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Totalitarismus
Totalitarismus bezeichnet eine Herrschaftsform mit einem uneingeschränkten Verfügungsanspruch der Herrschenden über die Beherrschten, auch im persönlichen …
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Kernbegriff
Totalitarismus bezeichnet eine Herrschaftsform, in der die Herrschenden einen uneingeschränkten Verfügungsanspruch über die Beherrschten erheben. Dieser Anspruch reicht über Politik und öffentliche Gesellschaft hinaus bis in den persönlichen Bereich. Ziel ist die umfassende Durchsetzung eines bestimmten Wertesystems oder einer Ideologie. Als Extremform des Autoritarismus, also einer Diktatur, will Totalitarismus in alle sozialen Verhältnisse hineinwirken und oft einen „neuen Menschen“ formen.
Typisch ist, dass ganze Bevölkerungen zur Unterstützung einer offiziellen Ideologie mobilisiert werden sollen. Aktivitäten, die nicht auf die Ziele der Herrschenden ausgerichtet sind, werden nicht geduldet. Daraus folgen Repressionen, staatliche Kontrolle und Überwachung. Häufig genannte historische Prototypen sind der Nationalsozialismus und der Stalinismus; als derzeit totalitäre Staaten werden im Artikel China, Nordkorea, Iran, Afghanistan, Turkmenistan und Eritrea genannt. Die Einordnung einzelner Systeme ist aber je nach Modell und Forschungsposition umstritten.
Entwicklung des Begriffs
Der Begriff wurde 1923 von dem italienischen Liberalen Giovanni Amendola geprägt, einem Gegner des Faschismus. Er bezeichnete das von Benito Mussolini geschaffene System als „totalitäres System“ (sistema totalitario). Während Antifaschisten damit vor absoluter und unkontrollierbarer Herrschaft warnten, übernahmen Faschisten den Begriff bald positiv. Mussolini formulierte 1925: „Tutto nello Stato, niente al di fuori dello Stato, nulla contro lo Stato“ („Alles im Staate, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat“). Ob der italienische Faschismus nach heutiger Definition totalitär war, ist umstritten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) wurde der Begriff fast nur noch negativ verwendet. Publizisten und Wissenschaftler verglichen Nationalsozialismus und Stalinismus als totalitäre Regime; andere kritisierten den Begriff als Ausdruck des Kalten Krieges. Wichtige Beiträge kamen unter anderem von Karl Popper, Hannah Arendt, Jacob Talmon, Raymond Aron und später Sheldon Wolin. Raymond Aron nannte 1968 fünf Kriterien: Einparteienstaat, allein gültige Staatsideologie, staatliches Informationsmonopol, staatlich kontrollierte Wirtschaft und ideologischer Terror. In der Forschung blieb der Begriff einflussreich, aber umstritten.
Wichtige Modelle
Totalitarismus-Modelle versuchen, totalitäre Systeme über ihre Herrschaftsstrukturen zu bestimmen. Sie fragen weniger nach den Zielen oder Opferzahlen einer Diktatur, sondern nach den Mechanismen, mit denen Herrschaft ausgeübt und gesichert wird.
Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzeziński beschrieben 1956 sechs Merkmale totalitärer Systeme: eine offizielle Ideologie mit Wahrheitsanspruch, eine einzige hierarchische Massenpartei, ein physisches und/oder psychisches Terrorsystem, ein nahezu vollständiges Monopol der Massenkommunikationsmittel, ein nahezu vollständiges Monopol der Kampfwaffen und eine zentrale bürokratische Überwachung und Lenkung der Wirtschaft. Technischer Fortschritt ermögliche besonders Kontrolle, Kommunikation, Waffenmonopol und Wirtschaftslenkung.
Peter Graf Kielmansegg kritisierte, dieses Modell erkläre sozialen Wandel im System zu wenig. Für ihn sind entscheidend: eine monopolistische Konzentration von Entscheidungsmacht in einem Führungszentrum, eine prinzipiell unbegrenzte Reichweite politischer Entscheidungen und eine prinzipiell unbeschränkte Freiheit, Sanktionen zu verhängen. Ideologie und Massenpartei dienen dabei vor allem Motivation, Kontrolle und Legitimation.
Hannah Arendt sah den Terror als entscheidendes Merkmal. Totalitäre Herrschaft beseitige den Raum des Handelns, in dem Freiheit wirklich werden könne. Weitere Merkmale sind bei ihr der Wille zur Weltherrschaft, fanatisierte Massenbewegungen nach dem Führerprinzip, millionenfache Morde im Namen einer „neuen“ Ordnung, Ideologie und Propaganda. Arendt bezeichnete nur Nationalsozialismus und Stalinismus als totalitäre Herrschaftssysteme; Mussolinis Faschismus und die Sowjetunion nach Stalins Tod sah sie nicht als totalitär.
