Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Germanen
Als Germanen wird eine Gruppe ehemaliger Stämme in Mitteleuropa und im südlichen Skandinavien bezeichnet, deren Identität in der Forschung traditionell über …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Quellenlage
Als Germanen bezeichnet man eine Gruppe ehemaliger Stämme in Mitteleuropa und im südlichen Skandinavien. Traditionell wird ihre Zugehörigkeit vor allem sprachlich bestimmt: Germanische Sprachen gingen durch die germanische oder erste Lautverschiebung aus dem westlichen Indogermanisch hervor. Das von ihnen bewohnte Gebiet nannten die Römer Germania magna.
Der Begriff Germani beziehungsweise Germanoí ist in Herkunft und Alter ungeklärt; eine keltische Herkunft gilt als am wahrscheinlichsten. In der Antike war „Germanen“ vor allem eine Fremdbezeichnung. Eigene Schriftzeugnisse gibt es erst nach der Zeitenwende, während griechische und römische Berichte häufig auf Hörensagen beruhen. Die erste zweifelsfreie Verwendung des Namens stammt um 80 v. Chr. von Poseidonios und bezog sich zunächst wohl nur auf eine kleine Gruppe am belgisch-niederrheinischen Raum.
Caesar erweiterte den Begriff in seinem Gallischen Krieg: 53 v. Chr. stellte er den Rhein als Grenze zwischen Galliern im Westen und Germanen im Osten dar. Tatsächlich war der Rhein keine eindeutige Kulturgrenze, weil auf beiden Seiten keltische und germanische Gruppen lebten. Daher wird diskutiert, ob Caesars Einteilung auch politisch motiviert war, um seine Eroberung Galliens darzustellen. Tacitus erklärte um 98 n. Chr., der Name eines einzelnen Stammes habe sich allmählich auf viele rechtsrheinische Völker ausgeweitet.
Ob es eine gemeinsame germanische Identität gab, ist umstritten. Mythen gemeinsamer Abstammung und die Bildung größerer Verbände können Zusammengehörigkeit zeigen. Die neuere Forschung betont jedoch, dass Gruppen und Identitäten in der Antike instabil waren. „Germane“ kann daher wie „Barbar“ vor allem eine Bezeichnung von Griechen und Römern sein, die Unterschiede zwischen den Gruppen verdeckt. Der moderne Germanenbegriff ist zudem durch Sprachwissenschaft, Archäologie und ältere nationale Vorstellungen geprägt; diese Fachbegriffe sind heute nicht immer deckungsgleich.
Sprache und Schrift
Die germanischen Sprachen gehören zur Westgruppe der indogermanischen Sprachen. Ihre Urform entstand durch die erste Lautverschiebung; die genaue Reihenfolge der Abspaltung von germanischen, keltischen, italischen und balto-slawischen Sprachen bleibt umstritten. Keltische Lehnwörter im Germanischen gehen auf Kontakte der Eisenzeit um und vor 500 v. Chr. zurück, besonders in den Bereichen Herrschaft, Handel und Warenproduktion. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches wirkte Latein nachhaltig auf die germanischen Sprachen ein.
Die älteste umfangreich belegte germanische Einzelsprache ist Gotisch. Frühere Zeugnisse bestehen meist nur aus kurzen, schwer deutbaren Runeninschriften sowie Personen- und Ortsnamen in antiken Quellen. Eigene schriftliche Zeugnisse setzen um 200 n. Chr. mit urnordischen Runeninschriften ein. Sie enthalten etwa Namen, Besitzangaben, Herstellerangaben, magische Formeln, kultische Handlungen und Totengedenken. Bedeutende Schriftträger sind skandinavische Runensteine.
Wichtige Überlieferungen erfolgten zunächst mündlich, etwa durch Preislieder; daraus entwickelte sich die Heldensage. Der gotische Bischof Wulfila entwickelte für die christliche Mission ein Alphabet aus griechischen, lateinischen und runischen Zeichen. Seine gotische Übersetzung des Neuen Testaments ist eine zentrale Quelle für die vergleichende Erforschung germanischer Sprache und Schriftlichkeit.
