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Untergang des Römischen Reiches
Die Osthälfte des Römischen Reiches überdauerte den Zusammenbruch des weströmischen Kaisertums. Sie durchlief als Byzantinisches Reich mehrere Transformationen …
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Kernfrage und zeitlicher Rahmen
Der Untergang des Römischen Reiches meint vor allem den Zusammenbruch des weströmischen Kaisertums. Dieser Prozess endete 476 mit der Absetzung des weströmischen Kaisers Romulus Augustulus oder, nach anderer Zählung, 480 mit dem Tod des letzten von Ostrom anerkannten weströmischen Kaisers Julius Nepos. In der Forschung ist umstritten, ob Westrom vor allem durch innere Probleme oder durch äußeren Druck unterging.
Innere Faktoren sind zum Beispiel strukturelle Schwächen, soziale und religiöse Umbrüche, wirtschaftliche Probleme, Bürgerkriege und der Machtverlust der kaiserlichen Regierung. Äußere Faktoren sind vor allem die sogenannte Völkerwanderung, der Druck germanischer Gruppen, der Hunnen und anderer Gegner sowie die Bedrohung durch das Sassanidenreich im Osten.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Westrom und Ostrom. Die westliche Reichshälfte brach im 5. Jahrhundert politisch zusammen. Die östliche Reichshälfte bestand als Byzantinisches Reich weiter, veränderte sich stark und endete erst 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II.; dabei starb der letzte oströmisch-byzantinische Kaiser Konstantin XI. Deshalb ist der „Untergang Roms“ nicht einfach das Ende der gesamten römischen Tradition, sondern vor allem das Ende der weströmischen Zentralgewalt.
Vier Grunddeutungen
Die Forschung ordnet die wichtigsten Erklärungen grob vier Ansätzen zu.
Die Dekadenzthese behauptet, das Reich sei seit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts in einen Verfallsprozess geraten. Macht und Wohlstand hätten zu Werteverfall geführt, wodurch Wirtschaft und Militär geschwächt worden seien. In älteren Deutungen wurde oft das Christentum verantwortlich gemacht; marxistisch beeinflusste Ansätze betonten eher sozioökonomische Krisen. Äußere Angriffe galten dabei meist nur als zweitrangig. Diese Erklärung wird in der heutigen Fachforschung überwiegend abgelehnt.
Die Katastrophenthese sieht den Hauptgrund im äußeren Druck des 4. und 5. Jahrhunderts. Besonders wichtig ist hier das Auftreten der Hunnen, deren Vorstoß Wanderbewegungen ausgelöst habe. Das geschwächte Westreich habe diesen Angriffen nicht standhalten können. Vertreter dieser Richtung sind unter anderem Peter J. Heather und Bryan Ward-Perkins.
Der Transformationsansatz betont, dass man nicht nur von „Untergang“ sprechen sollte. Vielmehr habe sich das Imperium Romanum in kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht langsam in die Welt des Mittelalters verwandelt. Dabei seien viele Kontinuitäten erhalten geblieben. Vertreter sind unter anderem Peter Brown, Walter A. Goffart und Averil Cameron.
Der Bürgerkriegsansatz erklärt das Ende Westroms vor allem durch jahrzehntelange innere Machtkämpfe. Bürgerkriege hätten Macht und Ansehen der weströmischen Regierung zerstört. Danach hätten Anführer reichsfremder Söldnerheere, sogenannte foederati, lokale Herrschaften übernommen. Zu den neueren Vertretern gehören Guy Halsall, Henning Börm und Christian Witschel.
Ältere Deutungen
Lange galt es als selbstverständlich, von „Verfall und Untergang“ des Imperium Romanum zu sprechen. Besonders einflussreich war Edward Gibbon, der im 18. Jahrhundert in The History of the Decline and Fall of the Roman Empire die Ansicht vertrat, Westrom sei vor allem wegen innerer Schwäche untergegangen. Dem Christentum gab er einen wichtigen Teil der Schuld, weil es nach seiner Deutung die alten Kräfte des Reiches geschwächt habe. Äußere Feinde hätten das bereits geschwächte Imperium schließlich zum Einsturz gebracht.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden häufig Christentum und Germanen als Ursachen genannt. Otto Seeck sah die Spätantike als Verfallszeit. Henri Pirenne erklärte den Zusammenbruch der spätantiken Mittelmeerwelt dagegen nicht durch die Germanen, sondern erst durch den Ansturm des Islam. Alfred Rosenberg deutete die Epoche im Sinne der NS-Ideologie rassistisch; diese Deutung ist Teil der älteren Rezeptionsgeschichte, aber keine heutige wissenschaftliche Erklärung.
