Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Epoche (Literatur)
Aufklärung bezieht sich auf eine geistesgeschichtliche, vor allem philosophisch geprägte Entwicklung. ... Einigungskriege (insbesondere Deutsch …
Inhalt6 Abschnitte
Was eine literarische Epoche ist
Eine literarische Epoche ist ein Abschnitt der Literaturgeschichte. Werke, die in einem gemeinsamen Zeitraum entstehen und ähnliche stilistische oder formale Eigenschaften aufweisen, werden dabei durch ein gemeinsames Ordnungsprinzip zusammengefasst. Solche Zeitabschnitte können durch „Trennereignisse“ oder „Epochenschwellen“ geprägt sein, etwa Goethes Schaffen „nach Schillers Tod“.
Epochen sind Orientierungshilfen, keine unumstrittenen natürlichen Entwicklungsstufen. Ihre Grenzen entstehen, wenn etablierte Normen und literarische Konventionen an Einfluss verlieren oder bewusst gebrochen werden und sich anschließend neue Normen bilden. Ursachen können ästhetische Veränderungen, neue Weltanschauungen sowie politische oder wirtschaftliche Entwicklungen sein.
Epochenbegriffe stammen aus unterschiedlichen Bereichen: aus der Religionsgeschichte, der politischen Geschichte, der Kunstgeschichte oder aus Bezeichnungen nach Personen. Manche enthalten ein Werturteil oder relativieren ältere Begriffe, wie die Postmoderne. Mehrere Begriffe können denselben Zeitraum beschreiben, während ein Begriff auch mehrere Zeitabschnitte umfassen kann. Außerdem können gleichnamige Epochen in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Zeiträume bezeichnen. Zu unterscheiden sind programmatische Epochen, die von Zeitgenossen selbst benannt wurden, und Begriffe, die erst später durch die Literaturgeschichtsschreibung entstanden. Deshalb muss zwischen Epoche und „Epochenbewusstsein“ unterschieden werden.
Probleme der Einteilung
Bei der Zuordnung von Autoren und Werken besteht ein Henne-Ei-Problem: Werden Autoren einer Epoche zugeordnet, weil sie als repräsentativ für den „Geist der Zeit“ gelten, oder wird zuerst ein Epochenbegriff festgelegt und danach passendes Material ausgewählt? Auch die Kanonbildung kann die Auswahl beeinflussen und Minderheitenliteraturen ausgrenzen.
Epochenbegriffe lassen sich nicht immer eindeutig voneinander trennen. Jugendstil und Impressionismus können um denselben Zeitraum konkurrieren. Manierismus kann beispielsweise als Endform des Barocks oder als Ende der realistischen Erzähltradition Anfang des 20. Jahrhunderts verstanden werden. Renaissance bezeichnet eine gesamteuropäische, auch Amerika betreffende kulturelle Entwicklung in vielen gesellschaftlichen Bereichen, während Barock ursprünglich eine Stilbezeichnung der Architektur und bildenden Kunst war. Aufklärung bezeichnet vor allem eine philosophisch geprägte geistesgeschichtliche Entwicklung.
Ein Begriff kann außerdem überzeitlich verwendet werden: Hesses Prosa kann als „(neu-)romantisch“ bezeichnet werden, während Romantik im engeren historischen Sinn die Literatur von 1790 bis 1830 meint. Naturnotwendige Ablaufschemata wie „Barock – Aufklärung – Klassik – Romantik“ oder die Vorstellung eines ständigen Wechsels von Klassik und Manierismus werden in der Forschung inzwischen kaum noch vertreten.
Deterministische Geschichtsbilder
Deterministische Geschichtsteleologien versuchten, kulturelle und literarische Entwicklungen als zwangsläufigen Prozess zu erklären. Sie wirkten besonders im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert stark. Übertragen auf Literatur entstand die Vorstellung, Epochen folgten einer notwendigen Entwicklungslogik und Gegenbewegungen lösten die jeweiligen Höhepunkte ab.
Solche Epochengeschichten waren nicht nur Beschreibungen von Literatur, sondern konnten politische Aussagen enthalten. Eine deutsche Literaturgeschichte von 1929, die noch bis in die 1950er Jahre für den Abiturunterricht verlegt wurde, stellte kulturelle Entwicklungen als zunehmend kurzlebig dar. Zugleich wurden das Nationale, das Soziale und das Religiöse als besondere Kräfte der deutschen Entwicklung hervorgehoben. Das Beispiel zeigt, dass Einteilungen in Epochen immer auch von den Deutungen ihrer Verfasser abhängen.
