Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Suburbanisierung

Suburbanisierung (englisch suburban ‚am Stadtrand') ist die Abwanderung städtischer Bevölkerung oder städtischer Funktionen (Industrie, Dienstleistungen) …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundmuster
  2. 2. Ablauf und räumliche Verflechtung
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. Ursachen und Gegenbewegungen
  5. 5. Wirtschaftliche und ökologische Folgen
  6. 6. Soziale Folgen, Kriminalität und Steuerung

Begriff und Grundmuster

Suburbanisierung bezeichnet die Abwanderung städtischer Bevölkerung oder städtischer Funktionen, etwa von Industrie und Dienstleistungen, aus der Kernstadt in das städtische Umland, die sogenannte Suburbia, und teilweise darüber hinaus. Dadurch breitet sich die kompakte Stadt in das umliegende Land aus: Bevölkerung, Arbeitsplätze, Funktionen und zentralörtliche Bedeutung verlagern sich aus dem Stadtkern in suburbane Gebiete, beispielsweise in Vorstädte.

Suburbanisierung ist eine Form der Neuorganisation des städtischen Siedlungsgefüges. Sie folgt typischerweise auf eine Phase der Urbanisierung beziehungsweise Verstädterung. Dabei kann sie einerseits zum Verlust städtischer Zentralität, andererseits zur Entstehung neuer städtischer Zentren führen. Sie ist von Desurbanisierung beziehungsweise Entstädterung und von Stadterweiterung zu unterscheiden. Neuere Entwicklungen sind die Exurbanisierung mit Pendelverflechtungen zwischen ländlichem und städtischem Raum sowie die Post-Suburbanisierung, bei der sich die traditionelle Stadt-Umland-Hierarchie auflöst.

Ablauf und räumliche Verflechtung

Suburbanisierung ist historisch meist mit der Entwicklung des motorisierten Individualverkehrs verbunden. Städtische Lebens- und Siedlungsweisen breiten sich aus der Kernstadt in das Ergänzungsgebiet aus. Die Abwanderung aus Großstädten oder die Zuwanderung in Ballungsgebiete kann ländliche Gemeinden verstädtern lassen. Bei neu gegründeten Siedlungen entstehen Satellitenstädte oder Trabantenstädte. Diese Gebiete liegen außerhalb der Kernstadt, bleiben aber funktional mit ihr verbunden.

Die funktionale Verflechtung zwischen Kernstadt und Umland wird gewöhnlich am Anteil der Auspendler aus einer Umlandgemeinde in die Kernstadt gemessen. Ein Vergleich verschiedener Zeitpunkte ist schwierig, wenn sich die Größe der untersuchten Umlandregion verändert.

Für die Kernstadt bedeutet Suburbanisierung häufig einen Verlust an Bevölkerung, Zentralität und Arbeitsplätzen. Die Einzelhandelsstruktur verändert sich, bestimmte Bevölkerungsgruppen werden räumlich getrennt, und in Bereichen wie Verkehr, Ver- und Entsorgung, Kultur und Freizeit können Überkapazitäten entstehen. Gleichzeitig erbringt die Kernstadt oft weiterhin Leistungen für das Umland, ohne dafür einen finanziellen Ausgleich zu erhalten.

In den Umlandgemeinden nehmen dagegen Wohn- und Gewerbeflächen, Pendlerbewegungen und die Belastung der Verkehrsinfrastruktur zu. Es entsteht Anpassungsdruck auf Einrichtungen wie Kindergärten. Konflikte zwischen Zugezogenen und alteingesessener Bevölkerung, der Verlust regionaler und kommunaler Identitäten sowie die Überformung gewachsener Siedlungsstrukturen können weitere Folgen sein. Das höhere Steueraufkommen der Umlandgemeinden steht dabei einer stärkeren Flächeninanspruchnahme und Zersiedelung gegenüber.

In vielen Ländern sind suburbane Gebiete inzwischen gemischter genutzt und ihre Bevölkerung ist heterogener. Weil dort Arbeitsplätze, Dienstleistungen und digitale Kommunikationsmöglichkeiten entstanden sind, hat sich die Zahl der Auspendler teilweise verringert. Die Suburbia ist dadurch nicht mehr nur Ergänzungsraum der Kernstadt, sondern Teil einer netzartig organisierten, arbeitsteiligen Stadtregion. Diese Entwicklung wird als Post-Suburbanisierung bezeichnet.

