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Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus
Das literarische Schaffen der deutschsprachigen Autoren und der Umgang mit Literatur zur Zeit des Nationalsozialismus wurden durch den Einfluss des …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Kontrolle des Literaturbetriebs
Die Literatur in der Zeit des Nationalsozialismus war stark durch das NS-Regime geprägt. Autorinnen und Autoren konnten nicht frei veröffentlichen: Werke, die nicht zur rechtsextremen „arischen“ Ideologie passten, wurden verboten, ihre Verfasser öffentlich angegriffen und eingeschüchtert. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 gingen Schriftsteller wie Alfred Döblin, Leonhard Frank, Klaus Mann und Heinrich Mann ins Exil; Thomas Mann kehrte nach einer Vortragsreise in Frankreich nicht nach Deutschland zurück.
Am 10. Mai 1933 organisierten Studierende in fast allen deutschen Universitätsstädten Bücherverbrennungen. Vernichtet wurden vor allem Werke jüdischer, sozialistischer oder kommunistischer Autoren, darunter Texte von Sigmund Freud, Karl Marx, Heinrich Mann, Klaus Mann, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Geduldet wurde vor allem regimetreue Propagandaliteratur. Joseph Goebbels sprach auf dem Berliner Opernplatz von „Asphaltliteratur“.
Im Zuge der Gleichschaltung wurden Schriftstellerorganisationen verboten oder in der im Oktober 1933 gegründeten Reichsschrifttumskammer zusammengefasst. Für die Mitgliedschaft war ein „Ariernachweis“ nötig; ein Ausschluss bedeutete Berufsverbot. Leihbüchereien, Buchhandlungen und Bibliotheken wurden ab 1933 nach der Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums gesäubert. Anfang der 1940er Jahre standen über 4.000 Einzeltitel, 500 Autoren und alle Schriften jüdischer Autoren oder sogenannter „Halbjuden“ auf dem Index. Weil es keine offen erklärte Vollzensur gab, wurden Verlage und Autoren durch Begutachtung, Gestapo-Kontakt und Einschüchterung zur Selbstzensur gedrängt.
Regimetreue Literatur und Propaganda
Literatur im Dienst der Nationalsozialisten sollte die Ideologie des Regimes verbreiten und stärken. Im Roman waren historische Stoffe beliebt, etwa Ostkolonisation, Bauernkrieg, preußische Geschichte oder Befreiungskriege gegen Napoleon. Solche Romane sollten das Dritte Reich historisch legitimieren. Häufig standen charismatische Führerfiguren im Mittelpunkt, um den Führerstaat als angeblich berechtigt erscheinen zu lassen.
Bauernromane verklärten das Landleben und stellten eine konfliktfreie Dorfgemeinschaft dar, passend zur Idee einer intakten „Volksgemeinschaft“. Siedlerromane beruhten auf dem Blut-und-Boden-Mythos und erzählten vom Leben deutscher Minderheiten oder Siedler in den Ostgebieten. Sie sollten nationalsozialistische Expansionsansprüche rechtfertigen und waren oft stark antikommunistisch. Kriegsromane verherrlichten Fronterlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg und verbreiteten Feindhass sowie Siegesgewissheit. Frauenromane zeigten ein traditionelles Frauenbild: Die Frau erschien vor allem als Hausfrau, Mutter und „Gebärmaschine“ für den Führer.
Das Drama hatte wegen seiner Wirkung auf große Gruppen eine besondere Bedeutung. Es wurde stark subventioniert und durch die Reichsdramaturgie kontrolliert. Häufig waren es historische Märtyrerdramen, die „Frontgemeinschaft“ und „Kampfesmut“ feierten; nach 1942/43 diente das Drama besonders der Durchhaltepropaganda. Das Thingspiel war eine eigene Aufführungsform mit Massensprechchören, emotionalen Darbietungen und kultischen Elementen, die ein Gefühl der Volksgemeinschaft erzeugen sollte. In der Lyrik dominierten klassisch-romantische Formen, Pathos, Blut-und-Boden-Ideologie und Gemeinschaftslieder mit einfachen Wiederholungen, Imperativen und eingängiger Rhythmik. Diese Lieder sollten ein Kollektiverlebnis schaffen und Regime sowie Führer pseudoreligiös verklären.
