Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Toleranz

Toleranz, auch Duldsamkeit, bezeichnet als philosophischer und sozialethischer Begriff ein Gewährenlassen und Geltenlassen anderer oder fremder …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Funktionen, Formen und Grenzen
  3. 3. Von der Antike bis zur Reformation
  4. 4. Religionsfrieden und staatliche Sicherung
  5. 5. Aufklärung und moderne Freiheitsrechte

Grundidee und Bedeutung

Toleranz, auch Duldsamkeit, bedeutet, andere oder fremde Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten zu gewähren und gelten zu lassen. Sie ist ein philosophischer und sozialethischer Begriff. Umgangssprachlich wird Toleranz häufig mit der Anerkennung von Gleichberechtigung verbunden. Diese Anerkennung geht jedoch über die eigentliche Bedeutung der bloßen Duldung hinaus.

Der Gegenbegriff ist Intoleranz, also Unduldsamkeit gegenüber anderen Meinungen oder Weltanschauungen. Eine Steigerung der Toleranz ist die Akzeptanz: Sie bezeichnet eine gutheißende und zustimmende Haltung gegenüber einer anderen Person, ihrem Verhalten oder sich selbst.

In Rechtslehre, politischer Theorie, Soziologie und Ethik wird Toleranz unterschiedlich verwendet. Gemeinsam ist den Bedeutungen, dass es um den Umgang mit Konflikten in sozialen Systemen geht. Staatliche Erlasse, die religiösen oder anderen Minderheiten Duldung zusichern, heißen Toleranzedikte.

Funktionen, Formen und Grenzen

Toleranz ist besonders eng mit der religiösen Toleranz verbunden. Der Philosoph Max Müller versteht darunter den gegenseitigen Respekt gegenüber unterschiedlichen Auffassungen über die „Letzten Dinge“ und sieht ihre Grundlage im christlichen Liebesgebot.

Politisch und gesellschaftlich beschreibt Toleranz den Umgang einer geschlossenen Gesellschaft mit Minderheiten, deren Überzeugungen vom verbindlichen Wertesystem abweichen. Fremde Auffassungen werden zur Kenntnis genommen, müssen aber nicht übernommen werden. Dadurch schützt Toleranz einerseits das bestehende System und andererseits Menschen mit Minderheitsmeinungen vor Repression, also vor Unterdrückung und Verfolgung. Sie gilt deshalb als Grundbedingung der Humanität und ermöglicht eine friedliche theoretische Auseinandersetzung über konkurrierende Wahrheitsansprüche.

Andreas Urs Sommer definiert Toleranz allgemein als „soziales Relativierungsvermögen“. Dieses Vermögen hat nicht nur positive Seiten. Herbert Marcuses Begriff der „repressiven Toleranz“ kritisiert, dass berechtigte und vernünftige Kritik in einer Gesellschaft mit unklarem Wertepluralismus wirkungslos werden kann, wenn Toleranz allgemein als Norm gilt. Toleranz kann außerdem als ethische Indifferenz erscheinen, also als nachlassendes Bewusstsein für Gut und Böse. Kees Schuyt nennt sie eine unvollkommene Tugend, weil man dabei etwas zulässt, das man eigentlich für schlecht hält. Manche Autoren unterscheiden zwischen passiver und aktiver Toleranz.

Das philosophische Grundproblem verbindet Toleranz mit Wahrheit und Freiheit: Es stellt sich die Frage, ob einzelne Menschen oder Gruppen „die Wahrheit“ besitzen können und wie viel Freiheit gegenüber dem gewährt werden soll, was als Wahrheit angesehen wird.

Von der Antike bis zur Reformation

Im europäischen Kulturraum entwickelte sich die Toleranzidee aus der praktischen Aufgabe des Staates, Menschen mit verschiedenen religiösen Bekenntnissen in ein gemeinsames gesellschaftliches Leben einzubeziehen. Im Römischen Reich wurden die Religionen unterworfener Völker geduldet, solange sie die göttliche Verehrung des Kaisers als verbindendes Element des Staates akzeptierten. Weil Christen dies ablehnten, wurden sie verfolgt. Das Toleranzedikt des Galerius beendete die Christenverfolgungen im Jahr 311.

Das christliche Mittelalter unterschied zwischen „Ungläubigen“, zu denen Juden und Heiden gerechnet wurden, und Häretikern, also Menschen, die von einer bereits angenommenen Glaubenswahrheit abwichen. Juden und Heiden konnten toleriert werden, weil der Zugang zum Glauben nicht erzwungen werden dürfe; Papst Gregor der Große verlangte 602 Toleranz gegenüber Juden. Häretiker wurden dagegen verfolgt. Eine Religionsfreiheit, die über bloße Duldung hinausgeht, setzt die Trennung beziehungsweise Unterscheidung von Kirche und Staat sowie gesellschaftlichen Pluralismus voraus und entstand daher erst in der Neuzeit.

