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Ende der Antike
Gängige Enddaten für die Spätantike und den Beginn des Frühmittelalters sind heute der Tod des oströmischen Kaisers Justinian I. 565, der Einfall der …
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Was das Ende der Antike bedeutet
Das Ende der Antike bezeichnet keinen überall gleichzeitig eintretenden Zusammenbruch, sondern einen langen, regional unterschiedlichen Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter. Eng damit verbunden ist der Untergang des Weströmischen Reiches, doch beide Vorgänge dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden. Während im Westen bereits im 5. Jahrhundert politische und materielle Strukturen zerfielen, blieben sie im Oströmischen Reich teilweise bis ins 7. Jahrhundert bestehen.
Jede Datierung hängt von den verwendeten Kriterien ab. Als Kennzeichen der Antike gelten unter anderem die politische und kulturelle Einheit des Mittelmeerraums, griechisch-römische Bildung, römische Verwaltungsformen, die klassischen Städte, die sogenannte Paideia als Bildungstradition und das antike Heidentum. Auch die Wirtschaftsform wurde als Kriterium vorgeschlagen; die Annahme, eine auf Sklaverei beruhende Wirtschaft grenze die Antike vom Mittelalter ab, ist jedoch problematisch, weil Sklaverei im Mittelalter ebenfalls verbreitet war.
Epochen sind wissenschaftliche Ordnungssysteme. Historische Veränderungen wurden von den Zeitgenossen oft nicht als Epochengrenzen wahrgenommen, und ihre Bedeutung lässt sich häufig erst rückblickend erkennen. Deshalb betrachtet die neuere Forschung eher Übergangszeiträume als ein einziges Endjahr und berücksichtigt stets die jeweilige Region.
Kontinuität und grundlegender Wandel
Die Spätantike war zugleich Fortsetzung der alten Welt und Vorbereitung des Mittelalters. Eine wichtige Verbindung bildete die christliche Kirche, die sich vom 4. bis zum 6. Jahrhundert eng mit der Gesellschaft verband. Angehörige der gebildeten Oberschicht hatten weiterhin Zugang zur klassischen Paideia, wie die Werke von Boethius, Gorippus, Prokopios von Caesarea und Agathias im 6. Jahrhundert zeigen. Mit Cassiodor († 583) begann im Westen der Übergang von der antiken zur klösterlichen Buchproduktion. Zwischen etwa 550 und 800 ging ein großer Teil der lateinischen Literatur verloren; erhaltene Texte wurden teilweise erst während der karolingischen Renaissance erneut kopiert.
Im Osten war der Bruch weniger plötzlich. Das Oströmische beziehungsweise Byzantinische Reich bestand bis zur Eroberung Konstantinopels 1453. Dennoch unterschieden sich seine Strukturen seit dem 7. Jahrhundert deutlich von denen des spätantiken Reiches. Um 625 verdrängte Griechisch das Lateinische endgültig als Amtssprache. Nach den persischen und arabischen Angriffen wandelten sich Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend. Die Entwicklung der Themenordnung um die Mitte des 7. Jahrhunderts vereinigte militärische und zivile Gewalt wieder, die zuvor getrennt gewesen waren.
Die arabischen Eroberungen beschleunigten den Untergang der Senatsaristokratie, eine Wirtschaftskrise und den Rückgang antiker Bildung. Nach dem militärischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch Ostroms nach 636 endete auch die Zeit vieler klassischer Städte, der Poleis. Zahlreiche Städte schrumpften zu befestigten Orten, sogenannten Kastra. Zugleich zerbrach die ohnehin geschwächte Einheit der Mittelmeerwelt; der Fernhandel ging stark zurück, bevor sich im 8. Jahrhundert neue Handelswege entwickelten.
Umstritten ist, wie stark Gewalt, Zerstörung und Niedergang gegenüber allmählicher Transformation zu gewichten sind. Bryan Ward-Perkins und Peter J. Heather betonen besonders den materiellen Zusammenbruch, während Peter Brown und Averil Cameron stärker langfristige Veränderungen hervorheben. Einigkeit besteht darin, dass antike Strukturen im Osten länger fortbestanden als im Westen. Die Forschung untersucht diese Prozesse zunehmend aus einer eurasischen Perspektive, die neben dem Mittelmeerraum auch Persien, Zentralasien und Arabien einbezieht.
