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Frühmittelalter
Das von den Merowingern im späten 5. Jahrhundert gegründete Frankenreich entwickelte sich zum bedeutendsten Nachfolgereich im Westen. Im Osten behauptete sich …
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Epoche und Einordnung
Das Frühmittelalter bezeichnet den ersten großen Abschnitt des Mittelalters in Europa und im Mittelmeerraum. Es wird meist von etwa der Mitte des 6. Jahrhunderts bis ungefähr 1050 angesetzt. Die vorausgehende Spätantike, etwa 300 bis 600/700, und das beginnende Frühmittelalter überschneiden sich: Für die Zeit von etwa 500 bis etwa 700 nimmt die Forschung einen regional unterschiedlich verlaufenden Übergang an.
Die Epoche ist wichtig, weil sich aus der antiken Mittelmeerwelt neue politische, religiöse und kulturelle Räume entwickelten. Im Westen entstanden germanisch-romanische Reiche; im Osten bestand Ostrom fort und wandelte sich zu Byzanz. Mit dem Islam entstand ein weiterer großer Kulturraum. Europa und der Mittelmeerraum wurden dauerhaft in einen christlichen und einen islamischen Teil sowie das Christentum in einen lateinischen und einen orthodox-byzantinischen Bereich gegliedert.
Ältere Forschung beschrieb das Frühmittelalter oft als „dunkle“ oder rückständige Zeit. Die moderne Forschung betont dagegen sowohl einschneidenden Wandel als auch Kontinuitäten zur Antike. Das Ende wird nicht auf ein einziges Datum festgelegt. Wichtige Eckpunkte sind die karolingischen Nachfolgereiche um und nach 900, die Kaiserkrönung Ottos I. 962, das Ende der Ottonen 1024 und allgemein die Zeit um 1050. In England gilt häufig 1066, die normannische Eroberung, als Zäsur; für Byzanz sind 1054 und 1071 wichtige Einschnitte.
Vom Römischen Reich zu neuen Reichen
Das weströmische Kaisertum endete 476 mit der Absetzung von Romulus Augustulus durch Odoaker. Dies war jedoch kein plötzliches Ende aller römischen Strukturen: Latein, römische Ämter, Recht, Bildung und Städte blieben in vielen Regionen noch lange wichtig. Westrom zerfiel vor allem durch innere Machtkämpfe, den wachsenden Einfluss der Heermeister und den Verlust steuerreicher Provinzen wie Africa und Gallien.
Die sogenannte Völkerwanderung, etwa 375 bis 568, war kein Zug geschlossener „Völker“. Gemeint sind unterschiedlich große, gemischt zusammengesetzte Kriegergruppen mit Familien und Gefolge. Viele wollten zunächst am Wohlstand des Imperiums teilhaben und dienten als foederati, also vertraglich verbundene, reichsfremde Krieger. Im Laufe der Zeit entstanden neue politische Identitäten. Dieser Prozess wird als Ethnogenese beziehungsweise als Bildung neuer Gruppenidentitäten beschrieben.
Aus dem Machtverlust Westroms gingen unter anderem das Westgotenreich in Hispanien, das Vandalenreich in Nordafrika, die ostgotische Herrschaft in Italien und angelsächsische Reiche in Britannien hervor. Besonders bedeutend wurde das Frankenreich. Chlodwig I. besiegte 486/487 Syagrius und 507 die Westgoten bei Vouillé. Sein Übertritt zum katholischen Christentum verhinderte einen wichtigen religiösen Gegensatz zwischen fränkischer Führungsschicht und katholischer Bevölkerung. Die Merowinger nutzten zunächst römische Verwaltungsformen und die Stellung der Bischöfe; nach Dagobert I. gewann jedoch die Hausmeiermacht stark an Gewicht. 751 setzten die Karolinger den letzten Merowinger Childerich III. ab.
Pippin der Jüngere wurde 751 König. Karl der Große, König von 768 bis 814, erweiterte das Reich durch Kriege gegen Sachsen, Langobarden, Awaren und andere Gruppen. Die Sachsenkriege dauerten mit Unterbrechungen bis 804 und verbanden Eroberung mit gewaltsamer Christianisierung. Karl wurde am 25. Dezember 800 in Rom zum Kaiser gekrönt. Nach den innerdynastischen Kämpfen unter Ludwig dem Frommen teilte der Vertrag von Verdun 843 das Reich: Karl erhielt den Westen, Ludwig der Deutsche den Osten und Lothar ein Mittelreich mit Italien. Daraus formierten sich West- und Ostfranken; aus ihnen entwickelten sich später Frankreich und Deutschland.