Paweł Włodkowic argumentierte auf dem Konzil von Konstanz, Heiden und Christen könnten friedlich zusammenleben. Er kritisierte die Eroberungskriege des Deutschen Ordens gegen heidnische Prußen und Litauer und vertrat Vorstellungen friedlicher Beziehungen zwischen Nationen, die als Vorläufer moderner Menschenrechte beschrieben werden.

Humanismus und Reformation förderten seit dem frühen 16. Jahrhundert die neuzeitliche Toleranzidee. Martin Luther betrachtete den Glauben an Jesus Christus als freies Geschenk des Heiligen Geistes, das nicht erzwungen werden könne. Häresien sollten mit der Verkündigung des Evangeliums statt mit Gewalt bekämpft werden: „Man sollte die Ketzer mit Schriften, nicht mit Feuer überwinden.“ Seine Haltung blieb jedoch widersprüchlich. Irrlehrer durften ausgewiesen und bei Störung der öffentlichen Ordnung mit dem Tod bestraft werden. Täufer wurden auch in lutherischen und reformierten Gebieten verfolgt, gefoltert und getötet. Luther befürwortete zudem Gewalt gegen weitere Gruppen. Auch Ulrich Zwingli verlangte die Ausweisung Andersgläubiger und in einigen Fällen die Hinrichtung von Täuferführern. Sebastian Castellio entwickelte dagegen eine Theorie religiöser und allgemeiner geistiger Toleranz. Die Täufer trugen durch ihre Forderung nach Duldung und ihr Leiden ebenfalls zur Entwicklung der neuzeitlichen Toleranz bei.

Luthers Zwei-Reiche-Lehre unterschied Geistliches und Weltliches grundsätzlich und bereitete damit die Trennung von Staat und Kirche vor. Verfolgte Minderheitskirchen wie Täufer und Hugenotten setzten diese Trennung zuerst praktisch um.

Religionsfrieden und staatliche Sicherung

Das Edikt von Torda war das erste neuzeitliche europäische Toleranzedikt. Es erkannte Lutheraner, Reformierte, Unitarier und Katholiken in Siebenbürgen als gleichberechtigte Konfessionen an und begründete erstmals eine allgemeine Religionsfreiheit theologisch. Orthodoxe und Juden waren formell nicht eingeschlossen. Die Konföderation von Warschau garantierte 1573 den Adligen Religionsfreiheit und gilt als Beginn staatlich gesicherter Religionsfreiheit in Polen-Litauen.

Vorläufer waren der Passauer Friede von 1552 und der Augsburger Religionsfriede von 1555. Der Augsburger Frieden legalisierte das nicht mehr zu beseitigende Nebeneinander der Kirchen: Zwischen den weltlichen Reichsständen bestand Toleranz, innerhalb der einzelnen Territorien Intoleranz und in den Reichsstädten Parität. Einzelne Menschen erhielten Glaubensfreiheit und ein Auswanderungsrecht. Zugleich wurde das Prinzip „Cuius regio, ejus religio“ – „Wessen Gebiet, dessen Religion“ – rechtlich verankert.

Der Westfälische Friede von 1648 bestätigte den Augsburger Frieden, erkannte zusätzlich die Reformierten an und gestattete religiösen Minderheiten private und häusliche Religionsausübung. Täufer beziehungsweise Mennoniten, Unitarier und Böhmische Brüder blieben jedoch außerhalb des Reichsrechts. Der Dreißigjährige Krieg änderte die Rechtslage kaum, verstärkte aber die Zweifel an der Berechtigung religiöser Intoleranz.

In Nordamerika verbanden Roger Williams und Thomas Hooker 1636 sowie William Penn 1682 demokratische Regierungsformen mit uneingeschränkter Religionsfreiheit. Rhode Island, Connecticut und Pennsylvanien wurden Zufluchtsorte für verfolgte religiöse Minderheiten. Auch Katholiken und Juden erhielten volle Bürgerrechte und freie Religionsausübung. Die Begründung lautete wie bei Luther, dass der christliche Glaube als freies Geschenk des Heiligen Geistes nicht erzwungen werden könne.

