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Vergebung (Psychologie)

Vergebung wird als psychischer Prozess aufgefasst, der psychologisch erforscht werden kann. Vergebung spielt in den meisten Religionen eine wichtige Rolle.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Abgrenzung und Schwere von Verletzungen
  3. 3. Ablauf des Vergebungsprozesses
  4. 4. Therapeutische Unterstützung und Partnerschaft
  5. 5. Bedingungen, die Vergebung fördern
  6. 6. Gesundheit, Wohlbefinden und Beziehungen

Begriff und Bedeutung

Vergebung ist ein psychischer Prozess, bei dem eine Person, die sich als Opfer empfindet, auf den Schuldvorwurf und den Anspruch auf Wiedergutmachung verzichtet, ohne die erlittene Verletzung zu relativieren oder zu entschuldigen. Vergeben wird nicht die Tat, sondern dem Täter. Die Tat bleibt geschehen, doch die verletzte Person kann sich aus der Opferrolle lösen und besser mit den Folgen leben. Vergebung ist damit eine Copingstrategie, also eine Form der Bewältigung belastender Erfahrungen.

Der Vorgang ist überwiegend innerseelisch und kann unabhängig davon stattfinden, ob der Täter Einsicht oder Reue zeigt. Eine weiter gefasste Definition schließt ein, dass sich Gefühle, Gedanken und Verhalten gegenüber dem Täter in Richtung Wohlwollen und Mitgefühl verändern. Schwennen definiert Verzeihen als einen inter- und intrapersonalen Prozess, der sich in einer prosozialen Veränderung von Affekt, Kognition und Verhalten gegenüber einem Schadensverursacher zeigt. Der Prozess ist intentional, bedingungslos und nicht notwendig; zugleich bleibt bewusst, dass der Täter verantwortlich ist.

Verzeihung kann bedeuten, dass Opfer und Täter miteinander über die Verletzung sprechen; die Begriffe Vergebung und Verzeihung werden jedoch auch synonym verwendet. Vergebung ist meist ein länger dauernder Weg. Sie kann sich außerdem auf eigene Verfehlungen oder auf Dritte wie Gesellschaft, Regierung, eine Situation oder das Schicksal beziehen. Beziehungen sind für Menschen lebenswichtig, zugleich sind Enttäuschungen und Verletzungen in ihnen unvermeidlich. Deren Folgen können Ärger, Wut, Hass, Grübeln, aggressives Verhalten sowie körperliche oder psychische Beschwerden sein. Trauerarbeit und Empathie für die Person in Täterposition spielen bei ihrer Bewältigung eine wichtige Rolle.

Abgrenzung und Schwere von Verletzungen

Vergebung kann nicht verlangt werden, sondern beruht ausschließlich auf der freien Entscheidung der verletzten Person. Eine Bitte des Täters um Vergebung ist in der Regel hilfreich. Vergebung bedeutet weder Vergessen noch Nachsicht, Akzeptanz oder Billigung. Sie ist auch keine Begnadigung, Verleugnung oder nachträgliche Rechtfertigung der verletzenden Handlung. Die Verantwortung des Täters wird nicht aufgehoben.

Vergebung und Versöhnung sind ebenfalls zu unterscheiden. Versöhnung setzt zusätzlich voraus, dass beide Seiten ihre Beziehung unbelastet von der Verletzung fortsetzen und ihr Vertrauen erneuern wollen. Nach einer Vergebung kann die Beziehung dagegen beendet werden, ohne dass die verletzte Person weiter nachtragend ist. Versöhnung ist nur sinnvoll, wenn der Täter Reue zeigt und Wiedergutmachung leistet. Bei Vergewaltigung sowie körperlicher oder emotionaler Gewalt kann ein Opfer vergeben; zeigt der Täter aber keine Reue und ändert sich nicht, ist Versöhnung ausgeschlossen.

Verletzungen reichen von Alltagssituationen wie unfreundlicher Kritik oder einem vergessenen Hochzeitstag über Lebensereignisse wie Arbeitsplatzverlust, Trennung oder Scheidung bis zu Traumatisierungen durch schwere Unfälle, Gewalttaten, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Üblicherweise erwartet das Opfer korrektive Handlungen: Der Täter soll sich entschuldigen, den Schaden wiedergutmachen oder bestraft werden. Nach Erving Goffman unterliegt dieser Austausch sozialen Regeln und Normen. Eine Erklärung des Täters kann die Sicht und Bewertung des Opfers verändern.