Die wichtigsten vorgeschlagenen Enddaten
In der älteren Forschung wurden unter anderem die Reichsteilung von 395, die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus 476, die Niederlage des Syagrius gegen Chlodwig 486/87 und das Jahr 529 genannt. Für 529 werden die Gründung des ersten Benediktinerklosters und die von Kaiser Justinian verfügte Schließung der Platonischen Akademie in Athen angeführt, wobei für die Schließung auch 531 genannt wird.
476 galt lange als klassisches Enddatum, weil Odoaker Romulus Augustulus absetzte. Heute wird dieses Jahr schwächer gewichtet. Zeitgenossen mussten das Ereignis nicht als endgültigen Untergang verstehen: In Ravenna gab es zwar keinen Kaiser mehr, doch die Herrschaftsrechte gingen formal auf den Kaiser in Konstantinopel über. Senat, Stadtpräfektur und Konsulat bestanden in Italien fort. Erst um 520 bezeichnete Marcellinus Comes den Vorgang ausdrücklich als Ende des westlichen Reiches. Sozial und kulturell bildete 476 in Italien, Gallien, Hispanien und besonders im Osten keine klare Zäsur.
Als verbreitetes Enddatum gilt heute 565, das Todesjahr Justinians I. (Regierungszeit 527–565). Justinian stand mit seinem universalen Herrschaftsanspruch und der Restauratio imperii, der angestrebten Wiederherstellung alter Reichsgrenzen, noch in römischer Kaisertradition. Er war der letzte Augustus mit Latein als Muttersprache. Der Langobardeneinfall in Italien 568 verstärkte den Einschnitt der 560er Jahre.
Für den Osten werden häufig 632 beziehungsweise 641 bevorzugt. Die islamische Expansion begann 632; unter Herakleios (610–641) verlor Ostrom rasch Syrien und Ägypten und wandelte sich zum mittelalterlichen Byzanz. Henri Pirennes These, erst islamische Seeräuber hätten die antike Einheit des Mittelmeerraums zerstört, gilt in dieser Form als widerlegt. Nachweisbar ist jedoch ein starker Rückgang der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen zwischen dem östlichen und westlichen Mittelmeerraum im 7. und frühen 8. Jahrhundert. Einige Darstellungen dehnen die Spätantike deshalb bis 641 oder sogar 700 aus.
Regionale Entwicklungen
In Britannien wurden 383, 401 und 407 große Teile des römischen Heeres abgezogen; 410 waren die Bewohner nach Zosimos auf Selbsthilfe angewiesen. Ein Hilfegesuch an Aëtius von 446 ist das letzte literarisch bezeugte Zeichen römischer Präsenz. Angeln, Sachsen und Jüten, zunächst als foederati angesiedelte Verbündete, rebellierten vermutlich um 440. Dennoch bestanden in Westbritannien bis ins 6. Jahrhundert römische Strukturen und Kontakte weiter; um 540 ist Handel mit Ostrom belegt. Ein plötzliches Ende um 410 wird daher heute bezweifelt.
In Gallien endete die römische Herrschaft schrittweise. Aegidius und Syagrius traten nahezu als selbständige „Könige der Römer“ auf. Chlodwig I. eroberte 486 oder 487 das Herrschaftsgebiet des Syagrius. Je nach Kriterium wird das Ende der Antike dort mit diesem Ereignis, mit Chlodwigs Taufe um 500, mit dem Tod Chlothars I. 561 oder vereinzelt erst mit der Absetzung Childerichs III. 751 verbunden.
Hispanien stand seit 468 weitgehend unter westgotischer Herrschaft. Justinian gewann ab 533 beziehungsweise 553 Teile der Küstenregion zurück, die Ostrom bis 625 wieder verlor. Römisches Recht, römische Kultur und die Entwicklung des Spanischen zeigen starke Kontinuitäten. Die Mehrheit der Althistoriker setzt den Einschnitt ins 6. Jahrhundert, etwa zum Übertritt der Westgoten zum Katholizismus 589; andere wählen die maurische Eroberung 711.
In Nordafrika eroberten die Vandalen ab 429 große Gebiete, 431 Hippo Regius und 439 Karthago. Ostrom gewann die Provinz 533/34 zurück und sicherte sie bis 551 vollständig. Zahlreiche nach 534 errichtete Kirchen sprechen gegen einen allgemeinen Niedergang im 6. Jahrhundert. Der entscheidende Zusammenbruch erfolgte mit den arabischen Angriffen seit 647; Karthago fiel 698.