Widerstand und innere Emigration
Neben der offiziellen Literatur gab es Literatur des politischen Widerstandes. Viele dieser Autorinnen und Autoren waren Kommunisten oder Sozialisten. Sie arbeiteten in der Illegalität und sahen ihre Aufgabe darin, über die wirklichen Verhältnisse in Deutschland aufzuklären. Da traditionelle literarische Formen im Untergrund kaum nutzbar waren, verwendeten sie vor allem Flugblätter, Plakate, Klebezettel, Mauerparolen und antifaschistische Zeitungen. Ihre Texte erschienen häufig anonym als „verkleidete Literatur“. Wichtige Widerstandsgruppen waren der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und die Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe, die „Rote Kapelle“.
Die innere Emigration bezeichnet eine Form der Opposition innerhalb Deutschlands. Anders als Exilautorinnen und Exilautoren verließen diese Schriftsteller das Land nicht. Sie passten sich äußerlich oft den Anforderungen des Regimes an, widersetzten sich aber heimlich oder passiv seinen Ideen. Um Verhaftung und Repressalien zu vermeiden, vermieden sie direkte Konfrontation. Kritik erschien daher oft indirekt: durch Themen, die den NS-Idealen widersprachen, durch metaphorische Sprache oder versteckte Anspielungen. Bekannte Vertreter waren Ricarda Huch und Hans Carossa.
Exilliteratur: Entstehung und Bedingungen
Exilliteratur, auch Emigrantenliteratur genannt, gilt als eigene Literaturepoche zwischen 1933 und 1945. Sie entstand, weil viele regierungskritische Autorinnen und Autoren nach der Aufhebung demokratischer Rechte wie der Meinungsfreiheit aus Deutschland flohen. Gründe waren Zensur, persönliche Verfolgung und Bedrohung. Viele Exilautoren waren jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung, andere standen Kommunisten oder Sozialdemokraten nahe. Auch bekannte Autoren, die das Regime gern für sich genutzt hätte, gingen ins Ausland, etwa Thomas Mann.
Die Zahl der sogenannten Exilautoren lag bei rund 1.500. Viele flohen zunächst in Nachbarländer wie Österreich, die Schweiz, die Niederlande oder die Tschechoslowakei. In Amsterdam entstand mit dem Querido Verlag ein wichtiger Verlag für deutsche Exilliteratur. Wegen der deutschen Invasionen in Europa kam es 1939 bis 1940 zu einer weiteren Emigrationswelle in die Vereinigten Staaten, nach Südamerika, in die Sowjetunion und in das heutige Israel.
Gemeinsam war der sehr unterschiedlichen Gruppe die Gegnerschaft zum NS-Regime und der Anspruch, das „andere Deutschland“ zu vertreten. Klaus Mann beschrieb die Aufgabe doppelt: Die Welt sollte vor dem Dritten Reich gewarnt und über den wahren Charakter des Regimes aufgeklärt werden; zugleich sollte der Kontakt zum heimlichen Widerstand in Deutschland erhalten und die deutsche Sprache und Geistestradition im Ausland weitergeführt werden.
Die Arbeitsbedingungen waren schwierig. Veröffentlichungen auf Deutsch waren nur begrenzt möglich. Viele Schriftsteller lebten materiell unsicher, hatten Probleme mit Pässen, Aufenthaltsgenehmigungen und Behörden, verloren die deutsche Staatsbürgerschaft oder fürchteten Abschiebung. Hinzu kamen Bedrohung durch NS-Agenten, Ablehnung durch Teile der Bevölkerung und der Verlust der beruflichen Grundlage. Viele Autoren verstummten in Einsamkeit und Verzweiflung; Suizide gab es unter anderem bei Kurt Tucholsky und Stefan Zweig.
