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Mogulreich
Die muslimischen Herrscher werden heute im Deutschen als „Mogul“, „Großmogul“ oder „Mogulkaiser“ bezeichnet. Ähnliche Bezeichnungen finden sich auch in anderen, …
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Überblick und Bedeutung
Das Mogulreich war von 1526 bis 1858 ein Staat auf dem indischen Subkontinent. Sein Kernland lag in der nordindischen Indus-Ganges-Ebene mit Delhi, Agra und Lahore. Es war eine absolute Monarchie: Staatsoberhaupt war der Großmogul beziehungsweise Mogulkaiser, der auf Persisch Padischah hieß; der Regierungschef war der Vakil-i-Mutlaq (Großwesir), und der Hofrat hieß Durbar. Amts- und Hofsprachen waren Persisch und später auch Urdu.
Babur gründete das Reich am 21. April 1526. Unter Akbar wurde es militärisch, politisch und wirtschaftlich gefestigt; unter Aurangzeb erreichte es seine größte Ausdehnung. Um 1700 umfasste es fast den gesamten Subkontinent und Teile des heutigen Afghanistans. Für 1600 werden 3.200.000 km² und etwa 150 Millionen Einwohner genannt, für 1690 4.000.000 km². Um 1700 lebten schätzungsweise 29 Prozent der Weltbevölkerung im Reich.
Die Expansion überforderte das Reich jedoch finanziell und militärisch. Niederlagen, Aufstände, dynastische Machtkämpfe, der Abfall von Vasallen und religiöse Spannungen beschleunigten den Niedergang. 1858 setzten die Briten den letzten Großmogul ab und gliederten sein Gebiet Britisch-Indien ein. Dauerhaft prägend blieben Verwaltung, Währung, Architektur, Malerei, Sprache und Musik.
Gründung, Ausbau und Höhepunkt
Vor der Mogulherrschaft bestand in Nordindien das Sultanat von Delhi. Es war nach der Plünderung Delhis durch Timur 1398 stark geschwächt. Babur, ein timuridischer Fürst aus Fergana, hatte nach seiner Flucht vor den Usbeken seit 1504 Kabul regiert. Er führte Kanonen und Gewehre nach osmanischem Vorbild ein. In der Schlacht bei Panipat am 20. April 1526 besiegte er den Delhi-Sultan Ibrahim II.; Feuerwaffen, berittene Bogenschützen und eine defensive Taktik entschieden den Kampf. Nach weiteren Erfolgen, besonders gegen die Rajputen-Konföderation bei Khanua am 17. März 1527, begründete er das Mogulreich. Als Babur 1530 starb, war sein Reich aber noch wenig gefestigt.
Sein Sohn Humayun verlor Hindustan nach Niederlagen gegen Sher Shah Suri bei Chausa 1539 und Kannauj 1540. Er floh nach Persien und gewann 1545 Kabul zurück. Sher Shah errichtete die kurzlebige Suriden-Dynastie und reformierte Verwaltung und Finanzwesen. Nach deren Erbfolgestreit kehrte Humayun 1555 nach Indien zurück, starb aber 1556.
Akbar regierte von 1556 bis 1605. Nach dem Sieg über Hemu in der Zweiten Schlacht bei Panipat am 5. November 1556 beseitigte er die Suriden-Gefahr. Durch Eroberungen, politische Heiraten und die Einbindung der Rajputen weitete er das Reich aus. Er unterwarf unter anderem Malwa 1561, Gondwana 1564, Gujarat 1573, Bihar 1574, Bengalen 1576, Kaschmir 1586, Sindh 1591/92 und Orissa 1592/93. Die Feldzüge auf dem Dekkan brachten nur begrenzte Erfolge. Entscheidender war seine innere Politik: Akbar zentralisierte Verwaltung und Steuern im Mansab-System, förderte Hindus im Staatsdienst und schaffte religiöse Sondersteuern ab. So wurde das Reich zur Vormacht Südasiens.
Unter Jahangir (1605–1627) herrschte relativer Frieden; Udaipur wurde 1614 unterworfen. Shah Jahan (1627–1657/58) erlebte eine glanzvolle Hof- und Baukultur, zugleich belasteten hohe Steuern, Inflation und erfolglose Kriege – etwa um Kandahar gegen Persien – die Wirtschaft. Der Machtkampf seiner Söhne endete 1658 mit Aurangzebs Sieg; Shah Jahan blieb bis zu seinem Tod 1666 gefangen.
