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Die Völkerwanderung: Flucht und Vertreibung in der Antike

MrWissen2go Geschichte | Terra X12:05 485.363 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 132 Zeilen
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  1. In diesem Video geht es um die Völkerwanderung. Ein Begriff, den ihr schon mal gehört habt.
  2. Er steht für eine Umbruchszeit zwischen Antike und Mittelalter. Aber die meisten wissen nicht, was da genau passiert.
  3. Allein die Karten dazu sind schon verwirrend. Franken, Goten, Vandalen, Langobarden.
  4. Ein ziemliches Kuddelmuddel. Um die Verwirrung komplett zu machen,
  5. inzwischen schreiben Historiker:innen, dass der Begriff Völkerwanderung eigentlich falsch ist.
  6. Und politisch missbraucht wird. Viel Durcheinander also.
  7. Um das alles mal zu ordnen, beantworten wir hier die sieben wichtigsten Fragen zu Völkerwanderung.
  8. (Einzelner heller Ton) Alles endet irgendwann.
  9. So ist das in der Geschichte. Dieses Video wird irgendwann enden.
  10. Vielleicht mit einem Klick von euch auf dem Abo-Button. Auch das Imperium Romanum, das große Römische Reich
  11. fand irgendwann ein Ende. Das wisst ihr.
  12. Damit sind wir mitten bei der ersten Frage. Die Völkerwanderung wird in der Geschichtsschreibung
  13. lange als Story des Untergangs des Römischen Reiches erzählt. Vielleicht habt ihr das mitbekommen.
  14. Einerseits stimmt das irgendwie. Aber es ist auch falsch. Wenn ihr denkt: "Der Typ, der Mirko, macht die Verwirrung noch größer",
  15. könntet ihr recht haben. Also, eins nach dem anderen.
  16. Das Römische Reich wird in seiner Geschichte oft herausgefordert. Durch äußere Feinde und innere Probleme.
  17. Aber die Römer sind anpassungsfähig und schaffen es, immer wieder den Kernbestand des Reiches und seiner Kultur
  18. zu behaupten. Aber gegen Ende des 4. Jahrhunderts nach Christus
  19. gehen die Kräfte aus. Erst wird das Reich geteilt, ein Video dazu gibt's auf dem I.
  20. Dann geht 476 der westliche Teil endgültig unter. Der germanisch-römische Heerführer Odoaker
  21. setzt den weströmischen Kaiser Augustus ab und beendet die Kaiserherrschaft im Westen.
  22. Es gibt zwar noch den Kaiser Ostroms, aber Westeuropa, das jahrhundertelang unter römischer Oberhoheit stand,
  23. ist jetzt eine Gegend, in der sich etwa ein Dutzend neue Königreiche bilden.
  24. seit dem Jahr 568. Das ist die Zeit der Völkerwanderung.
  25. Aus römischer Sicht erzählt. Allgemeiner klingt es so:
  26. In der Zeit zwischen 375 nach Christus bis um 568 ist die vom römischen Imperium geprägte Welt
  27. im Umbruch. Am Anfang dieses Prozesses steht die antike Welt.
  28. Und am Ende das Mittelalter. Am Anfang ein römisches Imperium mit einem Kaiser,
  29. das viele Völker und Kulturen umfasst. Am Ende stehen mehrere Königreiche.
  30. Am Anfang steht die antike Götterwelt, am Ende das Christentum.
  31. Die Wirtschaft, die Kultur, die Art, wie man Kriege führt, die Religion, alles das verändert sich.
  32. Und ein wichtiger Teil dieses Umbruchs sind Migrationsbewegungen. Darum spricht man in der Geschichtsschreibung
  33. von der Zeit der Völkerwanderung. Der Begriff "Volk" ist irreführend.
  34. Erstens sind keine ganzen Völker unterwegs. An den Grenzen des Römischen Reiches
  35. leben verschiedene germanische Stämme. Da kann es sein, dass die Menschen eines Dorfes ins Reich ziehen.
  36. Vielleicht wegen einer Überschwemmung. Oder die Menschen fliehen vor Feinden.
  37. Oder Rom lockt mit gutem Ackerland Bauern in seinen Herrschaftsbereich. Und "Volk" bezeichnet Menschen,
  38. die durch ihre Abstammung miteinander verbunden sind. Das ist bei den "Völkern", die damals unterwegs sind, nicht der Fall.
  39. Es handelt sich um Stammesverbände, die politisch verbunden sind. Man schließt sich zusammen, weil man so stärker ist.
  40. Oder weil man gleiche Ziele oder Ansichten teilt. Oder weil die einen die anderen besiegen
  41. und in ihren Stamm eingliedern. Anstatt von Völkern spricht man besser von Stammesverbänden.
  42. Übrigens: Für die Römer sind diese Menschen alle "Barbaren". Das hört sich für uns wie eine Beleidigung an.
