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Sola scriptura
Der Ausdruck sola scriptura (lateinisch für „allein durch die Schrift“) bezeichnet einen theologischen Grundsatz der Reformation und der reformatorischen …
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Grundgedanke und Bedeutung
Sola scriptura bedeutet lateinisch „allein durch die Schrift“. Der Grundsatz der Reformation und der reformatorischen Theologie besagt, dass die Heilsbotschaft hinreichend durch die Bibel vermittelt wird und keiner Ergänzung durch kirchliche Überlieferungen bedarf. In der lutherischen Orthodoxie wurde daraus das Schriftprinzip entwickelt.
Sola scriptura gehört zusammen mit sola fide („allein durch den Glauben“), sola gratia („allein durch Gnade“), solus Christus („allein Christus“) und soli Deo gloria („Ehre Gott allein“) zu den Grundsätzen der Reformation. Martin Luther verwendete 1520 in seiner Rechtfertigung Assertio gegen die Bannandrohungsbulle von Leo X. die Formulierung, allein die Schrift herrsche („solam scripturam regnare“).
Luthers Verständnis der Schriftauslegung
Luther suchte mit dem sola scriptura einen verlässlichen und unveränderlichen Maßstab für die theologischen Auseinandersetzungen mit der römisch-katholischen Kirche. Menschliche Urteile hatten sich seiner Auffassung nach im Lauf der Kirchengeschichte wiederholt als irrig erwiesen. Im Spätmittelalter habe besonders der vierfache Schriftsinn, also die mehrfache Auslegung eines Bibeltextes, zu einer großen Vielfalt von Deutungen geführt. Auf diese Weise seien auch Bräuche und Lehren begründet worden, die sich weit vom biblischen Zeugnis entfernt hätten, etwa der geschäftsmäßige Ablasshandel.
Sola scriptura meinte für Luther nicht, dass ausschließlich der genaue Wortlaut der Bibel für das christliche Leben entscheidend sei. Die zentrale Frage war vielmehr, wer die Schrift richtig auslegt. Nach Luther kann dies nur die Schrift selbst leisten, weil sie „durch sich selbst glaubwürdig, deutlich und ihr eigener Ausleger“ sei („per se certissima, apertissima, sui ipsius interpres“). Die Bibel sollte dabei nicht als Schriftstück sakralisiert werden. Entscheidend sei, dass das in ihr enthaltene Wort Gottes immer wieder neu zur Sprache komme, also zur „viva vox“ werde. Der Mensch empfange dieses unverfügbare Wort dabei passiv.
Als Schutz gegen willkürliche Auslegung betonte Luther die „Mitte der Schrift“. Diese Mitte ist die Christusbotschaft und damit der innere Maßstab der gesamten Schrift. Von ihr aus können kirchliche Entscheidungen und sogar einzelne biblische Schriften beurteilt werden: Entscheidend ist, ob sie „Christum treyben“, also den Gläubigen das Evangelium zuführen.
Klarheit der Schrift
Römisch-katholische und humanistische Kritiker, besonders Erasmus von Rotterdam, wandten gegen Luther ein, die Bibel enthalte viele unverständliche oder „dunkle“ Stellen und benötige deshalb stets eine externe Auslegung.
Luther antwortete mit der Lehre von der Klarheit der Schrift, der claritas scripturae. Er unterschied dabei eine „doppelte Klarheit“: Die äußere Klarheit des Textes (claritas externa) werde durch eine innere Klarheit (claritas interna) ergänzt und bestätigt. Diese innere Klarheit wirkt nach seiner Auffassung der Heilige Geist im Herzen des Hörers oder Lesers.
