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Urkundenhypothese

... Schöpfungserzählungen. ... Religion habe sich durch frühe biblische Propheten vom altorientalischen Polytheismus zum deuteronomischen Monotheismus entwickelt.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Voraussetzungen
  2. 2. Von Doppelungen zum Vierquellenmodell
  3. 3. Die neuere Urkundenhypothese
  4. 4. Verfeinerung, Kritik und Krise
  5. 5. Rezeption und heutiger Forschungsstand

Grundidee und Voraussetzungen

Die Urkundenhypothese – auch Dokumenten-, Quellenhypothese oder Quellentheorie genannt – ist ein Modell der historisch-kritischen Bibelwissenschaft zur Entstehung der Tora beziehungsweise des Pentateuchs. Sie erklärt den Pentateuch als literarische Komposition aus mehreren schriftlichen Quellen verschiedener Autoren. Mehrere Redaktoren, also Bearbeiter und Zusammensteller, hätten diese Quellen später verbunden, ergänzt und verändert. Die Theorie entstand in der Aufklärung und wurde im 19. Jahrhundert besonders im deutschen Sprachraum ausgearbeitet.

Die Forschung unterschied zunächst eine ältere Urkundenhypothese ab 1711 und eine neuere Urkundenhypothese ab 1853. Letztere nahm vier zeitlich aufeinanderfolgende Hauptquellen an: Jahwist (J), Elohist (E), Priesterschrift (P) und Deuteronomium (D). Das Modell wird daher als JEPD- oder JEDP-Modell, Vierquellenmodell, Wellhausen-Theorie oder neuere Urkundenhypothese bezeichnet.

Voraussetzungen waren die reformatorische Konzentration auf den Literalsinn und den vermuteten Urtext der Bibel. Zunächst blieb die traditionelle Annahme der mosaischen Autorschaft der Tora bestehen. Andreas Bodenstein bezweifelte sie 1520 für Teile der Tora, unter anderem weil Deuteronomium 34,5–12 vom Tod des Mose berichtet. Andreas Masius und Bento Pereira nahmen im 16. Jahrhundert für Josua und später auch für den Pentateuch mehrere ältere Quellen und eine spätere Kompilation und Redaktion an.

Im 17. Jahrhundert bestritten Thomas Hobbes, Isaac de La Peyrère und Baruch Spinoza die Autorschaft des Mose für große Teile der Tora. Richard Simon beschrieb 1676 die Unterschiede und Widersprüche zwischen den Rechtskorpora und Erzählungen. Er folgerte, der Pentateuch könne nicht von einem einzigen Autor stammen. Mose habe schriftliche Vorlagen zusammengestellt und ergänzt; Schreibschulen hätten das Werk nach seinem Tod weiterbearbeitet, bis es unter Esra fertiggestellt worden sei. Simon gilt deshalb als Begründer der historisch-kritischen alttestamentlichen Forschung.

Von Doppelungen zum Vierquellenmodell

Ausgangspunkt der Urkundenhypothese waren auffällige Wechsel der Gottesbezeichnungen sowie Doppelungen und Spannungen im Text. In Genesis 1,1–2,4a steht der Titel Elohim, in Genesis 2,4b–25 der Name JHWH. Die beiden Schöpfungserzählungen unterscheiden sich außerdem in Gesamtszenerie, Vorgang, Abfolge und Gottesbild. Weitere Beispiele sind die dreifache Erzählung von der Preisgabe der Ahnfrau in Genesis 12, 20 und 26, die unterschiedlichen Sintflutangaben in Genesis 6–9, die zweimal erzählte Gottesoffenbarung für Jakob in Genesis 28 und 35 sowie der variierte Dekalog in Exodus 20 und Deuteronomium 5.

