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Reformation
Ihr Beginn wird traditionell auf den 31. Oktober 1517 datiert, als Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu …
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Definition, Verlauf und Vielfalt
Die Reformation war im engeren Sinn eine kirchliche Erneuerungsbewegung des frühen 16. Jahrhunderts. Sie führte zur Spaltung des westlichen Christentums in die katholische Kirche sowie verschiedene protestantische Konfessionen, vor allem Lutheraner, Reformierte und Täufer. Ihr Beginn wird traditionell auf den 31. Oktober 1517 datiert, als Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlicht haben soll. Der historische Thesenanschlag an der Tür der Wittenberger Schlosskirche ist jedoch nicht sicher belegt.
Die wichtigsten Zentren waren zunächst Wittenberg und Zürich. In den 1540er Jahren wurde Genf unter Johannes Calvin ein drittes Zentrum mit europaweiter Ausstrahlung. Im Heiligen Römischen Reich bildete der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden von 1555 einen vorläufigen Abschluss. Die konfessionellen Gegensätze bestanden jedoch fort und trugen 1618 zum Dreißigjährigen Krieg bei; erst der Westfälische Frieden von 1648 beendete diese Konflikte endgültig. Außerhalb des Reiches setzte sich die Reformation bis ins 17. Jahrhundert fort.
Die Bewegung war von Anfang an vielfältig. Aus der Wittenberger Reformation entstand das Luthertum, aus der Schweizer Reformation die reformierte Kirchenfamilie, zu der unter anderem Presbyterianer und Kongregationalisten gehören. Zur Radikalen Reformation zählten Spiritualisten und Täufer. Die Täufer verstanden Kirche als Gemeinde der Gläubigen, praktizierten die Gläubigentaufe und vertraten das Priestertum aller Gläubigen, die Wahl von Ältesten und Diakonen, die Trennung von Kirche und Staat, Religionsfreiheit und teilweise die Verweigerung des Eides. Deshalb wurden sie von Obrigkeiten verfolgt. Aus dem Täufertum gingen unter anderem Mennoniten, Hutterer und Amische hervor. Sonderformen bildeten der Anglikanismus in England, der Unitarismus in Teilen Osteuropas und die Reformation in Siebenbürgen. Die Böhmische Reformation des frühen 15. Jahrhunderts wird mitunter als „erste Reformation“ bezeichnet; sie ging von Jan Hus aus und stand unter dem Einfluss John Wyclifs.
Begriff und Voraussetzungen
Der Begriff reformatio bezeichnete im Spätmittelalter eine Rückkehr zu einer idealisierten früheren Ordnung oder allgemeine Reformmaßnahmen. Erst seit dem 19. Jahrhundert wurde „Reformation“ hauptsächlich für die Religionskonflikte des 16. Jahrhunderts verwendet. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts nannte man die inzwischen verstorbenen Vordenker „Reformatoren“. Die Bezeichnung „Radikale Reformation“ ersetzte im englischsprachigen Raum weitgehend den älteren Ausdruck „linker Flügel der Reformation“. Für die vor allem mit Calvin verbundene Entwicklung reformierter Kirchen setzte sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Bezeichnung „Zweite Reformation“ durch, obwohl die Schweizer Reformation ungefähr gleichzeitig mit der Wittenberger begann.
Eine wichtige geistige Voraussetzung war der Renaissance-Humanismus. Diese seit dem 14. Jahrhundert von Italien ausgehende Bildungsbewegung wandte sich der griechisch-römischen Antike zu. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 gaben byzantinische Gelehrte dem Studium der griechischen Sprache und antiker Autoren neue Impulse. Humanisten wie Erasmus von Rotterdam lasen antike und christliche Schriften und erwarteten daraus Anregungen für persönliches Leben und gesellschaftliche Ordnung.
Der Buchdruck machte reformatorische Ideen einer größeren Leserschaft zugänglich. Entscheidend waren Druckerzeugnisse in der Volkssprache, Flugschriften, Illustrationen und die dezentrale Verbreitung. 1520 erschienen im deutschsprachigen Raum etwa 500.000 Schriften und Flugschriften Luthers. Von knapp zwölf Millionen Einwohnern des Heiligen Römischen Reiches konnten etwas mehr als eine Million lesen. Die Flugschrift An den christlichen Adel deutscher Nation wurde 1520 fünfzehnmal aufgelegt, mit bis zu 4000 Exemplaren pro Auflage. 1524 erschienen ungefähr 2400 Flugschriften mit geschätzt 2,4 Millionen Exemplaren. Lateinische Texte richteten sich vor allem an Gelehrte, volkssprachliche Texte an den wesentlich größeren Kreis der Laien.