Aurangzeb und der Niedergang
Aurangzeb regierte von 1658 bis 1707. Seine Herrschaft verband maximale Ausdehnung mit beginnendem Verfall. Er ließ die Rivalen Dara Shikoh und Murad Bakhsh hinrichten und stützte seine Herrschaft auf eine strenge Anwendung islamischer Gesetze. 1679 führte er die Kopfsteuer für Nichtmuslime, die jizya, wieder ein und verbot den Neubau von Hindu-Tempeln und Gotteshäusern anderer Glaubensgemeinschaften. Viele neue Tempel wurden zerstört. Dies störte das Verhältnis zwischen muslimischer Elite und hinduistischer Mehrheit und verstärkte den Widerstand, etwa bei Rajputen, Jat und Sikhs.
Aurangzeb konzentrierte sich auf den Dekkan. Bijapur fiel 1686, Golkonda 1687; damit kontrollierte das Reich fast den gesamten Subkontinent, ausgenommen Malabarküste und Gebiete südlich der Kaveri. Der Widerstand der Marathen wurde jedoch nicht gebrochen. Ihr Führer Shivaji und später Sambhaji nutzten Guerilla-Taktik. Aurangzeb verlegte die Hauptstadt nach Aurangabad und verbrachte seinen Lebensabend in kostspieligen Kämpfen auf dem Dekkan. Das Gebiet war schwer zu kontrollieren und brachte weniger Steuern ein als die fruchtbaren Ebenen Nordindiens. Dadurch wurden Verwaltung, Finanzen und Loyalität der Eliten geschwächt.
Nach Aurangzebs Tod 1707 konnten die Nachfolger die Zentralmacht nicht wiederherstellen. Statthalter von Bengalen, Avadh und dem Dekkan wurden faktisch selbstständig; Asaf Jah I. löste 1724 den Dekkan als Nizam von Hyderabad de facto aus dem Reich. Persiens Nadir Schah eroberte Delhi und plünderte die Staatskasse, was den Zerfall stark beschleunigte. Afghanen, Marathen und die Britische Ostindien-Kompanie gewannen weitere Gebiete. Die Kompanie begann nach Plassey 1762 und Baksar 1764 ihre Territorialherrschaft in Bengalen und Bihar. Shah Alam II. akzeptierte 1803 die Kompanie als Schutzmacht. Nach dem Großen Aufstand von 1857 wurde Bahadur Shah II. 1858 abgesetzt und nach Rangun verbannt; er starb 1862.
Staat, Steuern und Heer
Das Mogulreich war ein frühmoderner, stark zentralisierter Beamtenstaat. Es besaß jedoch keine scharf festgelegten Grenzen: Sesshafte Ackerbaugebiete ließen sich besser kontrollieren als Wald-, Öd- und Stammesgebiete. Ein dichtes Straßen- und Wegenetz verband dennoch Regionen und Städte. Die Provinzen hießen suba, ihre Distrikte sarkar und deren Untereinheiten pargana.
Akbar reformierte das Steuerwesen. Grundsteuern waren die wichtigste Einnahmequelle. Er ließ Lehen neu vermessen und sammelte zehn Jahre lang Steuer- und Preisdaten, um regionale Durchschnittswerte festzulegen. Besteuert wurde ein Drittel des Ernteertrags, in Geld oder Naturalien; bei Missernte mussten Bauern keine Steuern zahlen. Neben Grundsteuern gab es Zölle, Münz- und Erbschaftsteuern sowie zeitweise die jizya. Kronländer (khalisa) wurden direkt vom Kaiser verwaltet. Jagirs waren staatliche Lehen, deren Inhaber, die jagirdars, Steuern einzogen, aber regelmäßig versetzt wurden, damit keine regionalen Dynastien entstanden.
An der Spitze der Zentralverwaltung stand der wakil. Der Finanzminister hieß diwan-i kull oder wazir-i mamalik; der mir bakshi war für Heeresangelegenheiten zuständig. Religiöse Angelegenheiten und das höchste Richteramt lagen beim sadr as-sudur; die Rechtsprechung beruhte auf der Scharia. Der Durbar war die zweimal tägliche, zeremonielle Versammlung von Kaiser und leitenden Hofbeamten.
Alle höheren Ämter waren mit militärischen Rängen, den mansab, verbunden. Ein mansabdar wurde vom Kaiser ernannt und erhielt Geld oder ein jagir. Akbar führte die Besoldungsgruppe zat und die Zahl der zu unterhaltenden Kavalleristen suwar getrennt. Das stehende Eliteheer umfasste vermutlich höchstens 45.000 Mann; mit den Kontingenten der mansabdars konnten 100.000 bis 200.000 Kavalleristen mobilisiert werden. Zur Zeit Akbars soll das gesamte Heer einschließlich regionaler Milizen mehr als 4,4 Millionen Soldaten umfasst haben. Eine starke Kriegsflotte entstand nicht.
