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Gruppe 47

In ihrer Anfangszeit bot die Gruppe 47 jungen Schriftstellern eine Plattform zur Erneuerung der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Später …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Arbeitsweise
  2. 2. Entstehung nach 1945
  3. 3. Literarische Entwicklung und Preis
  4. 4. Öffentliche Bedeutung und Konflikte
  5. 5. Ende und Nachwirkung
  6. 6. Spätere Bewertungen

Kern und Arbeitsweise

Die Gruppe 47 war kein Verein, keine Akademie und keine feste literarische Schule, sondern die Bezeichnung für die Teilnehmer an deutschsprachigen Schriftstellertreffen, zu denen Hans Werner Richter von 1947 bis 1967 einlud. Die Treffen dienten vor allem zwei Zwecken: Autorinnen und Autoren lasen unveröffentlichte Texte vor, und die Anwesenden kritisierten diese Texte unmittelbar. Außerdem sollten junge, noch unbekannte Schreibende gefördert werden. Der Preis der Gruppe 47, der in demokratischer Abstimmung vergeben wurde, wurde für mehrere Ausgezeichnete zum Beginn einer wichtigen literarischen Laufbahn.

Die Gruppe hatte keine feste Mitgliederliste, keine Satzung, keine Organisationsform und kein gemeinsames literarisches Programm. Trotzdem prägte Richter sie stark, weil er allein entschied, wen er einlud. Er nannte die Gruppe seinen „Freundeskreis“ und verstand die Treffen als jährliches Fest, zu dem er die Menschen einlud, die ihm passend erschienen. Gerade diese Einladungspraxis wurde später kritisiert.

Ein festes Ritual entstand schon beim ersten Treffen: Ein Autor oder eine Autorin las einen Text vor und saß dabei auf dem freien Stuhl neben Richter, der scherzhaft „elektrischer Stuhl“ genannt wurde. Danach äußerten die anderen spontan, offen und oft scharf ihre Kritik. Der oder die Vortragende durfte sich nicht verteidigen. Im Mittelpunkt sollte der konkrete Text stehen, nicht eine allgemeine Debatte über Literatur oder Politik. Richter unterband Grundsatzdiskussionen, weil sie die Gruppe hätten spalten können. Einige Grundregeln gab es dennoch: Faschistische oder militaristische Texte sollten nicht zugelassen werden.

Entstehung nach 1945

Die Vorgeschichte der Gruppe 47 begann im Frühjahr 1945 im Kriegsgefangenenlager Fort Kearny in Rhode Island. Dort entstand im Rahmen des amerikanischen Reeducation-Programms die Zeitschrift Der Ruf: Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen. Zu den Mitarbeitern gehörten Alfred Andersch und Hans Werner Richter. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland planten sie eine Nachfolgezeitschrift, Der Ruf – unabhängige Blätter der jungen Generation, die am 15. August 1946 erstmals erschien. Sie enthielt auch literarische Texte, war aber vor allem politisch gemeint: Andersch und Richter setzten sich für ein freies Deutschland als Brücke zwischen Ost und West und für eine sozialistische Gesellschaftsform ein. Weil sie auch die amerikanische Besatzungsmacht kritisierten, wurde Der Ruf im April 1947 von der Information Control Division der amerikanischen Besatzungszone verboten.

Richter plante danach eine neue Zeitschrift mit dem Titel Der Skorpion. Als eine Art Redaktionssitzung lud er am 6. und 7. September 1947 Autorinnen und Autoren aus dem Umfeld dieser geplanten Zeitung in das Haus von Ilse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee bei Füssen ein. Dort sollten Manuskripte vorgelesen und gemeinsam besprochen werden. Die Zeitschrift Der Skorpion kam nie über eine Nullnummer hinaus, aber aus diesem Treffen entwickelte sich die erste Tagung der Gruppe 47. Richter erklärte später, der Ursprung der Gruppe sei „politisch-publizistischer Natur“ gewesen.

Nach Friedhelm Kröll lässt sich die Geschichte der Gruppe in vier Perioden einteilen: Konstitutionsperiode 1947–49, Aufstiegsperiode 1950–57, Hochperiode 1958–63 sowie Spät- und Zerfallsperiode 1964–67. Der Name Gruppe 47 entstand erst nach dem ersten Treffen. Hans Georg Brenner schlug ihn in Anlehnung an die spanische Generación del 98 vor. Richter akzeptierte ihn gerade deshalb, weil er unverbindlich war.

Literarische Entwicklung und Preis

In den ersten Jahren bot die Gruppe 47 jungen Schriftstellern eine Plattform für eine Erneuerung der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Beim zweiten Treffen in Herrlingen bei Ulm nahm auch Alfred Andersch teil. Sein Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung bekam für die Gruppe programmatische Bedeutung. Andersch ging davon aus, dass „echte Künstlerschaft“ immer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bedeute, und sprach von der Notwendigkeit, das deutsche geistige Leben neu zu schaffen.