Konfessionelle Antworten und Wirkungsgeschichte
Die römisch-katholische Kirche präzisierte ihre Schriftlehre auf dem Konzil von Trient (1545–1563). In der vierten Sessio von 1546 wurde festgehalten, dass die Quelle der heilsamen Wahrheiten nicht allein die Schrift, sondern Schrift und Tradition sei („in libris scriptis et sine scripto traditionibus“, begründet in Joh 16,13 EU). Die rechte Auslegung der Bibel wurde dem kirchlichen Lehramt zugeordnet. Zugleich gilt die Bibel nach katholischer Lehre als von Gott her unfehlbar, nicht aufgrund der Kirche. Die Tradition soll inhaltlich nicht über die Wahrheit der Heiligen Schrift hinausgehen. Nach Thomas von Aquin muss alles, was gelehrt wird, implizit in der Schrift enthalten sein. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass für die Reformatoren allein die Bibel eine unfehlbare Regel des Glaubens ist, während für die katholische Lehre auch die Tradition eine unfehlbare Regel des Glaubens darstellt. Eine „Regel des Glaubens“ bestimmt, welche Wahrheit als göttlich offenbart gilt und von den Gläubigen zu glauben ist.
Die Ostkirchen lehnen das Prinzip sola scriptura ab. Die lutherische Orthodoxie formulierte ihren eigenen Standpunkt dagegen 1577 in der Konkordienformel. Danach ist „allein die Heilige Schrift der einig Richter, Regel und Richtschnur“ („sola sacra scriptura iudex, norma et regula“) sowie der „Probierstein“ („lydius lapis“) für kirchliche Lehren und Traditionen. Die Schrift wurde deshalb als norma normans, als „norm-stiftende Norm“, bezeichnet; die kirchlichen Bekenntnisse galten als norma normata, als „normierte Norm“, weil sie aus der Schrift abgeleitet sind.
Im 17. Jahrhundert arbeitete die lutherische Orthodoxie das Schriftprinzip auf Grundlage der Bekenntnisschriften und besonders von Luthers Bezeichnung der Schrift als „principium primum“ weiter aus. Die Bibel wurde mithilfe der aristotelischen Kategorie des Prinzips als unhinterfragbares Axiom der lutherischen Theologie festgeschrieben. In diesem Zusammenhang entstand auch die Lehre von der Verbalinspiration. Nach Wolfhart Pannenberg beruht die Autorität der Heiligen Schrift für die reformatorische Theologie darauf, dass sie „nicht Menschenwort, sondern Gottes eigenes Wort ist.“
Die historisch-kritische Bibelforschung erschütterte diese dogmatische Grundlage. Seitdem spricht man von einer „Krise des Schriftprinzips“. Trotzdem hält die Evangelische Kirche am Grundsatz sola scriptura fest. So bekennt etwa die Evangelische Kirche im Rheinland, die Heilige Schrift sei die alleinige Quelle und vollkommene Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens; außerdem werde das Heil allein im Glauben empfangen.
Folgen für den evangelischen Kirchenbau
Vor der Reformation konzentrierte sich der Gottesdienst vor allem auf die Messe und besonders auf den Moment der Wandlung. Der Priester hob die Hostie bei der Elevation möglichst hoch, damit sie im längsrechteckigen Kirchenschiff gut sichtbar war. In größeren Kirchen erleichterte ein Hochchor den Blick auf die Handlungen am Altar.
Im evangelischen Gottesdienst gewann dagegen die Predigt eine zentrale Bedeutung. Deshalb wurden Kirchenräume und Grundrisse verändert. Es entstanden Querkirchen, die als einzige rein evangelische Sakralbauform gelten, sowie Zentralbauten mit quadratischen oder achteckigen Grundrissen, die sich in einen Kreis einschreiben lassen. Zentralbauten wurden im Protestantismus allerdings seltener verwirklicht. Die Kanzel rückte möglichst nahe zur Mitte der Kirche, damit alle Gottesdienstteilnehmer die Predigt gut hören konnten. In kleineren Kirchen erfüllte der Kanzelaltar denselben Zweck. Das Wort beziehungsweise die Predigt sollte damit auch räumlich in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gestellt werden.