Karl Popper verband Totalitarismus mit dem Gegensatz von „geschlossener“ und „offener“ Gesellschaft. Totalitäre Ideen gehörten für ihn zu einer alten Tradition, die auf Rückkehr zu Stammesgebundenheit und gegen freie kritische Vernunft gerichtet sei. Wolfgang Merkel unterschied kommunistisch-totalitäre, faschistisch-totalitäre und theokratisch-totalitäre Regime. Kommunistisch-totalitäre Regime kennzeichnet er durch Ausschluss vom Herrschaftszugang, führende Rolle der kommunistischen Partei, fehlenden Pluralismus, Repression und Konzentration von Staats- und Parteimacht. Als faschistisch-totalitär nennt er als einziges Beispiel den Nationalsozialismus in Deutschland (1938–1945). Theokratisch-totalitäre Regime wären durch religiöse Legitimationsideologie und Kontrolle bis in die Intimsphäre geprägt, seien aber in der Realität noch nie vollständig verwirklicht worden.
Beispiele und Streitfälle
Als häufig genannte aktuelle totalitäre Regime nennt der Artikel Nordkorea seit 1948, Iran seit 1979, Turkmenistan seit 1991, Eritrea seit 1997, China seit etwa 2016 und Afghanistan seit 2021. Dabei wird betont, dass unterschiedliche Totalitarismus-Modelle zu unterschiedlichen Einordnungen führen können.
Für die Vergangenheit werden vor allem das Deutsche Reich zur Zeit des Nationalsozialismus, die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten im Ostblock zur Zeit des Stalinismus, die Volksrepublik China unter Mao Zedong, besonders während der Kulturrevolution, sowie Kambodscha unter den Roten Khmer genannt.
Einige Einordnungen sind umstritten. Bei der DDR kam Eckhard Jesse zu dem Ergebnis, sie könne unter Walter Ulbricht als totalitär bezeichnet werden, habe diesen Charakter unter Erich Honecker wegen abnehmender Ideologisierung und Mobilisierung zunehmend verloren und sei autoritärer geworden. Klaus Schroeder bezeichnete die DDR als „(spät-)totalitären Überwachungs- und Versorgungsstaat“. Auch die Einordnung des Nationalsozialismus als totalitär wird wegen gewisser wirtschaftlicher Autonomie und Besonderheiten der Rassentheorie diskutiert. Der italienische Faschismus gilt ebenfalls als Streitfall; Hannah Arendt und Wolfgang Merkel betrachten ihn als autoritär.
Kritik am Konzept
Das Totalitarismus-Konzept wurde von vielen Wissenschaftlern kritisiert. Sozialistische Historiker bezeichneten die Theorie teils als „Totalitarismusdoktrin“ und sahen darin ein ideologisches Konstrukt des Kalten Krieges, das den real existierenden Sozialismus diffamieren sollte. Ein Einwand lautet, das Konzept erfasse vor allem äußere Formen wie Einheitspartei, Machtapparat, Kommunikationsmonopol, Führerkult und Terror, aber nicht Ziele, Inhalte und Motive politischer Systeme.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die mögliche Gleichsetzung von Stalinismus und Nationalsozialismus. Kritiker warnen, Strukturvergleiche könnten den Holocaust relativieren und den antisemitischen Kern von Auschwitz ausblenden.
Dem wird entgegengehalten, dass Vergleiche nicht automatisch Gleichsetzungen sind. Auch wenn Ideologien und Opferzahlen verschieden sind, könne die Forschung über Totalitarismus Herrschaftsstrukturen und Mechanismen totalitärer Diktaturen besser erklären. Außerdem seien zentrale Begriffe und Grundannahmen schon seit den späten 1930er Jahren entstanden, also nicht erst als Produkt des Kalten Krieges. Weil Totalitarismus-Modelle aber stark auf Herrschaftsformen konzentriert sind, werden sie in der Politikwissenschaft durch andere Konzepte wie „Politische Religion“ ergänzt, um Motivation und Mobilisierung besser zu erklären.
Neuere Begriffe
Neben dem klassischen Begriff gibt es neuere Totalitarismus-Begriffe. Sheldon Wolin prägte 2003 den Begriff „Inverted Totalitarianism“ oder „umgekehrter Totalitarismus“ und systematisierte ihn 2008. Er meinte damit eine postdemokratische Regierungstechnik in den USA, die Elemente liberaler Demokratie mit totalitären Elementen verbindet. Anders als klassische totalitäre Mobilisierungsregime setze sie auf Entpolitisierung, weichere Unterdrückungsmechanismen und brauche keine starke Führerfigur.
Beim „ökonomischen Totalitarismus“ wird kritisiert, dass der Neoliberalismus als dominante Ideologie des Kapitalismus einen totalen und universellen Machtanspruch erhebe. Christoph Butterwegge beschreibt, dass das Kosten-Nutzen-Kalkül auf immer mehr Bereiche menschlichen Verhaltens ausgedehnt werde: Aus dem homo sapiens werde ein homo oeconomicus.
Susanna Zuboff spricht von totalitären Zügen des modernen Kapitalismus durch totale Überwachung der Privatsphäre. Beim „digitalen Totalitarismus“ warnen Kritiker vor der Macht von Internetkonzernen, künstlicher Intelligenz und neuen Kontrolltechnologien. Genannt werden unter anderem Max Tegmark, Žarko Paić und Mustafa Suleyman. Befürchtet wird, dass digitale Infrastrukturen, Überwachung, KI, Kontaktverfolgung, Gehirnauslesen, DNA-Synthese oder 3D-Druck bewaffneter Drohnen künftige totalitäre Regime stärken könnten.
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