Henning Bernward Witter folgerte 1711 erstmals, dass die beiden Schöpfungserzählungen aus verschiedenen Ursprüngen stammten. Jean Astruc teilte 1753 die Genesis in zwei durchlaufende Hauptquellen A (Elohim) und B (JHWH) sowie zehn Nebenquellen C–M für Dubletten und kürzere Texteinheiten ein. Er nahm an, Mose habe diese Quellen in vier Kolumnen zusammengestellt und ein späterer Redaktor sie verbunden. Johann Gottfried Eichhorn übertrug das Modell ab 1779 auf den ganzen Pentateuch.

Karl David Ilgen teilte den Pentateuch 1798 erstmals in drei ursprünglich selbstständige, durchlaufende Quellschriften und nahm dafür 17 ältere Quellen an. Außerdem deutete er an, Deuteronomium sei als eigenes Werk entstanden. Damit lag ansatzweise bereits das spätere Vierquellenmodell vor. Weil manche Texte keiner Urkunde zugeordnet werden konnten, entstanden um 1800 die Fragmentenhypothese von Alexander Geddes und Johann Severin Vater sowie die Ergänzungshypothese Heinrich Ewalds, die Friedrich Bleek und Johann Christian Friedrich Tuch weiterführten. Der Elohist galt dabei als vielfach ergänzte Grundschrift des Pentateuchs.

Die neuere Urkundenhypothese

Hermann Hupfeld und Eduard Riehm entfalteten 1853 und 1854 ein Vierquellenmodell. Es unterschied eine älteste elohistische Urschrift von Genesis 1 bis zur Landverteilung in Numeri 32, eine jüngere elohistische Schrift mit den Erzelternerzählungen in Genesis 12–50, eine jehowistische Schrift ab der zweiten Schöpfungserzählung in Genesis 2 mit durchgehendem JHWH-Gebrauch sowie das jüngste und eigenständige Deuteronomium.

Wilhelm Martin Leberecht de Wette hatte den Kern des Deuteronomiums, Deuteronomium 12–26, 1805 mit der Kultzentralisation unter König Joschija im Jahr 622 v. Chr. verbunden. Daraus entstand ein Datierungskriterium: Texte, die mehrere Heiligtümer voraussetzen, mussten älter sein als Texte, die nur ein Heiligtum und damit den Jerusalemer Tempel voraussetzen.

Julius Wellhausen ordnete ab 1876 wesentliche Teile der bisherigen Elohim-Quelle der Priesterschrift zu. Deren ältester Kern sei ein „Buch der vier Bundesschlüsse“ (Q) um die Kultgesetze am Sinai. P müsse jünger als die frühen Schriftpropheten und damit die jüngste Quelle sein. Wellhausen datierte die vier Hauptquellen folgendermaßen: J in das 9., E in das 8., D in das 7. und P in das 6. Jahrhundert v. Chr., also in die Zeit des Babylonischen Exils oder danach.

J und E seien bereits zu JE verbunden und später mehrfach bearbeitet worden. J habe von Genesis 2,4b bis Josua 24 gereicht und unter anderem Erzeltern-, Exodus- und Sinaierzählungen umfasst. E habe nur einige Vätergeschichten, die Berufung des Mose in Exodus 3 und Teile der Bileam-Erzählung enthalten. P habe Genesis 1–2,4a und die meisten Rechtstexte ab Exodus 20 umfasst. Redaktoren hätten zunächst J in E integriert, JE nach dem Untergang des Nordreichs Israel 722 v. Chr. gebildet und nach dem Exil in P eingearbeitet. Weil sich die Erzählfäden auch durch Josua ziehen, sprach Wellhausen vom Hexateuch.

Wellhausen verband das Modell mit einer religionsgeschichtlichen These: Die Tora sei erst im und nach dem babylonischen Exil entstanden. Er unterschied daher die frühe nationale JHWH-Religion Israels vom nachexilischen Judentum, das er als ritualistische Gesetzesreligion bewertete. Das Vierquellenmodell setzte sich rasch durch und blieb über gut 100 Jahre das bestimmende Modell der europäischen, vorwiegend protestantischen alttestamentlichen Forschung.