In Italien begann die politische Auflösung nach der Ermordung des Flavius Aëtius 454 und Valentinians III. 455. Auf Romulus Augustulus’ Absetzung 476 folgte unter Theoderich (493–526) noch eine kulturelle Blüte. Der Gotenkrieg seit 541 zerstörte jedoch den weströmischen Senatorenstand; 554 löste Justinian den Kaiserhof und seine Ämter in Ravenna auf. Der Langobardeneinfall 568 leitete die letzte Phase ein, die bis ins 7. Jahrhundert reichte.
Im Donauraum endete die römisch geprägte Verwaltung unterschiedlich früh. Pannonien geriet im 5. Jahrhundert unter hunnische Kontrolle, obwohl romanische Siedlungskontinuität bis etwa 670 nachweisbar ist. Noricum wurde 487/88 geräumt. Für Raetien kommen die alamannische Ansiedlung um 506 oder das Ende ostgotischer Kontrolle um 535 als Einschnitt infrage. Auf dem Balkan führten slawische Ansiedlung seit etwa 580, der Rückgang der Städte, die Verdrängung des Lateinischen und die neue Themenverfassung um 600 zum Ende antiker Strukturen.
Orient, Persien und Kleinasien
Im römischen Orient begann die entscheidende Krise mit dem römisch-persischen Krieg von 603 bis 628. Chosrau II. eroberte große Gebiete und verursachte schwere wirtschaftliche Schäden. Herakleios schlug die Perser 627 und gewann die Provinzen 629/630 zurück, konnte sie aber nicht gegen die Araber halten. Damaskus fiel 635, Alexandria 642. Islam und Arabisch setzten sich allmählich durch, während die Bevölkerungsmehrheit noch lange christlich blieb.
Das Sassanidenreich, seit 224 Nachfolger des Partherreiches und gleichrangiger Gegner Roms, brach ebenfalls zusammen. Nach der gescheiterten Belagerung Konstantinopels 626 und der Niederlage bei Ninive im Dezember 627 wurde Chosrau II. im Februar 628 gestürzt und getötet. Die Niederlagen bei al-Qādisīya 638 – das genaue Jahr ist umstritten – und Nehawand 642 besiegelten Persiens Niederlage. Mit dem Tod Yazdegerds III. 651 war dort das Ende der Antike erreicht.
In Kleinasien erfolgte der Übergang im 7. Jahrhundert. Die Bedrohung durch Sassaniden und Araber führte zur Einrichtung der Themen Anatolikon und Armeniakon. Diese Reform wurde früher Herakleios zugeschrieben, heute eher seinem Enkel Konstans II. Viele Städte verfielen oder wurden zu befestigten Kastra; Griechisch verdrängte das Lateinische endgültig.
Übergang zum Mittelalter
Der Übergang zum Frühmittelalter verlief schleichend und je nach Region verschieden. Im Westen häuften sich Brüche besonders um 500, im Osten um 600. Zugleich blieben zahlreiche politische, religiöse und kulturelle Kontinuitäten bestehen. Germanische Herrscher suchten zunächst die Anerkennung des oströmischen Kaisers, verwendeten römische Titel und regierten mehrheitlich romanische Bevölkerungen. Die frühen Merowinger entwickelten das antike Erbe in Gallien weiter; Theoderich knüpfte in Italien an spätrömische Herrschaftsformen an.
Die soziale Identität der Reichsbewohner wird mit dem Begriff „Romanness“ oder „Römertum“ beschrieben. Sie war nicht nur ethnisch bestimmt, sondern konnte politische, religiöse und kulturelle Bestandteile verbinden. Nach dem Wegfall des Weströmischen Reiches gewannen die Zugehörigkeit zur Reichskirche und römische Kultur als Identitätsmerkmale an Bedeutung.
Auch im Mittelalter sahen sich Herrscher bewusst in römischer Tradition. Die Translatio imperii bezeichnete die Vorstellung, die westliche Kaiserwürde sei auf Karl den Großen und später auf Otto den Großen beziehungsweise die „Deutschen“ übergegangen. Das Heilige Römische Reich verstand sich bis zu seinem Ende 1806 als Nachfolger der antiken Kaiser. Die karolingische Renaissance um 800 bewahrte viele antike Texte; die italienische Renaissance des 14. und 15. Jahrhunderts griff erneut besonders wirkungsvoll auf antikes Gedankengut zurück. Daher lässt sich keine einzelne Jahreszahl als allgemeingültige Grenze zwischen Antike und Mittelalter festlegen.