum auf Reichsboden.
451 führte Aëtius eine römisch-westgotische Armee gegen Attila und zwang das hunnische Vielvölkerheer in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern unter hohen Verlusten zum Rückzug. 452 konnte ein weiterer hunnischer Angriff auf Italien nur mit oströmischer Hilfe abgewehrt werden. Nach Attilas Tod erschlug Valentinian III. 454 seinen mächtigen Heermeister Aëtius, wurde aber 455 selbst ermordet. Zugleich entstanden außerhalb Italiens immer mehr eigenständige Machtbereiche. Die föderierten Gruppen beherrschten Provinzen formal im Namen des Kaisers, entzogen sich aber schrittweise seiner tatsächlichen Kontrolle. Die Westgoten unter Eurich kündigten den Vertrag mit Ravenna 469 schließlich auf.
Schattenkaiser und Ende des Kaisertums
Nach Valentinians III. Ermordung begann 455 die Zeit der „Schattenkaiser“. Generäle und Heermeister bestimmten die Politik; die Kaiser regierten meist nur kurz und konnten die Zentralgewalt nicht wiederherstellen. Petronius Maximus wurde 455 Kaiser, aber am 31. Mai während eines vandalischen Angriffs in Rom getötet. Die Vandalen eroberten danach den Rest Nordafrikas, Sizilien, Korsika und die Balearen. Damit endete die römische Seeherrschaft im Mittelmeer, und die Rückgewinnung Africas wurde zur Überlebensfrage für Westrom.
Avitus regierte 455–456, wurde aber vom Heermeister Ricimer gestürzt. Der militärisch erfolgreiche Majorian regierte 457–461, gewann Italien und große Teile Galliens zeitweilig zurück und befriedete Teile Hispaniens. Seine geplante Expedition gegen die Vandalen scheiterte 460; Ricimer stürzte und ließ ihn 461 hinrichten. Ricimer setzte danach Libius Severus ein, der von Ostrom nicht anerkannt wurde. In Nordgallien bildete Aegidius ein gallorömisches Sonderreich, das bis 486 bestand.
Der von Ostrom unterstützte Anthemius regierte 467–472 und war der letzte allgemein als handlungsfähig geltende Westkaiser. Eine große gemeinsame ost- und weströmische Flottenexpedition gegen die Vandalen scheiterte 468. Nach weiteren Niederlagen und einem Bürgerkrieg ließ Ricimer Anthemius 472 hinrichten. Es folgten Olybrius, Glycerius und 474 Julius Nepos, der letzte weströmische Kaiser, dessen Herrschaft Ostrom anerkannte.
Julius Nepos wurde im August 475 von seinem patricius Flavius Orestes aus Italien vertrieben. Orestes erhob seinen Sohn Romulus Augustus zum Kaiser. Dieser war bei Amtsantritt etwa 10 Jahre alt, nach anderen Quellen 17 Jahre, und wurde daher spöttisch „Romulus Augustulus“ genannt. Im Herbst 476 rebellierte Odoaker, Kommandeur der letzten kaiserlichen Armee in Italien, weil er sich mit Orestes nicht über die Versorgung seiner Männer einigen konnte. Er besiegte Orestes und setzte Romulus ab. Julius Nepos blieb bis zu seiner Ermordung 480 in Dalmatia und wurde weiterhin von Ostrom anerkannt.
Odoaker setzte keinen neuen Westkaiser ein. Er erklärte Kaiser Zenon, ein Kaiser genüge für das gesamte Reich, unterstellte sich formal dessen Oberherrschaft und regierte nahezu selbständig als rex Italiae. Der Niedergang Westroms wird daher als politischer Desintegrationsprozess beschrieben: Hohe Militärs und lokale Machthaber übernahmen Macht, während Provinzen wie Africa, Hispanien und Gallien der Zentralregierung und ihren Steuereinnahmen verloren gingen.
Nachfolgereiche, Restgebiete und Rom
Nach 476 bestanden in Italien Senat, Hof und Verwaltung zunächst weiter. Odoaker prägte bis 480 Münzen im Namen Julius Nepos’. Theoderich der Große fiel 489 als ostgotischer rex und oströmischer magister militum in Italien ein, tötete Odoaker 493 und errichtete dort eine gotische Herrschaft. Ob das Ostgotenreich ein poströmisches regnum oder eine Fortsetzung Westroms war, ist in der Forschung umstritten. Rechtlich unterstanden die westlichen Gebiete weiterhin Konstantinopel; Senatoren nannten den Kaiser dominus noster, „unser Herr“.
Justinian I. unterwarf zwischen 533 und 553 Nordafrika, Italien und Südspanien noch einmal militärisch dem Kaiser. 554 löste er den weströmischen Hof in Ravenna durch eine constitutio pragmatica auf. 568 eroberten die Langobarden große Teile Italiens. Viele Historiker sehen darin das Ende des spätantiken Italien. Die formelle Oberhoheit des oströmischen Kaisers über den früheren Westen erlosch spätestens im 7. Jahrhundert. Kaiser Maurikios plante 597 erfolglos, seinen Sohn Tiberios als in Rom residierenden iunior Augustus einzusetzen. Karl der Große erneuerte 800 ein westliches Kaisertum unter anderen Bedingungen.
Römische Restgebiete hielten sich unterschiedlich lange. Julius Nepos regierte Dalmatia bis 480. Syagrius behauptete sich als rex Romanorum um Paris bis 486; nach der Eroberung durch die Merowinger wurde er um 486/87 auf Befehl Chlodwigs I. hingerichtet. In Teilen der Mauretania bestanden Handelsverbindungen und lateinische Grabinschriften teilweise bis 655 fort.
Auch Rom schrumpfte stark. Von über 1 Million Einwohnern um 250 sank die Bevölkerung auf etwa 650.000 um 400. Nach dem Verlust Africas stockte die Getreideversorgung; die Plünderung 455, Kämpfe und eine Seuche 472 beschleunigten den Rückgang. Dennoch blieb Rom im 5. Jahrhundert kulturell und politisch bedeutend. Um 534 hatte die Stadt vermutlich noch etwa 100.000 Einwohner. Der Krieg Justinians gegen die Ostgoten zerstörte zwischen 535 und 549 Aquädukte und traf den Senat schwer. Im Frühmittelalter lebten höchstens 20.000 Menschen dort. Mit dem Niedergang weltlicher Autoritäten stieg der Einfluss des Bischofs von Rom; spätestens seit Gregor dem Großen trat der Papst weitgehend als Stadtherr auf.
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