Im Ostfrankenreich begründeten die Liudolfinger oder Ottonen ab 919 eine neue Königsdynastie. Heinrich I. schlug die Ungarn 933 bei Riade. Sein Sohn Otto I. besiegte sie 955 auf dem Lechfeld, wurde am 2. Februar 962 zum Kaiser gekrönt und verband die westliche Kaiserwürde mit dem ostfränkischen Königtum. Reichsitalien wurde Teil seines Herrschaftsbereichs. Die Ottonen regierten bis 1024. In Westfranken wurde 987 Hugo Capet König; die Kapetinger konnten ihre tatsächliche Macht zunächst hauptsächlich in der Krondomäne um Paris ausüben.
Europa außerhalb des Frankenreichs
Byzanz, das fortbestehende Oströmische Reich, war im 6. Jahrhundert neben dem Sāsānidenreich die führende Macht im östlichen Mittelmeerraum. Kaiser Justinian regierte von 527 bis 565, ließ das Corpus iuris civilis erstellen und eroberte 533/34 das Vandalenreich sowie 535 bis 552 das Ostgotenreich. Die langen Kriege, Naturkatastrophen und Pestwellen schwächten das Reich jedoch. Der letzte große Krieg der Antike gegen Persien dauerte von 603 bis 628. Herakleios rettete das Reich, doch Ostrom und Persien waren danach erschöpft.
Die arabisch-islamische Expansion veränderte die Ordnung des Mittelmeerraums grundlegend. Araber besiegten die Byzantiner 636 am Jarmuk, nahmen Syrien, 640/42 Ägypten und bis 698 Nordafrika ein. Das Sāsānidenreich brach 651 zusammen. Byzanz verlor mehr als die Hälfte seines Territoriums und seiner Bevölkerung, konnte aber Kleinasien und Konstantinopel halten. Unter Leo III. wurde der arabische Angriff von 717–718 abgewehrt; im 10. Jahrhundert gewann Byzanz unter anderem Kreta, Zypern, Kilikien und Teile Syriens zurück. Basileios II. eroberte 1018 Bulgarien und machte Byzanz erneut zur Großmacht.
Der Islam entstand im frühen 7. Jahrhundert in Arabien. Mohammed verkündete den Glauben an Allah; seine Hidschra nach Medina 622 beginnt die islamische Zeitrechnung. Bis zu seinem Tod 632 vereinigte er den Großteil Arabiens. Nach einem Bürgerkrieg wurden die Umayyaden 661 Kalifen; sie herrschten bis 750 von Damaskus aus. Die Abbasiden gründeten 762 Bagdad und führten das Kalifat zu einer kulturellen Blüte, verloren aber zunehmend die tatsächliche Macht an regionale Dynastien und hohe Amtsträger. Die Mehrheit der Bevölkerung blieb lange nichtmuslimisch und wurde langsam islamisiert. Christen, Juden und Zoroastrier zahlten als Angehörige von Buchreligionen die Kopfsteuer Dschizya, waren aber rechtlich eingeschränkt.
Auf der Iberischen Halbinsel wurde das katholische Westgotenreich 711 von Arabern erobert. Im Norden entstand 718 Asturien als Ausgangspunkt der Reconquista. Al-Andalus war lange mächtiger und kulturell hoch entwickelt; Córdoba gehörte im 10. Jahrhundert zu den größten und reichsten Städten des Mittelmeerraums. Nach dem Ende des Kalifats von Córdoba 1031 zerfiel der islamische Süden in Taifa-Königreiche.
In Britannien entstanden nach dem römischen Rückzug angelsächsische Reiche. Wessex setzte sich unter Alfred dem Großen gegen die Wikinger durch: 878 gewann Alfred die Schlacht von Edington, und 886 wurde die Grenze zum Danelag festgelegt. 1066 eroberte Wilhelm der Eroberer nach seinem Sieg bei Hastings England. Die Wikingerzeit hatte 793 mit dem Überfall auf Lindisfarne begonnen. Wikinger waren Räuber, Händler und Siedler; sie erreichten auch Island, Grönland, Nordamerika, Osteuropa, Byzanz und den arabischen Raum. In Ost- und Südosteuropa entstanden slawische Herrschaften, Bulgarien, die Kiewer Rus, Polen und Ungarn. Bulgarien wurde 1018 von Byzanz erobert; der ungarische König Stephan I. wurde 1001 gekrönt.
