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Innere Emigration
Im engeren Sinn steht „Innere Emigration“ neben der Exilliteratur und der NS-Literatur als literarische Epochenbezeichnung für die Zeit von 1933 bis 1945. Der …
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Bedeutung und Einordnung
„Innere Emigration“ bezeichnet im weiteren Sinn die Haltung von Intellektuellen, besonders Schriftstellern, die während der NS-Zeit dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden, aber weder offen Widerstand leisteten noch Deutschland verließen. Sie blieben in Hitler-Deutschland.
Im engeren Sinn ist Innere Emigration eine literarische Epochenbezeichnung neben Exilliteratur und NS-Literatur für die Jahre 1933 bis 1945. Der Begriff ist ambivalent: Er kann geistige Opposition beschreiben, wurde aber auch apologetisch gebraucht, also zur Rechtfertigung von fehlendem Widerstand oder Opportunismus. Deshalb steht er in manchen Darstellungen der Literaturgeschichte in Anführungszeichen.
Auch für heimliche Dissidenten in anderen Diktaturen wird der Ausdruck manchmal verwendet. Seine Übertragung auf die DDR-Literaturszene ist umstritten.
Entstehung der Kontroverse nach 1945
Formulierungen wie „Emigrantenleben im Vaterlande“ gab es schon während der NS-Zeit. Zum festen und zugleich umstrittenen Begriff wurde „Innere Emigration“ jedoch 1945: Frank Thiess verwendete ihn in einer Auseinandersetzung mit Thomas Mann für sich und andere in Deutschland gebliebene Autoren.
Ausgangspunkt war Thomas Manns Rundfunkrede „Deutsche Hörer!“, die am 8. Mai 1945 ausgestrahlt und am 18. Mai in der Bayerischen Landeszeitung gedruckt wurde. Mann erklärte die durch den Hitlerismus entstandene Schmach zur „unserer“ Schmach: Alles Deutsche und alle, die deutsch lebten, schrieben oder sprachen, seien davon betroffen.
Walter von Molo forderte Mann am 8. August 1945 in einem Offenen Brief zur Rückkehr nach Deutschland auf und warb für ein Zusammengehen von „äußeren“ und „inneren“ Emigranten. Frank Thiess veröffentlichte am 18. August 1945 den Artikel „Die innere Emigration“. Er stellte das Bleiben im nationalsozialistischen Deutschland als Erfahrung dar, die seine geistige Entwicklung bereichert habe, und grenzte sich polemisch von Exilschriftstellern ab. Dabei unterstellte er ihnen ein bequemes Leben im Ausland, obwohl viele Emigrierte in prekären Verhältnissen lebten oder umkamen. Er sprach von der „kranken Mutter Deutschland“ und schrieb den „inneren Emigranten“ eine höhere Moral zu.
Thomas Mann reagierte privat mit scharfer Ablehnung und nannte die in Deutschland Gebliebenen am 20. September 1945 „Ofenhocker des Unglücks“. Öffentlich antwortete er Thiess nicht, aber am 12. Oktober 1945 Walter von Molo. In „Warum ich nicht zurückkehre!“ erklärte Mann, zwischen Exil und denjenigen, die in Deutschland „mitgetanzt“ hätten, sei Verständigung schwierig. Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland hätten gedruckt werden können, hielt er für „weniger als wertlos“.
1946 erschienen die Beiträge der drei Beteiligten als Broschüre. Viele westdeutsche Publizisten unterstützten damals eher Thiess und Molo; Exilschriftsteller fanden deshalb oft nicht wieder in Deutschland Fuß. Später wurde der Begriff der Inneren Emigration zunehmend kritisch beurteilt.
Wer zugerechnet wurde
Manche der zugerechneten Autoren und Künstler arbeiteten zeitweise oder dauerhaft in Widerstandszirkeln mit oder wirkten durch Untergrundverbreitung ihrer Werke der NS-Propaganda entgegen. Emil Bartoschek malte für die Öffentlichkeit naturalistisch, pflegte aber für einen kleinen Kreis weiterhin abstrakte Kunst. Nach dem Krieg konnte auch „beredtes Schweigen“ als Kritik an den Nationalsozialisten gelten; gemeint ist bewusstes Nichtmitmachen im Unterschied zu aktivem Anschluss oder aktiver Unterstützung des Regimes.
Zu den häufig zugerechneten Personen gehören etwa Ernst Barlach, Erich Kästner, Ricarda Huch, Hannah Höch, Oskar Loerke, Jeanne Mammen, Reinhold Schneider und Ernst Wiechert. Eine Zuordnung ist jedoch oft schwierig und umstritten. Besonders während der Entnazifizierung beanspruchten zahlreiche Künstler und Schriftsteller diese Zugehörigkeit und besorgten sich dafür Persilscheine, also Bescheinigungen zur Entlastung von nationalsozialistischer Belastung. Entscheidend ist jeweils eine genaue Untersuchung von Person und Werk.
Gottfried Benn, Ernst Jünger, Walter von Molo und Frank Thiess verstanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls als Vertreter der Inneren Emigration. Ihre Tätigkeit und ihre Schriften sind aber nicht eindeutig als oppositionell oder regimekritisch einzuschätzen. Ralf Schnell zufolge lässt sich Thiess’ Roman „Reich der Dämonen“ (1934) „ebenso gut als Apologie geschichtlich-gesellschaftlicher ‚Katastrophen‘ lesen“.
Umstrittene Anwendung auf die DDR
Schriftsteller und Künstler verwendeten den Begriff teilweise für ihre Lage in Literaturszene und Gesellschaft der DDR. Als Galionsfiguren werden Personen genannt, die wie Wolf Biermann ausgewiesen wurden oder ihre Publikationsmöglichkeiten verloren. Die Analogie zur NS-Zeit wurde vielfach kritisiert. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki setzte sie gegen breite Ablehnung durch; westdeutsche Autoren wie Wolfdietrich Schnurre und Günter Grass verneinten in einem offenen Brief an Mitglieder des Schriftstellerverbandes im August 1961 jede Möglichkeit einer inneren Emigration.
Die so bezeichnete Gruppe reicht von christlichen Autoren und Vertretern bürgerlicher Literatur, die den Sozialistischen Realismus ablehnten, bis zu Erfolgsautoren, die sich von staatlichen Literaturvorgaben abwandten und in der BRD gerade deshalb unter Anpassungsverdacht standen. Zur ersten Gruppe werden der Theologe Johannes Hamel sowie Peter Huchel und Johannes Bobrowski gerechnet. Bobrowski verstand sich zugleich als Christ und Sozialist. Uwe Tellkamp behandelt in seinem Roman „Der Turm“ das Überleben von Bildungsbürgern in der DDR durch „innere Emigration“.
Carsten Heinze veröffentlichte 2008 eine vergleichende Studie zu autobiografischen Identitäts- und Geschichtskonstruktionen nach dem Fall der Mauer. Er untersuchte, wie historische Identitäten durch die argumentative Einbindung und Nutzung von Geschichte gebildet werden und auf welchen kulturellen, sozialen und politischen Hintergründen sie beruhen. Exemplarisch analysierte er Marcel Reich-Ranicki, Wolf Jobst Siedler, Helmut Eschwege und Fritz Klein.