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Vergebung

Vergebung in den Religionen · Abrahamitische Religionen · Hinduismus · Südpazifische Religionen.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Abgrenzung von ähnlichen Reaktionen
  3. 3. Vergebung in den abrahamitischen Religionen
  4. 4. Christliches Verständnis
  5. 5. Weitere religiöse Formen

Begriff und Bedeutung

Vergebung ist ein Verhaltensmuster, mit dem Menschen auf verletzendes Verhalten reagieren. Häufig wird sie als Überwindung negativer Gefühle und Einstellungen gegenüber einer Person verstanden, von der man verletzt wurde. Diese seit der europäischen Aufklärung nachweisbare Auffassung wird meist auf Joseph Butler zurückgeführt und prägt bis heute das westliche Alltagsverständnis.

Eine allgemein anerkannte Definition gibt es jedoch nicht. Umstritten ist etwa, ob Vergebung ein innerer, emotionaler Vorgang ist oder von der Reue desjenigen abhängt, dem vergeben werden soll. Reue bedeutet dabei das ausdrückliche Eingeständnis der eigenen Schuld. Auch die Abgrenzung zwischen „Vergeben“ und „Verzeihen“ ist nicht einheitlich. Im deutschen Alltag können beide Wörter teilweise ausgetauscht werden; in der Fachliteratur hat sich eine allgemeine begriffliche Trennung nicht durchgesetzt.

Vorstellungen von Vergebung unterscheiden sich zwischen Kulturen, Generationen und einzelnen Menschen. Sie bewegen sich unter anderem zwischen Individualismus, bei dem das einzelne Individuum im Mittelpunkt steht, und Kollektivismus, bei dem die Gemeinschaft stärker gewichtet wird. In manchen Kulturen spielen persönliche Gefühle eine geringere Rolle. Auch Erwartungen daran, wer um Vergebung bitten muss oder wie Reue sichtbar wird, können verschieden sein. Deshalb kann dasselbe Verhalten von einer Person als Vergebung erkannt werden, von einer anderen aber nicht.

Abgrenzung von ähnlichen Reaktionen

Wer vergibt, nimmt das Fehlverhalten bewusst wahr und hält es nicht für unwichtig. Bei einem vergangenen Ereignis bleibt die Erinnerung daran bestehen. Vergebung bedeutet weder, die Tat stillschweigend zu akzeptieren, noch sie durch besondere Gründe zu entschuldigen. Sie verlangt, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sich zugleich in die andere Person hineinzuversetzen. Verständnis für einen Menschen und mögliche Ursachen seines Handelns ist dabei kein Einverständnis mit seiner Tat.

Vergebung unterscheidet sich von mehreren anderen Reaktionen:

  • Nachsicht erkennt das Fehlverhalten, beurteilt es aber als nicht erheblich.
  • Entschuldigendes Verzeihen schwächt die Verantwortung wegen bestimmter Umstände ab oder hebt sie auf.
  • Duldung nimmt ein Fehlverhalten ohne Widerspruch oder Widerstand hin und akzeptiert es damit faktisch.
  • Ignorieren bedeutet, ein Fehlverhalten bewusst oder unbewusst nicht zur Kenntnis zu nehmen.
  • Vergessen liegt vor, wenn die Erinnerung an das schädigende Verhalten nicht mehr vorhanden ist.

Vergebung ist außerdem nicht dasselbe wie Versöhnung. Versöhnung zielt darauf, dass beide Seiten ihre Schuld und gegenseitigen Verletzungen bearbeiten, einander vergeben und eine unbelastete gemeinsame Zukunft anstreben. Auch eine Begnadigung ist etwas anderes: Sie ist ein rechtlicher Gnadenakt. Der Bundespräsident kann einen Täter begnadigen, ohne ihm persönlich vergeben zu haben; ebenso kann er persönlich vergeben, ohne eine Begnadigung für richtig zu halten.

Vergebung in den abrahamitischen Religionen

In Judentum, Christentum und Islam gilt Vergebung als wesentliche Eigenschaft des einen Gottes. Dass Gott den Menschen vergibt, ist grundlegend für das Verhältnis zwischen Gott und Mensch und für das Selbstverständnis der Gläubigen. Daraus folgt die hohe Bedeutung zwischenmenschlicher Vergebung: Wer vergibt, handelt entsprechend dem offenbarten Wesen, Willen und Handeln Gottes.

Gleichzeitig besteht eine Spannung zu Aussagen über Gottes Zorn, Rache und Vergeltung sowie zu Grenzen zwischenmenschlicher Vergebung. Anders als die heute verbreitete Vorstellung, ein Mensch könne sich selbst vergeben, beschreiben die heiligen Schriften dieser drei Religionen Vergebung ausschließlich als Geschehen zwischen verschiedenen Personen.