Die Treffen fanden zunächst meist zweimal jährlich im Frühjahr und Herbst an wechselnden Orten statt. 1950 wurde in Inzigkofen erstmals der Preis der Gruppe 47 vergeben. Er war anders als etablierte Literaturpreise als Förderpreis für weitgehend unbekannte Autoren gedacht. Der erste Preisträger war Günter Eich. 1951 erhielt Heinrich Böll bei seiner ersten Lesung für die Satire Die schwarzen Schafe den Preis. Weitere wichtige Preisträger waren Ilse Aichinger 1952 für Spiegelgeschichte, Ingeborg Bachmann 1953 für Gedichte aus Die gestundete Zeit, Martin Walser 1955 für Templones Ende, Günter Grass 1958 für das erste Kapitel aus Die Blechtrommel, Johannes Bobrowski 1962, Peter Bichsel 1965 und Jürgen Becker 1967.

Die Preisgelder wechselten: Für die ersten beiden Vergaben waren es je 1000 DM, später unter anderem je 2000 DM für Aichinger und Bachmann, 5000 DM für Grass, 7000 DM für Bobrowski sowie je 6000 DM für Bichsel und Becker. Richter organisierte die Gelder bei Verlagen und Rundfunkanstalten und gab oft erst am Ende einer Tagung bekannt, ob überhaupt ein Preis vergeben wurde.

Literarisch wandelte sich die Gruppe. Anfangs war die realistische Trümmerliteratur wichtig, also Texte über die unmittelbare Nachkriegswirklichkeit. Seit der Tagung 1952 in Niendorf traten komplexere, modernere Schreibweisen stärker hervor. Paul Celan las dort unter anderem die damals noch unbekannte Todesfuge, wurde aber von vielen missverstanden; dennoch machte er auf sich aufmerksam und erhielt ein Angebot für einen Gedichtband. Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann standen für eine moderate literarische Moderne. Experimentellere Literatur, etwa bei Helmut Heißenbüttel, hatte es schwerer und führte 1957 zu deutlichen Konflikten zwischen realistisch erzählenden Autoren und stärker formal arbeitenden „Artisten“, „Ästheten“ oder „Formalisten“.

Öffentliche Bedeutung und Konflikte

Seit den 1950er Jahren wurde die Gruppe 47 immer stärker zu einer Institution im Literaturbetrieb der Bundesrepublik Deutschland. Medien berichteten über die Tagungen, Verlage suchten dort gezielt nach Nachwuchs, und Rundfunkanstalten unterstützten Treffen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk trug 1952 in Niendorf Kosten und stellte Räume bereit. Die Tagungen wurden später nur noch jährlich im Herbst veranstaltet, mit zusätzlichen Hörspiel- und Fernsehspieltagungen 1960 und 1961.

Mit dem Erfolg wuchs auch die Kritik. Nach Günter Grass’ Lesung aus Die Blechtrommel 1958 wurde der Einfluss der Gruppe besonders sichtbar: Grass wurde schlagartig bekannt, und sein späterer Erfolg stärkte wiederum das Ansehen der Gruppe. Immer mehr Autoren, Kritiker und Verlage wollten teilnehmen. Gleichzeitig verlor die Gruppe nach Ansicht früherer Mitglieder ihre kameradschaftliche Atmosphäre. Heinrich Böll empfand große Tagungen mit etwa 150 Autoren, Kritikern, Verlegern, Film- und Fernsehleuten als belastend. Alfred Andersch kritisierte, die Gruppe sei zum „literarischen Markt“ geworden.

Die Kritik an vorgelesenen Texten kam zunehmend nicht mehr von anderen Autoren, sondern von professionellen Kritikern wie Walter Höllerer, Joachim Kaiser, Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki und Hans Mayer. Besonders Reich-Ranickis scharfe Urteile waren gefürchtet. 1961 gab es interne Debatten über den Fortbestand der Gruppe und über die Rolle der Kritik; Richter entschied sich jedoch gegen eine Ausladung Reich-Ranickis.

Auch politisch war die Gruppe umstritten. Sie war nie politisch einheitlich, obwohl Richter ursprünglich aus einem politischen Umfeld kam. Es gab keine Resolution im Namen der gesamten Gruppe. Einzelne Teilnehmer stießen aber elf Resolutionen an, die nur von Minderheiten unterschrieben wurden, in der Öffentlichkeit jedoch oft als Stellungnahmen der ganzen Gruppe galten. Sie reichten vom Protest gegen die Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands 1956 über Proteste gegen den Vietnamkrieg 1965 bis zu einer Resolution gegen die Springer-Presse 1967. Konservative Kritiker warfen der Gruppe Einflussnahme und Nähe zur SPD vor; ab Mitte der 1960er Jahre kamen auch Angriffe von links, etwa aus der Zeitschrift konkret.