Epochen bis zur Moderne
Die literaturgeschichtliche Übersicht setzt im Frühmittelalter ein:
-
Frühmittelalter (750–1050): Die Gesellschaft war durch Kirche, Christianisierung, Lehnswesen und die Teilung des Fränkischen Reiches geprägt; hinzu kamen Wikingerstürme. Wichtige Formen und Inhalte waren Bibeldichtung, Glossen, Übersetzungen und Auslegungen sowie vereinzelt Heldensagen, Zaubersprüche und Weihinschriften. Typisch war der Stabreim beziehungsweise die Alliteration, später der Übergang zum Endreim. Viele Texte stammen von anonymen Autoren; genannt werden unter anderem Otfrid von Weißenburg und Notker III. Labeo.
-
Hochmittelalter (1050–1250): Das Rittertum festigte sich, der Hof wurde zum gesellschaftlichen Zentrum und das Weltbild blieb stark religiös geprägt. Zentrale Themen waren Minne, Abenteuer und Kreuzzug. Zu den Vertretern zählen Gottfried von Straßburg, Hartmann von Aue und Walther von der Vogelweide.
-
Spätmittelalter (1250–1470): Die Macht der Könige sank, während die Kurfürsten an Einfluss gewannen. Städte wurden neben den Höfen zu Bildungszentren; um 1350 prägten Pestepidemien Europa. Die Literatur zeigte eine geistliche Reorientierung nach den Pestepidemien. Genannt werden Hugo von Trimberg, Heinrich von Meißen und Johannes von Tepl.
-
Humanismus und Renaissance (1470–1600): Entdeckungen, astronomische Erkenntnisse, neue Erfindungen, ein neues Weltbild, die Reformationszeit und Gutenbergs Bibeldruck veränderten die geistige Situation. Im Mittelpunkt standen Menschlichkeit und Gedankengut der Antike. Vertreter waren unter anderem Erasmus von Rotterdam, Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio, Ulrich von Hutten und Johannes Reuchlin.
-
Reformation (1517–1648): Ablassbriefe und der Reformversuch der römisch-katholischen Kirche führten zu Martin Luthers 95 Thesen. Als Ziel erschien eine Rückkehr zu einer religionsverbundenen Kirche. Wichtige Namen sind Martin Luther, Huldrych Zwingli und Johannes Calvin.
-
Barock (1600–1720): Absolutismus, Ständegesellschaft, der Dreißigjährige Krieg und die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten bildeten den historischen Hintergrund. Leitmotive waren Vanitas, Memento mori, Carpe diem und Fortuna. Die Literatur verband Genuss des Augenblicks und Natur als Schöpfung Gottes mit Vergänglichkeit, Selbstdisziplin und der Abkehr vom Weltlichen zu Gott. Kennzeichnend waren normative Poetik, reiner Reim, Metrum nach natürlicher Wortbetonung, Sonett, Finalstruktur, Antithetik, Schelmenroman, ausgeprägte Metaphorik und das Emblem. Andreas Gryphius, Martin Opitz und Grimmelshausen gehören zu den genannten Vertretern.
-
Aufklärung (1720–1800): Im politisch zersplitterten Deutschland mit über 300 Einzelstaaten förderten Fürsten an luxuriösen Höfen Kunst und Geistesleben. Empirismus und Rationalismus beeinflussten das Denken. Die Literatur kritisierte Kirche, Religion, Staat und gesellschaftliche Ordnungen, setzte auf Fortschritt, Toleranz, Individualismus, Selbstbestimmung und Vernunft und verband das Gute mit dem Vernünftigen. Typische Formen waren Fabel, Parabel, bürgerliches Trauerspiel, Aphorismus, Brief- und Bildungsroman, Gedankenlyrik und Lehrgedicht. Bedeutende Namen sind Immanuel Kant, Gotthold Ephraim Lessing und Christoph Martin Wieland.
-
Empfindsamkeit (1740–1790): Sie war keine Gegenbewegung zur Aufklärung, sondern ergänzte deren Denken um die Ebene der Empfindungen. Pietismus, Gefühlsbetontheit, In-sich-Gekehrtheit, Freundschaft und Naturnähe prägten die Motive. Genannt werden Friedrich Gottlieb Klopstock, Matthias Claudius und Sophie von La Roche.
