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Das Böse

Unter diese Gebrauchsregel fällt auch die Bezeichnung von sündhaftem Verhalten als böse, falls es sich religiös begründeten Normen verschließt oder sie bewusst …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und philosophische Deutung
  2. 2. Wichtige philosophische Positionen
  3. 3. Moralische Urteile und Normen
  4. 4. Religionen und religiöse Modelle
  5. 5. Personifikationen, Zuordnungen und Symbole

Grundbegriff und philosophische Deutung

Das Böse ist der Gegenbegriff zum Guten und ein zentraler Gegenstand von Religion, Religionswissenschaft, Kulturwissenschaft, Religionsphilosophie und philosophischer Ethik. Es wird als Inbegriff des moralisch Falschen verstanden, als Kraft, die moralisch falsches Handeln antreibt, oder in manchen Vorstellungen als mythologische Grundkraft, die das Weltgeschehen beeinflusst und dem Guten in einem dualistischen oder gegnerischen Verhältnis gegenübersteht. Das Substantiv bezeichnet keine eigene Substanz und keinen Gegenstand, sondern etwas Attributives: Als „böse“ gilt im allgemeinen Sprachgebrauch etwas Unangenehmes oder Schädigendes, besonders ein Verhalten, das eigenwillig gegen den Willen anderer gerichtet ist oder diesen nicht berücksichtigt. Auch sündhaftes Verhalten kann als böse gelten, wenn es religiöse Normen bewusst verletzt.

In der philosophischen Ethik wird meist eine Handlung oder der Wille zu einer Handlung als böse bezeichnet, wenn sie moralisch unzulässig bewertet wird. Je nach ethischer Theorie unterscheiden sich die Kriterien: Konsequentialistische Theorien beurteilen die Folgen, teleologische Theorien die Ziele, deontologische Theorien Pflichten, Regeln oder betroffene Güter, gesinnungsethische und teilweise tugendethische Ansätze vor allem den Willen.

Zwei Grundauffassungen werden unterschieden: Die Privationstheorie versteht das Böse als bloßen Mangel an Sein oder Gutem. Klassische Vertreter sind Plotin, Augustinus, Thomas von Aquin und Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Perversionstheorie versteht das Böse dagegen als eigene Wirklichkeit, die die Ordnung des Guten aktiv verkehrt; Vertreter sind vor allem Kant, Schelling und Kierkegaard.

Wichtige philosophische Positionen

In der Philosophiegeschichte wurde der Ursprung des Bösen sehr unterschiedlich erklärt. Epiktet betont, dass das Schlechte in der Weltordnung keine Erstursache sein könne, weil ein Ziel nicht zum Verfehlen aufgestellt werde. Zugleich stellt der Wille zum Bösen die Frage, wie Böses überhaupt entstehen kann.

Augustinus erklärt das Böse aus dem freien Willen des Menschen. Durch die Erbsünde habe der Mensch seinen freien Willen verloren und trage Schuld an seinem Leiden. Zugleich wird das Böse bei Augustinus und vielen mittelalterlichen Denkern als substanzlos verstanden: Es ist ein Mangel des Guten, ähnlich wie Blindheit ein Mangel an Sehfähigkeit oder Kälte die Abwesenheit von Wärme ist.

Benedict de Spinoza deutet „böse“ als subjektive Zuschreibung: Was die Selbstbehauptung des Einzelnen hemmt, nennt dieser „böse“, entsprechend nennt er Förderliches „gut“. De Sade beschreibt böse Menschen als individualistische, zweckrationale Egoisten und Zyniker, denen es nur um eigenen Genuss geht und die nur aus Vorteil kooperieren. Immanuel Kant spricht 1793 in Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft vom radikalen Bösen als Bestandteil der menschlichen Natur, weil der Mensch sowohl Vernunftwesen als auch Wesen mit empirischen Bedürfnissen ist. Friedrich Nietzsche sieht das Böse als Konstrukt christlicher Sklavenmoral, die eine frühere Unterscheidung von gut und schlecht in gut und böse umgedeutet habe.