Bleibt ein solcher Austausch aus, können Wut, Angst, Ärger, Scham und Grübeln zu lang anhaltenden oder unverhältnismäßig starken Belastungen werden. Nach schweren kritischen Lebensereignissen kann eine von Michael Linden beschriebene Posttraumatische Verbitterungsstörung entstehen, unter anderem mit Intrusionen und Vermeidungsverhalten. In einer klinischen Stichprobe erlebten jeweils 91 % der Patienten das Ereignis als ungerecht und unfair beziehungsweise sahen keine Möglichkeit, den Verursacher zur Rechenschaft zu ziehen. Vergebung ist hier eine mögliche Form emotionsorientierten Copings nach dem Stressmodell von Lazarus. Da Verletzungen körperliche, seelische, ideelle oder materielle Verluste verursachen können, gehört auch Trauerarbeit zum Vergebungsprozess.

Ablauf des Vergebungsprozesses

Nach Schwennen umfasst Vergebung mehrere sozial-kognitive Schritte:

  • Zuerst nimmt die betroffene Person ein Verhalten oder eine Unterlassung als Verletzung oder Schaden wahr. Das Ereignis wird als unangenehm erlebt und widerspricht ihren Normvorstellungen.
  • Bei der Kausalattribution wird geklärt, durch wen oder was das Ereignis verursacht wurde.
  • Bei der Verantwortungsattribution wird Schuld zugeschrieben. Verantwortung besteht insbesondere dann, wenn der Täter die Verfehlung verursacht hat, anders hätte handeln können, die Folgen absehen konnte und sie dennoch in Kauf nahm oder beabsichtigte.
  • Danach werden Empathie gegenüber dem Verursacher und die Bearbeitung der eigenen negativen Gefühle wichtig.
  • Am Ende kann Vergebung erreicht werden.

Als mögliches Ergebnis nennt das Modell inneren Frieden, das Ende von Wut, Hass und Grübeln sowie eine Verminderung von Beschwerden. Empathie bedeutet dabei nicht, die Tat zu entschuldigen, sondern die Person des Täters und ihre Perspektive wahrzunehmen. Beispiele des Artikels zeigen, dass Vergebung sehr unterschiedliche Beziehungen und Verletzungen betreffen kann: Ein Ehemann vergibt seiner Frau eine Affäre, eine Mutter ihrer Tochter einen dreijährigen Kontaktabbruch und eine 51-jährige Frau ihrem Vater jahrelangen sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit.

Therapeutische Unterstützung und Partnerschaft

Enright beschreibt 20 „Wegweiser“ zur Vergebung in vier Gruppen: die eigene Wut freilegen, sich zur Vergebung entschließen, am Vergebungsprozess arbeiten sowie erkennen, wie man sich aus dem Gefängnis belastender Emotionen befreien kann. Die erste Gruppe mit acht Wegweisern ist am umfangreichsten. Empathie mit der Täterperson wird in der dritten Gruppe erarbeitet.

Auf solchen Modellen beruhen Einzel- und Gruppeninterventionen für Menschen mit schweren seelischen Verletzungen. Sie dauerten zwischen 6 und über 50 Sitzungen. Teilnehmende waren beispielsweise Menschen, die als Kinder von Familienmitgliedern sexuell missbraucht worden waren, oder Personen mit weiterhin belastenden zwischenmenschlichen Erfahrungen. In der Metaanalyse von Lundahl und anderen zeigten sich gegenüber Kontrollgruppen signifikante Veränderungen mit Effektstärken zwischen 0,54 und 0,82, also mittleren bis starken Effekten: mehr Vergebung, weniger Depression, Angst, Wut, Stress und Kummer, mehr Hoffnung, Optimismus und positive Gefühle, eine höhere Selbstwertschätzung sowie eine tendenziell günstigere Beziehung zum Täter. Einzelinterventionen und Interventionen nach Enright waren am wirksamsten.