Andere ältere Ansätze betrachteten große Reiche wie Lebewesen, die Aufstieg, Blüte und Verfall durchlaufen. Diese zyklische Vorstellung findet sich schon in der Antike und später bei Oswald Spengler. In der heutigen Althistorie hat sie kaum noch Gewicht.
Max Weber und Hans Delbrück erklärten den Verfall stärker wirtschaftlich und sozial. Weber sah eine Entwicklung vom seehandelsorientierten Reich zu einem stärker agrarischen Binnenstaat. Großgrundbesitz, Latifundien, Sklavenarbeit, die Bindung der Kolonen an den Boden und eine wachsende Naturalwirtschaft hätten Städte, Geldwirtschaft und Marktproduktion geschwächt. Delbrück verband den Zerfall territorialer Sondergebiete besonders mit der Germanisierung des römischen Militärs. Auch technologischer Stillstand, etwa in Landwirtschaft und Handwerk, wurde als Problem genannt.
Heutige Forschungslage
Die meisten Fachhistoriker vertreten heute nicht mehr die einfache Vorstellung, „spätrömische Dekadenz“ habe das Reich zu Fall gebracht. Die Spätantike, ungefähr 300 bis 600, wird differenzierter gesehen. Viele neuere Arbeiten betonen die Vitalität der Epoche, besonders im Osten. Dennoch gab es reale Brüche: Im Westen nahm ab dem 6. Jahrhundert die Bildungsaktivität stark ab, im Osten ab dem 7. Jahrhundert weniger stark. Regional waren die Entwicklungen sehr unterschiedlich. Italien erlebte unter dem Ostgotenkönig Theoderich im frühen 6. Jahrhundert noch eine kulturelle Spätblüte, wurde aber durch den Gotenkrieg 535–554 und den Einfall der Langobarden 568 schwer getroffen.
Ostrom bewahrte mehr antikes Bildungsgut, wurde aber durch den langen Perserkrieg 603 bis 628/29 und danach durch die Islamische Expansion stark verändert. Für das lateinsprachige Mitteleuropa begann im 6. Jahrhundert ein Rückgang der griechisch-römischen Bildungskultur; um 800 förderte Karl der Große mit der Karolingischen Renaissance wieder die Beschäftigung mit antiken Werken.
Der wirtschaftliche Niedergang allein erklärt den Fall Westroms nicht. Die Spätantike war vielerorts wirtschaftlich weiterhin lebendig, besonders im Osten, aber auch in Teilen des Westens wie Galliens und Nordafrikas. Anders sah es zum Beispiel in Britannien, im Rheinland und im Maasgebiet aus, wo Siedlungs- und Wirtschaftsaktivitäten zurückgingen.
Auch das Christentum wird heute nicht mehr einfach als Ursache des Untergangs gesehen. Es zog zwar fähige Menschen in den Kirchendienst, stabilisierte aber zugleich das Kaisertum. Dass der stärker und früher christlich geprägte Osten das 5. Jahrhundert überstand, spricht gegen eine einfache Schuldzuweisung. Ebenso waren Korruption, Bürokratie und soziale Veränderungen vorhanden, erklären aber nicht allein, warum der Osten überlebte und der Westen zusammenbrach.
Politischer und militärischer Zerfall Westroms
Ein zentrales Problem Westroms war der Verlust politischer Kontrolle. Seit dem frühen 5. Jahrhundert gewannen hohe Militärs, besonders die Heermeister, immer mehr Macht. Die weströmischen Kaiser waren oft zu schwach, zu jung oder abhängig von militärischen Machthabern. Beispiele sind Honorius und Valentinian III. Einzelne Kaiser wie Majorian und Anthemius konnten zeitweise wieder Initiative zeigen, aber den Zerfallsprozess nicht umkehren.
