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Schwellenland

Als Schwellenland (auch: Zweite Welt) werden speziell in der Entwicklungspolitik und Entwicklungstheorie jene Staaten bezeichnet, die sich im Prozess der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Merkmale
  2. 2. Abgrenzung und Einteilung
  3. 3. Entwicklungsmodelle und Schuldenrisiken
  4. 4. Wachstumskrise 2014 bis 2016
  5. 5. Chinas Schlüsselrolle und weltweite Folgen
  6. 6. Erholung und erneute Krisen

Begriff und zentrale Merkmale

Ein Schwellenland ist ein Staat, der sich im Prozess der Industrialisierung befindet und den typischen Status eines Entwicklungslandes bereits teilweise überwunden hat. Formal gelten Schwellenländer oft noch als Entwicklungsländer, wirtschaftlich vollziehen sie jedoch den Übergang vom Agrarstaat zum Industriestaat: Die Urproduktion, also Landwirtschaft und Rohstoffgewinnung, verliert gegenüber verarbeitender Industrie und Dienstleistungen an Bedeutung. Deshalb werden sie auch als „Zweite Welt“, „Neue industrialisierende Länder“, „take-off countries“ oder – aus Sicht von Investoren – als „Emerging Markets“ bezeichnet.

Eine verbindliche Definition gibt es nicht. Typisch sind überdurchschnittliche Wachstumsraten, eine breiter und technisch anspruchsvoller werdende Industrie, Investitionen in Infrastruktur und Humankapital, steigende Arbeitsproduktivität bei vergleichsweise niedrigen Löhnen, wachsende Exporte von Fertigwaren oder Rohstoffen sowie ein stark zunehmendes Pro-Kopf-Einkommen und eine breitere Mittelschicht. Häufig wachsen Dienstleistungssektoren besonders schnell.

Der wirtschaftliche Fortschritt ist meist ungleich verteilt. Große Unterschiede zwischen Armut und Reichtum, rasches Bevölkerungswachstum und Konflikte zwischen konservativen und modernisierenden Kräften können Spannungen erzeugen. Soziale Entwicklungsindikatoren wie Alphabetisierung, Säuglingssterblichkeit, Zivilgesellschaft und Umweltschutz bleiben oft hinter der wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Der bessere Zugang zu medizinischer Versorgung erhöht jedoch die Lebenserwartung. Viele Schwellenlandwährungen weisen hohe Inflation, teilweise Hyperinflation, und starke Wechselkursschwankungen auf.

Abgrenzung und Einteilung

Es gibt weder eine allgemein anerkannte Länderliste noch eine eindeutige englische Übersetzung. Je nach Institution werden zwischen 10 und 55 Staaten als Schwellenländer geführt. Die Weltbank kategorisiert 55 „upper-middle-income economies“, darunter Südafrika, Mexiko, Brasilien, Malaysia, die Ukraine, Russland und die Türkei. Der IWF rechnete 2010 dagegen 150 Staaten zu den „emerging and developing economies“. Häufig werden auch die BRICS-Staaten und die MIST-Staaten Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei zusammenfassend als Schwellenländer bezeichnet. China versteht sich auch 2025 noch als Schwellenland.

Die Weltbank berechnet das jährliche Pro-Kopf-Einkommen PKE als PKE = BNE / P, also Bruttonationaleinkommen geteilt durch Einwohnerzahl. Für 2024 gelten vier Gruppen: Low Income Country bis einschließlich 1.135 US-Dollar, Lower Middle Income Country von 1.136 bis 4.465 US-Dollar, Upper Middle Income Country von 4.466 bis 13.845 US-Dollar und High Income Country über 13.846 US-Dollar. Schwellenländer werden der Kategorie Upper Middle Income Country zugeordnet. Diese Einkommensgrenzen erfassen soziale und politische Verhältnisse jedoch nur begrenzt. Ein gemeinsamer Versuch des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der Europäischen Union, zusätzlich soziale und politische Indikatoren international durchzusetzen, scheiterte.

Als Schwellenmärkte gelten entweder die gesamte Volkswirtschaft oder einzelne Bereiche wie Güter- und Aktienmärkte. Kennzeichen sind nachholende Industrialisierung oder hohe Rohstoffexporte, starke Wachstumsdynamik, hohe Investitionen und mögliche hohe Renditen. Damit sind zugleich erhebliche Risiken verbunden. Nach dem Boom rückten auch „Frontier Markets“ wie Vietnam, Bangladesch und viele afrikanische Staaten in den Blick von Investoren.

