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Sozialer Wandel
Theorien des sozialen Wandels. Bearbeiten. Moderne Theorien des sozialen Wandels gehen von einer zeitlichen Abfolge von Strukturformen und Strukturprinzipien …
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Definition und Formen
Sozialer oder gesellschaftlicher Wandel bezeichnet die prinzipiell unvorhersehbaren Veränderungen, die eine Gesellschaft über längere Zeit in ihrer sozialen und kulturellen Struktur erfährt. Tiefgreifende Veränderungen innerhalb einer für solche Prozesse relativ kurzen Zeitspanne heißen Umbruch. Untersucht wird sozialer Wandel unter anderem in Soziologie, Ethnologie, Psychologie und Geschichtswissenschaft.
Er kann Arbeits- und Handlungssysteme, soziale Schichtung und Mobilität, Religion, Familienstrukturen, Normen, Traditionen und Institutionen betreffen. Auch neue Gesetze können gesellschaftlichen Wandel prägen oder widerspiegeln, etwa das Urheberrecht seit dem 18. Jahrhundert, das Bürgerliche Gesetzbuch seit 1900 und das moderne Sexualstrafrecht.
In der Soziologie dient „sozialer Wandel“ als Sammelbezeichnung für beobachtbare gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen. Einzelne Menschen müssen diese Veränderungen während ihres Lebens nicht bewusst wahrnehmen. Die Anthropologie verwendet häufiger „kultureller Wandel“ und bezieht damit auch nicht direkt beobachtbare Veränderungen von Ideen und Weltanschauungen ein. Kulturwandel ist in diesem Sinn umfassender; kulturgeschichtliche Untersuchungen lassen jedoch Wirtschafts- und Sozialstrukturen sowie Machtverhältnisse teilweise außer Betracht.
Unterschieden werden der Wandel einer bestimmten Gesellschaft und allgemeine Triebkräfte des Wandels. Gerhard Lenskis multilineare Evolutionstheorie nimmt mehrere mögliche Entwicklungspfade verschiedener Gesellschaften an. Weitere Unterscheidungen sind partieller Wandel in einzelnen Teilsystemen und totaler Wandel der Gesamtgesellschaft, weitgehend stetiger evolutionärer und disruptiver Wandel sowie teleologischer, auf ein Ziel gerichteter, und ungerichteter Wandel. Nach Ralf Dahrendorf ist die Revolution eine Sonderform radikalen sozialen Wandels. Raymond Boudon unterscheidet reproduktive Prozesse ohne Wandel, kumulative Veränderungsprozesse und Prozesse vollständiger Transformation.
Begriffe wie „Entwicklung“, „Evolution“, „Fortschritt“ und „Modernisierung“ können bereits eine theoretische Bewertung enthalten. Besonders „Fortschritt“ unterstellt eine positive Richtung. William Fielding Ogburn führte dagegen 1922 mit seinem Werk „Social Change“ den neutraleren Begriff des sozialen Wandels ein.
Grundlagen der Erklärung
Moderne Theorien gehen von einer zeitlichen Abfolge unterschiedlicher Strukturformen und Strukturprinzipien aus. Damit unterscheiden sie sich von älteren Evolutions- und Fortschrittstheorien, die Geschichte häufig quasi-teleologisch als einlinige, auf ein Ziel zulaufende Entwicklung darstellen.
Die Entstehung oder Aufgliederung sozialer Positionen, Lebenslagen und Lebensstile heißt soziale Differenzierung. Die Ursachen solcher Veränderungen gelten als komplex. Monokausale Erklärungen, die den Wandel nur auf einen Faktor wie Technik, Wirtschaft, Kultur oder Religion zurückführen, werden heute als ungeeignet angesehen. Stattdessen wird eine weitreichende Interdependenz angenommen: Gesellschaftliche Handlungsfelder und Bereiche beeinflussen sich gegenseitig, können sich aber unterschiedlich schnell verändern.