-
Sturm und Drang (1765–1785): Die Jugendprotestbewegung wandte sich gegen Traditionen, Autorität und veraltete Moralvorstellungen. Emotion wurde wichtiger als die Rationalität der Aufklärung. Das Genie sollte schöpferisch eigenständig und in einfühlender Beziehung zur Natur sein. Weitere Themen waren Freiheitspathos, Sozialkritik, Pantheismus, gefühlsbetonter Patriotismus und der Vater-Sohn-Konflikt. Typisch waren Briefroman, Kraftausdrücke, liedhafte Lyrik, freie Metrik und Erlebnislyrik. Zu den Vertretern zählen Goethe, Schiller, Herder und Lenz.
-
Weimarer Klassik (1786–1805): Französische Revolution (1789–1799), napoleonische Herrschaft und preußische Reformen bildeten den Hintergrund. Die Literatur orientierte sich an der griechischen und römischen Antike sowie an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Humanismus, Toleranz, Gewaltfreiheit und ästhetischer Erziehung. Sie lehnte die gewaltsame Durchsetzung von Liberalismus, Nationalismus und Demokratie ab. Regelmäßig gebundene Verssprache, Gedankenlyrik, Bildungsroman, Ballade und Ideendrama waren wichtige Formen. Genannt werden Wieland, Goethe, Herder und Schiller.
-
Romantik (1795–1835): Als Gegenbewegung zu Aufklärung und Klassik stellte sie Sehnsucht, Fern- und Heimweh, Grenzauflösung, Psyche, Ironie, Wanderung und andere Welten in den Mittelpunkt. Nacht und Dämmerung, Mittelalter, Fabelwesen, Traum und Wirklichkeit sowie die Flucht vor der Wirklichkeit waren wichtige Motive. Formen und Verfahren waren progressive Universalpoesie, Fragment, romantische Ironie, Schauerroman, Märchen, Volksliedhaftigkeit, subjektive Sicht, Schwellen- und Rückensituation, Synästhesie und die Verbindung von Musik, Literatur und Kunst.
-
Biedermeier (1815–1848): Wiener Kongress, Deutscher Bund, Karlsbader Beschlüsse, Zensur, Restaurationspolitik, Industrialisierung und die Märzrevolution 1848 prägten die Zeit. Die Literatur zog sich ins Private zurück und behandelte Familie, Heimat, Religion, Ordnung, Genügsamkeit, Melancholie und die Unterordnung unter das Schicksal. Ballade, Idylle, Novelle, Künstler- und Familienroman, historisches Drama, Rührstück und Volksstück waren verbreitet.
-
Junges Deutschland und Vormärz (1825–1848): Die Strömung forderte demokratische Freiheitsrechte, Aufklärung und die kritische Prüfung von Autoritäten. Der Vormärz war ab 1840 radikaler und strebte einen Umsturz oder eine Revolution an. Thematisiert wurden absolutistischer Staat, soziale und politische Missstände sowie Zensur. Typisch waren Feuilleton, Reisebild, politisch-satirisches Gedicht, Zeit- und Gesellschaftsroman, episches und soziales Drama sowie eine saloppe, provozierende und satirische Sprache.
-
Realismus (1850–1890): Industrialisierung, die Märzrevolution 1848, Reichsgründung 1871, Einigungskriege und die politische Lage des Bürgertums bildeten den Hintergrund. Der Realismus orientierte sich an Positivismus und Naturwissenschaften, unter anderem an Darwins Theorien, und stellte die Wirklichkeit ohne romantische Träume dar. Kennzeichnend war die Verbindung genauer Realitätsbeschreibung mit subjektiver Erzählhandlung. Gesellschafts- und Entwicklungsroman, Dinggedicht, Ballade, erzählende Literatur sowie poetischer und bürgerlicher Realismus waren wichtige Formen.
Moderne und Avantgarde
Mit dem Naturalismus beginnt in der Übersicht die Moderne:
-
Naturalismus (1880–1900): Er radikalisierte den Realismus und wurde von Evolutionstheorie, Materialismus, Positivismus und Milieutheorie beeinflusst. Großstadtleben, Hunger, Armut, Kinder, Prostitution und Alkoholsucht wurden sozialkritisch und möglichst naturwissenschaftlich begründet dargestellt. Der Mensch erschien als durch Milieu und „Rasse“ bestimmt. Dokumentarischer Charakter, Sekundenstil, Zeitdeckung, Großstadtlyrik, soziales Drama und detaillierte Bühnenanweisungen waren typisch.
