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Völkerwanderung

Die Völkerwanderungszeit fällt in die Spätantike und bildet für die Geschichte des nördlichen Mittelmeerraums sowie West- und Mitteleuropas ein Bindeglied …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Zeitraum und Forschungsstand
  2. 2. Westrom: Krisen, Föderaten und neue Reiche
  3. 3. Hunnen, Goten und der Weg nach Westen
  4. 4. Zerfall des Westreichs und die wichtigsten Reichsbildungen
  5. 5. Ende der Völkerwanderungszeit und Folgen

Begriff, Zeitraum und Forschungsstand

Als Völkerwanderung im engeren Sinn bezeichnet die Forschung Migrationen vor allem germanischer Gruppen in Mittel- und Südeuropa zwischen dem Einbruch der Hunnen um 375/376 und dem Einfall der Langobarden in Italien 568. Die Zeit gehört zur Spätantike und bildet ein Bindeglied zwischen klassischer Antike und Frühmittelalter.

Der Begriff ist problematisch: Nach der heute vorherrschenden Forschung zogen keine festen, ethnisch einheitlichen „Völker“ aus einer Urheimat in ein neues Siedlungsgebiet. Meist handelte es sich um unterschiedlich zusammengesetzte Kriegerverbände mit Familien und Tross sowie um Migration einzelner Personen und kleiner Gruppen. Ihre Zusammensetzung konnte sich verändern; diesen Prozess nennt man Identitätsbildung oder Ethnogenese. Sprache, Kleidung, Waffen oder DNA-Befunde erlauben für sich allein keine sichere Bestimmung kultureller Identität.

Viele Verbände wollten am Wohlstand des Römischen Reiches teilhaben. Als Foederaten schlossen sie Verträge mit Rom: Sie leisteten Militärdienst und erhielten dafür Versorgung, zunächst Nahrungsmittel, später Geld und möglicherweise Land. Andere Gruppen versuchten dies gewaltsam zu erreichen. Die Völkerwanderung war daher kein einheitlicher, geplanter Vorgang, sondern ein offener und regional sehr unterschiedlicher Prozess.

Westrom: Krisen, Föderaten und neue Reiche

Umstritten ist, ob Migrationen den Untergang Westroms verursachten oder ob sie vor allem Folge seiner Schwäche waren. Ein wichtiger Forschungsansatz betont die Bürgerkriege und Machtkämpfe im Westreich: Die kaiserliche Regierung verlor an Autorität, hohe Militärs und Anführer von Kriegerverbänden füllten entstehende Machtlücken. Foederaten waren zunächst nützliche und integrierbare Verbündete, wurden aber in den Konflikten des 5. Jahrhunderts immer schwerer kontrollierbar.

Besonders folgenschwer war der Verlust reicher Provinzen, vor allem Nordafrikas. Dadurch fehlten Westrom Steuereinnahmen für eigene Truppen; die Abhängigkeit von Foederaten nahm zu. Die meisten Fachleute erklären den Zerfall daher nicht durch eine einfache „Eroberung durch Germanen“, sondern durch politische Desintegration, Bürgerkriege, Finanzprobleme, Gebietsverluste und äußeren Druck. Ostrom überstand das 5. Jahrhundert dagegen weitgehend intakt.

Auf dem Boden Westroms entstanden im 5. und 6. Jahrhundert germanisch-romanische oder poströmische regna. Die Krieger waren gegenüber der romanischen Bevölkerung meist eine kleine Minderheit. Ihre Herrscher nutzten römische Verwaltung, Steuern und Eliten; wichtige Ämter blieben oft mit Römern besetzt. Zugleich ging der Transformationsprozess mit Gewalt, materiellem Niedergang und dem langfristigen Verlust leistungsfähiger römischer Verwaltungsstrukturen einher.

Hunnen, Goten und der Weg nach Westen

Vor dem Hunneneinbruch gab es bereits Kontakte, Grenzkonflikte und Wanderungen. Germanische Krieger konnten plündern oder in römische Dienste treten. Um 375 unterwarfen die Hunnen Alanen und greutungische Goten. Ihre Herkunft und der genaue Zeitpunkt ihres Auftretens sind unsicher; auch eine Verwandtschaft mit den in chinesischen Quellen genannten Xiongnu wird von der modernen Forschung überwiegend abgelehnt oder skeptisch beurteilt.

376 flohen mehrere Tausend Terwingen und andere Gruppen über die Donau ins Römische Reich. Schlechte Versorgung und Misshandlungen führten 377 zum Aufstand. In der Schlacht von Adrianopel am 9. August 378 fiel Kaiser Valens; nur etwa ein Drittel der römischen Soldaten entkam. Die langfristige Bedeutung dieser Niederlage ist umstritten, da Ostrom sich militärisch erholte.