Alltag, Siedlung und Gesellschaft
Beschreibungen des Lebens beruhen vor allem auf Caesar und Tacitus und müssen im Zusammenhang mit den Absichten dieser Autoren gelesen werden. Archäologische Funde liefern wesentliche zusätzliche Erkenntnisse. Germanische Siedlungen waren meist klein; aus Brandgräbern wird auf ungefähr 200 Einwohner geschlossen. Die Dörfer entstanden selten planmäßig und waren häufig durch Zäune, nur selten durch Palisaden geschützt. An der Grenze zum Römischen Reich wurden sie bei Konflikten stärker befestigt.
Man wohnte überwiegend in Holz-Langhäusern in Skelettbauweise. Diese waren meist zwei- oder dreischiffig, sechs bis acht Meter breit und oft mehr als doppelt so lang. Unter einem Dach lebten Familie, Halbfreie, Sklaven und Tiere, die durch eine Wand getrennt waren und im Winter mitheizten. In der Mitte lag eine Feuerstelle; Rauch zog durch eine Dachöffnung ab. Fenster gab es wahrscheinlich nicht. Um die Zeitenwende überwog die Verbrennung mit Urnenbestattung, doch ab etwa 300 n. Chr. nahmen Körpergräber deutlich zu.
Die Gesellschaft gliederte sich in Freie, Halbfreie oder Knechte sowie Rechtlose, darunter Kriegsgefangene und Sklaven. Im Volksthing versammelten sich freie Männer, um wichtige Entscheidungen zu treffen und etwa Anführer zu wählen. Vorschläge durften nur Anführer und Gaufürsten machen. Die Gesellschaft war patriarchalisch: Der Hausherr hatte Macht über die Hausgemeinschaft, die Sippe begrenzte jedoch Willkür. Nach Tacitus war Einehe verbreitet.
Grabfunde zeigen seit den ersten Jahrhunderten n. Chr. zunehmende soziale Unterschiede. Führende Personen wurden zunehmend unverbrannt und mit reichen Beigaben bestattet. Gefolgschaften und Heerkönige prägten die Gemeinschaften. Deren Macht beruhte vor allem auf Ansehen und militärischer Leistung, nicht auf einem stabilen Königtum. Ein monarchisches Königtum entstand erst im Frühmittelalter in germanisch-romanischen Reichen.
Die meisten Germanen waren sesshafte Bauern oder transhumante Viehzüchter, also Viehhalter mit saisonalem Wechsel der Weidegebiete, und überwiegend Selbstversorger. Angebaut wurden vor allem Gerste, außerdem je nach Region Weizen, Roggen, Hafer, Hirse, Ackerbohnen, Erbsen, Flachs und Nutzhanf. Vieh, besonders Rinder, war ein wichtiger Wertgegenstand. Handwerker bearbeiteten unter anderem Metall, Holz, Leder, Ton und Textilien. Römische Luxusgüter fanden sich im germanischen Gebiet; vermutlich wurden Bernstein, Pelze und blondes Frauenhaar exportiert. Römisches Geld war bekannt, diente aber nicht dem Geldverkehr. Produktivität und Gesundheitszustand waren insgesamt schlechter als im Römischen Reich; Hungersnöte und Unterernährung kamen vor.
Religion und Christianisierung
Die vorchristliche germanische Religion war polytheistisch, also auf mehrere Gottheiten bezogen, und bestand aus regional unterschiedlichen Kulten statt aus einer einheitlichen Religion. Quellen sind antike Berichte und Rechtstexte, archäologische Fundorte wie Opfermoore und Gräber sowie Sprache, Dichtung und Runeninschriften. Gemeinsame Götter- und Ahnenkulte sowie Opferhandlungen konnten den Zusammenhalt eines Stammes oder Bündnisses stärken.
