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Italienischer Faschismus

Die Ursprünge der faschistischen Bewegung liegen in den am 23. März 1919 gegründeten Fasci italiani di combattimento (dt. Italienische Kampfbünde), die 1921 zum …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Zeitraum und Bedeutung
  2. 2. Voraussetzungen und Entstehung
  3. 3. Vom Frühfaschismus zur Massenbewegung
  4. 4. Partei, Diktatur und Führerkult
  5. 5. Imperium, Krieg und Judenverfolgung
  6. 6. Sturz, Kriegsende und Erinnerung

Begriff, Zeitraum und Bedeutung

Der italienische Faschismus war eine 1919 im Königreich Italien entstandene rechtsextreme Bewegung, ihre politische Ideologie und die von ihr errichtete diktatorische Herrschaft. Er regierte Italien zunächst unter der Nationalen Faschistischen Partei (Partito Nazionale Fascista, PNF) und nach 1943 in der vom Deutschen Reich abhängigen Italienischen Sozialrepublik unter der Republikanisch-Faschistischen Partei (PFR). Von 1921 bis 1945 führte Benito Mussolini die Faschisten als „Duce“.

Ausgangspunkt waren die am 23. März 1919 gegründeten Fasci italiani di combattimento („Italienische Kampfbünde“). Sie wurden 1921 in den PNF umgewandelt. Nach dem „Marsch auf Rom“ ernannte König Viktor Emanuel III. Mussolini 1922 zum Ministerpräsidenten. Zunächst regierten die Faschisten gemeinsam mit Konservativen und Nationalisten; ab dem 3. Januar 1925 errichteten sie eine Einparteiendiktatur. Die Jahre 1922 bis 1943 heißen in Italien ventennio fascista oder ventennio nero, also die „zwei Jahrzehnte des Faschismus“ beziehungsweise die „zwei schwarzen Jahrzehnte“.

Der italienische Faschismus verband aggressiven Nationalismus, Antisozialismus, Antiparlamentarismus, autoritäre Herrschaft, politische Gewalt und imperialistische Expansion. Er wurde zum Vorbild für ähnliche Bewegungen in Europa, darunter den deutschen Nationalsozialismus. Über seine genaue Einordnung besteht in der Forschung jedoch kein allgemeiner Konsens. Einige Forschende verstehen ihn als ideologisch angetriebenen, revolutionären „palingenetischen Ultranationalismus“, der eine nationale Wiedergeburt und eine „anthropologische Revolution“ anstrebte. Andere betonen stärker soziale Machtverhältnisse, die Unterstützung durch wirtschaftliche Eliten und den Abstand zwischen propagandistischen Ansprüchen und politischer Wirklichkeit. Umstritten sind auch Mussolinis persönliche Bedeutung, der Grad des Totalitarismus und das Verhältnis von moderner Mobilisierung zu reaktionären Zielen.

Voraussetzungen und Entstehung

Der 1870 vollendete italienische Nationalstaat war keine voll entwickelte Demokratie, sondern ein „autoritärer“ oder „oligarchischer“ Liberalismus. Vor der Wahlrechtsreform von 1912 durften nur rund 7 % der Bevölkerung wählen. Der König kontrollierte das Militär, beeinflusste die Außenpolitik und ernannte Regierungschef und Senatoren. Eine kleine Besitz-, Bildungs- und Adelsschicht beherrschte das Parlament durch lokale Patronage- und Klientelnetze. Das als trasformismo bezeichnete flexible Wechseln zwischen „rechten“ und „linken“ Mehrheiten schloss die besitzlose Bevölkerungsmehrheit weitgehend aus.

Giovanni Giolitti versuchte zwischen 1903 und 1914, Katholiken und reformistische Sozialisten einzubinden, Sozialgesetze einzuführen und das Wahlrecht auszuweiten. Bei der Wahl 1913 waren 65 % der erwachsenen Männer wahlberechtigt. Doch Industrielle und Großgrundbesitzer verlangten zunehmend ein schärferes Vorgehen gegen Gewerkschaften und andere „Subversive“.