Soziale und wirtschaftliche Spannungen verstärkten die Reformbereitschaft. Städte gewannen durch Handel an Bedeutung, und eine finanzkräftige Bürgerschicht entstand. Bauern, die den Großteil der Bevölkerung bildeten, litten unter Steuern, Abgaben, Frondiensten und Leibeigenschaft. Der Zustrom von Edelmetallen aus den spanischen Kolonien führte zu Inflation und einer „Preisrevolution“. Zwischen 1500 und 1600 stieg die Bevölkerung des Deutschen Reiches vermutlich von 12 auf 15 Millionen. Nahrungsmittel wurden teurer, Arbeitskräfte billiger. Die Spannungen führten zu Aufständen, die im Deutschen Bauernkrieg 1525 gipfelten.
Politisch war das Heilige Römische Reich kein zentralisierter Staat, sondern bestand aus vielen Territorien. Der Kaiser wurde von sieben Kurfürsten gewählt und war auf die Zustimmung der Reichsstände angewiesen. Reichstage umfassten Kurfürsten, Reichsfürsten und Reichsstädte. Dieser Dualismus zwischen Kaiser und Reichsständen ermöglichte es einzelnen Fürsten, die Reformation einzuführen und sich gegenüber Kaiser und Papst zu emanzipieren. Die konfessionelle Entwicklung entschied sich deshalb häufig auf territorialer Ebene. Zugleich war Kaiser Karl V. durch Kriege gegen Frankreich und das Osmanische Reich gebunden. Die Osmanen besiegten 1526 die Ungarn bei Mohács und belagerten 1529 Wien. Karl V. hielt sich 1521–1530 und 1532–1541 außerhalb des Reiches auf, wodurch sich die Reformation ausbreiten konnte.
Religiös prägten um 1500 Sündenbewusstsein, Todesfurcht und die Erwartung des göttlichen Gerichts das Leben vieler Menschen. Die Kirche bot mit Beichte, Wallfahrten, Seelenmessen und Ablässen Möglichkeiten zur Erlangung göttlicher Gnade. Kritik richtete sich gegen den Lebensstil des hohen Klerus, Pfründenhäufung und die wirtschaftliche Ausrichtung religiöser Leistungen. Vorläufer waren besonders John Wyclif und Jan Hus, die die kirchliche Hierarchie, den päpstlichen Machtanspruch und Missstände im Klerus kritisierten.
Luther und der Beginn der Reformation
Martin Luther war seit 1505 Augustinermönch und seit 1512 Bibelprofessor in Wittenberg. Die Beschäftigung mit Paulus führte ihn zu einem neuen Verständnis der „Gerechtigkeit Gottes“. Sie war für ihn nicht vor allem verteilende Gerechtigkeit (iustitia distributiva), nach der jeder erhält, was ihm zusteht, sondern „passive Gerechtigkeit“ (iustitia passiva): Gott macht den Sünder gerecht. Rechtfertigung kann der Mensch nicht durch Werke verdienen, sondern empfängt sie im Glauben. Der Zeitpunkt dieses sogenannten „reformatorischen Durchbruchs“ ist in der Forschung umstritten; Luther datierte ihn rückblickend in die Jahre 1513–1515, während andere Forschungen Spuren erst im Frühjahr 1518 erkennen.
Der unmittelbare Anlass war der Petersablass. Papst Leo X. erließ 1515 einen Plenarablass zur Finanzierung des Neubaus des Petersdoms. Albrecht von Brandenburg hatte durch mehrere kirchliche Ämter hohe Schulden bei der römischen Kurie. Im Sommer 1514 schlug er einen acht Jahre gültigen Ablass für die Bistümer Mainz, Magdeburg und Brandenburg vor. Die Einnahmen sollten nach Abzug der Unkosten zur Hälfte dem Petersdom und zur Hälfte den Bistümern zufließen. Papst Leo X. stimmte zu; die Bulle Sacrosanctis wurde am 31. März 1515 erlassen. Anfang 1517 begann der Vertrieb. Der Dominikaner Johann Tetzel war als Generalsubkommissar tätig. Bürger und Kaufleute zahlten drei, Handwerker einen Gulden; Mittellose sollten fasten und beten. In Kursachsen war der Ablassverkauf verboten, doch viele Wittenberger kauften Ablassbriefe im 35 Kilometer entfernten Jüterbog oder in Zerbst.
