Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Heinrich Böll
Die Botschaft. Kurzgeschichte. · Der Mann mit den Messern. Erzählung. · Der Zug war pünktlich. Erzählung. · Wanderer, kommst du nach Spa…. (25) Erzählungen. · So …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und literarisches Profil
Heinrich Theodor Böll (* 21. Dezember 1917 in Köln; † 16. Juli 1985 in Kreuzau-Langenbroich) war ein deutscher Schriftsteller und zählt zu den bedeutenden Autoren der Nachkriegszeit. 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Die Begründung würdigte seine Arbeit, die „durch ihren zeitgeschichtlichen Weitblick in Verbindung mit ihrer von sensiblem Einfühlungsvermögen geprägten Darstellungskunst erneuernd im Bereich der deutschen Literatur gewirkt hat“.
Böll ist ein wichtiger Erzähler der Trümmerliteratur, also der Literatur über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine frühen Kurzgeschichten behandeln die zerstörte Stadt, Hunger und Not der Überlebenden sowie Heimkehr und Desillusionierung von Kriegsteilnehmern. Stilistisch orientierte er sich an Ernest Hemingway; sein realistischer Zugriff wird als besonders schonungslos beschrieben. Zu wichtigen frühen Kurztexten gehören Der Mann mit den Messern, Wanderer, kommst du nach Spa…, Wiedersehen in der Allee, Die Waage der Baleks, Das Brot der frühen Jahre und Doktor Murkes gesammeltes Schweigen.
In Romanen kritisierte Böll gesellschaftliche und politische Zustände der jungen Bundesrepublik. Seine Texte richten den Blick häufig auf Außenseiter, Benachteiligte und Menschen, die sich Leistungsansprüchen entziehen. Neben Romanen und Kurzprosa schrieb er Hörspiele, Bühnenstücke, Essays und Reisebeschreibungen. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie Böll übersetzte und herausgab er außerdem englischsprachige Werke.
Kindheit, Krieg und literarischer Beginn
Böll wuchs in der Kölner Südstadt in einer katholischen, kleinbürgerlichen Familie auf, die den Nationalsozialismus ablehnte. Sein Vater Viktor Böll war Schreiner, seine Mutter hieß Maria, geborene Hermanns. Nach dem Abitur 1937 begann Böll in Bonn eine Buchhändlerlehre, brach sie aber nach elf Monaten ab. Erste schriftstellerische Versuche entstanden in dieser Zeit.
Von November 1938 bis März 1939 leistete er Reichsarbeitsdienst. Im Sommersemester 1939 begann er an der Universität zu Köln Germanistik und Klassische Philologie zu studieren und schrieb den Roman Am Rande der Kirche. Im September 1939 wurde er zur Wehrmacht einberufen. Er geriet im April 1945 in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde im September 1945 entlassen. Die meiste Zeit war er Dolmetscher für die deutsche Besatzungsmacht. Seine Kriegserfahrungen sind in Briefe aus dem Krieg 1939–1945 dokumentiert.
1942 heiratete er Annemarie Čech. Ihr erster Sohn starb 1945 noch im Geburtsjahr; Raimund, René und Vincent wurden 1947, 1948 und 1950 geboren. Nach dem Krieg schrieb Böll wieder belletristisch und nahm Gelegenheitsarbeiten an. 1947 gab er sein Studium endgültig auf; Annemarie Böll sicherte die Familie vor allem als Lehrerin und später als Übersetzerin. Erste Kurzgeschichten erschienen 1947. Die Kriegserzählung Der Zug war pünktlich wurde 1949 seine erste selbständige Buchveröffentlichung. Der Sammelband Wanderer, kommst du nach Spa… von 1950 begründete seinen Ruf als Kurzgeschichtenautor.
Hauptwerke und zentrale Themen
1951 gewann Böll bei seinem ersten Auftritt in der Gruppe 47 mit der Satire Die schwarzen Schafe deren Preis, 1000 DM und anschließend einen Vertrag bei Kiepenheuer & Witsch. In den folgenden Jahren entstanden unter anderem Wo warst du, Adam? (1951), Und sagte kein einziges Wort (1953), Haus ohne Hüter (1954), Irisches Tagebuch (1957), Doktor Murkes gesammeltes Schweigen (1958), Billard um halbzehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963) und Ende einer Dienstfahrt (1966).
Das Irische Tagebuch von 1957 ist eine bedeutende deutschsprachige Reisebeschreibung und prägte das Irlandbild vieler Deutscher. Gruppenbild mit Dame (1971) ist Bölls umfangreichster Roman und gilt vielen Kritikern als sein bedeutendster. Böll selbst nannte ihn eine „Zusammenfassung und Weiterentwicklung“ seiner früheren Arbeiten. Der Roman wurde ein Bestseller und ergreift Partei für die „Abfälligen“ der Gesellschaft.
Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann erschien 1974. Die Erzählung ist eine Parabel über gesellschaftliche Polarisierung nach der 68er-Bewegung und deren Inszenierung; sie kritisiert besonders Sensationsjournalismus und die Springer-Presse. Sie wurde in über 30 Sprachen übersetzt und von Volker Schlöndorff verfilmt. Bis 2017 wurden weltweit 2,7 Millionen Exemplare verkauft, womit sie Bölls meistverkaufte Prosaarbeit ist. Fürsorgliche Belagerung (1979) verarbeitet Erfahrungen mit Verleumdungen als vermeintlicher Terroristen-Sympathisant und mit polizeilichen Maßnahmen. Sein letztes Werk war 1985 der Bonn-Roman Frauen vor Flußlandschaft.
Öffentliches Engagement und Konflikte
Seit den 1950er-Jahren nahm Böll eine Gegenposition zum restaurativen Zeitgeist der Adenauer-Ära ein und wurde als Vertreter deutscher Linksintellektueller wahrgenommen. Er setzte sich mit politischen Problemen in Deutschland, Polen und der Sowjetunion auseinander. Den sowjetischen Schriftstellern und Dissidenten Alexander Solschenizyn (1974) und Lew Kopelew (1980) gewährte er nach deren Ausreise Unterkunft. Von 1970 bis 1972 war er Vorsitzender des deutschen PEN-Clubs, von 1971 bis 1974 Präsident des internationalen PEN-Clubs.
1972 veröffentlichte er im Spiegel den Essay Will Ulrike Gnade oder freies Geleit? über Ulrike Meinhof und kritisierte die Berichterstattung der Springer-Presse. Der Titel war gegen seinen Willen verändert worden. Konservative Kreise bezeichneten Böll danach als „geistigen Sympathisant“ des Terrorismus. Am 1. Juni 1972 wurde sein Haus in Langenbroich durchsucht, weil Behörden nicht ausschlossen, dass RAF-Mitglieder dort Unterschlupf finden könnten. Die Zahl der eingesetzten Beamten ist umstritten: Böll sprach von bis zu 20 Polizisten, der Einsatzleiter von zwei Beamten; Robert Spaemann berichtete dagegen von mehreren schwer bewaffneten Polizisten.
Böll trat 1976 aus der katholischen Kirche aus, verstand dies aber nicht als Abfall vom Glauben. Ende der 1970er Jahre unterstützte er Rupert Neudecks Engagement für vietnamesische boat people. Er engagierte sich gegen die NATO-Nachrüstung und blockierte vom 1. bis 3. September 1983 mit weiteren Prominenten und Tausenden Demonstrierenden die Zufahrtswege zum Raketenstützpunkt auf der Mutlanger Heide. Sein Satz „Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben“ stammt aus Einmischung erwünscht (1977).
Tod, Nachlass und Wirkung
Böll litt an einer Gefäßerkrankung und lebte von 1982 bis 1985 bei seinem Sohn René in Merten nahe Köln. Nach einer Operation starb er am 16. Juli 1985, einen Tag nach der Rückkehr in sein Haus in Langenbroich. Er wurde in Merten nach katholischem Ritus beerdigt; Bundespräsident Richard von Weizsäcker nahm an der Trauerfeier teil.
Mehrere frühe Texte erschienen erst nach seinem Tod, darunter Der Engel schwieg (1992), Der blasse Hund (1995), Kreuz ohne Liebe (2002) und Am Rande der Kirche (2004). Ein großer Teil seines Nachlasses im Kölner Stadtarchiv wurde beim Einsturz des Archivs am 3. März 2009 stark beschädigt oder vernichtet. Die Nobelpreisurkunde konnte geborgen werden.
Die Beurteilung seines Werks fiel unterschiedlich aus. Besonders anerkannt sind seine frühen Nachkriegs-Kurzgeschichten und Die verlorene Ehre der Katharina Blum; seine Romane wurden teils scharf kritisiert, teils als Spiegel ihrer Zeit verteidigt. Ansichten eines Clowns wird weiterhin breit gelesen. Die Kölner Ausgabe gab von 2002 bis 2010 veröffentlichte und ausgewählte unveröffentlichte Texte in 26 Bänden und einem Registerband neu heraus. Zu den wichtigsten Auszeichnungen zählen der Preis der Gruppe 47 (1951), der Georg-Büchner-Preis (1967) und der Nobelpreis für Literatur (1972).