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Exilliteratur
Siehe auch: Exilliteratur in der Zeit des Nationalsozialismus. Die deutsche Exilliteratur entstand 1933–1945 als Literatur der Gegner des Nationalsozialismus.
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Begriff und Einordnung
Exilliteratur, auch Emigrantenliteratur genannt, bezeichnet Literatur von Schriftstellern, die unfreiwillig in der Fremde Zuflucht suchen müssen, weil ihre Person oder ihr Werk im Heimatland bedroht ist. Meist sind politische oder religiöse Gründe ausschlaggebend. Exil bezeichnet dabei eher das Land, das zum Zufluchtsort wird; Emigration meint neutral den Wechsel des Wohnortes von einem Land in ein anderes.
Der Begriff kann auch Werke bezeichnen, die als verbotene Literatur in Exilverlagen erscheinen, obwohl ihre Verfasser im Heimatland bleiben. Für die literarische Zuordnung ist vor allem die Sprache entscheidend: Autoren, die im Exil in der Sprache ihres Herkunftslandes schreiben, gehören weiterhin zur entsprechenden deutschen, türkischen oder arabischen Literatur. Deutschsprachige interkulturelle Literatur von Migranten zählt dagegen zur deutschen Literatur, auch wenn die Gründe für ihre Zuflucht denen der Exilliteratur ähneln.
Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert
Schon in der Antike waren Schriftsteller Zensur und Verfolgung durch die Staatsmacht ausgesetzt und verfassten ihre Werke im Exil. Als Beispiele nennt der Artikel Hipponax und Ovid. Im Mittelalter ist besonders Dante Alighieri zu nennen.
Als allgemeines literarisches Phänomen entstand Exilliteratur mit den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts. Zahlreiche protestantische Dichter mussten ihre katholischen Heimatländer verlassen. Bis ins 17. und 18. Jahrhundert war Exilliteratur deshalb weitgehend religiös geprägt. Ende des 18. Jahrhunderts gewann die politisch bedingte Exilliteratur an Bedeutung.
Im 19. Jahrhundert veröffentlichten deutsche Exilschriftsteller wie Heinrich Heine, Ludwig Börne, Ferdinand Freiligrath, Karl Marx und Georg Büchner in Paris beziehungsweise London. Zu den bekannten polnischen Exilliteraten in Paris gehörten Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Zygmunt Krasiński. Aus Russland wird Turgenew genannt. Victor Hugo ging nach dem Staatsstreich des späteren Napoléon III. nach Guernsey ins Exil und kehrte erst nach dessen Sturz zurück. Napoléon III. selbst verfasste vor seiner Machtübernahme im Exil in London und New York mehrere theoretische Werke.
Das weltweite Phänomen im 20. Jahrhundert
Im 20. Jahrhundert wurde Exilliteratur zu einem weltweiten Phänomen. Ausgangspunkte exilierter Autoren lagen nicht nur in Europa, sondern auch in Lateinamerika, Asien und Afrika.
In Russland wirkten bis 1917 Autoren im Exil, die gegen die zaristische Herrschaft opponierten, darunter Lenin und Maxim Gorki. Nach der Oktoberrevolution mussten Gegner der neuen Macht das Land verlassen, um schreiben zu können; einige kehrten später teilweise zurück, etwa Schklowskij, Andrei Bely und Alexei Tolstoi. I. A. Bunin erhielt 1933, Alexander Solschenizyn 1970 und Joseph Brodsky 1987 den Nobelpreis. Nach 1945 gingen unter anderem Andrej Amalrik 1976 und Solschenizyn, der 1974 ausgewiesen wurde, ins Exil.
Die estnische Exilliteratur entstand vor allem am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ca. 70.000 Menschen verließen Estland in Richtung Westen. Der Anteil der Intellektuellen war überproportional hoch; deshalb befand sich nach dem Krieg knapp ein Drittel der bekannteren estnischen Autorinnen und Autoren im Exil. Die wichtigsten Zielorte waren zunächst Schweden und Deutschland, später auch Kanada, die U.S.A. und Australien. Exilverlage wie ORTO und Eesti Kirjanike Kooperatiiv ermöglichten eine umfangreiche Buchproduktion, die bis weit in die fünfziger Jahre hinein höher war als im stalinistischen Sowjetestland. Zu den bekanntesten Vertretern zählen August Gailit, Bernard Kangro, Karl Ristikivi, Gustav Suits, Marie Under und Henrik Visnapuu.
Eine besondere Richtung ist die jüdische Exilliteratur. Zu ihren bekannten Vertreterinnen gehören Nelly Sachs, die 1966 den Nobelpreis erhielt, Else Lasker-Schüler und Maria Lazar. Sie spielt auch in jiddischsprachigen Zentren der USA eine Rolle. Als bekanntester Vertreter gilt Isaac Bashevis Singer, der 1978 den Nobelpreis erhielt. Auch die osteuropäische Exilliteratur wird infolge der politischen Entwicklung im ehemaligen Osteuropa als reichhaltig beschrieben.