Wirtschaft und Alltag
Das Mogulreich war vor allem ein Agrarstaat. Sein Wohlstand beruhte auf landwirtschaftlichen Überschüssen, die als Grundsteuer eingezogen wurden. Ein Viertel bis die Hälfte der Ernte konnte steuerpflichtig sein. Unter Akbar nahmen Geldzahlungen statt Naturalabgaben zu. Einnahmen dienten vor allem dem Militär und dem Hof. Unter Shah Jahan stieg der Steuerdruck wegen Hofpracht und Kriegen; dennoch lag der durchschnittliche Lebensstandard indischer Bauern damals etwa ein Drittel über dem eines europäischen Landwirts.
Die wichtigsten Anbaupflanzen waren Weizen, Reis, Hirse, Hülsenfrüchte, Baumwolle und Jute. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kamen unter anderem Tabak, Paprika, Kartoffeln, Mais, Guaven, Ananas und Netzannonen aus Amerika hinzu. Weintrauben wurden erstmals unter Jahangir kultiviert, Honigmelonen zur Zeit Shah Jahans eingeführt. Bauern waren keine Leibeigenen, mussten aber jagirdars oder Zamindaren einen Teil der Ernte als Steuer abgeben. Kleine Felder und häufige Dürren führten oft zu Hungersnöten.
Wichtigstes Handwerk war die Weberei. Gujarat war besonders bedeutend für Baumwollstoffe, Schiffbau und weitere Gewerbe; Bengalen produzierte Jute und Rohseide. Die Silberrupie von rund 11,5 Gramm, von Sher Shah eingeführt und unter Akbar durchgesetzt, wurde zur wichtigsten Münze. Eine Rupie entsprach 40 kupfernen Dam; der goldene Mohur hatte den Wert von acht Rupien.
Textilien waren das wichtigste Exportgut, darunter Seide und später Baumwolle. Weitere Ausfuhren waren Gewürze, Rohrzucker, Elfenbein, Tee, Opium und Farbstoffe. Importiert wurden Edelmetalle, Pferde, Kaffee, persische Textilien, Teppiche und Wein, chinesisches Porzellan, Ebenholz und europäische Luxusgüter. Da keine staatliche Handelsflotte bestand, dominierten zunächst Portugiesen, später besonders England und die Niederlande den Seehandel. Die wachsende Abhängigkeit vom Außenhandel nutzte die Britische Ostindien-Kompanie im 18. Jahrhundert aus.
Religion, Kultur und Nachwirkungen
Akbar verfolgte religiöse Toleranz als Mittel zur Stabilisierung des Reiches. Er heiratete hinduistische Rajputen-Prinzessinnen, gab Hindus hohe Ämter und schaffte 1563 die Pilgersteuer sowie 1564 die jizya ab. 1582 stiftete er die synkretistische Religion din-i ilahi, die aber kaum Anhänger fand. Aurangzeb kehrte diese Politik teilweise um: Er stärkte das islamisch-hanafitische Recht, führte die jizya wieder ein und benachteiligte Hindus. Ältere Tempel blieben allerdings staatlich geschützt; hinduistische Streitigkeiten wurden weiterhin nach hinduistischem Recht geregelt.
Die Mogulkultur verband persische, zentralasiatische und indische Einflüsse. Bedeutende Bauformen waren Moschee, Mausoleum, Palast und Festung. Der frühe Stil nutzte oft roten Sandstein; ein richtungsweisendes Bauwerk war Humayuns Grabmal in Delhi (1562–1570). Unter Shah Jahan erreichte der Stil seinen Höhepunkt: Das Taj Mahal in Agra wurde 1632–1648 als Grabmal für Mumtaz Mahal errichtet. Typisch waren auch char bagh, quadratische Viergärten mit Wasserkanälen, sowie Terrassengärten.
Die Mogulmalerei entwickelte sich aus persischen und timuridischen Traditionen. Sie bestand vor allem aus Miniaturen mit Hof-, Jagd-, Tier-, Pflanzen- und Porträtdarstellungen. Unter Jahangir wurde sie besonders realistisch und detailreich. Persisch setzte sich unter Akbar als Verwaltungs- und Hofsprache durch; Urdu entstand in Heerlagern als Mischsprache aus persischen, arabischen, türkischen und indoarischen Elementen und löste im frühen 18. Jahrhundert Persisch als Hofsprache ab. Die Hofmusik verband indische Ragas mit persischen Instrumenten wie der Sitar und bildet eine Grundlage der Hindustani-Musik.
Regionaldynastien und Briten übernahmen später wesentliche mogulische Verwaltungs-, Steuer- und Währungsstrukturen. Die Britische Ostindien-Kompanie prägte bis 1835 Silbermünzen im Namen des Mogulkaisers. Persische Lehnwörter, Verwaltungsausdrücke, Architektur, Gartenkunst, Musik und die Mughlai-Küche zeigen die kulturelle Nachwirkung bis heute.