Entwicklungsmodelle und Schuldenrisiken

Umstritten ist, wie stark der Staat die Entwicklung steuern sollte. Der IWF empfiehlt eine geringere Staatsquote und mehr Raum für private Unternehmen, weil Konkurrenz Innovationen fördern soll. Joe Studwell hält dagegen, dass eine zu frühe Liberalisierung und der Abbau von Subventionen etwa auf den Philippinen, in Thailand und Indonesien Probleme verursacht hätten. China, Taiwan und Südkorea hätten dagegen Bodenreformen, Finanzkontrollen, Protektionismus und an Exportüberschüsse gebundene Subventionen eingesetzt. Kritiker des neoklassischen Modells betonen, dass sich – abgesehen von Hongkong – kein Schwellenland ohne Staatseingriffe erfolgreich entwickelt habe. Zugleich können ineffiziente Staatsfonds, fehlender Wettbewerb und die Bevorzugung staatsnaher Unternehmen Fehlentwicklungen verstärken.

Eine besondere Gefahr ist die Verschuldung in Fremdwährungen. Steigen die Zinsen oder der Dollarkurs, verteuern sich Zins und Tilgung in heimischer Währung. Seit 1979 führten steigende US-Zinsen und ein stärkerer Dollar zu Kapitalflucht, Währungsabwertung und Inflation. Mexiko konnte im August 1982 seine Zinsen nicht mehr zahlen; Brasilien, Argentinien und Venezuela folgten. Unter dem Druck von Weltbank und IWF wurden Exporte maximiert, Importe und Sozialausgaben gesenkt, während die Einkommen jahrelang zurückgingen.

Ähnliche Mechanismen wirkten bei der Asienkrise 1997/98 und den lateinamerikanischen Krisen der 1990er- und 2000er-Jahre, besonders in Argentinien 1998–2002. Nach dem 11. September 2001 erleichterten sehr niedrige US-Zinsen erneut die Dollarverschuldung. Krisen von Staaten, Banken und Unternehmen griffen auf Produktion, Beschäftigung und private Haushalte über und blieben oft jahrelang spürbar.

Wachstumskrise 2014 bis 2016

Nach der Finanzkrise 2008/09 floss wegen niedriger Zinsen und hoher Erwartungen viel Kapital in Ölförderung, Bergbau, Cash Crops, Infrastruktur und Immobilien der Schwellenländer. Von 2000 bis 2012 waren es rund 5 Billionen US-Dollar. Der Boom verringerte die Arbeitslosigkeit und erhöhte den Wohlstand; der Anteil der BRIC-Staaten am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt erreichte 2015 etwa 27 Prozent. Gleichzeitig stiegen Staats-, Unternehmens- und Privatschulden. In Asien ohne Japan erreichten sie 2014 zusammen 205 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach 144 Prozent im Jahr 2007.

Ab 2014 endete der kreditfinanzierte Rohstoff- und Exportboom. Ursachen waren sinkende Rohstoffpreise, Kapitalabzug, fehlende Strukturreformen, Korruption, mangelhafte Infrastruktur, soziale Ungleichheit und Spekulationsblasen. Innerhalb von vier Quartalen wurden etwa 300 Milliarden US-Dollar aus Schwellenländern abgezogen. Der Gini-Index, ein Maß für Einkommensungleichheit, stieg beispielsweise in Südafrika von 57,8 im Jahr 2000 auf 65 im Jahr 2011.

Der Ölpreisverfall seit April 2014 entstand durch ausgeweitete Förderung, langsam wachsenden Bedarf und den Aufstieg der USA zum großen Fracking-Produzenten. OPEC-Staaten, besonders Saudi-Arabien, reduzierten ihre Förderung zunächst nicht. Im Januar 2016 fielen die Preise zeitweise unter 30 US-Dollar je Barrel. Saudi-Arabiens Einnahmen aus Erdöl gingen 2015 gegenüber dem Vorjahr um 42 Prozent zurück. Auch Eisenerz, Stahl, Nickel, Kupfer, Aluminium und weitere Rohstoffe verbilligten sich; im August 2015 erreichten die Rohstoffpreise weltweit ein 16-Jahres-Tief.

Währungsabwertungen erhöhten die Last der Fremdwährungsschulden und die Inflation. Die private Verschuldung der Schwellenländer stieg 2016 auf etwa 120 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung. Zwar war die Staatsverschuldung 2014 häufig niedriger als in Industrieländern – Russland 18, China 41 und Brasilien 65 Prozent des BIP –, doch wuchs sie anschließend deutlich. Rund ein Viertel aller Dollarschulden, etwa 2,6 Billionen Dollar, entfiel auf Schwellenländer.