Im Judentum steht die Vergebung der Sünden im Zentrum des höchsten Feiertags Jom Kippur. Im Islam gehören „der Verzeiher“ und „der Vergeber der Sünden“ zu den 99 Schönen Namen Allahs. Anders als im jüdischen Tanach nennen das Markusevangelium im Neuen Testament und Sure 4 des Korans ausdrücklich eine Sünde, die nicht vergeben werden wird.

Seit der Aufklärung kritisieren besonders liberale theologische Richtungen die grundlegende Bedeutung göttlicher Vergebung, weil sie den damit verbundenen Begriff von Schuld oder Sünde problematisch finden. Wo Vergebung für das Verhältnis zwischen Gott und Mensch in den Hintergrund tritt, wird die Bedeutung zwischenmenschlicher Vergebung eher mit philosophischen oder psychologischen Gründen erklärt.

Christliches Verständnis

Im Christentum steht die Versöhnung zwischen Gott und Mensch durch Jesus Christus im Mittelpunkt. Nach Apostelgeschichte 2,38 sind Umkehr und Taufe „zur Vergebung“ der Sünden mit der Gabe des Heiligen Geistes verbunden. Apostelgeschichte 13,38–39 verkündet die Vergebung der Sünden durch Christus und die Rechtfertigung dessen, der glaubt. Der 1. Brief des Johannes 2,2 bezeichnet Christus als Versöhnung für die Sünden der Gläubigen und „der ganzen Welt“.

Das Vaterunser verbindet die Bitte an Gott mit dem eigenen Verhalten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ (Matthäusevangelium 6,12). Die anschließende Erläuterung macht Gottes Vergebung davon abhängig, dass Menschen anderen vergeben. Zwischenmenschliche Vergebung wird dabei als Weitergabe der empfangenen Gnade verstanden, nicht als etwas, das die andere Person verdient hätte.

Jesus fordert Vergebung nicht nur, sondern praktiziert sie nach dem Lukasevangelium 23,34 selbst: Am Kreuz bittet er für seine Feinde mit den Worten „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Der Kolosserbrief 3,13 fordert die Gläubigen auf, einander zu ertragen und zu vergeben, wie der Herr ihnen vergeben hat. In Matthäus 18,21–22 antwortet Jesus auf die Frage, ob man einem Bruder siebenmal vergeben müsse: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ Dies steht für eine unbegrenzte Bereitschaft zur Versöhnung, auch wenn wiederholte Angebote ohne Antwort bleiben.

Martin Luther erklärte im Großen Katechismus von 1529/30 die Vergebung der Sünden zur Hauptaufgabe der Kirche. Die Christenheit sei darauf ausgerichtet, durch Wort und Zeichen täglich Vergebung zu empfangen und dadurch das Gewissen zu trösten. Vergebung habe dabei einen doppelten Sinn: Gott vergibt den Menschen, und die Menschen vergeben, tragen und helfen einander.

Weitere religiöse Formen

Im Hinduismus wird Vergebung im Mahabharata, Buch 3, Kapitel 29, als größte Tugend dargestellt und mit Brahma, Wahrheit, asketischem Verdienst, Askese, Heiligkeit und dem Zusammenhalt des Universums verbunden. Mahatma Gandhi betonte zugleich, dass echte Vergebung Freiheit voraussetze. Eine abhängige oder hilflose Person könne nicht wirklich verzeihen, wenn sie keine andere Handlungsmöglichkeit habe. Er veranschaulichte dies mit einer Maus, die einer Katze kaum vergeben könne, wenn sie ihre Vernichtung lediglich hinnehmen müsse.

Eine besondere Form aus der traditionellen hawaiischen Religion ist Hoʻoponopono, ein psycho-spirituelles Verfahren, dessen Anwendung mehr als achthundert Jahre zurückreicht. Es dient als geistige Reinigung und soll Fehlverhalten korrigieren. Konflikte werden durch Aussprache bis hin zur Beichte, gegenseitige Reue und Vergebung friedlich gelöst; das Verfahren kann bis zur Feindesliebe reichen.

Traditionell nahmen alle an einem Problem beteiligten Personen teil, im Geiste auch die Ahnen. Geleitet wurde das Verfahren durch einen Kahuna, einen Heilpriester, der einem Schamanen ähnelt. Als Helfer wurden vor allem Naturgeister und ein Familiengeist namens ’aumakua angerufen. Moderne Formen, die Kahuna Morrnah Simeona begründete, können dagegen allein durchgeführt werden. Die Reinigung steht dabei unter der Schirmherrschaft des Schöpfers und soll den Menschen auch von der Unwissenheit über seine göttliche Herkunft befreien. Weder die traditionellen noch die modernen Formen hawaiischen Ursprungs verwenden Mantras.

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