Die reguläre Armee konnte besonders im Westen die Grenzen immer schlechter schützen. Gründe waren eine zu geringe Mannschaftsstärke, Rüstungsfortschritte germanischer Gegner und vor allem innerrömische Bürgerkriege. Bedeutende Verluste erlitt das römische Heer nicht nur gegen äußere Feinde, sondern in inneren Konflikten, etwa bei Mursa 351 und am Frigidus 394. Die Niederlage von Adrianopel 378 war schwer, betraf aber die oströmische Armee.
Die Finanzprobleme waren entscheidend. Ostrom konnte wegen größerer Wirtschaftskraft, stabilerer innerer Verhältnisse und der geschützten Hauptstadt Konstantinopel weiterhin ein leistungsfähiges Heer unterhalten. Westrom verlor dagegen wichtige Provinzen und damit Steuereinnahmen. Die Vandalen eroberten in den 430er Jahren Africa, die reichste weströmische Provinz und wichtig für die Getreideversorgung Italiens. In den 460er und 470er Jahren gingen weite Teile Hispaniens und Galliens an die Goten verloren. Dadurch konnten reguläre Truppen immer schlechter bezahlt werden.
Westrom war deshalb zunehmend auf foederati angewiesen, also nichtrömische Bundesgenossen unter eigenen Anführern. Um 470 übernahmen germanische Föderaten in vielen Gebieten selbst die Verwaltung, erkannten aber häufig zunächst den oströmischen Kaiser als Oberherrn an. Als wichtige Zäsur gilt die Ermordung des Heermeisters Flavius Aëtius 454, der die Herrschaft Ravennas noch in Italien, Teilen Galliens, Katalonien und Dalmatien gestützt hatte. Der gescheiterte Versuch des Kaisers Anthemius, 468 Nordafrika zurückzuerobern, zerstörte die verbliebene Autorität des weströmischen Kaisertums weitgehend. 476 wurde es schließlich als überflüssig abgeschafft.
Offene Gesamtbewertung
Eine eindeutige, monokausale Erklärung gibt es nicht. Die heutige Forschung sieht den Untergang Westroms meist als Zusammenspiel mehrerer Faktoren: politischer Desintegration, Bürgerkriegen, sinkenden Steuereinnahmen, militärischem Druck, Verlust wichtiger Provinzen, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und regional sehr unterschiedlichen Entwicklungen.
Peter J. Heather betont den äußeren Druck: Seit dem Aufstieg des Sassanidenreichs im 3. Jahrhundert habe Rom dauerhaft einen gefährlichen Rivalen gehabt. Mit dem Auftreten der Hunnen und den dadurch ausgelösten Bewegungen an der Nordgrenze sei besonders Westrom überfordert gewesen. Andere Forscher wie Halsall und Börm betonen stärker innere Konflikte und den Zerfall der kaiserlichen Autorität.
Joseph Tainter erklärt den Zusammenbruch komplexitätstheoretisch: Das Reich habe immer mehr Ressourcen benötigt, um Verwaltung, Militär, Transport und Grenzen zu sichern. Die Kosten seien gestiegen, während neue Eroberungen keine ausreichenden zusätzlichen Mittel mehr brachten. Kleinere germanische Königreiche hätten geringere Verwaltungs- und Militärkosten gehabt.
Kyle Harper ergänzt umweltgeschichtliche Faktoren. Nach seiner Darstellung wirkten Klimawandel und Pandemien mit. Bis etwa 200 n. Chr. sei das Klima relativ stabil feucht-warm gewesen und habe gute Ernten begünstigt. Danach sei es instabiler geworden. Die Antoninische Pest seit den späten 160er Jahren, die Cyprianische Pest im 3. Jahrhundert und die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert hätten Bevölkerung, Arbeitskräfte und Militär geschwächt.
Als vorsichtiges Fazit gilt: Westrom fiel einem politischen Desintegrationsprozess zum Opfer. Rom lebte kulturell fort, Ostrom bestand bis 1453, und die Spätantike formte das spätere Europa entscheidend mit.