Linden und andere entwickelten die Weisheitstherapie als umfassende kognitive Verhaltenstherapie für Patienten mit Verbitterungsstörung. Stauss beschreibt eine spirituell-therapeutische Vergebungs- und Versöhnungsarbeit. Dafür muss der Klient auf einem hohen oder mäßigen psychischen „Strukturniveau“ funktionsfähig sein; diese Voraussetzung muss gegebenenfalls zuerst psychotherapeutisch erarbeitet werden.

Für Partnerschaften nennt Jellouschek fünf Schritte: Ansprechen, Verstehen, Anerkennen, Verzeihen und Wiedergutmachen. Täter und Opfer führen dabei Gespräche; einzelne Schritte können mehrfach notwendig sein. Die Opferrolle kann Macht verleihen, weil die Verletzung immer wieder vorgeworfen werden kann. Mit der Verzeihung gibt der verletzte Teil diese Macht auf. Wenn der Täter mitarbeitet, um Verzeihung bittet und Wiedergutmachung leistet, stärkt dies das Vertrauen und vermindert die Angst vor einer Wiederholung.

Bedingungen, die Vergebung fördern

Die Forschung unterscheidet die Vergebung einer konkreten Verletzung, State Forgiveness, von der allgemeinen persönlichen Neigung zu vergeben, Trait Forgiveness. Metaanalysen zeigen für mehrere Merkmale mittlere oder starke Zusammenhänge mit konkreter Vergebung, definiert als r ≥ 0,3.

Eine Person vergibt eher, wenn sie Empathie für den Täter empfindet, ihm nur geringe Absicht oder Verantwortung zuschreibt und wenig auf ihn bezogene Wut verspürt. Förderlich sind außerdem eine Entschuldigung des Täters, eine ansonsten zufriedenstellende Beziehung und wenig Grübeln. State Forgiveness und Trait Forgiveness korrelieren nur mit r = 0,30. Ob eine bestimmte Verletzung vergeben wird, hängt daher stark von deren konkreten Umständen ab und nicht nur von einer allgemeinen Persönlichkeitseigenschaft.

Gesundheit, Wohlbefinden und Beziehungen

Vergebungsinterventionen können negativen Affekt, also belastende Gefühle, vermindern und positiven Affekt sowie Selbstwertschätzung fördern. In einer Metaanalyse von Korrelationsstudien hing konkrete Vergebung deutlich mit weniger negativem Affekt wie Wut und Verbitterung zusammen (r = −0,47) und mit mehr positivem Affekt wie Mitgefühl und Wohlwollen (r = 0,32). Zusammenhänge mit weniger Depression, Angst und Stress sowie höherer Lebenszufriedenheit waren ebenfalls vorhanden, lagen betragsmäßig aber unter 0,3.

Auch körperliche Zusammenhänge wurden beobachtet. Bei Menschen mit einer tiefen, unaufgelösten psychischen Verletzung führte eine Vergebungsintervention zu mehr konkreter Vergebung, weniger Wut und einer verbesserten, unter Stress gemessenen Herzmuskel-Durchblutung. In Interviews über zwei innerhalb der vergangenen 6 Monate erlittene Verletzungen korrelierten Blutdruckwerte mit Vergebung negativ zwischen −0,45 und −0,31. Auch die Herzfrequenz hing negativ mit konkreter Vergebung zusammen: Höhere Vergebung ging mit niedrigeren Werten einher. Solche Korrelationen beschreiben Zusammenhänge, beweisen für sich allein aber keine Ursache.

McCullough nennt zwei mögliche Erklärungen für den Zusammenhang mit Gesundheit: Wer vergibt, kann häufiger wieder positive Beziehungen aufbauen, verfügt dadurch über mehr funktionierende Beziehungen und erhält mehr soziale Unterstützung. Außerdem kann Vergebung verhindern, dass dauerhafte Feindseligkeit entsteht und gesundheitlich belastend wirkt. Die wichtigste soziale Wirkung besteht darin, dass Vergebung eine Versöhnung und damit die Fortsetzung einer Beziehung ermöglichen kann; sie verpflichtet jedoch nicht dazu.

Lernvideos zu Vergebung (Psychologie)

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