Herrschaft und soziale Ordnung
Die Reiche des lateinischen Europas hatten meist keine starke, dauerhaft ausgebaute Verwaltung wie das Römische Reich. Mit dem Zusammenbruch des westlichen Steuerwesens waren die Einkünfte geringer; Landbesitz und Kriegsbeute wurden besonders wichtig. Herrschaft war stark an Personen gebunden, nicht an abstrakte staatliche Institutionen. Könige brauchten Gefolgsleute, mussten Reichtum und Prestige gewinnen und diese mit ihren Anhängern teilen.
Herrschaft beruhte auf Gegenseitigkeit: Für Schutz und Leistungen versprach man Unterstützung und Treue. Der Adel beanspruchte Teilhabe an der Herrschaft. Freundschaftsbindungen, amicitia, und Beratung auf Hoftagen sollten den Konsens zwischen König und Großen sichern. Viele Könige waren Reisekönige und regelten ihre Aufgaben auf dem Weg von Pfalz zu Pfalz. Kirche und Herrscher waren eng verbunden: Geistliche konnten lesen und schreiben, stellten Verwaltungspersonal und teils Truppen; dafür erhielten Kirchen Rechte und Besitz. Das sogenannte ottonisch-salische Reichskirchensystem gilt in der neueren Forschung nicht als einheitlich geplanter Sonderfall, sondern als besonders erfolgreiche Einbindung der Kirche in die Herrschaft.
Ob im Frühmittelalter bereits ein festes Lehnswesen bestand, ist umstritten. Ältere Forschung deutete vassus als Vasall, fidelis als Getreuen und beneficium als Lehen. Die Begriffe sind jedoch mehrdeutig: vassus bedeutet nicht zwingend Vasall, fidelis zunächst Getreuer und beneficium kann eine nicht an Gegenleistung gebundene Schenkung sein. Ein geschlossenes System aus Vasallität und Lehensvergabe lässt sich für die Karolingerzeit daher nicht sicher annehmen.
Die Gesellschaft im lateinischen Europa war eine Ständegesellschaft mit rechtlicher und sozialer Ungleichheit durch Geburt. Über 90 % der Menschen lebten nach modernen Schätzungen auf dem Land; für Europa um 1000 werden etwa 40 Millionen Einwohner angenommen. An der Spitze standen König, Adel und hohe Geistlichkeit. Daneben gab es freie Besitzende, abgabenpflichtige Bauern, Landarbeiter und Handwerker, Arme sowie unterschiedlich stark abhängige Unfreie und Sklaven. Sozialer Aufstieg war selten, doch gab es rechtliche Besserstellungen und Möglichkeiten, sich Abhängigkeit zu entziehen.
Frauen waren rechtlich meist Vater, Ehemann oder Vormund untergeordnet. Vor allem adlige Frauen konnten aber durch Herkunft, Heirat oder Regentschaft politischen Einfluss gewinnen; Theophanu führte um 989 neben weiblichen Titeln die männlichen Beinamen Kaiser und Augustus. Kinder wurden nicht grundsätzlich geringgeschätzt; Sorge und Liebe sind in Quellen belegt. Juden bildeten eine religiöse Minderheit, teils mit geschützten Privilegien und Bedeutung im Fernhandel, Handwerk oder als Ärzte, waren aber rechtlich eingeschränkt und vereinzelt Übergriffen oder Zwangstaufversuchen ausgesetzt.
Landwirtschaft, Handel und Bildung
Die Wirtschaftsordnung war überwiegend agrarisch. Zentral war die Grundherrschaft: König, Adel oder Kirche stellten abhängigen Bauern Boden und Schutz zur Verfügung; diese leisteten Abgaben. Bei der Villikation bestand die Grundherrschaft aus dem Fronhof des Herrn und den abhängigen Bauernhöfen. Grundherrschaften waren keine abgeschlossenen Wirtschaftsräume, sondern standen im Handel miteinander. Getreide war die wichtigste Nahrung; Ackerbau dominierte, daneben waren Weinanbau, Viehhaltung, Fisch und regional Fleisch bedeutsam. Die Erträge der Aussaat lagen nach einer Quelle nur beim 1,6- bis 1,8-Fachen, doch ist unklar, wie repräsentativ diese Angabe ist. Ansätze der Dreifelderwirtschaft reichen wohl ins 8. Jahrhundert zurück, waren aber nicht flächendeckend verbreitet.