Heute definieren viele Autoren sozialen Wandel ohne Festlegung auf bestimmte Ursachen eher neutral und beschreibend als „Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems“. Er lässt sich auf mehreren Ebenen beobachten: auf der Makroebene von Sozialstruktur und Kultur, auf der Mesoebene von Institutionen, korporativen Akteuren und Gemeinschaften sowie auf der Mikroebene einzelner Personen und ihrer Lebensläufe.
Frühere Ansätze und Konflikttheorien
Frühere Theorien bestimmten jeweils eine hauptsächliche Triebkraft. Auguste Comte betonte die zunehmende Anwendung wissenschaftlicher Methoden in allen Lebensbereichen. Karl Marx erklärte Wandel durch Widersprüche zwischen den Produktivkräften und den Eigentums- und Klassenverhältnissen, den Produktionsverhältnissen. Herbert Spencer verglich Gesellschaften mit sich entwickelnden Organismen. Émile Durkheim sah den Anstieg gesellschaftlicher Komplexität als wichtigste Triebkraft und Ausdrucksform. Ogburn betonte technische Erfindungen. Für Talcott Parsons verändert sich vor allem die normative Kultur. Dadurch entstehen Störungen im Gleichgewicht gesellschaftlicher Funktionsbereiche, die die Stabilität gefährden und weiteren Wandel auslösen. Insgesamt deutete Parsons dies als Modernisierung, die mehr Wohlstand und Bildung für alle bringe.
Da solche Ansätze Macht oft vernachlässigten, richten moderne mehrdimensionale Theorien mehr Aufmerksamkeit auf Interessengegensätze, Konflikte, Entwicklungsrückstände und soziale Spannungen. Thomas Hobbes betrachtete das Streben nach Macht als Quelle gesellschaftlicher Veränderung. Marx nahm zwar eine Entwicklungsrichtung an, sah aber jedes neue Stadium mit neuen Formen sozialer Ungleichheit verbunden, die durch massive Konflikte überwunden werden müssten. Vilfredo Pareto erklärte Wandel durch die Zirkulation der Eliten, Lewis Coser durch Konflikte zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen.
Bei Max Weber hängen Herrschaft und Wandel zusammen: Traditionale Herrschaft versucht Wandel eher zu verhindern, legale Herrschaft lenkt ihn durch Regeln und institutionelle Satzungen, und charismatische Herrscher können weitreichende Veränderungen anstoßen. Margaret Mead zufolge werden die ersten Schritte des Wandels nie demokratisch eingeleitet. Dahrendorf erklärte Wandel durch den „Antagonismus von Anrechten und Angebot“, der sich im Konflikt „zwischen fordernden und saturierten Gruppen“ entlädt.
Lewis Mumford verortete den Beginn der Zivilisation und des beschleunigten Wandels in der frühen Jungsteinzeit. Menschen mit Wissen aus ihrer Arbeit und Zugang zu Rohstoffen für technische Geräte hätten ihre Macht über andere entdeckt. Herrschaft, Kontrolle und Reichtumsvermehrung verdrängten nach und nach herrschaftslose, segmentäre Ordnungsmuster. Klassengesellschaften entwickelten neue materielle Bedürfnisse und Werte; die daraus entstehende soziale Ungleichheit wurde zum „Motor“ des Wandels.
Konflikttheorien zufolge beginnt Wandel, wenn wirtschaftliche Entwicklung soziale Spannungen erzeugt. Häufig kommt es zu einem Elitenwechsel: Herrschende Klassen oder Schichten verlieren Status und Legitimation, während innovativere Gruppen aufsteigen. Auch äußere Ereignisse wie ein verlorener Krieg können einen solchen Statusentzug auslösen. Generationenkonflikte spielen ebenfalls eine Rolle. Erich Fromms Satz „Ich bin, weil ich etwas bewirke“ steht für die Vorstellung, Menschen hätten ein existenzielles, genetisch verankertes Bedürfnis, aktiv etwas zu verändern und zu hinterlassen. Besonders Heranwachsende während der Ablösung von den Eltern und sozial Benachteiligte streben demnach nach Veränderung; Generationen tragen daher unterschiedlich stark zum Wandel bei.