Chinas Schlüsselrolle und weltweite Folgen

China wirkte als Katalysator der Krise. Das Wachstum sank 2014 auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren. Der kreditfinanzierte Investitionsboom nach 2009 erzeugte Überkapazitäten: 2015 waren die Kapazitäten der Stahl-, Papier- und Pappeproduktion nur zu 67 Prozent ausgelastet. Zahlreiche „Zombie-Fabriken“ beschäftigten Arbeitskräfte, obwohl kaum Absatz bestand. Der geplante Übergang von billiger Massenproduktion zu Hochtechnologie, Dienstleistungen und Binnenkonsum verlief deshalb mit starken Verwerfungen.

2013 betrug Chinas Investitionsquote fast 50 Prozent des BIP. Viele Flughäfen, Häfen, Straßen und Siedlungen wurden ohne ausreichenden Bedarf gebaut. Der Urbanisierungsgrad stieg von 26 Prozent im Jahr 1990 auf etwa 55 Prozent. Gleichzeitig wuchsen Leerstände und die Anfälligkeit des Arbeitsmarktes. Die Gesamtverschuldung nahm von 158 Prozent des BIP 2007 auf 282 Prozent 2014 zu. Lokalregierungen finanzierten sich durch Landverkäufe und förderten die Immobilienblase. Der Shanghai Composite Index stieg binnen eines Jahres um mehr als 150 Prozent und fiel vom 12. Juni bis 25. August 2015 um etwa 42 Prozent. Chinas Devisenreserven sanken von mehr als 3,8 Billionen US-Dollar Anfang 2014 auf 3,3 Billionen Anfang 2016.

Chinas geringerer Rohstoffbedarf traf besonders Brasilien und andere Lieferländer. Investitionen in Öl, Fracking und Bergbau wurden weltweit gekürzt; Unternehmen wie Petrobras, Glencore, BHP Billiton und Anglo American gerieten unter Druck. Der Rückgang der Schwellenländerimporte schwächte außerdem Industrieländer. Nach Schätzung der OECD verringerte er deren BIP-Wachstum 2015 um rund einen halben Prozentpunkt. Betroffen waren in Deutschland vor allem Automobil- und Elektroindustrie, Maschinenbau, Chemie, Seeschifffahrt und Hafenumschlag.

Sozial führten Inflation, Arbeitslosigkeit und geplatzte Immobilien- und Börsenblasen zu Wohlstandsverlusten der Mittelschichten. In Brasilien stieg die Arbeitslosigkeit von Ende 2014 bis Ende 2015 von etwa 5 auf 8 Prozent, in Venezuela von 8 auf 14 Prozent. Sinkende Öleinnahmen verschärften politische Konflikte und Haushaltsprobleme, reduzierten Arbeitsmigration und Rücküberweisungen und stärkten in mehreren Staaten nationalistische und protektionistische Tendenzen.

Erholung und erneute Krisen

Seit Frühjahr 2016 erholten sich einige Rohstoffpreise. Geringere Investitionen und Förderausfälle ließen den Ölpreis bis Juni 2016 wieder über 50 US-Dollar und im Oktober 2017 über 60 Dollar je Barrel steigen. Auch Zink, Kupfer, Aluminium, Wolfram und mehrere Agrarprodukte verteuerten sich. Der IWF ermittelte für Schwellenländer 2016 ein Wachstum von 4,1 Prozent gegenüber 1,6 Prozent in Industrieländern und prognostizierte für 2017 4,5 gegenüber 1,9 Prozent. Risiken blieben jedoch bestehen, darunter Kreditblasen in China und Indien sowie 2018 fällige Schuldtitel der Schwellenländer im Wert von 1.500 Milliarden US-Dollar.

2018/19 kehrte die Krise teilweise zurück. Der Handelskonflikt zwischen China und den USA schwächte Welthandel und Rohstoffpreise. Gleichzeitig erschwerten ein stärkerer Dollar und hohe Fremdwährungsschulden die Kreditrückzahlung. Mehrere Länder erhöhten ihre Leitzinsen; in Argentinien erreichte der Leitzins im August 2018 60 Prozent, in der Türkei im September 24 Prozent. Südafrika geriet 2018 unerwartet in eine Rezession. Viele Zentralbanken besaßen allerdings höhere Dollarreserven und weitere Finanzmittel als bei früheren Krisen.

Nach einer kurzen Erholung fielen im Juli und August 2019 erneut Rohstoffpreise und Währungen. Die COVID-19-Pandemie löste 2020 weiteren Kapitalabzug aus; besonders die Währungen Südafrikas, Brasiliens und der Türkei verloren an Wert. Im April 2020 kündigte sich Argentiniens Zahlungsunfähigkeit an. Zugleich traf ein Ölüberangebot auf den pandemiebedingten Nachfrageeinbruch: Am 9. März 2020 stürzte der Ölpreis ab und fiel innerhalb von zwei Monaten auf etwa ein Drittel. Dadurch gerieten unter anderem Russland, Aserbaidschan, Irak, Nigeria, Angola und die US-Frackingindustrie unter starken Druck.

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