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Säkularisierung
Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Annahme, dass durch Humanismus und Aufklärung ausgelöste Prozesse Bindungen an Religion gelockert oder gelöst und …
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Bedeutung und Grundbegriffe
Säkularisierung bezeichnet die Loslösung von religiösen Normen, den Rückgang religiöser Überzeugungen und die Verlagerung von Religion aus der öffentlichen in eine private Sphäre. Im engeren Sinn meint sie die Annahme, dass Humanismus und Aufklärung religiöse Bindungen gelockert und Fragen der Lebensführung der autonomen menschlichen Vernunft zugeordnet haben. Soziologisch wird sie als „sozialer Bedeutungsverlust von Religion“ verstanden.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Säkularisierung als Prozess und Säkularität als Zustand einer Gesellschaft. Max Weber beschrieb den Prozess als „Entzauberung der Welt“: Religiöse Deutungen verlieren gegenüber anderen Formen der Welterklärung an Bedeutung. In Umfragen wird Säkularisierung oft formal daran gemessen, ob Religion in modernen Gesellschaften sozial an Bedeutung verliert. Ein materialer Begriff untersucht dagegen, wie sich Weltbilder und Lebensentwürfe inhaltlich verändern.
Säkularisierung kann auch die Trennung von Religion und Staat meinen. Ernst-Wolfgang Böckenförde beschreibt sie als „Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“. Außerdem können ursprünglich religiöse Vorstellungen, etwa Paradies, Sünde, Erlösung oder Apokalypse, in Philosophie und allgemeinen Zeitgeist übergehen.
Historische Entwicklung und moderne Demokratie
Säkularisierung tritt in der Geschichte als Teil sozialen Wandels auf. Im antiken Griechenland des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. löste sich beispielsweise das Theater von seinen kultisch-religiösen Inhalten und wurde zu einer eigenständigen Kunstgattung. Im institutionellen Sinn bedeutet Säkularisierung auch die Abschaffung einer Staatsreligion und damit einen Machtverlust religiöser Institutionen, besonders der Kirchen, zugunsten des Staates.
In der westlichen Welt gilt die Trennung von Staat und religiösen Institutionen weithin als notwendige Voraussetzung einer Demokratie. In einer säkularen Demokratie sollen nicht religiös begründete Glaubenssätze, sondern Wählerwille, Gemeinwohl sowie Freiheit, Gleichheit und Solidarität politisches Handeln leiten.
Als relativ unstrittiger Kern der heutigen Forschung gilt die funktionale Differenzierung: Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und Erziehung entwickeln sich zu eigenständigen Bereichen und lösen sich zunehmend von religiösen Deutungsmustern. Umstritten bleiben jedoch Ausmaß, Geschwindigkeit und Linearität eines Rückgangs von Religiosität. Säkularisierung wird oft mit Modernisierung verbunden; ob diese Verbindung wertfrei ist, wird selbst diskutiert.
Modelle der Religionssoziologie
Die klassische Säkularisierungsthese nimmt eine Grundspannung zwischen Moderne und Religion an: Wissenschaft habe die Welt entzaubert, daher nehme Religion dauerhaft ab. Frühe Vertreter waren Émile Durkheim und Georg Simmel. Peter L. Berger sagte 1968 voraus, religiöse Gläubige würden im 21. Jahrhundert vermutlich nur noch kleine Gruppen bilden. Seit den 1990er-Jahren revidierte er dies: Außer in West- und Zentraleuropa sowie einer internationalen säkularen Intelligenz sei die Welt weiterhin stark religiös.
Die Individualisierungs- oder Privatisierungsthese geht von einer dauerhaften menschlichen Grundfunktion von Religiosität aus. Religion verschwindet demnach nicht unbedingt, sondern verlagert sich von Kirchen und anderen Institutionen auf die persönliche Ebene. Grace Davie fasste den europäischen Befund mit „Believing without Belonging“ zusammen: Der Glaube im weiteren Sinn nimmt weniger stark ab als die Bindung an Kirchen.
Das Marktmodell sieht ebenfalls eine konstante Grundfunktion von Religion, erwartet aber einen positiven Effekt konkurrierender religiöser Angebote. Es orientiert sich am religiösen Pluralismus der USA; ein wichtiges ökonomisches Modell stammt von Rodney Stark.
Charles Taylor betont statt eines bloßen Werteverlusts die Optionalisierung: Gottesglaube ist nicht mehr selbstverständliche Normalvoraussetzung, sondern eine von mehreren gleichberechtigten Möglichkeiten der Sinn- und Transzendenzerfahrung. Seine Theorie bezieht sich ausdrücklich auf Europa und Nordamerika. Jürgen Habermas’ Begriff der „postsäkularen Gesellschaft“ und José Casanovas Idee einer „Deprivatisierung“ lenken den Blick darauf, dass religiöse Akteure im öffentlichen Raum sichtbar und legitim bleiben oder wieder werden können.
Unterschiedliche Verläufe weltweit
Säkularisierung verläuft von Land zu Land sehr unterschiedlich. Die Tabelle des Artikels misst den Anteil Erwachsener, die sich selbst als „religiös“ bezeichnen. Von 2005 bis 2012 sank dieser Anteil weltweit im Durchschnitt von 77 % auf 68 %, also um 9 Prozentpunkte. Besonders große Rückgänge verzeichneten Vietnam mit 23 Prozentpunkten, Irland mit 22, die Schweiz und Frankreich mit je 21 sowie Südafrika mit 19. In den USA sank der Wert von 73 % auf 60 %, in Kanada von 58 % auf 46 %.