Struktur, Kultur und handelnde Menschen
Margaret Mead sah den Ausgangspunkt sozialen Wandels in neuen Ideen Einzelner, die zunächst von kleinen Gruppen in begrenzten Lebenswelten übernommen werden. Bronisław Malinowski unterschied noch nicht klar zwischen kulturellem und sozialem Wandel. Dieser entstehe aus Unzufriedenheit mit der bestehenden Situation oder aus unerträglichen gesellschaftlichen Ungleichgewichten.
Mit Alfred Radcliffe-Brown setzte in den 1950er Jahren eine deutlichere Trennung von sozialem und kulturellem Wandel ein. Von den 1950er bis zu den 1970er Jahren galten vor allem technologische Entwicklung und kapitalistisches Wirtschaftswachstum als entscheidend. Sichtbar würden sie im Wandel von Wirtschafts-, Regional- und Sozialstrukturen, beispielsweise in Urbanisierung, Demokratisierung und der angenommenen Entwicklung zur Mittelstandsgesellschaft. Diese Modernisierungstheorien konzentrierten sich stark auf Strukturen und vernachlässigten individuelle Akteure sowie deren Deutungen.
Als Reaktion rückte die kulturalistische Wende seit den 1990er Jahren individuelle Handlungs- und Bedeutungssysteme in den Mittelpunkt. Kultur meint dabei die gesamte „Praxis der Lebensführung“, die auch die physische Umwelt und den Organismus prägt. Dieser Ansatz hat jedoch Schwierigkeiten, seine Grenzen zu bestimmen. Er erklärt institutionellen Wandel und makrosoziologische Erscheinungen wie die Globalisierung oft nur unzureichend. Zudem bleibt teilweise unklar, warum bestimmte kulturelle Elemente ausgewählt werden und wie sie mit Institutionen zusammenwirken.
Anthony Giddens beschrieb in seiner Theorie der Strukturierung die Veränderungen des Sozialsystems und die Handlungen einzelner Akteure als wechselseitigen Interaktionsprozess. Damit bearbeitete er das Henne-Ei-Problem, ob Menschen durch ihr Handeln das soziale System prägen oder ob das System ihr Handeln bestimmt.
Emmanuel Todd entwickelte ein Schichtenmodell. In einer unteren, unbewussten Schicht verändern sich die seit etwa fünf Jahrtausenden zunehmend differenzierten Familienformen und religiösen Vorstellungen sehr langsam; Religion wirke selbst in säkularisierten westlichen Gesellschaften unbewusst weiter. Eine zweite Schicht umfasst die halbbewussten Prozesse der Alphabetisierung und Bildungsrevolution der letzten fünf Jahrhunderte, besonders deren Folgen für die Stellung der Frauen. Die jüngste obere Schicht ist vom seit einigen Jahrzehnten beschleunigten Neoliberalismus, Individualismus und der von Europa und den USA ausgehenden Durchsetzung universalistischer Werte geprägt. Todd verbindet dies mit westlichen Kernfamilien, nur noch zeitweiligen Bindungen zwischen Individuen und fortwirkenden puritanischen Traditionen. Gesellschaften unter anderem in China, Iran, Saudi-Arabien und Russland weisen dieses Werteangebot zurück. Nach Todd schwächen Säkularisierung, bessere Bildung und Individualisierung außerdem die Fähigkeit zu kollektivem Handeln.