Karl Jaspers unterscheidet drei Stufen des Verhältnisses von Gut und Böse: Im moralischen Verhältnis ist böse, sich von unmittelbaren Antrieben statt von sittlichen Gesetzen leiten zu lassen. Im ethischen Verhältnis ist böse die Schwäche, die der Neigung nachgibt, und auch eine Scheingüte, die Verantwortung vermeidet. Im metaphysischen Verhältnis ist böse der Wille zum Bösen, also ein Wille zur Zerstörung. Bei Jaspers entscheidet nicht das Handlungsergebnis über das Böse, sondern die Wahl des Antriebs und der Mittel.

Moralische Urteile und Normen

Moderne ethische Positionen unterscheiden sich darin, ob sie moralische Urteile als abhängig vom Standpunkt ansehen oder feste moralische Wahrheiten annehmen. Moralischer Relativismus, Pragmatismus und Subjektivismus betonen in unterschiedlicher Stärke, dass die Bewertung einer Handlung vom Kontext der Situation und des Beurteilenden abhängt. Andere Positionen gehen von kontextunabhängigen moralischen Werten und Gütern aus. Besonders deontologische Theorien, also Pflichtethiken, werden dabei manchmal als rigoristisch kritisiert.

In vielen Gesellschaften und Religionen gibt es Konventionen, die Handlungen moralisch bewerten. Umstritten ist, welchen Stellenwert solche Konventionen für die Begründung moralischer Urteile haben. Kant unterschied zwischen einem freien öffentlichen Gebrauch der Vernunft und einem an Institutionen gebundenen Gebrauch. Ein Prediger müsse als Gelehrter religiöse Konventionen prüfen dürfen, sei aber als Mitglied seiner Kirche verpflichtet, sie zu befolgen.

Theologische Ethiken vertreten teils Zwischenpositionen. Alfons Auer meint, ethische Urteile könnten ihren Motivationshorizont aus religiösen Überzeugungen beziehen, müssten aber autonom begründet werden. Dietmar Mieth unterscheidet soziale Normen, sittliche Normen, deontologische Normen und teleologische Normen. Soziale Normen entlasten Menschen von ständiger Reflexion. Sittliche Normen beruhen auf Wertabwägungen. Deontologische Normen gebieten oder verbieten immer, etwa Wahrheit sagen und Lüge meiden. Teleologische Normen beziehen sich auf Wirkungen des Handelns. Nach Mieth hilft normative Ethik vor allem dabei, das Böse abzugrenzen und dadurch einen Rahmen für das Gute zu gewinnen. Schmidt-Salomon hält den Begriff des Bösen dagegen ethisch nicht für sinnvoll, weil niemand sich selbst als böse verstehe; er sieht ihn vor allem als Kampfbegriff zur Ausgrenzung anderer.

Religionen und religiöse Modelle

In der Religionswissenschaft werden zwei Formen des Bösen unterschieden: Böses in der menschlichen Sphäre als Gegenpol des sittlich Guten und böse göttliche oder geistige Mächte und Kräfte, die schädlich wirken; Letzteres wird als „numinoses Böse“ bezeichnet. In manchen Religionen und religiösen Strömungen wird die Welt als Schauplatz eines Kampfes zwischen Gut und Böse gedeutet. Ein solcher Dualismus steht jedoch in Spannung zu strengem Monotheismus, weil neben einem einzigen Schöpfergott keine zweite unabhängige böse Macht bestehen kann.

Im Judentum gibt es das Böse nicht als eigenständige Kraft, die unabhängig von Gott gegen die Schöpfung kämpft. Böses hängt mit menschlichen Entscheidungen und dem Missbrauch des freien Willens zusammen. Die Tora enthält 613 Anforderungen, davon 365 Verbote und 248 Gebote. Die böse Neigung des Menschen heißt Yetzer hara; sie ist keine dämonische Macht, sondern eine problematische Form menschlicher Antriebe. Satan bedeutet „Widersacher“ oder „Gegner“ und erscheint im Tanach und Talmud eher als Ankläger, Prüfer oder Gegner in göttlicher Funktion, nicht als eigenständige Personifikation des Bösen.

In einzelnen kabbalistischen Strömungen entstehen stärker dualistische Vorstellungen. Das Böse kann dort mit der Trennung göttlicher Eigenschaften wie Strenge und Gnade erklärt werden. Begriffe wie Sitra Achra, die „andere Seite“, und Qliphoth, verhüllende Schalen um göttliche Lichtfunken, beschreiben spirituelle Hindernisse. Diese Schalen verhüllen die Wirklichkeit Gottes, können aber auch schützende Eigenschaften haben.