  43. Es bezeichnet aber erst einmal Menschen, die keine Römer oder Griechen sind.
  44. Je nach Zusammenhang ist es mehr oder weniger negativ gemeint. Der Begriff "Barbarenstämme" sagt erst einmal:
  45. Das sind Leute, die nicht im Wirkungskreis der römischen Zivilisation leben.
  46. Ja, jetzt zum Begriff "Wanderung". Da geht es, platt gesagt, natürlich nicht um so etwas
  47. wie Schulausflüge, sondern darum, die Heimat zu verlassen.
  48. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Wandern, das machen die Stämme allerdings tatsächlich.
  49. Und nicht zu knapp. Etwa die Westgoten.
  50. Die ziehen vom Schwarzen Meer durch Griechenland und den Balkan, danach durch Italien und schließlich landen sie
  51. in Südfrankreich und Spanien. Die Langobarden lassen sich in Norditalien nieder.
  52. Die Vandalen kommen aus Osteuropa und ziehen über die Iberische Halbinsel nach Afrika.
  53. Genauer in die Gegend um Karthago. Auch die Burgunder und Franken überqueren den Rhein
  54. und siedeln sich im Imperium Romanum an. Angeln, Sachsen und Jüten gelangen über die Nordsee nach Britannien.
  55. Diese Verbände geben sich mit der Zeit eigene Herkunftsgeschichten. Genau das beginnt sie, zusammenzubringen.
  56. Es ist ein wichtiger Teil der Volkswerdung. Als sie ihre Heimat verlassen haben.
  57. Da stellt sich die Frage: Die Heimat zu verlassen kann unterschiedliche Gründe haben.
  58. In der Regel gibt es aber zwei Kategorien. Die treiben einen weg.
  59. Gründe, deretwegen man in eine bestimmte Gegend hineinwill. Also das, was einen anzieht.
  60. Was man sich erhofft. Zur Völkerwanderungszeit gibt es beides.
  61. Was pusht, was drückt die Stämme weg? Da sind einmal die Wetter- und Klimabedingungen in Germanien,
  62. die Menschen dazu bringen, die Heimat zu verlassen. Dass klimatische Veränderungen mit Migrationsbewegungen damals
  63. zu tun haben, das gilt heute als bewiesen. Dann gibt es Angreifer, Eroberer, v.a. die Hunnen.
  64. Mit ihnen wird der Beginn der Völkerwanderungszeit verknüpft. Die hunnischen Reiterheere greifen 375
  65. in der Gegend nördlich des Schwarzen Meeres die dort siedelnden Ostgoten an.
  66. Die weichen aus und kommen an die Grenze des Römischen Reiches. Etwa da, wo heute Budapest liegt.
  67. Dabei verdrängen sie wieder andere. Hier ist der Begriff Push-Faktoren wirklich angesagt.
  68. Es geht um das Wegdrücken. Was pullt, zieht einen an?
  69. Na ja, die römischen Gebiete sind höchst zivilisiert. Große Städte, Bäder, Theater, Arenen für Gladiatorenkämpfe
  70. und Pferderennen. Saubere Wasserversorgung, Straßen und Arbeit.
  71. Die Stämme suchen meistens Siedlungsland. Eine Gegend wo sie bleiben und eine eigene Herrschaft errichten können.
  72. Dafür streben sie einen Vertrag mit den Römern an. Bei solch einem Bündnis übernehmen die Stämme militärische Aufgaben.
  73. Sie erhalten Land, dafür verteidigen sie für die Römer z.B. die Reichsgrenze.
  74. Die Stämme wollen sich also v.a. eine Existenz aufbauen. Wenn es aber Unstimmigkeiten mit den Römern gibt,
  75. nehmen sie sich das, was sie brauchen, auch gewaltsam. Und das Weströmische Reich, in dem die Stämme v.a. siedeln,
  76. hat nicht mehr die Kraft, sich zu wehren. Damit fünftens:
  77. Diese Karte hier hatten wir am Anfang schon mal. Der Westen des Reiches zerfällt.
  78. In die Reiche der Vandalen, Westgoten, Burgunder, Ostgoten, Angelsachsen und Franken.
  79. Mit der Zeit vollzieht sich ein Konzentrationsprozess. Mehrere kleine Stämme werden zu wenigen großen.
  80. Am Ende bleiben die Westgoten in Spanien übrig. Das wird später islamisches Gebiet.
  81. Im Norden entsteht ein neues starkes Reich. Das Reich der Franken.
  82. Mitte des 6. Jahrhunderts will der römische Kaiser Justinian das Römische Reich noch einmal zu alter Stärke führen
  83. und erobert u.a. Italien zurück. Aber der Triumph wärt nur kurz.
  84. Der Schlussakt der Völkerwanderung gehört den Langobarden. Die siedeln zunächst in der Gegend des heutigen Westungarn.
  85. Als Ostrom schwächelt, ziehen sie 568 über die Alpen und gründen in Italien das Langobardenreich.
  86. Diese Reichsgründung ist die letzte, die durch germanische Verbände durchgeführt wird.
  87. Hier setzt die Geschichtsschreibung den Schlusspunkt der Völkerwanderung. Das Langobardenreich wird später vom Franken Karl dem Großen erobert,
  88. der sich 800 zum Kaiser krönen lässt. Zum ersten in Westeuropa nach mehr als 300 Jahren.