Aufklärung und moderne Freiheitsrechte

John Locke entwarf 1667 einen Aufsatz, der 1689 anonym auf Latein als „Epistola de tolerantia“ („Brief über die Toleranz“) erschien. Weitere Briefe folgten 1690 und 1692. Locke befürwortete die Duldung verschiedener religiöser Bekenntnisse, schloss den Atheismus jedoch aus und tolerierte den Katholizismus nur eingeschränkt. In England verabschiedete das Parlament 1689 den ähnlich ausgerichteten Toleration Act.

Einen entscheidenden Schritt bildete die Verankerung der Religionsfreiheit als Menschenrecht in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, in der Verfassung und in der Bill of Rights. Baptisten und Presbyterianer arbeiteten trotz theologischer Unterschiede mit Deisten wie Thomas Jefferson zusammen, um Religionsfreiheit und die Trennung von Staat und Kirche in der Verfassung zu sichern. Die Unabhängigkeitserklärung leitete Gleichheit sowie das Recht auf Leben und Freiheit einschließlich der Religionsfreiheit aus dem biblischen Schöpfungsglauben ab: Diese Rechte seien den Menschen von „ihrem Schöpfer“ („their Creator“) verliehen.

Während der Aufklärung wurde die Forderung nach Toleranz auf alle Konfessionen und schließlich über die Religion hinaus auf anders denkende und handelnde Menschen ausgedehnt. Gotthold Ephraim Lessings 1779 veröffentlichtes Drama „Nathan der Weise“ formulierte den Toleranzgedanken in der Ringparabel am Beispiel der drei großen monotheistischen Religionen. Voltaire trat 1763 im „Traité sur la tolérance“ („Abhandlung über den Toleranzgedanken“) für uneingeschränkte Glaubens- und Gewissensfreiheit ein.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verstand das „Conversations-Lexikon“ Toleranz noch als Zulassung von Personen oder Gesellschaften, deren Religion von der herrschenden Religion eines Ortes oder Landes abwich. Goethe verlangte dagegen in „Maximen und Reflexionen“, Toleranz müsse von einer vorübergehenden Duldung zur Anerkennung führen: „Dulden heißt beleidigen.“ John Stuart Mill verwendete Toleranz in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwar weiterhin vor allem im traditionellen religiösen Sinn, betonte aber die individuellen Freiheiten. Seit Mill wird Toleranz deshalb nicht mehr nur als Verhältnis zwischen Gruppen betrachtet, sondern auch als Verhältnis von Gruppen zu einzelnen Menschen und von Individuen untereinander.

Lernvideos zu Toleranz

Weiterlesen

Gleichberechtigung Gleichberechtigung bezeichnet die Gleichheit verschiedener Rechtssubjekte in einem bestimmten Rechtssystem. Inhaltsverzeichnis. 1 Grundlagen. 1.1 Geschichte. Aufklärung Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. Aufklärung und Barock, die oft als Gegensätze gesehen werden, entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im … Toleranzedikt Ein Toleranzedikt ist ein regierungsamtlicher Erlass (Edikt), der religiösen Minderheiten die Duldung zusichert. Oftmals waren Toleranzedikte in der … Ethik Ein aussichtsreiches Beispiel für eine nachpositivistische Ethik ist die am Kriterium des zwangfreien Konsenses orientierte Diskursethik. Mit der … Das Böse Unter diese Gebrauchsregel fällt auch die Bezeichnung von sündhaftem Verhalten als böse, falls es sich religiös begründeten Normen verschließt oder sie bewusst … Christenverfolgungen im Römischen Reich Als Christenverfolgungen im Römischen Reich wird eine Reihe von Maßnahmen zur Unterdrückung des Christentums im Römischen Reich bezeichnet. Mittelalter Als Mittelalter wird in der europäischen Geschichte die Epoche zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit bezeichnet, also etwa die Zeit … Häresie Der Begriff Häresie wird vorwiegend in der katholischen Kirche gebraucht, aber auch im Kontext der orthodoxen, protestantischen bzw. evangelischen Kirchen sowie … Religionsfreiheit In gewissen Staaten bildet eine Religion die jeweilige Staatsreligion (auch „offizielle Religion“ genannt) und wird vom Staat bevorzugt. Dies ist in … Säkularisierung Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Annahme, dass durch Humanismus und Aufklärung ausgelöste Prozesse Bindungen an Religion gelockert oder gelöst und … Pluralismus (Politik) In einer pluralistischen Gesellschaft wird es in der Regel kein absolutes Machtzentrum geben, Macht wird auf verschiedene Institutionen verteilt. Neuzeit Unter kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten außerdem als Wendemarken anzusehen sind Renaissance, Humanismus und die Entwicklung des Buchdrucks in Europa mit …