Gestaltbarkeit, Risiken und Kritik
In der Soziologie ist umstritten, ob und wie weit sozialer Wandel gezielt gestaltet werden kann. Auch die Vorstellung von Gestaltung wandelte sich: Neben der älteren Idee einer evolutionären Gesellschaftsentwicklung stand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die weithin akzeptierte Annahme, Wandel sei planbar. Seit den 1980er Jahren wurde sie durch die Forderung nach mehr Markt zurückgedrängt. Heute wird wieder von „Gestaltung“ gesprochen, doch bleibt meist offen, wer gestaltet und woher die leitenden Ideen stammen. Häufig beschränkt sich Gestaltung auf enge Bereiche. Bezeichnungen wie „Risikogesellschaft“ markieren zwar vermeintliche Epochen und Einschnitte, ersetzen aber keine Theorie des Wandels.
Karl Polanyi zeigte, dass institutionelle und besonders politische Eingriffe marktgetriebenen Wandel verlangsamen und seine zerstörerischen sozialen Folgen abschwächen können. Als Beispiel nannte er den Widerstand der englischen Krone gegen die Privatisierung der Allmende bis in die 1640er Jahre. Dieser habe Entvölkerung und Dorfverwüstung begrenzt. Ein vergleichbarer Schutz habe bei der Abwanderung der Landbevölkerung während der Frühindustrialisierung gefehlt, wodurch Massenelend in frühkapitalistischen Städten entstand. Schutzzölle milderten nach der Gründerkrise 1873–1896 negative Folgen liberalisierten Wachstums; in der Weltwirtschaftskrise 1920/30 wurde ihnen dagegen eine krisenverschärfende Wirkung zugeschrieben.
Bei der Globalisierung ist strittig, ob ihre negativen Folgen durch Verlangsamung begrenzt werden können oder ob sie teilweise umkehrbar ist. Technische Entwicklungen und die Verdichtung von Raum und Zeit verleihen ihr Eigendynamik. Zugleich werden mögliche Grenzen sichtbar: weltweit exponentiell wachsende Finanztransaktionen stehen langsam wachsenden, protektionistisch geschützten und durch Klimakrisen bedrohten Nahrungsmittelmärkten gegenüber. Hinzu kommen sinkendes Sparen bei mehr kreditfinanziertem Konsum, zunehmende internationale Ungleichheit, Widersprüche zwischen Handelsregeln und nationalen wirtschaftspolitischen Zielen sowie ein insgesamt höherer Ressourcenverbrauch, weil Effizienzgewinne neue Expansion ermöglichen.
Niklas Luhmann zufolge gelten auch für Gesellschaften Gesetzmäßigkeiten selbsterhaltender und sich wandelnder, sogenannter autopoietischer Systeme. Mit wachsender Komplexität und höherem Veränderungstempo nimmt eine zunächst kaum sichtbare Instabilität zu. Einige kulturpessimistische Kritiken bewerten deshalb schnellen, instabilen Wandel als „krankhaft“. Diese Einschätzungen sind Wertungen und keine allgemein anerkannte Definition sozialen Wandels.
Edward Goldsmith argumentierte, dauerhafter wirtschaftlich-technischer Fortschritt sei nicht möglich, ohne die kritische Ordnung natürlicher Systeme zu beeinträchtigen. Erich Fromm meinte, gesellschaftlicher Wandel begünstige Habgier, Materialismus, Oberflächlichkeit, Destruktivität und eine Hinwendung zu Technik, Bürokratie und Finanzen, die er „Nekrophilie“ nannte. John de Graaf, David Wann und Thomas Naylor bezeichneten konsumistischen Überfluss als „Affluenza“; als Symptome nannten sie Schulden, Warenüberproduktion, große Müllmengen, Angst, Entfremdung und Verzweiflung, als Ursache Habgier. Jack Forbes deutete den Zivilisationsprozess seit den ersten Hochkulturen als „Wétiko-Psychose“, deren Symptome Gewaltverherrlichung, Habgier, Perversion und Arroganz seien und die zur zunehmenden Schädigung von Mensch und Natur führe.