Verfeinerung, Kritik und Krise

Ab etwa 1880 wurde die Theorie literarkritisch weiter unterteilt. Karl Budde unterschied in Genesis 1–11 zwei Erzählfäden J¹ und J². Rudolf Smend teilte J ebenfalls in J¹ und J²; andere Forscher nahmen eine Laien- oder Nomadenquelle L beziehungsweise N an. August Dillmann und Eduard König datierten die Quellen jeweils etwa 100 Jahre früher als Wellhausen.

Seit 1900 untersuchten Hermann Gunkel, Martin Noth und Gerhard von Rad außerdem die Form- und Überlieferungsgeschichte. Sie gingen davon aus, dass die Überlieferung mit kleinen Erzählungen begann, die jeweils einen bestimmten „Sitz im Leben“ hatten. Erzeltern-, Exodus- und Sinaiüberlieferungen stammten demnach aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten. Nach der Amphiktyonie-Hypothese seien ältere Erzählkränze bereits im vorstaatlichen israelitischen Kult um 1200–1000 v. Chr. verbunden worden; J habe sie gesammelt, schriftlich fixiert und zum gemeinsamen Kult eines angenommenen Zwölfstämmebundes ausgebaut.

Martin Noth trennte Deuteronomium und Josua vom Hexateuch. Deuteronomium verstand er als Programm, Josua als Beginn des Deuteronomistischen Geschichtswerks (DtrG), das von der Landnahme bis zum Ende des Reiches Juda im 2. Buch der Könige reicht. Gen bis Numeri bildeten für ihn den älteren Tetrateuch. Das DtrG sei an diesen angefügt worden.

Werner H. Schmidt, der letzte Hauptvertreter der neueren Urkundenhypothese, datierte J etwa auf 950–926 v. Chr., E auf etwa 800 v. Chr., D ab etwa 700 v. Chr. mit starker Erweiterung nach 622 v. Chr. und P ab etwa 550 v. Chr. im Babylonischen Exil. Er nahm mehrere Redaktionsstufen an: RJE verband J und E nach 722 v. Chr.; RP arbeitete JE nach dem Exil, ab 539 v. Chr., in P ein; RDtr fügte deuteronomische Texte in JE ein. Ob RDtr vor oder nach der Verbindung mit P wirkte, ist innerhalb dieses Modells umstritten.

Kritiker bemängelten, dass die Quellenscheidung kaum externe Belege besitze und Spannungen auch durch literarische Einheit erklärt werden könnten. Verschiedene Gottesnamen gelten heute allein nicht mehr als ausreichendes Kriterium. Die immer stärkere Aufteilung in Unterquellen machte den Prozess der Zusammenfügung zunehmend unübersichtlich. Die Zuordnung bis zu Halbversen wurde als mechanistisch kritisiert, weil sie den Pentateuch zu stark als Addition einzelner Quellen statt als fortlaufende Überlieferung und Fortschreibung behandelt. Auch die Annahme, jede Quelle habe eine widerspruchsfreie Gesamterzählung geboten, während Redaktoren Widersprüche einfach nebeneinandergestellt hätten, erschien unplausibel.

Bei J und E sind Umfang, Ende und Unterscheidbarkeit unsicher. Für das Ende von J wurden bis 1992 mindestens sieben verschiedene Textstellen vorgeschlagen. Paul Volz und Wilhelm Rudolph bestritten 1933 sogar die Existenz des Elohisten als eigenständiger Quelle. In den 1970er Jahren dekonstruierten Rolf Rendtorff, John Van Seters und Hans Heinrich Schmid die angenommene Quellschrift J. Bis 2002 verabschiedeten sich führende Forscher weitgehend vom Jahwisten und damit vom Vierquellenmodell.