Der Erste Weltkrieg verschärfte die Krise. Die Regierung Antonio Salandras betrieb 1914/15 den Kriegseintritt auch als Mittel einer autoritären Neuordnung. In der Interventionsbewegung vereinigten sich konservative Liberale, Nationalisten, nationalistische Syndikalisten, Republikaner und ehemalige Sozialisten wie Mussolini. Italien mobilisierte bis 1918 etwa 5,7 Millionen Soldaten, überwiegend Bauern und Landarbeiter. Der unpopuläre Kriegsdienst, soziale Not und das Versprechen späterer Landzuteilungen verstärkten die Spannungen. Gleichzeitig verlangten Teile der Rechten eine autoritäre Lösung gegen Sozialisten und angebliche „Verräter“.

Wichtige ideologische Vorarbeit leistete die 1910 gegründete Associazione Nazionalista Italiana (ANI). Radikalnationalisten wie Enrico Corradini, Alfredo Rocco und Luigi Federzoni bekämpften Parlamentarismus, Sozialismus und Klassenkampf. Sie verlangten einen autoritär geeinten Staat, eine technokratische Elite, nationale Expansion und die Ablösung der alten politischen Klasse durch „neue Männer“. Die Forschung sieht in diesem vor 1914 entwickelten Gedankengut eine Hauptquelle der späteren faschistischen Ideologie.

Vom Frühfaschismus zur Massenbewegung

Nach dem Krieg mobilisierte die nationalistische Rechte gegen den angeblich „verstümmelten Sieg“, weil Italien auf der Pariser Friedenskonferenz nicht alle verlangten Gebiete erhielt. Am 12. September 1919 besetzten etwa 2.000 Freischärler unter Gabriele D’Annunzio die Stadt Fiume. Gleichzeitig erlebte Italien Streiks, Demonstrationen sowie Land- und Fabrikbesetzungen. Dieses politische Erwachen der Unterschichten, besonders während der „zwei roten Jahre“ (biennio rosso), wurde von großen Teilen des Bürgertums als Bedrohung empfunden.

Die im März 1919 gegründeten Kampfbünde blieben zunächst unbedeutend: Ende 1919 hatten sie nur knapp 900 organisierte Anhänger. Ihr Programm verband Antisozialismus, Reformforderungen und revolutionäre Rhetorik, war aber von Opportunismus geprägt. Die im Juni 1919 veröffentlichten „linken“ Forderungen bestimmten die spätere Praxis nicht. Bereits am 15. April 1919 griffen Mailänder Faschisten eine sozialistische Demonstration an und zerstörten Redaktion und Druckerei der Zeitung Avanti!. Bis zum Frühjahr 1920 wurden republikanische und antiklerikale Positionen aufgegeben; der militante Antisozialismus rückte ins Zentrum.

Die Wahl vom 16. November 1919 entzog den Liberalen ihre traditionelle Mehrheit. Die sozialistische PSI und die katholische PPI gewannen zusammen 256 Mandate. In Mailand erhielt die faschistische Liste lediglich 1,7 % der Stimmen. Der Wahlerfolg der Sozialisten und ihr Sieg in 2.162 Stadt- und Gemeinderäten im November 1920 verstärkten jedoch die Bereitschaft von Industriellen, Großgrundbesitzern und Teilen des Staates, die Faschisten zu unterstützen.

Den Durchbruch brachte der squadrismo, die organisierte Gewalt paramilitärischer „Squadre“. Diese führten „Strafexpeditionen“ gegen Sozialisten, Gewerkschafter, Genossenschaften und teils gegen die slowenische Minderheit durch. Sie besetzten Orte, verwüsteten Gebäude, verprügelten Gegner mit Schlagstöcken und zwangen sie häufig, Rizinusöl zu trinken. Bis Oktober 1922 kamen bei den Aktionen etwa 3.000 Menschen ums Leben. Die Zahl der Faschisten stieg von rund 20.000 Ende 1920 auf fast 250.000 Ende 1921.