Luther kritisierte die Ablasspraxis aus seelsorgerlichen Gründen. Sie erwecke eine falsche Heilsgewissheit und ersetze innere Reue durch den Kauf eines Ablassbriefs. Seine 95 Thesen, Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum, waren ursprünglich als Grundlage für ein akademisches Streitgespräch gedacht. Sie forderten eine Abschaffung der bisherigen Ablasspraxis, verwarfen besonders Ablässe für Verstorbene und stellten die päpstliche Gewalt über jenseitige Sündenstrafen infrage. Die ersten beiden Thesen erklärten, das ganze Leben der Glaubenden solle Buße sein; Buße sei nicht nur als Sakrament von Beichte und Genugtuung zu verstehen. Luther wandte sich zunächst nicht grundsätzlich gegen das Papsttum und glaubte, Papst Leo X. stehe auf seiner Seite.
Am 31. Oktober 1517 schrieb Luther an Erzbischof Albrecht und legte die Thesen bei. Die Behauptung, er habe sie an die Wittenberger Schlosskirche genagelt, wurde erst nach seinem Tod von Philipp Melanchthon überliefert und ist historisch zweifelhaft. Die Thesen wurden ins Deutsche übersetzt und verbreiteten sich schnell. Luthers Sermon von dem Ablass und Gnade erschien im März 1518 und wurde bis 1520 in 23 Ausgaben gedruckt. Im April 1518 erläuterte Luther bei der Heidelberger Disputation seine Theologie des Kreuzes (theologia crucis) im Gegensatz zur Theologie des Ruhms. In der Leipziger Disputation 1519 stellte er den päpstlichen Primat aus göttlichem Recht infrage und erklärte, auch ein Konzil könne irren. Johannes Eck stellte dadurch eine Verbindung zu Jan Hus her.
1520 entfaltete Luther in drei Hauptschriften sein reformatorisches Programm. An den christlichen Adel deutscher Nation forderte die weltliche Obrigkeit auf, die Kirchenreform selbst zu übernehmen, und verlangte unter anderem Bildungswesen, Armenfürsorge, die Abschaffung des Zölibats und des Kirchenstaats sowie das Priestertum aller Getauften. Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche reduzierte die Siebenzahl der Sakramente auf Taufe und Abendmahl; die Buße ordnete er der Taufe zu. Von der Freiheit eines Christenmenschen verband die Rechtfertigung aus Gnade mit der Verpflichtung zu guten Werken. Der Christ ist zugleich gerechtfertigt und Sünder (simul iustus et peccator) und lebt in einem geistlichen und einem weltlichen Regiment.
Die Bulle Exsurge Domine vom 15. Juni 1520, veröffentlicht am 24. Juli, verlangte innerhalb von 60 Tagen den Widerruf. Luther verbrannte sie am 10. Oktober 1520 in Wittenberg. Am 3. Januar 1521 wurde er mit Decet Romanum Pontificem exkommuniziert. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 verweigerte Luther den Widerruf, solange seine Lehre nicht durch die Heilige Schrift widerlegt sei. Das Wormser Edikt vom 30. April 1521 verhängte die Reichsacht und erklärte ihn für vogelfrei. Friedrich der Weise ließ ihn auf die Wartburg bringen. Dort übersetzte Luther das Neue Testament aus dem griechischen Urtext; das Septembertestament erschien im September 1522. Seine verständliche Sprache prägte deutsche Bibelübersetzungen und die deutsche Hoch- und Schriftsprache.
Zürich, Täufer und konfessionelle Institutionalisierung
Huldrych Zwingli wurde 1519 Leutpriester am Zürcher Großmünster. Er predigte fortlaufend über biblische Bücher und studierte das Neue Testament im griechischen Original. 1522 kritisierte er kirchliche Fastengebote als unbiblisch. In der Ersten Zürcher Disputation setzte er sich durch, weil seine Gegner ihre Argumente aus der Bibel entwickeln mussten. In der Zweiten Zürcher Disputation 1523 wurde die Umgestaltung der Kirchenordnung beschlossen. In einem zweijährigen Reformprozess entfernte Zürich Bilder, hob Klöster und Stifte auf, schaffte die Messe ab, übertrug die Ehegerichtsbarkeit an ein städtisches Gericht und richtete eine Ausbildungsstätte für Pfarrer ein. Zwingli arbeitete außerdem an der Zürcher Bibel. Anders als Luther akzeptierte er den Stadtrat als Autorität in Kirchenfragen. Das Abendmahl verstand er eher als Gedenkfeier.