Historische Entwicklung

Frühformen der Suburbanisierung waren die seit Mitte des 19. Jahrhunderts angelegten Villenvororte europäischer und US-amerikanischer Großstädte sowie die Gartenstädte in England und Deutschland um 1900.

In den USA begann die massenhafte Suburbanisierung, der sogenannte urban sprawl, in den 1920er Jahren mit der Verbreitung des Automobils und setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in größerem Umfang fort. Sie war zunächst ein Wohlstandsphänomen. Zurückkehrende US-Soldaten gründeten Familien und bevorzugten Wohnlagen außerhalb der Innenstädte. 1939 lebten 13 Prozent der US-Amerikaner in Suburbia, 2010 waren es über 50 Prozent. Die Entwicklung war zeitlich begrenzt und spezifisch US-amerikanisch, wurde jedoch durch ihre teilweise rassistische Ausprägung als „white flight“ zu einem prägenden Bezugspunkt der Debatten.

Später wurde die Verteuerung innerstädtischen Wohnraums zu einem wichtigen Antrieb. In Westeuropa setzte die massenhafte Suburbanisierung in den 1960er Jahren ein, häufig begleitet von großen Trabantenstädten mit Mietwohnungen. In Osteuropa kam es nach 1990 zu einer nachholenden Suburbanisierung, weil zuvor nur wenige Möglichkeiten für privaten Wohnungsbau bestanden.

In Asien entstanden frühe suburbane Villenviertel durch die Kolonialmächte England und die Niederlande. Informelle Siedlungen wie Favelas bilden in Entwicklungs- und Schwellenländern armuts- und zuwanderungsbedingte Formen der Suburbanisierung. Die starke Zersiedlung Chinas seit 1995 ist dagegen selten eigentliche Suburbanisierung: Dort breitete sich vor allem die Industrie aus, um die herum Arbeitersiedlungen entstanden.

Seit den 1970er Jahren wurden suburbane Strukturen weltweit komplexer und heterogener. Europäische Suburbanisierungsbestrebungen waren ab den 1920er Jahren zunächst Ausdruck modernistischer und egalitärer Reformvorstellungen in Architektur und Städtebau. Neuere Entwicklungen werden eher mit einem Wertewandel postmoderner Gesellschaften hin zur Selbstverwirklichung verbunden. Dadurch wird die politische Steuerungsfähigkeit der Stadt- und Regionalentwicklung schwieriger; zugleich versuchen neue Modelle, polyzentrale Siedlungsstrukturen zu erklären.

Ursachen und Gegenbewegungen

Zu den allgemeinen Ursachen gehören ein starker Zuwanderungsdruck in die Stadt, etwa durch Landflucht oder den Zuzug hochqualifizierter ausländischer Arbeitskräfte in global cities. In extremen Fällen trägt dieser Druck zur Entstehung von Megastädten bei. Hinzu kommen hoher Siedlungs- und Flächendruck, steigende individuelle Flächenansprüche sowie hohe Miet- und Baulandpreise in der Kernstadt. Im Umland sind Flächenpreise oft niedriger und Wohnbauland besser verfügbar.

Die durch Verkehr belastete Kernstadt kann gegenüber dem als attraktiver empfundenen Umland ein Imageproblem entwickeln. Verändertes Mobilitätsverhalten, der Ausbau des Verkehrswegenetzes und des öffentlichen Personennahverkehrs sowie die stark gestiegene Motorisierung erleichtern die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsort. Auch digitale Kommunikationsmedien verringern die Notwendigkeit unmittelbarer Arbeitsplatznähe. Dadurch gewinnen eine kinderfreundliche Umgebung, hohe Wohn- und Lebensqualität, ein grünes Wohnumfeld, die Nähe zu Freizeiteinrichtungen und die landschaftliche Attraktivität an Bedeutung. Neben persönlichen Präferenzen spielen jedoch auch ökonomische Zwänge eine wichtige Rolle.

Eine Sonderform ist die autochthone Suburbanisierung. Dabei gibt die einheimische Bevölkerung die Landwirtschaft als Lebensgrundlage auf und nimmt eine Arbeit in der Kernstadt an. Die Bevölkerungsverteilung verändert sich dadurch nicht unbedingt, wohl aber der Lebensstil.