-
Heimatkunst/Impressionismus (1890–1910): Technisierung, Ökologiebewegung und Wilhelminische Ära bildeten den Hintergrund. Die Literatur wandte sich im Fin de Siècle von der Großstadt dem Land und dem Volkstum zu, kritisierte zugleich Heimat und Kapitalismus und entwickelte einen Kult um große Persönlichkeiten, etwa Rembrandt.
-
Moderne (1890–1920): Weltweiter Imperialismus, Bismarcks Abtritt 1890, Aufrüstung, außenpolitische Spannungen und der Erste Weltkrieg (1914–1918) prägten die Epoche. Individualität, Subjektivität, Selbstkritik und die Verpflichtung der Literatur auf sich selbst standen im Mittelpunkt. Häufig waren Metaphern, Symbole, Bilder, Alliterationen, Assonanzen und Synästhesien.
-
Expressionismus (1910–1925): Krieg, Versailler Vertrag (1919), Weimarer Republik (1919–1933), Verstädterung und wachsendes Leid führten zu einer Literatur der Orientierungslosigkeit und Enthumanisierung. Sie reagierte auf den Naturalismus, thematisierte Krieg, Tod, Verfall, Zerstörung, Wahnsinn und Reizüberflutung und entwickelte die Vision eines neuen Menschen. Ich-Zerfall, Chaos, Endzeit- und Aufbruchsstimmung sowie die Auseinandersetzung mit der Vätergeneration waren zentral. Stilistisch kennzeichnen sie radikaler Formbruch, Schlagzeilen-, Zeilen- und Reihungsstil, Simultaneität, Neologismen, Euphemismen, Ich-Dissoziation, Stationendrama, Ironie und der Kontrast von Ernst und Groteske.
-
Avantgarde/Dadaismus (1915–1925): Futurismus, Dadaismus und Surrealismus verstanden sich als avantgardistische Bewegungen. Sie protestierten gegen bekannte Literaturströmungen, nutzten Zufall und durchbrachen die Textlogik. In Laut- und Buchstabengedichten wurden Wörter bis auf Laute reduziert oder grafisch als Zeichen angeordnet. Zu den genannten Vertretern zählen Hans Arp, Hugo Ball, Raoul Hausmann, Kurt Schwitters und Tristan Tzara.
-
Literatur der Weimarer Republik (1918–1933): Versailler Vertrag, Krisenjahre (1919–1923), die Goldenen Zwanziger (1924–1928) und Weltwirtschaftskrise sowie Untergang (1929–1933) prägten die Zeit. Als Reaktion auf den Expressionismus dominierten Nüchternheit, Funktionalität und Schmucklosigkeit. Literatur sollte schlechte Zustände zeigen und Großstadt, Industrie, Arbeitslosigkeit und Krieg behandeln. Zeit-, Gegenwarts-, historischer und Reportageroman, Montage, Reportage, Gebrauchslyrik, episches Theater, Verfremdungseffekt, Dokumentartheater und einfache Sprache waren typische Verfahren.
Literatur unter dem Nationalsozialismus
Die Zeit von 1933 bis 1945 war geprägt von Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933, den Bücherverbrennungen, erstmals am 10. Mai 1933, den Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935, dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945), Rassismus und Judenvernichtung.
Die Exilliteratur behandelte die Isolation im Exil und den Kampf gegen den Nationalsozialismus. Sie sollte über die nationalsozialistische Herrschaft aufklären und Widerstand in Nazideutschland fördern. Die Innere Emigration bezeichnete Literatur von Autoren, die in Deutschland blieben und sich innerlich vom Regime distanzierten. Als Beispiele nennt der Artikel Ernst Wiechert, Werner Bergengruen und Jochen Klepper. Für die NS-Literatur werden Herbert Böhme und Hans Rehberg genannt; für die Exilliteratur unter anderem Thomas und Heinrich Mann, Stefan Zweig, Bertolt Brecht und Anna Seghers.
Eine wichtige genannte Form ist das epische Theater: Es schafft einen harten Bruch mit bekanntem Theater, hält Zuschauer auf Distanz zum Geschehen und zeigt Missstände, die das Publikum selbst interpretieren soll.
Lernvideos zu Epoche (Literatur)
9:06
Epoche des Naturalismus | DiB
Deutsch in Bildern · 58.187 Aufrufe
8:33
Jahrhundertwende to go (Die literarische Epoche in 8,5 Minuten)
Sommers Weltliteratur to go · 54.487 Aufrufe
9:58
Epoche des Realismus | DiB
Deutsch in Bildern · 52.890 Aufrufe
9:19
Epoche der Trümmerliteratur | DiB
Deutsch in Bildern · 48.180 Aufrufe