Aus dem Kreis um Konrad Grebel und Felix Manz entstand die Täuferbewegung. Sie lehnte die Säuglingstaufe als unbiblisch ab. Nach einem Streit mit dem Zürcher Rat wurden am 21. Januar 1525 im Haus von Felix Manz die ersten Bekenntnistaufen vollzogen. Die Bewegung breitete sich in Schweizer Kantone und weitere Gebiete aus. Der Zürcher Rat stellte die Wiedertaufe am 6. März 1526 unter Todesstrafe; Felix Manz wurde am 5. Januar 1527 in der Limmat ertränkt.
Die reformatorischen Ideen verbreiteten sich zunächst besonders in Städten. Auf dem Reichstag zu Speyer 1526 wurde die Ausführung des Wormser Edikts den Reichsständen überlassen. Diese deuteten die Regelung als Möglichkeit, die Reformation territorial einzuführen. 1525 wurde sie im Herzogtum Preußen eingeführt; weitere Gebiete folgten. Hessen wurde 1526/27 nach der Homberger Synode protestantisch. Auf dem Reichstag zu Speyer 1529 legten sechs Fürsten und vierzehn Freie Reichsstädte gegen das Verbot weiterer Reformen Protest ein. Nach dieser Protestation wurde die Bezeichnung „Protestantismus“ geprägt.
Melanchthon verfasste 1530 auf dem Augsburger Reichstag die Confessio Augustana. Sie wurde zum Bekenntnis des Schmalkaldischen Bundes. Nach Luthers Tod am 18. Februar 1546 verlor die Wittenberger Bewegung eine zentrale Autorität. Der Schmalkaldische Krieg endete am 24. April 1547 mit der Niederlage der Protestanten bei Mühlberg. Der Streit über das Augsburger Interim und die Auseinandersetzungen zwischen Gnesiolutheranern und Philippisten führten zur Ausbildung des konfessionellen Luthertums.
Radikale Reformation, Calvinismus und Europa
Die Radikale Reformation umfasste unterschiedliche Gruppen. Thomas Müntzer verband eine radikale Kirchenreform mit einer biblisch begründeten politischen und sozialen Umwälzung; seine Vorstellungen standen mit den Wurzeln des Deutschen Bauernkriegs 1524–1526 in Verbindung. Die Münsteraner Täufer entwickelten 1534/35 einen enthusiastischen und gewaltbereiten Chiliasmus. In Münster entstand ein „Königreich“, das im Sommer 1535 durch die Belagerer gestürmt wurde. Spiritualisten wie Sebastian Franck und Kaspar Schwenckfeld betonten einen verinnerlichten Glauben und legten weniger Wert auf sichtbare Kirche und Sakramente. Reformatorische Antitrinitarier, darunter Michael Servetus und die Polnischen Brüder, bestritten die traditionelle Trinitätslehre. Katholische, lutherische und reformierte Obrigkeiten verfolgten diese Gruppen mit Gefängnis, Folter, Vertreibung und Hinrichtungen.
Johannes Calvin machte Genf ab 1536 zu einem Zentrum der reformierten Reformation. Nach seiner Rückkehr 1541 prägte er Kirchenordnung, Katechismus und Kirchenzucht. Im Konsistorium arbeiteten Pastoren und Älteste zusammen. Fehlverhalten konnte zum Ausschluss vom Abendmahl und damit vom gesellschaftlichen Leben führen. Die 1559 fertiggestellte Institutio Christianae Religionis formulierte Calvins Theologie. In der Abendmahlslehre suchte er zwischen lutherischem Realismus und Zürcher Symbolismus zu vermitteln. Die doppelte Prädestination besagt, dass Gott vor der Erschaffung der Welt festlegte, wer erwählt und wer verworfen wird.
John Knox übertrug calvinistische Impulse nach Schottland. Das schottische Parlament führte 1560 mit der Confessio Scotica die Reformation ein. Das Book of Discipline und das Book of Common Order gehörten zu den Gründungsdokumenten der schottischen Kirche. In den Niederlanden entstanden seit 1519 lutherische, täuferische und später reformierte Gemeinden. Die Synode von Dordrecht 1618/1619 verurteilte die Remonstranten und stärkte die contraremonstrantische, strikt calvinistische Richtung.
