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Häresie
Der Begriff Häresie wird vorwiegend in der katholischen Kirche gebraucht, aber auch im Kontext der orthodoxen, protestantischen bzw. evangelischen Kirchen sowie …
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Definition und Abgrenzung
Häresie ist im engeren Sinn eine Aussage oder Lehre, die kirchlich-religiösen Glaubensgrundsätzen widerspricht. Im weiteren Sinn bezeichnet sie eine vom Anerkannten abweichende Lehre, Meinung, Doktrin, Ideologie, Weltanschauung oder Philosophie. Ein Vertreter einer Häresie heißt Häretiker. Ähnliche Begriffe sind Heterodoxie, Ketzerei und Irrlehre; der Gegenbegriff ist Orthodoxie, also Rechtgläubigkeit. Eine Position kann nur im Verhältnis zu einer anderen, als orthodox angesehenen Position häretisch sein.
Heute bezeichnet „Ketzerei“ häufig auch eine beliebige Abweichung von einer allgemein anerkannten Meinung oder Verhaltensnorm. „Häresie“ und „Häretiker“ werden dagegen meist in ihrer kirchlich-theologischen und historischen Bedeutung verwendet. Im islamischen Zusammenhang ist auch der Begriff Zandaqa üblich.
Häresiologie ist die kirchlich geprägte Lehre von den Häresien: Eine Kirche legt dabei aus ihrer eigenen, subjektiven Sicht fest, was als Häresie gilt und wie diese erkannt wird. Eine Häresiographie ist eine Abhandlung über Häresien.
Von der Häresie ist das Schisma zu unterscheiden. Ein Schisma ist eine Spaltung wegen eines Konflikts um die kirchliche Ordnung, ohne dass zwingend unterschiedliche Glaubenslehren bestehen müssen. Es kann aber mit einer Häresie verbunden sein, wie beim Donatismus. Beim abendländischen Schisma teilten die getrennten Gruppen dagegen im Wesentlichen dieselben Glaubensinhalte.
Entstehung christlicher Lehrgrenzen
Im Urchristentum und im Neuen Testament bestanden unterschiedliche theologische Sichtweisen. Dabei unterschied man zwischen Adiaphora, also für den Glauben nicht entscheidenden Fragen, und verbindlichen Lehren. Zu Lebzeiten der Apostel galten diese als letzte Autorität, etwa beim Apostelkonzil.
Bis ins 4. Jahrhundert gab es keine zentrale Instanz für Lehrentscheidungen. Auch der Bischof von Rom besaß damals noch keine solche allgemeine Autorität. Zunächst prägten die kirchlichen Metropolen Antiochia, Alexandria und Rom ihre jeweiligen Gebiete; später kamen Konstantinopel und in geringerem Maße Jerusalem hinzu. Kirchenväter wie Augustinus sowie Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz setzten sich argumentativ mit abweichenden Lehren auseinander. Als kirchliches Zwangsmittel stand vor allem die Exkommunikation, also der Ausschluss aus der Kirche, zur Verfügung.
Vom 4. bis zum 10. Jahrhundert entschieden ökumenische Konzilien über Lehren für die gesamte Kirche. Ihre Beschlüsse werden bis heute von orthodoxen, katholischen und den meisten protestantischen Kirchen anerkannt. Ihnen gingen gewöhnlich längere Diskussionen voraus; entschieden wurde meist aufgrund eines Mehrheitskonsenses. Beim Arianismus stand die politische Macht zeitweise auf der nicht-orthodoxen Seite.
Frühe synkretistische Bewegungen verbanden christliche Glaubenssätze mit anderen Religionen oder eigenen Konstruktionen. Dazu gehörten Gnostizismus, Markionismus, Montanismus und Manichäismus. Judenchristliche Gruppen wie Nazoräer, Ebioniten und Elkesaiten hielten in unterschiedlicher Form am jüdischen Ritualgesetz fest.
Wichtige christliche Lehrstreitigkeiten
Die katholische, die orthodoxen und die protestantischen Kirchen lehren, dass Christus zugleich völlig göttlich, also „wahrer Gott“, und völlig menschlich, also „wahrer Mensch“, ist. Außerdem gelten die drei Personen der Trinität als gleichrangig und ewig. Die genaue Formulierung dieser Lehre entwickelte sich über Jahrhunderte. Das nicänische Glaubensbekenntnis entstand als Reaktion auf christologische Häresien.