Der Gotenvertrag von 382 erlaubte gotischen Verbänden die Ansiedlung an der unteren Donau. Inhalt und rechtlicher Status sind umstritten; sicher ist, dass die Goten in Kriegszeiten unter eigenen Anführern für Rom dienen sollten. Nach 395 forderte Alarich für seine Krieger Versorgung und für sich ein hohes Militäramt. Nach der Ermordung Stilichos 408 scheiterten Verhandlungen mit Kaiser Honorius. Am 24. August 410 plünderten Alarichs Männer Rom drei Tage lang. Ihr Ziel war nach der Darstellung nicht die Zerstörung der Stadt, sondern die erzwungene Integration in das römische System. Die Plünderung war ideengeschichtlich ein großer Schock, hatte aber langfristig weniger unmittelbare politische Folgen.

Zerfall des Westreichs und die wichtigsten Reichsbildungen

Der Rheinübergang von 406/07 von Vandalen, Sueben und Alanen schwächte Gallien stark. Die Gruppen zogen 409 weiter nach Hispanien. 418 wurden die Westgoten als Foederaten in Aquitanien angesiedelt; ob sie Land oder Anteile an Steuern und annona erhielten, ist umstritten. Später errichteten sie ein Reich mit Zentrum in Toulouse und nach der Niederlage gegen die Franken 507 vor allem in Hispanien. König Rekkared I. trat 587 zum Katholizismus über; 589 folgten die Westgoten auf dem 3. Konzil von Toledo. Das Westgotenreich ging nach der Niederlage König Roderichs am Río Guadalete im Juli 711 unter.

Die Vandalen eroberten unter Geiserich 429 bis 439 Nordafrika und Karthago. Westrom erkannte den faktischen Verlust 442 an. Das Vandalenreich besaß eine starke Flotte und kontrollierte große Teile des westlichen Mittelmeers. Es war arianisch und setzte katholische Geistliche teils unter Druck, bewahrte aber zugleich Wirtschaft, Handel und spätantike Bildung. Belisar eroberte das Reich für Kaiser Justinian 533/34 zurück.

Die Franken gewannen unter Chlodwig I. entscheidend an Macht: 486/87 besiegten sie Syagrius, 507 die Westgoten bei Vouillé. Chlodwigs katholisches Bekenntnis erleichterte die Zusammenarbeit mit der gallorömischen Mehrheit. 534 wurde auch das Burgundenreich, das nach 443 in der Sapaudia entstanden war, in das Frankenreich eingegliedert.

Die Ostgoten unter Theoderich besiegten Odoaker und herrschten ab 493 in Italien. Sie bewahrten viele römische Ämter und arbeiteten mit der senatorischen Elite zusammen, trennten aber meist arianische Goten und katholische Römer. Der Gotenkrieg von 535 bis 552 führte zur Rückeroberung Italiens durch Ostrom und zu schweren Verwüstungen. In Britannien entstanden nach dem Rückzug römischer Truppen regionale römisch-britische Herrschaften. Sachsen, Angeln und Jüten, zunächst teils als Foederaten angeworben, setzten sich seit etwa 440 zunehmend durch; im 7. Jahrhundert entstanden größere angelsächsische Königreiche.

Ende der Völkerwanderungszeit und Folgen

476 setzte Odoaker Romulus Augustulus ab und erhob keinen neuen weströmischen Kaiser. Das gilt traditionell als Ende Westroms, ist aber nur eingeschränkt ein scharfer Epochenbruch: Julius Nepos war bis 480 der letzte anerkannte Westkaiser, der Hof und der Senat bestanden fort, und der Kaiser in Konstantinopel blieb formal die höchste Autorität. Erst um 520 stellte der Chronist Marcellinus Comes 476 ausdrücklich als Enddatum des Westreichs dar.

568 zog Alboin mit Langobarden und Teilen anderer Gruppen nach Norditalien. Die Annahme, sie seien vor den Awaren geflohen, wird heute meist abgelehnt. Der Einfall nutzte vielmehr die schwache oströmische Verteidigung und die Aussicht auf Beute. Pavia wurde langobardische Hauptresidenz; Ravenna, Rom und mehrere Küstenstädte blieben zunächst kaiserlich. Der Einfall von 568 markiert traditionell das Ende der Völkerwanderungszeit.

Danach prägten die regna Europa langfristig: Aus dem Frankenreich entwickelten sich nach dem Zerfall der Karolingerherrschaft das west- und ostfränkische Reich. In fast allen Reichen setzte sich Latein oder Vulgärlatein durch, mit Britannien als Sonderfall. Römische Armee und Verwaltung verschwanden im Westen jedoch weitgehend; Fernhandel, Arbeitsteilung, Überschüsse und materielle Kultur gingen zurück. Die Kirche und besonders die Bischöfe wurden wichtige Träger christlich überlieferter antiker Bildung. Insgesamt waren die neuen Reiche nicht bloß Gegner, sondern auch Teil der spätrömischen Welt.

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