Ende und Nachwirkung

Das letzte reguläre Treffen fand 1967 in der Pulvermühle bei Waischenfeld in Oberfranken statt. Es wurde von Protesten einiger Studenten des Erlanger SDS gestört, die der Gruppe Unpolitischkeit vorwarfen und Parolen wie „Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger“ riefen. Die Reaktionen der Mitglieder waren gespalten: Einige waren verärgert, andere suchten das Gespräch. Dabei wurden ideologische Unterschiede innerhalb der Gruppe sichtbar, besonders zwischen Günter Grass und Reinhard Lettau. Rückblickend sahen Teilnehmer darin einen Moment, in dem Richters Vorstellung von der Gruppe zerbrach.

Richter plante 1968 noch ein abschließendes Treffen auf Schloss Dobříš bei Prag, bei dem die Gruppe aufgelöst werden sollte. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und die Niederschlagung des Prager Frühlings verhinderten dieses Treffen. Die Gruppe 47 wurde daher nie offiziell aufgelöst; Richter lud einfach nicht mehr ein. Später gab es kleinere Treffen ehemaliger Mitglieder, etwa 1972 in Berlin und 1977 in Saulgau. 1990 wurde auf Einladung Václav Havels das ausgefallene Treffen in Schloss Dobříš unter veränderten politischen Bedingungen nachgeholt.

Die Gruppe 47 blieb für die deutschsprachige Literatur prägend. Ihre Autoren und Kritiker beeinflussten Debatten im Feuilleton und im Literaturbetrieb stark. Aus ihrem Umfeld kamen wichtige Schriftsteller wie Heinrich Böll und Günter Grass, die später den Literaturnobelpreis erhielten, Böll 1972 und Grass 1999. Auch Peter Handke, der die Gruppe 1966 in Princeton scharf angegriffen hatte, erhielt 2019 den Nobelpreis.

Als Nachfolger im weiteren Sinn gilt der seit 1977 jährlich in Klagenfurt verliehene Ingeborg-Bachmann-Preis, dessen Lesungen und direkte Kritikerurteile an die Praxis der Gruppe 47 erinnern. 2005 gründete Günter Grass mit dem Lübecker Literaturtreffen einen neuen Zirkel, distanzierte sich aber von einer Wiederbelebung der Gruppe 47 im alten Stil.

Spätere Bewertungen

Die Gruppe 47 wurde nach ihrem Ende sehr unterschiedlich bewertet. Heinz Ludwig Arnold sah in ihr eine deutliche Spur in der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hans Magnus Enzensberger nannte sie eine literarische Vereinigung ohne Vorbild in der Literaturgeschichte Deutschlands. Andere beschrieben sie kritisch als Clique, Literaturmafia, literarische Probebühne oder Agentur der Autorenvermarktung. Diese gegensätzlichen Begriffe zeigen, dass ihr Einfluss zugleich anerkannt und umstritten war.

Früh wurde die harte Gruppenkritik angegriffen. Thomas Mann nannte das Verhalten der Gruppe bei Vorlesungen „pöbelhaft“, Arno Schmidt lehnte eine Einladung ab, und Elfriede Jelinek bezeichnete die Gruppe 1997 rückblickend als „Sadistenvereinigung“. Kritiker wie Günter Blöcker warfen den Lesungen eine unmenschliche Atmosphäre vor. Marcel Reich-Ranicki verteidigte die Praxis mit dem Argument, die Kritik habe auch viele schlechte Texte verhindert.

Später rückten andere Fragen in den Vordergrund. Es wurde kritisiert, dass die Gruppe die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust nicht ausreichend literarisch aufgearbeitet habe. Fritz J. Raddatz bemerkte zum 15-jährigen Jubiläum, im Almanach der Gruppe kämen Worte wie Hitler, KZ, SS oder Nazi nicht vor. Außerdem wurden nachträglich Rollen einzelner prominenter Mitglieder im Dritten Reich diskutiert, etwa bei Günter Eich, Alfred Andersch und Günter Grass.

Umstritten blieb auch die Frage nach Antisemitismus. Klaus Briegleb sah in Vorbehalten gegenüber Emigranten und im Umgang mit Paul Celan Hinweise auf Antisemitismus in der Gruppe. Marcel Reich-Ranicki widersprach und erklärte, er habe während der Tagungen keine antisemitischen Äußerungen wahrgenommen. Neuere Arbeiten untersuchten außerdem die Rolle von Frauen. Wiebke Lundius arbeitete 2017 die Bedeutung von Schriftstellerinnen, Ehefrauen und Verlegerinnen in der Gruppe heraus; Nicole Seifert beschrieb 2024 eine allgegenwärtige Überheblichkeit und Häme der Männer gegenüber Frauen.

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