Es gibt weiterhin Länder mit nahezu 100 % Religiosität, etwa Indien. Auch dort ist Religion für jüngere Befragte meist weniger wichtig als für ältere. Als Ausnahme wird Israel genannt, wo der Einfluss der Religion bei Jüngeren zugenommen habe. Nach einer Studie des Pew Research Centers soll der Anteil der konfessionslosen Weltbevölkerung von 15,6 % im Jahr 2020 auf 13,2 % im Jahr 2050 sinken.
Pippa Norris und Ronald Inglehart erklärten 2004 mit ihrer Theorie der existenziellen Sicherheit, dass Säkularisierung besonders bei hoher sozialer und materieller Sicherheit voranschreite. Unsicherheit und hohe Fertilitätsraten stabilisierten dagegen Religiosität. Deshalb könne die absolute Zahl religiöser Menschen weltweit trotz Säkularisierung in vielen Industriegesellschaften wachsen. Detlef Pollack und Gert Pickel verweisen zusätzlich auf kulturelle und institutionelle Pfadabhängigkeit: Selbst bei ähnlichem Modernisierungsniveau können europäische Länder sehr verschiedene Säkularisierungsverläufe haben.
Beispiele in Europa, Amerika und der islamischen Welt
In Europa begann Säkularisierung mit der Aufklärung; die Französische Revolution und der Sozialismus werden als vorläufige Höhepunkte mit dem Ziel einer völligen Abschaffung von Religion genannt. In Deutschland stieg der Anteil Konfessionsloser von 3,6 % im Jahr 1950 auf 22,4 % im Jahr 1990 und 42,0 % im Jahr 2021. Zugleich bestehen unter anderem Kirchensteuer, Religionsunterricht, staatliche Alimentierung von Bischöfen, Privilegien für Tendenzbetriebe und Tanzverbote an bestimmten christlichen Feiertagen fort.
Die USA sind seit ihrer Konstitution von 1776 ein säkularer Staat, während Religiosität gesellschaftlich einen hohen Stellenwert behielt. Die Vielfalt christlicher Konfessionen und religiöse Toleranz verhinderten eine einheitliche Kirche mit politischer Macht. Von 2008 bis 2015 stieg der Anteil der Menschen ohne religiöse Zugehörigkeit von 16 % auf knapp 23 %. In Kanada nahm der Anteil ohne religiöse Zugehörigkeit von 12,6 % 1991 auf 23,9 % 2011 zu. 2017 meinten 51 % der Kanadier, Religion richte mehr Schaden als Nutzen an; 34 % hielten eine wichtige politische Rolle der Religion für richtig, gegenüber 45 % im Jahr 2011.
In vielen islamischen Ländern gibt es seit den 1970er-Jahren fundamentalistische Bewegungen, teils als Reaktion auf Säkularisierung, teils auf korrupte diktatorische Regierungen. Gleichzeitig wird ein vor allem durch das Internet getragener Trend zur Säkularisierung genannt. In Albanien führte Enver Hoxha 1967 ein totales Religionsverbot ein; das Land wurde zum „ersten atheistischen Staat der Welt“ erklärt. Die Türkei ist seit der Republikgründung 1923 laizistisch; dazu gehörten unter anderem die Abschaffung des Kalifats, der Gregorianische Kalender und die Schulpflicht.
Demografie, Gender und Kritik
Ronald Inglehart und Pippa Norris weisen auf einen Zusammenhang von Säkularisierung und Demografie hin: In säkularisierten Gesellschaften sinke die Geburtenrate unter die Bestandserhaltungsgrenze. Weltweit wüchsen religiöse Populationen, während säkulare schrumpften. Für Deutschland wird anhand von ALLBUS-Daten und einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft bestätigt, dass nicht religiöse Menschen durchschnittlich weniger Kinder haben als religiöse Menschen.
Joan Wallach Scott betont den Gender-Aspekt. Im antiklerikalen Frankreich des 19. Jahrhunderts wurde Frauen angebliche „Leichtgläubigkeit“ und „Aberglauben“ zugeschrieben; auch deshalb verweigerte man ihnen das Wahlrecht. In heutigen Debatten um Laizität können Verbote öffentlich getragener religiöser Symbole besonders Musliminnen und Muslime betreffen. Der Artikel merkt kritisch an, dass Scotts Beitrag die Perspektive Betroffener und die Debatte über Eurozentrismus zu wenig berücksichtigt.
Kritik an der Säkularisierungsthese verweist auf starke Religiosität etwa in Südkorea, Russland und den USA sowie auf ein Wechselspiel von Säkularisierung und (Re-)Sakralisierung. Pollack erklärt die vergleichsweise hohe Religiosität der USA unter anderem mit existenzieller Unsicherheit, sozialer Ungleichheit und Zuwanderung gläubiger Menschen aus Lateinamerika. Michael Bergunder kritisiert zudem, dass die Begriffe „Religion“, „Esoterik“ und „Säkularisierung“ oft europäische Geschichte zum Maßstab machen. Er fordert, diese Allgemeinbegriffe historisch und im globalen Diskurs zu untersuchen. Insgesamt gilt die klassische universalistische These heute als überholt oder überarbeitungsbedürftig; die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften bleibt dagegen weithin anerkannt.