Auch P blieb umstritten. Unklar sind Umfang, Alter, Stil, Trennbarkeit und die Frage, ob die kultischen Texte von einem Einzelautor, einer Schule oder einer Redaktion stammen. Besonders die Sinaiperikope in Exodus 19–24 lässt sich weder eindeutig P zuordnen noch aus durchlaufenden Quellen erklären. Heute bezeichnet P oft nur allgemein kultbezogene Texte, nicht zwingend eine einheitliche Quellschrift.

Rezeption und heutiger Forschungsstand

Jüdische Exegeten lehnten die neuere Urkundenhypothese zunächst meist ab und hielten an der weitgehenden literarischen Einheit der Tora fest. Benno Jacob kritisierte Wellhausens Theorie 1899 als „dogmatische Pseudowissenschaft“ und wies 1934 in einem umfangreichen Anhang die literarkritischen Argumente für eine Quellenscheidung Vers für Vers zurück. Er wandte sich außerdem gegen antijudaistische Vorstellungen, nach denen das Alte Testament erst im Neuen Testament seinen Sinn erhalte. Umberto Cassuto akzeptierte die literarkritische Methode, bestritt aber 1941 die Tragfähigkeit der fünf Hauptargumente: verschiedene Gottesnamen, Unterschiede in Sprache und Stil, Widersprüche, Doppelungen sowie eine zusammengesetzte Struktur. Yehezkel Kaufmann übernahm das Vierquellenmodell, datierte die Quellen jedoch anders und machte die Priesterschrift zur ältesten Quelle.

In der römisch-katholischen Kirche wurde die historische Bibelkritik zunächst bekämpft. Das Dekret De mosaica authentia Pentateuchi der Päpstlichen Bibelkommission von 1906 hielt an der mosaischen Autorschaft fest, gestattete aber die Nutzung schriftlicher Dokumente und mündlicher Überlieferungen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962–1965 verlor das Dekret seine autoritative Bedeutung.

In Europa verlor das Vierquellenmodell seit etwa 1975 stark an Bedeutung; besonders in Deutschland und Europa entstand eine „Pentateuch-Krise“. Archäologische Funde veränderten das Bild von Religion, Staatswesen und Literatur des antiken Israel. Heute wird die Tora dort eher als Zusammenstellung und fortlaufende Bearbeitung thematischer Überlieferungsblöcke verstanden, etwa Urgeschichte, Vätergeschichten, Exodus und Sinai. Alternativen nehmen beispielsweise zwei prägende Kompositionsschichten, eine vielfach ergänzte priesterliche Grundschrift oder vielschichtige Fortschreibungen älteren Materials an. Ein relativer Konsens besteht noch bei der Unterscheidung priesterlicher und nichtpriesterlicher Textanteile.

In Israel wird die Vierquellentheorie, besonders an der Hebräischen Universität Jerusalem, weiterhin anerkannt und vor allem hinsichtlich J, E und P genauer erforscht. Jüdisch-amerikanische Neo-Documentarians vertreten eine vereinfachte Variante, nach der ein einzelner Kompilator J, E, D und P nach klaren Vorgaben schematisch zusammenfügte; Datierung, Religionsgeschichte und literarische Vorgeschichte klammern sie weitgehend aus.

In der aktuellen Forschung gilt die Verbindung der Erzelterngeschichten mit der Mose- und Exodus-Erzählung als später als die frühe Königszeit. Umstritten bleibt, ob sie vor, im oder nach dem Exil von 586–539 v. Chr. erfolgte. Zunehmend wird angenommen, dass erst P bald nach dem Exil den ersten durchlaufenden Erzählfaden schuf und vorpriesterliches Material zuvor nur in Erzählkränzen vorlag. Als Konvergenzlinie gilt die Annahme, dass eine nichtpriesterliche Mose-Exodus-Erzählung mit einem Erzählkranz um Jakob den Grundstock der vorpriesterlichen Überlieferung bildete.

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