  89. Und, ihr habt es euch schon gedacht, auch zu ihm findet ihr ein Video oben auf dem I.
  90. Tja. Gute Frage.
  91. In Deutschland wird der Begriff ab 1790 populär. Nicht zuletzt,
  92. weil ihn der Dichter und Historiker Friedrich Schiller verwendet. Deutschland ist ja lange politisch zersplittert.
  93. Die deutschen Stämme, die Bayern, Sachsen, Schwaben usw., die kennen wir bis heute, bis heute gibt es auch Bundesländer.
  94. Die Deutschen, die sich einerseits als gemeinsame Nation verstehen und andererseits ihre Herkunft
  95. aus mittelalterlichen Volksstämmen hochhalten, die können der Idee, dass damals Völker unterwegs waren,
  96. viel abgewinnen. Im Grunde ist das ein positiver Begriff.
  97. Unsere französischen Nachbarn nennen diese Epoche Zeit der Invasion der Barbaren.
  98. Das ist deutlich negativer. Wir wissen jetzt, dass es sich bei den gemeinten Völkern
  99. in der Übergangszeit von der Antike zum Mittelalter um Gruppen germanischer Stämme handelt.
  100. Die verwenden den Begriff "Volk" nicht wie die Deutschen im 19. Jahrhundert oder wie wir heute.
  101. Es sind eben Stammesverbände, die von Kriegsherren, Warlords geführt werden,
  102. sich Herrschaft aneignen und versuchen, ihre Herzogtümer und Königreiche zu etablieren.
  103. Ihre "Wanderungen" erscheinen uns erst im Nachhinein als geplante Bewegungen.
  104. Der Begriff "Völkerwanderung" vermittelt also ein falsches Bild. Migration gibt es immer.
  105. Das ist kein besonderes Kennzeichen einer Epoche. Aber Völker sind damals eben nicht unterwegs.
  106. Und die angebliche Völkerwanderung stellt keine so gravierende Zäsur dar,
  107. wie man früher vermutete hat und wie es heute auch noch vermittelt wird.
  108. Deshalb klare Antwort: Na ja, ihr wisst, jetzt kommt kein Ja oder Nein.
  109. Der Begriff ist problematisch, weil er dazu verleitet, ein komplexes Geschehen
  110. so zu vereinfachen, dass die Erklärungen falsch werden. Aber ich hab auch keinen besseren Begriff dafür.
  111. Man kann ihn verwenden, weil man mittlerweile weiß, dass Völkerwanderung mehr meint
  112. als das Schulwissen von vor 30 oder 50 Jahren. Habt ihr ein besseres Wort? Schreibt es in die Kommentare.
  113. Dann verwenden wir nur noch diesen Begriff. Man darf den Begriff natürlich nicht missbrauchen.
  114. Damit zur letzten Frage. Die Verbindung zwischen Völkerwanderung,
  115. also germanischer Migration und dem Untergang des zivilisierten Römischen Reiches
  116. wirkt sich noch heute aus. Während der Flüchtlingsdiskussion 2015 konnte man es hören
  117. und auch heute warnen einige Politiker davor. Vor einer neuen Völkerwanderung, dem drohenden Untergang.
  118. Krieg, Blut, Leid, Tränen, Gefahr. Das Ende von allem, was wir schätzen.
  119. Wer so spricht, missbraucht eine geschichtliche Entwicklung, um Angst zu schüren, wie das oft der Fall ist.
  120. Die spätantike Migration ist nicht mit heute vergleichbar. Was soll man aus der Geschichte lernen?
  121. Z.B. dass einfache Erklärungen, einfache Begriffe oft den Blick auf die Wirklichkeit verstellen
  122. und man nicht erfährt, was wirklich geschehen ist. Die Völkerwanderungszeit bringt etwas Neues hervor.
  123. Es geht um eine Transformation. Die Menschen passen sich an.
  124. An das Klima, neue politische Verhältnisse, eine Religion. Klar ist, dass das alle mit viel Gewalt verbunden ist.
  125. Seit Längerem bemühen sich Historiker:innen, einen neuen Zugang zu dieser Epoche zu finden.
  126. Zur Epoche der angeblichen Völkerwanderung. Wir halten euch auf dem Laufenden.
  127. Welches Bild habt ihr denn von der Völkerwanderung? Oder welches Bild hattet ihr?
  128. Habt ihr den Begriff schon mal in Verbindung mit heutige Flüchtlingsbewegungen gehört?
  129. Schreibt es gerne unten in die Kommentare. Lasst uns darüber sachlich diskutieren.
  130. Neben mir findet ihr noch zwei weitere Videos. Was nach der Zeit der Völkerwanderung die Menschen bewegt,
  131. erfahrt ihr im Video über das 7. Jahrhundert. Und darunter ein Video über die Wikinger in Europa.
  132. Danke fürs Zuschauen.

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