Formen der Exilliteratur
Einen einheitlichen Exilstil gab es nicht. Viele Exilautorinnen und Exilautoren schrieben stilistisch eher konservativ weiter und setzten den Weg fort, den sie vor 1933 begonnen hatten. Die Literatur war nur wenig expressionistisch geprägt. Wichtiger wurden gesellschaftliche und politische Problemlagen; formale Experimente traten zurück. Thomas Mann veröffentlichte in dieser Zeit mehrere Werke, darunter die Erzählung Das Gesetz, die sich implizit auf den Nationalsozialismus bezieht.
Die wichtigste Gattung der Exilprosa war der Roman, weil er internationale Leser eher erreichte und bessere Veröffentlichungschancen hatte. Viele Texte richteten sich direkt gegen das NS-Regime, andere blieben vergleichsweise unpolitisch. Exilromane sollten oft über das Dritte Reich aufklären, etwa durch Dokumentationen und Erlebnisberichte. Später entstanden Romane über die Vorgeschichte des Nationalsozialismus, über das Leben im NS-Deutschland oder über die Exilsituation selbst. Als besonders bekanntes Beispiel für die literarische Verarbeitung des Exils nennt der Artikel Anna Seghers’ Transit.
Historische Romane waren im Exil sehr beliebt und erreichten auch Leser außerhalb der Exilantengruppen. Oft nutzten sie historische Stoffe mit deutlichen Parallelen zur Entwicklung in Deutschland, etwa Lion Feuchtwangers Der Falsche Nero, und enthielten satirische Anspielungen auf führende NS-Politiker. Utopische Romane blickten in eine imaginäre Zukunft, oft mit deutlichem Kulturpessimismus, etwa Hermann Hesses Das Glasperlenspiel oder Franz Werfels Stern der Ungeborenen. Viele autobiografische Texte zeigten das Bedürfnis, den eigenen Lebensweg und das Bewusstsein einer Zeitenwende festzuhalten, zum Beispiel Klaus Manns Der Wendepunkt oder Stefan Zweigs Die Welt von Gestern.
Exillyrik war mengenmäßig kleiner als die Prosa. Veröffentlichungschancen bestanden fast nur in der Exilpresse. Rund 200 Gedichtbände einzelner Lyrikerinnen und Lyriker erschienen in Exilländern, die meisten aber erst nach 1945. Prägend waren Dichter, die bereits vor 1933 bekannt waren, darunter Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Karl Wolfskehl und Else Lasker-Schüler. Exildramatik war besonders schwierig, weil Stücke meist kaum Aussicht auf Aufführung hatten. Dennoch sind rund 420 Dramatiker mit 500 bis 700 Stücken nachweisbar. Anfangs waren Zeitstücke wichtig; später versuchten Exilautoren mit Geschichtsdramen, Komödien und Parabeln Zugang zu ausländischen Bühnen zu finden.
Nachkriegsrezeption
Nach 1945 fanden zurückkehrende Exilautorinnen und Exilautoren in Deutschland nur begrenzt Anerkennung. In Westdeutschland begegnete man vielen mit Misstrauen. In der DDR wurden Exilautoren stärker für politische Ziele genutzt, etwa Bertolt Brecht oder Arnold Zweig. Ein echter Dialog zwischen Exilautoren und Vertretern der inneren Emigration kam nur selten zustande.
Ein Beispiel für die Spannungen war die Auseinandersetzung zwischen Frank Thiess und Hermann Broch. Thiess, der in Deutschland geblieben war, warf Emigranten vor, sie hätten die deutsche Tragödie bequem aus dem Ausland beobachtet, während die im Land Gebliebenen die Diktatur direkt hätten ertragen müssen. Thomas Manns im Exil entstandenen Roman Doktor Faustus bezeichnete er abwertend als „Gelehrtenpoesie“.
Auch Klaus Manns Roman Mephisto blieb umstritten. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 1971 durfte er in der Bundesrepublik Deutschland jahrelang nicht erscheinen, weil man ihn als Schlüsselroman sah und die Persönlichkeitsrechte des Theaterintendanten Gustaf Gründgens verletzt sah. In der DDR durfte der Roman bis 1956 ebenfalls nicht erscheinen. Erst in den frühen 1980er Jahren erschien er als Rowohlt-Taschenbuch.
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