Zu den bekanntesten Göttern gehören Odin oder Wodan, Thor oder Donar, Tyr oder Ziu und Freyja. Tempel waren selten; verehrt wurde meist an Waldlichtungen, heiligen Hainen, Gewässern und Mooren. Opfer, altnordisch blót, waren vor allem Bitt- und Dankopfer. Sie konnten privat oder gemeinschaftlich stattfinden, auch zu festen Jahreszeiten. Meist wurden Tiere, außerdem Waffen und wertvolle Gegenstände geopfert. Menschenopfer sind teils überliefert, wurden archäologisch aber statistisch selten nachgewiesen; nur ein kleiner Teil der etwa 500 Moorleichen weist sicher auf einen Kultzusammenhang hin. Magie, Losorakel, Runen und Zaubersprüche sollten Schaden abwehren, Heil bringen oder auch verfluchen.
Die Christianisierung verlief in drei großen Phasen: bei Goten im 4. bis 6. Jahrhundert zunächst vor allem in arianischer Form, im Frankenreich vom Ende des 5. bis zum frühen 9. Jahrhundert und bei Angelsachsen vom Ende des 6. bis zum 7. Jahrhundert sowie in Nordeuropa im 10. und 11. Jahrhundert. Wulfila war einer der ersten westgotischen Bischöfe. Mit Goten, Vandalen, Burgunden und Langobarden verbreitete sich der Arianismus auch im Westen des Reiches.
Mission richtete sich besonders an politische Führungsschichten. Die Annahme des Christentums konnte Herrschaft religiös legitimieren. Zugleich wurden heidnische Kulte zurückgedrängt: In der Karolingerzeit wurde beim Taufgelöbnis das Abschwören heidnischer Götter verlangt. Die Lex Saxonum Karls des Großen bedrohte bestimmte Bräuche, darunter Leichenverbrennung und Menschenopfer, mit der Todesstrafe. Ältere religiöse Elemente wurden teilweise durch Akkommodation, also Anpassung, in das Christentum übertragen.
Stämme und römische Konflikte
Stämme waren die wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Einheiten. Sie waren Siedlungs-, Rechts- und Kultgemeinschaften mit Führung, Sprache, Riten und einem Mythos gemeinsamer Abstammung. Dennoch waren sie nicht dauerhaft einheitlich: Durchmischung, Abwanderung, Neubildung und Untergang waren häufig. Seit dem 2. Jahrhundert wurden Großstämme bedeutsam, die aus Bündnissen entstanden und politische sowie militärische Stärke gewinnen sollten.
Um 120 v. Chr. zogen Kimbern, Teutonen und Ambronen nach Süden. Die Ursache ist unklar; Quellen nennen eine Sturmflut in Jütland, heute werden auch Hungersnöte durch Klimaveränderungen vermutet. Nach mehreren römischen Niederlagen besiegten die Römer 102 v. Chr. Teutonen und Ambronen, 101 v. Chr. die Kimbern. Ariovist und suebische Gruppen drangen später nach Gallien vor, wurden aber 58 v. Chr. von Caesar zurückgeworfen.
Augustus wollte das Römische Reich bis zur Elbe ausdehnen. Drusus führte 12 bis 9 v. Chr. Feldzüge, Tiberius beendete sie 8 v. Chr.; eine dauerhafte Abhängigkeit der meisten Stämme entstand jedoch nicht. Der römische Eroberungsversuch scheiterte 9 n. Chr. in der Varusschlacht: Arminius lockte Varus in einen Hinterhalt, in dem drei Legionen, etwa 18.000 Legionäre und etwa 2.000 bis 3.000 zusätzliche Truppen, verloren gingen. Weitere Feldzüge des Germanicus von 14 bis 16 n. Chr. änderten daran nichts dauerhaft.