Deutsche Exilliteratur 1933 bis 1945
Die deutsche Exilliteratur entstand von 1933 bis 1945 als Literatur der Gegner des Nationalsozialismus. Ausschlaggebend waren insbesondere die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 und der deutsche Überfall auf die Nachbarstaaten 1938/39. Viele Autoren mussten Deutschland verlassen; andere blieben im Land und zogen sich in die sogenannte innere Emigration zurück.
Wichtige Emigrantenzentren entstanden in Paris, Amsterdam, Stockholm, Zürich, Prag, Moskau, New York und Mexiko. Dort wurden unter meist schwierigen Bedingungen Verlage gegründet. Beispiele sind in Amsterdam der Querido Verlag und der Allert de Lange Verlag, in Zürich der Europa Verlag des Buchhändlers Emil Oprecht, in Mexiko der 1942 gegründete Verlag El libro libre („Das freie Buch“) unter Walter Janka sowie in New York der 1944 von Wieland Herzfelde gegründete Aurora-Verlag.
Zu den bekannten Autoren im Exil gehörten Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Egon Erwin Kisch, Heinrich Mann, Thomas Mann, Klaus Mann, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Franz Werfel und Arnold Zweig. Die Exilforschung widmete sich später diesen Schriftstellern und ihrer Publikationsgeschichte.
Mehrere Autoren starben im Exil durch Suizid: Ernst Toller, Walter Hasenclever, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig und Ernst Weiß. Klaus Mann nahm sich wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Leben, nachdem er im Nachkriegsdeutschland nicht mehr heimisch werden konnte.
Andere Schriftsteller blieben in Deutschland und zogen sich in die innere Emigration zurück. Genannt werden unter anderem Frank Thiess, Stefan Andres, Gottfried Benn, Reinhold Schneider, Werner Bergengruen, Erich Kästner, Ernst Kreuder, Gertrud von le Fort, Ernst Wiechert und Ehm Welk.
Exil in Palästina und Syrien
Seit der Vertreibung zahlreicher Palästinenser aus dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina gilt die palästinensische Literatur nicht mehr nur als geografisch, sondern als an die nationale Herkunft gebunden. In den Werken von Mahmoud Darwisch, Ghassan Kanafani, Fadwa Touqan, Sahar Khalifa und Huzama Habayeb stehen der Verlust des Heimatlandes und das Leben als staatenlose Emigranten im Exil im Mittelpunkt.
Die syrische Exilliteratur entstand im Zusammenhang mit politischen Repressionen und dem syrischen Bürgerkrieg. Laut PEN International waren seit 2011 mehr als 100 Schriftsteller ins Exil gegangen. Die 2014 als Alternative zur offiziellen syrischen Autorenvereinigung Arab Writers Union (AWU) gegründete Syrian Writers Association (SWA) nannte im selben Jahr insgesamt 350 syrische Mitglieder.
Viele dieser Autoren schreiben und veröffentlichen auch im Exil auf Arabisch. Ihre Werke sind deshalb in Syrien verboten. Zugleich werden zunehmend Werke in den Ländern des Exils übersetzt und veröffentlicht. Der Artikel nennt unter anderem Rasha Omran in Ägypten, Dima Wannous und Ghalia Qabbani in Großbritannien, Samar Yazbek und Omar Youssef Souleimane in Frankreich sowie zahlreiche Autoren in Schweden und Deutschland, darunter Yassin al Haj-Saleh, Liwaa Yazji, Rasha Abbas, Widad Nabi und Lina Atfah.
Tschechoslowakei, DDR und Migrantenliteratur
In der Tschechoslowakei gab es im 20. Jahrhundert zwei große Emigrationswellen. Nach dem kommunistischen Februarumsturz 1948 verließen über 60.000 Tschechen und Slowaken das Land. Im Exil erschien unter anderem die von Pavel Tigrid in Paris herausgegebene liberale Zeitschrift Svědectví („Zeugnis“).
Nach der Zerschlagung des Prager Frühlings im August 1968 verließen etwa 250.000 Einwohner die Tschechoslowakei. Exilverlage veröffentlichten verbotene Werke tschechischer und slowakischer Schriftsteller. Besonders wichtig war 68 Publishers, das 1971 in Toronto von Josef Škvorecký und seiner Frau Zdena Salivarová gegründet und von Salivarová geleitet wurde. Politisch ausgerichtete Zeitschriften waren außerdem Listy, das unter Jiří Pelikán in Rom erschien, und die kleinere, anonym in West-Berlin herausgegebene Zeitschrift informační materiály.
Ob Werke von aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelten Autoren wie Günter Kunert, Sarah Kirsch und Jürgen Fuchs als Exilliteratur bezeichnet werden können, ist umstritten. Diese Schriftsteller hatten im Westen häufig weder Publikations- noch Sprachprobleme. Wolf Biermann beschrieb seine Lage als exilierter DDR-Schriftsteller dennoch mit den drastischen Worten „Vom Regen in die Jauche“.
Literatur von Migranten in Deutschland, Österreich oder der Schweiz wird trotz möglicherweise ähnlicher Fluchtgründe nicht der Exilliteratur zugerechnet, wenn sie in deutscher Sprache entsteht. Sie gilt als interkulturelle Literatur und damit als Gegenwartsliteratur der jeweiligen Länder.