In den 2000er-Jahren setzte in Deutschland und anderen Ländern teilweise eine Reurbanisierung ein: Menschen mit höherem Einkommen bevorzugten wieder attraktive Wohnlagen in den Kernstädten. Seit Mitte der 2010er-Jahre wird jedoch erneut eine Suburbanisierungsphase festgestellt. Als Ursachen gelten vor allem steigende Wohnkosten in Großstädten und veränderte Wohnpräferenzen.

Eine Gegentendenz ist die Ansiedlung von Gewerbebetrieben im Umland. Vor- und Schlafstädte können dadurch zu teilweise autonomen Unterzentren werden. Das erfordert allerdings größere Investitionen in Siedlungsplanung und Infrastruktur. Als Beispiel wird Teltow genannt, das 2017 als am schnellsten wachsende Mittelstadt Deutschlands bezeichnet wurde.

Wirtschaftliche und ökologische Folgen

Durch Suburbanisierung entstehen Pendlerströme, weil Arbeitsplätze häufig weiterhin in der Kernstadt liegen. Fahrtkosten, Zeitverluste und Umweltbelastungen nehmen zu. Zugleich wird die Landschaft zersiedelt; um die Stadt bildet sich ein sogenannter Speckgürtel.

Wenn die politische Stadt- oder Landesgrenze verlassen wird, sinken die Steuereinnahmen der Kernstadt. Der Einkommensteueranteil und weitere Steuern fließen dann dem Landkreis zu. Trotzdem muss die Kernstadt ihre Infrastruktur erhalten und an wachsende Verkehrsströme anpassen. Umlandgemeinden können zu reinen Wohngemeinden werden, in denen sich Einkaufsmöglichkeiten nicht halten, weil die Bewohner in der Stadt einkaufen. Dadurch fehlen der kleinen Gemeinde Steuereinnahmen. Hohe Grundstückspreise können außerdem dazu führen, dass die angestammte Bevölkerung ihre Wohnfläche nicht erweitern kann. Segregation nach sozialem Status oder Einkommen und unter bestimmten Bedingungen auch die Bildung von Slums sind mögliche Folgen.

Die Ausweitung von Siedlungs- und Verkehrsflächen zerstört stadtnahen Freiraum mit ökologischen Funktionen, etwa Frischluftschneisen, Kaltluftentstehung, Biotopverbund und Grundwasserregeneration. Auch Erholungsflächen und das Landschaftsbild gehen verloren; das Stadtklima wird beeinträchtigt. Dünn bebaute Gebiete verursachen langfristig hohe Infrastrukturfolgekosten, weil Leitungen, Straßen und soziale Einrichtungen neu geschaffen werden müssen. Andererseits kann die heterogene Suburbia als Lebensraum für viele kleinere Tier- und Pflanzenarten geeigneter sein als große monoagrarische Flächen oder vollständig versiegelte Kernstädte.

Soziale Folgen, Kriminalität und Steuerung

Auch Vorortgürtel sind von sozialer Segregation betroffen. Dort gibt es sowohl ethnische Ghettos als auch Gated Communities. Seit den 1970er Jahren weisen wissenschaftliche Untersuchungen teilweise darauf hin, dass Bewohner von Vorortsiedlungen wegen sozialer Isolation und ihrer Lebensbedingungen weniger zufrieden sind als Einwohner der Kernstädte. Andere Analysen auf Grundlage von US-Zensusdaten kommen zu ambivalenten oder positiven Ergebnissen. Eine hohe Bevölkerungsdichte, wie sie für Kernstädte typisch ist, erhöht statistisch die Rate von Depressionen und die Unzufriedenheit mit der Nachbarschaft. Hohe Depressionsraten treten außerdem auch in wohlhabenden Nachbarschaften auf, sind aber nicht für alle Vororte charakteristisch.

Seit etwa 2008 breitet sich vor allem in von Weißen bewohnten Vorstädten der USA eine Opioid-Epidemie infolge von Schmerzmittelmissbrauch aus. Viele Betroffene wurden durch verschriebene, Opiate enthaltende Schmerzmittel abhängig. Wegen der hohen Medikamentenkosten verarmten sie teilweise und wechselten auf billigeres Heroin. Betroffen sind kleinere Städte und Vororte an der Ostküste, im Süden, Mittleren Westen und in Kalifornien. Dadurch sank erstmals die durchschnittliche Lebenserwartung weißer Männer.