Im Christentum ist die Erbsünde eine verbreitete Erklärung für das Böse. Sie geht auf den Sündenfall des ersten Menschenpaares zurück und wird auf alle Menschen bezogen. Unterschieden wird moralisches Übel, malum morale, das Menschen verursachen, und nicht menschlich verursachtes Übel, malum physicum et metaphysicum, das mit der Theodizee-Frage verbunden ist. Nach einer augustinisch geprägten Sicht ist ethisch Böses die Abkehr von Gott wider bessere Einsicht; Gott lässt das Böse um der Selbständigkeit und Freiheit der Geschöpfe willen zu.

Im Zoroastrismus, der zwischen 1800 und 600 v. Chr. entstand, steht ein starker Dualismus im Zentrum: Ahura Mazda steht für das Gute, Angra Mainyu für das Böse. Angra Mainyu ist ein destruktiver, chaotischer Geist, der die Schöpfung korrumpieren will. Menschen sollen aktiv auf der Seite des Guten stehen, Asha, also Wahrheit und Gerechtigkeit, folgen und gegen Druj, Täuschung und Chaos, kämpfen. Am Ende soll der Saoshyant das Böse besiegen, die Toten auferstehen lassen und den endgültigen Sieg des Guten herbeiführen.

Im Islam wird das Böse häufig mit Schaitan und Iblis verbunden. Iblis verweigerte nach Sure 7:11-18 und Sure 15:28-44 den Befehl Allahs, sich vor Adam niederzuwerfen. Er steht für Stolz und Ungehorsam, ist aber kein gleichwertiger Gegner Gottes. Er bleibt ein von Allah erschaffenes Wesen unter Gottes Kontrolle. Im Daoismus entsteht die Welt aus dem Dao, dem allumfassenden Prinzip und Ursprung der Gegensätze. Aus ihm gehen Yin und Yang, Licht und Schatten, hervor; das Dao ist kein allmächtiges Wesen, sondern Ursprung und Vereinigung der Gegensätze.

Personifikationen, Zuordnungen und Symbole

In vielen Kulturen wird das Böse personifiziert, etwa im christlichen Teufel, in persischen Diw oder in den Asura des Hinduismus. Solche Figuren bringen Unglück und Verderben. Manche Personifikationen entstehen durch religiöse Umdeutung: Der griechische Hirtengott Pan wurde infolge christlicher Missionierung mit Hörnern und Bocksfüßen zu einer Erscheinungsform des Teufels umgedeutet. In der Literatur erscheint das Böse oft als Satan oder Teufel, etwa in Dantes Inferno, Goethes Faust oder Bulgakovs Der Meister und Margarita. In Goethes Faust nennt sich Mephistopheles „der Geist, der stets verneint“.

Auch in Fantasy-Büchern und -Filmen treten Anführer des Bösen auf, etwa Morgoth und Sauron bei J. R. R. Tolkien, Voldemort bei Harry Potter oder der Imperator in Star Wars. Der Artikel betont, dass solche Figuren sich vor allem in diesen Phantasien selbst als böse definieren. Gemeinsam ist ihnen ein Streben nach Machtvergrößerung zum eigenen Vorteil ohne Skrupel oder moralische Bedenken.

In geschichtlichen Darstellungen kann es zu einer „nationalen Zuordnung des Bösen“ kommen. Besonders im Blick auf den Nationalsozialismus steht von Menschen bewirktes Böse deutlich vor Augen. Dabei kann entweder die Verantwortung einzelner Täter betont werden oder die Beteiligung und Mitverantwortung großer Teile der Bevölkerung, wie in der Wehrmachtsausstellung zu Verbrechen großer Teile der Wehrmacht. Der Artikel weist zugleich darauf hin, dass im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg auch Verbrechen von Angehörigen anderer Nationen verübt wurden.

Als Symbole des Bösen gelten heute unter anderem der auf der Spitze stehende Drudenfuß, also das gestürzte Pentagramm, Totenköpfe und umgedrehte Kreuze wie das Petruskreuz. Diese Zeichen wurden jedoch erst in der Neuzeit zu Symbolen des Bösen erklärt und hatten ursprünglich nicht diese Bedeutung; sie finden sich sogar an alten Kirchen, etwa an der Marktkirche Hannover.

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