Die Squadre rekrutierten sich hauptsächlich aus jungen Männern des mittleren und kleinen Bürgertums, darunter ehemalige Offiziere, Studenten, Beamten- und Grundbesitzersöhne. Industrielle, Banken und Großgrundbesitzer finanzierten sie oder stellten Fahrzeuge bereit. Polizei, Militär, Justiz und liberale Politiker duldeten oder unterstützten die Gewalt vielfach. Die dezentral organisierten und meist unbewaffneten sozialistischen Verbände konnten wenig Widerstand leisten. Die PSI schrumpfte von 216.000 Mitgliedern 1920 auf 61.000 im Jahr 1922; die Landarbeitergewerkschaft Federterra von mehr als 800.000 auf etwa 300.000 Mitglieder.

Partei, Diktatur und Führerkult

Nach dem Wahlerfolg im bürgerlichen Wahlblock von 1921 stritten Mussolinis Parteiführung und radikale Squadristen über den weiteren Kurs. Mussolini wollte den Faschismus in eine reguläre Partei und ein breites nationalistisches Machtkartell überführen. Radikale Provinzführer wie Dino Grandi und Italo Balbo forderten dagegen die vollständige Zerstörung der Arbeiterbewegung und eine „nationale“ Diktatur. Ein von Mussolini gebilligter „Befriedungspakt“ mit den Sozialisten scheiterte am Widerstand der Squadristen.

Auf dem Kongress in Rom wurde am 9. November 1921 der PNF gegründet. Er bekannte sich zu „Ordnung, Disziplin, Hierarchie“, Privateigentum, wirtschaftlicher „Effizienz“, Privatisierungen, niedrigeren Staatsausgaben und einem autoritären Staat. Die Squadre blieben bestehen, und mächtige Provinzführer behielten eigene Machtzentren. Die Partei hatte etwa 220.000 Mitglieder, überwiegend junge Männer bürgerlicher oder kleinbürgerlicher Herkunft. Besoldete Ämter machten sie zugleich zu einer Quelle von Einkommen und Status; Nepotismus, Korruption und Kämpfe um Posten prägten sie zunehmend.

1922 drohte Mussolini beim Marsch auf Rom mit einem Putsch und wurde vom König zum Ministerpräsidenten ernannt. 1925 verbot er die Sozialistische Partei und antifaschistische Organisationen. Innerparteiliche Wahlen wurden abgeschafft und radikale Gegner aus wichtigen Ämtern entfernt. Dennoch erreichte der PNF nie eine vollständige Herrschaft über alle gesellschaftlichen Bereiche wie die NSDAP in Deutschland.

Der Führerkult, der mussolinismo, stellte Mussolini als Duce ganz Italiens dar: als Arbeiter, Vater, Sportler, Frauenheld und Soldaten. Uniformen, martialisches Auftreten und Bezüge auf das antike Rom sollten Einheit, Stärke und imperiale Größe vermitteln. Die Propaganda konnte allerdings die inneren Machtkämpfe und die organisatorischen Schwächen des Regimes nicht beseitigen.

Imperium, Krieg und Judenverfolgung

Die faschistische Außenpolitik sollte Italien zur Großmacht und zur beherrschenden Macht im Mittelmeer, dem Mare Nostrum, machen. Nach dem Korfu-Zwischenfall besetzten italienische Truppen 1923 vorübergehend Korfu. Der Vertrag von Rom besiegelte 1924 die Annexion Fiumes; Zara war Italien bereits 1920 zugesprochen worden. Ebenfalls 1924 erhielt Italien Jubaland. Im äußerst brutal geführten Abessinienkrieg eroberte es bis zum 9. Mai 1936 ganz Abessinien. Von 1936 bis 1939 unterstützte Italien Francisco Francos Nationalisten im Spanischen Bürgerkrieg massiv.

1939 schloss Italien mit dem Deutschen Reich den „Stahlpakt“. Mussolini erklärte am 1. September 1939 zunächst die „Nichtkriegführung“, trat aber im Juni 1940 gegen England und Frankreich in den Zweiten Weltkrieg ein. Geplant war ein großes Imperium mit unter anderem Nizza, Korsika, Malta, Dalmatien, Albanien, Kreta, Tunesien, Ägypten und Sudan. Tatsächlich scheiterten der Angriff auf Frankreich, die Offensive in Nordafrika und der Feldzug gegen Griechenland oder mussten durch deutsche Hilfe gestützt werden. 1941 nahm ein italienisches Expeditionskorps am Krieg gegen die Sowjetunion teil. Nach der Kapitulation der Achsentruppen in Tunesien im Mai 1943 und der alliierten Landung auf Sizilien im Juli 1943 war das imperiale Projekt gescheitert.