Fernhandel ging nach dem Ende Westroms zurück, brach aber nicht ab. Um die Mitte des 7. Jahrhunderts lag der Mittelmeerhandel wohl an einem Tiefpunkt; um 700 entstanden neue Routen, und seit dem späten 8. Jahrhundert kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Gehandelt wurden etwa Pelze, Seide, Salz, Honig und Sklaven. Geldwirtschaft und Münzprägung blieben wichtig; im Frankenreich erfolgte im 7. Jahrhundert der Übergang von Gold- zu Silbermünzen. Byzanz und das Kalifat verfügten länger über wirksamere Besteuerung, Bürokratie und städtische Wirtschaftsproduktion als die westlichen Reiche.
Bildung und Schriftlichkeit waren im lateinischen Westen weitgehend auf Geistliche beschränkt. Das antike dreistufige Bildungssystem verschwand dort nach und nach, doch Latein blieb die gemeinsame Gelehrten- und Verkehrssprache. Kloster-, Dom- und Stiftsschulen bewahrten und kopierten antike Texte. Vermittelt wurden Bibel und Kirchenväter, aber auch die sieben freien Künste, die artes liberales: Trivium und das weiterführende Quadrivium. Wichtige Grundlagen waren Martianus Capella, Boethius und Isidor von Sevilla mit seinen Etymologiae.
Die karolingische Bildungsreform seit dem späten 8. Jahrhundert zielte mit der correctio auf die Berichtigung von Sprache, Schrift und Gottesdienst. Alkuin wirkte als Leiter der Hofschule Karls des Großen. Die Admonitio generalis von 789 forderte Schulen in Klöstern. Lateinische Texte wurden verbessert und kopiert, die karolingische Minuskel setzte sich durch, und die literarische Produktion nahm deutlich zu. Dies war keine Wiedergeburt der Antike, sondern vor allem Sammlung, Vereinheitlichung und Pflege vorhandenen Wissens.
Byzanz bewahrte die Beschäftigung mit antiken Werken und verfügte weiter über Elementar- und höhere Bildung, besonders in Konstantinopel. Auch im islamischen Raum wurden griechische Werke, unter anderem im Haus der Weisheit, ins Arabische übersetzt und weiterverarbeitet. Moscheen und Madrasas dienten der Bildung; gelehrt wurden vor allem Theologie und Rechtswissenschaft. Spanien und später Sizilien vermittelten Wissen in das lateinische Europa.
Schriftliche Überlieferung
Frühmittelalterliche Geschichtsschreibung war vielfältig, aber meist christlich geprägt. Sie verstand Geschichte häufig als linearen, von Gott gelenkten Verlauf. Im lateinischen Westen gehören Gregor von Tours mit seinen bis 591 reichenden Historien, die Reichsannalen bis 829 sowie ihre Fortsetzungen, Einhards Vita Karoli Magni und die Werke Widukinds von Corvey und Thietmars von Merseburg zu den wichtigen Quellen. Annalen entwickelten sich aus knappen jahresweisen Einträgen zu ausführlicheren Darstellungen und standen oft den karolingischen Herrschern nahe.
In Britannien sind besonders Bedas Kirchengeschichte, die Angelsächsische Chronik und Assers Biographie Alfreds des Großen bedeutsam. In Byzanz blieb der antike Bezug stärker erhalten; Geschichtsschreibung war nicht auf Geistliche beschränkt. Bedeutende Chroniken stammen von Georgios Synkellos und Theophanes. Armenische, syrische und islamische Werke liefern wichtige Informationen für den Orient; at-Tabarīs Universalgeschichte reicht bis ins frühe 10. Jahrhundert.
Hagiographie, also Heiligenliteratur, war weiter verbreitet als weltliche Geschichtsschreibung. Sie umfasst Viten, Märtyrergeschichten und Wunderberichte und sollte vorbildliche christliche Lebensführung zeigen. Hagiographische Texte entstanden in vielen Regionen des lateinischen Europas, in Byzanz und nach der Christianisierung auch im slawischen Raum.