Zu den wichtigen abgelehnten Auffassungen gehören:
- Der Adoptionismus beziehungsweise dynamische Monarchianismus des 2. und 3. Jahrhunderts versteht Jesus als Menschen, der bei der Taufe von Gott adoptiert wurde und durch den Gott wirkt.
- Der Apollinarianismus um 360 lehrt, in Christus habe der göttliche Logos die menschliche Seele ersetzt; nur sein Körper sei menschlich.
- Nach dem Arianismus steht Christus unter Gott und ist ein geschaffenes Wesen, das jedoch vor allen anderen Wesen geschaffen wurde.
- Der Modalismus des 2. und 3. Jahrhunderts sieht Gott als eine einzige Person, die sich nacheinander als Schöpfer, Jesus Christus und Heiliger Geist zeigt.
- Monophysitismus und Doketismus schreiben Jesus nur eine göttliche Persönlichkeit zu: Er sei nur scheinbar Mensch oder seine menschliche Natur sei in der göttlichen aufgegangen.
- Der Nestorianismus des 5. Jahrhunderts unterscheidet in Jesus zwei deutlich getrennte Persönlichkeiten als Gott und Mensch.
Ekklesiologische Häresien betreffen die Kirche, ihre Sakramente oder das Verhältnis von Sünde und Erlösung. Der Donatismus des 4. Jahrhunderts machte die Gültigkeit von Taufe und Priesterweihe vom Charakter und Glauben des Priesters abhängig. Der Pelagianismus des 5. Jahrhunderts lehnte die Erbsünde ab und lehrte, der Mensch könne aus eigener Kraft alle Gebote Gottes einhalten.
Katholische Definition und historisches Vorgehen
Nach katholischer Definition ist Häresie die beharrliche Leugnung oder das beharrliche Zweifeln an einer zu glaubenden Wahrheit nach Empfang der Taufe. Häretiker kann deshalb nur sein, wer zuvor katholischer Christ war und später bewusst an einer gegensätzlichen Position festhält.
Die katholische Schultheologie unterschied Abstufungen: Eine nicht ausdrücklich verworfene Auffassung oder der Widerspruch zu einer weniger wichtigen Lehre hieß sententia haeresi proxima, „eine Meinung nahe der Häresie“. Eine propositio theologice erronea, eine „irrige theologische Vorstellung“, behauptet selbst keine Häresie, kann aber zu häretischen Folgerungen führen. Eine suspecta sententia de haeresi ist eine „vermutete Abweichung“, bei der Konflikte möglich, aber nicht notwendig sind. Kritisiert wird, dass solche Einstufungen nur innerhalb einer Tradition mit einheitlicher theologischer Sprache und einheitlichen Denkformen zuverlässig funktionieren.
Zunächst bekämpfte die Kirche abweichende Lehren durch Polemik, Widerlegung und Exkommunikation. Die frühe Kirche lehnte die gewaltsame Beseitigung von Häretikern und Abtrünnigen ab; im ersten Jahrtausend gab es nur eine offizielle Vernichtung eines Häretikers, den Fall Priscillian.
Im Mittelalter wurde Häresie auch für weltliche Herrscher bedeutsam. Im 11. und 12. Jahrhundert ordneten Päpste Gefangenschaft und Einziehung des Eigentums an. Fürsten, die Häretiker nicht bestraften, wurde die Exkommunikation angedroht. 1022 wurden bei der Häresie von Orléans erstmals nachweislich Häretiker im christlichen Mittelalter verbrannt. Nach Konflikten mit Katharern, Amalrikanern und Waldensern entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Inquisition. Kirchliche und weltliche Institutionen arbeiteten teilweise zusammen, etwa beim Templerprozess: 1307 wurden die Templer auf Befehl des französischen Königs verhaftet; 1312 wurde ihr Orden aufgelöst.
Die katholische Kirche betrachtete auch die Reformation als Häresie. Sie wies unter anderem sola scriptura, die Bibel als einzige Glaubensnorm, und sola fide, die Rechtfertigung allein durch Glauben, zurück. Weitere Streitpunkte waren das allgemeine Priestertum, die Transsubstantiation in der Eucharistie und der Canon Missae. Als Reaktion wurde die Kongregation für die Glaubenslehre, das Sanctum officium, zur letzten Instanz für Glaubensfragen eingerichtet.