Nach Marcus Felson führt Suburbanisierung zu einer „divergierenden Metropole“. Alltägliche Aktivitäten sind räumlich stark verteilt: Menschen fehlen wegen Arbeits- und Transportzeiten häufiger zu Hause, Nachbarschaftskontakte nehmen ab, und große monofunktionale Flächen wie Straßen, Parkplätze und Einkaufszentren wachsen. Die Trennung alltäglicher Aktivitäten nach sozialer Schicht und Alter schwächt das feinmaschige Netz informeller sozialer Kontrolle. Nach dieser Erklärung werden Eigentums- und Gewaltkriminalität begünstigt und verlagern sich teilweise aus den Innenstädten in die Suburbia.

In Deutschland und anderen Industriestaaten soll Suburbanisierung vor allem wegen Zersiedelung, Flächenverbrauch, Verkehr und ungeklärter Infrastrukturkosten begrenzt werden. Als raumordnerisches Leitbild gilt insbesondere die dezentrale Konzentration. Steuerungsansätze gibt es auf landes- und regionalplanerischer Ebene, etwa durch Landesentwicklungs- und Regionalpläne, auf fachplanerischer Ebene sowie auf kommunaler Ebene. Besonders wichtig ist interkommunale Kooperation, beispielsweise durch Regionalkonferenzen, Städtenetze oder gemeinsame Verkehrs- und Siedlungsplanung. Fiskalische Instrumente sind etwa der kommunale Finanzausgleich, die Abschaffung der Entfernungspauschale oder eine Erhöhung der Benzinsteuer.

Kommunen versuchen außerdem, Bevölkerungsverluste durch attraktive Wohn- und Wirtschaftsstandorte aufzuhalten. Zur Verringerung von Siedlungsflächenverbrauch und Versiegelung werden marktwirtschaftliche Instrumente diskutiert: eine Bodenwert- und Bodenflächensteuer, der Handel mit Flächenausweisungsrechten und eine gestaffelte Abgabe auf die Versiegelung bisher unversiegelter Flächen. Diese Vorschläge aus dem Abschlussbericht der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages Schutz des Menschen und der Umwelt von 1998, teilweise bereits 1995 vom Difu vorgeschlagen, waren bisher nicht umgesetzt.

Lernvideos zu Suburbanisierung

Weiterlesen

Demografie Dabei spielen insbesondere die folgenden demografischen Phänomene eine entscheidende Rolle: demografischer Übergang · demografisch-ökonomisches Paradoxon … Stadtgeographie In der Stadtgeographie werden zum einen siedlungsinterne Strukturen und die zugrunde liegenden Prozesse untersucht, zum anderen aber auch Beziehungen zwischen … Urbanisierung Unter Urbanisierung (lateinisch urbs ‚Stadt') versteht man die Ausbreitung städtischer Lebensformen. Diese kann sich einerseits im Wachstum von Städten … Post-Suburbanisierung Postsuburbanisierung ist ein der Suburbanisierung zeitlich folgender Aspekt der Stadtentwicklung, der die Abwanderung zentraler Großstadt Großstädte sind nach einer Begriffsbestimmung der Internationalen Statistikkonferenz von 1887 alle Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern. Trabantenstadt Im Gegensatz zu Satellitenstädten ist der Pendlersaldo aufgrund des eigenen Arbeitsplatzangebots geringer. Die unterschiedlichen Definitionen der Begriffe … Segregation (Soziologie) So entsteht zunehmend ein privater, gegenüber Unbefugten abgeschlossener Bereich („Gated Communities“). Das Ausmaß der Segregation dient somit als ein … Zersiedelung Unter Zersiedelung versteht man die Errichtung von Gebäuden außerhalb von „im Zusammenhang bebauten“ Ortsteilen oder das ungeregelte und unstrukturierte … Nachhaltigkeit Drei Leitstrategien · Suffizienz: Verringerung bzw. · Effizienz: ergiebigere Nutzung von Material und Energie (Bsp.: Steigerung des Outputs bei gleichem Input). Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. White flight White flight (deutsch „weiße Flucht“) ist die englischsprachige Bezeichnung für das Phänomen, dass Weiße Wohngegenden verlassen, die in der Folge … Stadtentwicklung Der Begriff Stadtentwicklung kann einerseits als passiv verlaufender, selbststeuernder Prozess, andererseits als aktiver Planungs- und Veränderungsprozess ( …