In Frankreich wurden Protestanten seit 1523 verfolgt. Die Bartholomäusnacht 1572 kostete etwa 10.000 Protestanten das Leben. Von 1530 bis 1730 verließen etwa 200.000 von insgesamt 730.000 Hugenotten das Land. England vollzog den Bruch mit Rom zunächst aus politischen Gründen: Die Suprematsakte von 1534 machte den Monarchen zum Oberhaupt der Kirche von England. Unter Edward VI. folgten reformatorische Gottesdienstordnungen und Bekenntnisartikel; Maria Tudor führte den Katholizismus gewaltsam zurück, Elisabeth I. etablierte ab 1558 wieder die anglikanische Kirche. In Skandinavien führten die Landesherren überwiegend lutherische Staatskirchen ein. In Polen-Litauen stärkten der Consensus von Sandomir 1570 und die Konföderation von Warschau 1573 die evangelische Stellung, während Jesuiten ab 1575 die Gegenreformation betrieben. In Ungarn und Siebenbürgen wurden lutherische, reformierte, katholische und 1568 auch unitarische Konfessionen anerkannt. Im Habsburgerreich war Österreich um 1530 weitgehend evangelisch; nach 1555 setzte sich jedoch bis etwa 1600 die katholische Gegenreformation durch. Nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 wurden 1627 und 1628 evangelische Adlige ausgewiesen. In Italien und auf der Iberischen Halbinsel unterdrückten Inquisition und Gegenreformation die reformatorischen Bewegungen weitgehend.
Katholische Reform und Folgen
Das Konzil von Trient tagte 1546–1563 in drei Sitzungsperioden. Es stellte die römische Glaubenslehre nicht grundsätzlich um, beseitigte aber Auswüchse in Klerus und Kurie und vereinheitlichte sowie reformierte die katholische Kirche. Der Jesuitenorden leitete anschließend wichtige Maßnahmen der Gegenreformation.
Die Reformation führte zu einer dauerhaften konfessionellen Pluralisierung Europas. Protestantische Kirchen wurden nach langen Konflikten neben der katholischen Kirche staatlich gleichberechtigt. Da keine Seite die andere vollständig unterdrücken konnte, entstand langfristig ein Zwang zur religiösen Toleranz. Die katholische Kirche verlor in weiten Teilen Europas ihr nahezu unangefochtenes Deutungsmonopol für die Bibelauslegung. Gleichzeitig wurden Klöster in protestantischen Gebieten enteignet und aufgelöst; religiöse Praktiken wie Heiligen- und Marienverehrung, Wallfahrten und bestimmte „gute Werke“ wurden verworfen.
Neue protestantische Gottesdienstordnungen verwendeten die Landessprache. Im Mittelpunkt standen Schriftlesung und Predigt. Die Gemeinde sollte die Auslegung des Pfarrers mit dem Bibeltext vergleichen können. Lutherische, reformierte und täuferische Bekenntnisschriften erhielten unterschiedliche Bedeutung: Für die Lutheraner wurde die Bekenntnisbildung mit dem Konkordienbuch im späten 16. Jahrhundert abgeschlossen. In der reformierten Tradition blieb sie grundsätzlich offen und konnte aufgrund eines besseren Verständnisses der Bibel revidiert werden. Die Schleitheimer Artikel entstanden 1527 als täuferisches Bekenntnis, der Rakauer Katechismus 1608 als Bekenntnisschrift des polnischen Unitarismus.
Luthers Bibelübersetzung wirkte stark auf die deutsche Sprache. Er übersetzte nicht wortwörtlich, sondern sinngemäß und in einer verständlichen, sprechsprachlichen Form. Seine Übersetzung gab dem ostmitteldeutschen und kursächsischen Sprachgebrauch entscheidende Impulse für das Frühneuhochdeutsche. Wörter wie „Sündenbock“, „Lückenbüßer“, „Lockvogel“ und „Dachrinne“ sowie Redewendungen wie „Perlen vor die Säue werfen“ werden mit seiner Sprachgestaltung verbunden. Die Lutherbibel prägte außerdem Kirchenmusik, Literatur und die deutsche Schriftsprache.
Die Reformation veränderte Ehe und Familie, Staat und Gesellschaft, Schule und Hochschule, Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst. Die Förderung des Bibellesens stärkte das Bildungswesen von der Volksschule bis zur Universität. Politisch löste sich der Staat zunehmend aus der kirchlichen Bevormundung, während Landesherren zunächst ihrerseits Kontrolle über die Kirchen gewannen. Langfristig entwickelten sich daraus in vielen Ländern Formen der Trennung von Kirche und Staat. Die Reformation verschob außerdem die Machtverhältnisse in Europa und beeinflusste spätere protestantische Kirchen wie Baptisten und Methodisten.
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