Häresie in christlichen Kirchen der Neuzeit
In der katholischen Kirche wurden neuzeitliche Bewegungen weiterhin als häretisch verurteilt, jedoch nicht mehr weltlich bestraft. Dazu zählen der Jansenismus des 17. Jahrhunderts mit seiner Lehre einer absoluten Prädestination, der Gallikanismus mit seiner Begrenzung päpstlicher Macht, Sozinianismus und Psilanthropie, die Altkatholischen Kirchen nach ihrer Ablehnung der Dogmen von 1870 sowie der Sedisvakantismus. Dieser behauptet, die katholische Kirche sei nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962–1965 von der wahren Lehre abgewichen und die Päpste seien seit 1958 oder 1963 nicht mehr rechtmäßig im Amt.
In den orthodoxen Kirchen wurden die russischen Altgläubigen wegen ihrer Ablehnung der Reformen Patriarch Nikons 1667 ausgeschlossen. Die Altkalendarier in Griechenland und Südosteuropa lehnten seit 1924 den Neujulianischen Kalender ab.
Im Protestantismus ist das Wort Häresie weniger gebräuchlich. Dennoch grenzten sich protestantische Kirchen von bestimmten Lehren und Gruppen ab. Das Augsburger Bekenntnis von 1530 verurteilte die Täufer. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden unter anderem Thomas Müntzer, Michael Servetus und Täufer verfolgt; danach blieben Lehrkonflikte meist ohne weltliche Strafen. Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 bezeichnete die Lehren der Deutschen Christen, das Führerprinzip und den nationalsozialistischen Weltanschauungsstaat als „falsche Lehre“. 1974 erklärte der Ökumenische Rat der Kirchen Rassismus für unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Heute kann ein protestantisches Lehrbeanstandungsverfahren zum Entzug der Ordinationsrechte führen.
Nichtkanonische Kirchen werden seit dem späten 20. Jahrhundert meist nicht mehr mit Kirchenbann belegt. Traditionelle Kirchen erklären jedoch teilweise ihre Lehren und Praxis für unvereinbar mit dem kanonischen Kirchenrecht und betrachten ihre Weihen und Sakramente als ungültig.
Häresie in anderen Religionen und Ideologien
Im orthodoxen Judentum gilt als häretisch, was von der traditionellen talmudischen Überlieferung abweicht. Als heterodoxe Gruppen werden unter anderem Samaritaner, Karäer und die Anhänger Schabbtai Zvis genannt. Orthodoxe Juden betrachten auch Reformjudentum und Rekonstruktionismus als häretisch; das ultraorthodoxe Judentum wendet diese Bezeichnung auf alle an, die sein Verständnis von Maimonides’ 13 Grundregeln zurückweisen. Eine solche Verurteilung hebt die Zugehörigkeit eines gebürtigen Juden zur jüdischen Schicksalsgemeinschaft nicht auf. Orthodoxe erkennen jedoch die Legitimität nicht-orthodoxer Gemeinden und die Konversion zu einer als häretisch geltenden Richtung nicht unbedingt an.
Im Islam entspricht Ilḥād ungefähr dem Begriff Häresie; eine Person, die Ilḥād ausübt, heißt Mulhid. Daneben bezeichnet Zandaqa abweichende Lehren. Sunniten und Schiiten betrachteten einander lange als häretisch, gelangten aber in den 1930er Jahren zu gegenseitiger Anerkennung. Zahlreiche Schulen und Gruppen wurden oder werden unterschiedlich beurteilt, darunter Aleviten, Assassinen, Babis und Bahai, Drusen, Chawaridsch und Muʿtazila. Die Ahmadiyya ist seit 1974 in Pakistan rechtlich verboten, ausgeschlossen und organisatorisch verfolgt. Manche früher umstrittenen Gruppen werden heute von islamischen Gerichten und religiösen Institutionen respektiert.
Im japanischen Nichiren-Buddhismus betrachten einige Schulen andere Auslegungen des Lotos-Sutra sowie Richtungen wie Amida-, Zen- und Shingon-Buddhismus als häretisch. Teilweise verweigern sie den Austausch von Leistungen und Gütern und verwenden Shakubuku, eine aggressiv-argumentative Widerlegung mit dem Ziel der Bekehrung.
Häresie tritt grundsätzlich in vielen Religionen auf, besonders deutlich jedoch in monotheistischen Religionen sowie in fundamentalistischen Gruppen und Sekten. Vergleichbare Mechanismen finden sich auch in säkularen Ideologien. Im Stalinismus und Maoismus wurden Abweichler etwa als Opportunisten, Revisionisten, Reaktionäre, Trotzkisten oder Renegaten bezeichnet. Für die Untersuchung von Häresien ist deshalb die Machtfrage wichtig: Gruppen und Institutionen konkurrieren darum, verbindlich festzulegen, welche Glaubens- und Lehrinhalte anerkannt werden.