Italienische Juden waren zunächst rechtlich gleichgestellt und konnten nach 1922 sogar dem PNF beitreten; etwa 200 Juden nahmen am Marsch auf Rom teil. Mussolini verurteilte Antisemitismus öffentlich, äußerte sich privat jedoch antisemitisch. Seit den frühen 1930er Jahren nahm die staatliche Kontrolle jüdischer Gemeinden zu. Den entscheidenden Wendepunkt bildete 1938 das von Mussolini veranlasste Manifesto della razza mit den anschließenden Rassengesetzen. Juden wurden als außereuropäisch, unitalienisch und nicht assimilierbar definiert.

39.000 jüdische Staatsbürger und 11.200 jüdische Ausländer wurden registriert und ausgegrenzt. Im September 1938 entfernte der Staat jüdische Schüler und Lehrer aus öffentlichen Schulen. Ab Herbst 1939 häuften sich körperliche Angriffe; ab Mai 1942 mussten alle erwachsenen Juden unter 56 Jahren Zwangsarbeit leisten, 1943 wurden sie interniert. In der Italienischen Sozialrepublik folgten Enteignung, Einweisung in italienische Konzentrationslager und Deportation über Durchgangslager in deutsche Vernichtungslager. Deutsche und italienische Stellen arbeiteten dabei zusammen, auch wenn einzelne italienische Militärkommandanten die Beteiligung verweigerten. Insgesamt wurden etwa 9.000 Juden unter faschistischer Herrschaft in deutsche Konzentrationslager deportiert und getötet.

Sturz, Kriegsende und Erinnerung

Nach den Niederlagen von 1942 und 1943 setzte der Große Faschistische Rat Mussolini 1943 mit Mehrheitsbeschluss ab. König Viktor Emanuel III. übernahm den militärischen Oberbefehl und beauftragte Marschall Pietro Badoglio mit einer Militärregierung, die den PNF und seine Gliederungen auflöste.

Im September 1943 besetzte das Deutsche Reich Italien. Deutsche Fallschirmjäger befreiten Mussolini am 12. September im „Unternehmen Eiche“. Im deutsch besetzten Norden entstand unter ihm die Italienische Sozialrepublik, auch „Republik von Salò“ genannt. Sie blieb mit Deutschland verbündet, führte die Einparteienherrschaft fort und bekämpfte die Regierung Badoglio sowie die Resistenza. Kommunistische, sozialistische, katholische und liberale Partisanen kämpften gegen deutsche Truppen und deren italienische Verbündete. Rom wurde am 4. Juni 1944 befreit; die Kämpfe verursachten schwere Zerstörungen und zahlreiche deutsche Kriegsverbrechen. Die Bezeichnung „nationaler Befreiungskrieg“ setzte sich weithin durch, während der ebenfalls verwendete Begriff „Bürgerkrieg“ umstritten blieb.

Partisanen nahmen Mussolini Ende April 1945 gefangen und erschossen ihn am 28. April in Mezzegra am Comer See. Am 29. April kapitulierten die deutschen Streitkräfte in Italien bedingungslos. Damit endete die faschistische Herrschaft.

Nach 1945 wurde der Faschismus in Italien anders verarbeitet als der Nationalsozialismus in Deutschland. Der Vergleich mit den deutschen Verbrechen verdeckte häufig Italiens eigene Beteiligung an Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden. Dazu trugen der intern eingeleitete Sturz Mussolinis und das Fehlen eines internationalen Kriegsverbrecherprozesses wie in Nürnberg bei. In der von der Resistenza geprägten Ersten Republik von 1946 bis 1993 galt die Verurteilung des Faschismus dennoch als gemeinsame Grundlage der demokratischen Parteien. Seit den politischen Veränderungen der frühen 1990er Jahre gewannen relativierende oder positive Deutungen an Einfluss. Neofaschistische Gruppen pflegen weiterhin einen Mussolini-Kult. Obwohl die Verherrlichung des Faschismus in Italien strafbar ist, werden die entsprechenden Gesetze nicht konsequent angewandt.

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