Römische Grenzsicherung erfolgte später durch den Limes. Die Datierung des Neckar-Odenwald-Limes ist umstritten: Frühere Annahmen setzen ihn um 83/85 unter Domitian an, Forschung seit etwa 1995 eher um 98 unter Trajan. Hadrian verschob die Grenze um 122 zwischen mittlerem Neckar und Donau um etwa 20 bis 40 Kilometer nach Norden; eine weitere Verschiebung unter Antoninus Pius ist auf 159 datiert.
Die Markomannenkriege von 167 bis 180 zeigten den wachsenden Druck auf die römischen Grenzen. Mark Aurel schlug die Angreifer in vier Feldzügen; ob neue römische Provinzen geplant waren, ist wegen der unzuverlässigen Historia Augusta ungewiss. Im 3. Jahrhundert verschärften Großverbände an Rhein und Donau sowie die Reichskrise die Lage. Viele Einfälle zielten auf Ansiedlung im Reich. Westrom wurde schließlich stark von germanischen Militärführern und Verbänden abhängig, während Ostrom die Kontrolle über sein Militär bewahren konnte.
Völkerwanderung und Reiche
In der Völkerwanderungszeit wanderten besonders ostgermanische Kriegergruppen wie Burgunden, Gepiden, Goten, Langobarden und Vandalen weit. Oft kamen sie als foederati, also römische Bundesgenossen, in das Reich. Nach dem Zusammenbruch Westroms im 5. Jahrhundert gründeten sie eigene regna. Diese Reiche übernahmen vielfach römische Verwaltungsmuster und werden daher eher als poströmische denn als rein germanische Reiche bezeichnet. Sie waren stark an die Treue der Krieger zu ihrem rex und an die Person des Herrschers gebunden; nach dessen Tod zerfielen sie oft. Die ostgermanischen Sprachen starben aus, weil die Krieger gegenüber der romanisierten Bevölkerung eine kleine Minderheit waren. West- und nordgermanische Sprachen blieben dagegen erhalten und entwickelten sich weiter.
Wichtige Beispiele sind: Die Burgunden überschritten 406 den Rhein, gründeten zunächst ein Reich bei Worms und Speyer, wurden 436 durch Aëtius mit hunnischen Hilfstruppen geschlagen und später im Rhonetal angesiedelt; ihr neues Reich ging 532 im Frankenreich auf. Angeln, Sachsen und Jüten siedelten nach dem Ende der römischen Herrschaft in Britannien und unterwarfen bis zum Ende des 7. Jahrhunderts den größten Teil der Insel. Die Salfranken unter Chlodwig I. besiegten 486/487 Syagrius bei Soissons, übernahmen römische Institutionen und wurden katholisch. Das Frankenreich blieb bis zur Teilung im Vertrag von Verdun 843 eine Großmacht in Mittel- und Westeuropa.
Goten zogen im 2. und 3. Jahrhundert zum Schwarzen Meer. Nach dem Hunneneinfall um 375 entstanden Ost- und Westgotenreiche: Theoderich gründete 488 ein ostgotisches Reich in Italien, das bald nach seinem Tod unterging. Westgoten wurden 418 in Aquitanien angesiedelt, dehnten sich auf die Iberische Halbinsel aus und verloren ihr Reich im frühen 8. Jahrhundert durch die Invasion der Mauren. Langobarden eroberten unter Alboin nach 567 Norditalien; Karl der Große nahm 774 Pavia ein. Vandalen gelangten 429 nach Nordafrika, eroberten Karthago und wurden 534 durch Belisar im Auftrag Justinians besiegt.
Östlich der Elbe enden viele archäologische Spuren germanischer Besiedlung im 5. und 6. Jahrhundert. Danach besiedelten Slawen diese Räume. Ob dies überall durch Eroberung geschah oder ob einzelne Gebiete zeitweise unbewohnt waren, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Teilweise blieb vermutlich eine germanische Restbevölkerung, die später slawisiert wurde.