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Ethik

Ein aussichtsreiches Beispiel für eine nachpositivistische Ethik ist die am Kriterium des zwangfreien Konsenses orientierte Diskursethik. Mit der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Aufgabe
  2. 2. Abgrenzung und Disziplinen
  3. 3. Normen begründen
  4. 4. Grundbegriffe des Handelns
  5. 5. Gut, Wert, Tugend, Sollen und Gerechtigkeit
  6. 6. Theorien und Probleme

Grundidee und Aufgabe

Ethik ist ein Teilbereich der Philosophie, der die Voraussetzungen und die Bewertung menschlichen Handelns untersucht. Ihr Gegenstand ist die Moral, vor allem die Frage, wie moralische Urteile begründet und kritisch reflektiert werden können. Deshalb wird Ethik auch Moralphilosophie genannt. Zusammen mit Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie gehört sie zur praktischen Philosophie, weil sie sich mit menschlichem Handeln befasst; im Gegensatz dazu stehen klassische Bereiche der theoretischen Philosophie wie Logik, Erkenntnistheorie und Metaphysik.

Die allgemeine Ethik sucht Kriterien für gutes und schlechtes Handeln sowie für die Bewertung von Motiven und Folgen. Sie ist praktisch ausgerichtet: Es geht nicht um Wissen um seiner selbst willen, sondern um verantwortbare Praxis. Ethik kann allgemeine Prinzipien, Normen und Werturteile begründen, aber ihre Anwendung auf konkrete neue Situationen bleibt Aufgabe der praktischen Urteilskraft und des geschulten Gewissens.

Im Zentrum stehen drei Fragen: nach dem „höchsten Gut“, nach dem richtigen Handeln in bestimmten Situationen und nach der Freiheit des Willens. Ethische Fragen werden philosophisch mit lebensweltlichen Einstellungen, Wertüberzeugungen und rationalen Argumenten behandelt. Auch jüdische, christliche und islamische Theologien befassen sich mit Ethik; manche Ansätze stützen sich dabei auf religiöse Überzeugungen, andere wollen ethische Normen rational begründen, ohne spezifische religiöse oder weltanschauliche Voraussetzungen.

Abgrenzung und Disziplinen

Ethik ist von benachbarten Bereichen zu unterscheiden. Die Rechtswissenschaft fragt ebenfalls, wie gehandelt werden soll, bezieht sich aber meist auf eine bestimmte geltende Rechtsordnung, das positive Recht. Wenn Rechtsphilosophie, Rechtspolitik oder Gesetzgebungslehre Rechtsnormen begründen, nähern sie sich der Ethik an. Empirische Wissenschaften wie Soziologie, Ethnologie und Psychologie beschreiben und erklären faktisch vorhandene Normen, Einstellungen und Sanktionsmuster; sie rechtfertigen oder kritisieren diese aber nicht im Sinn normativer Ethik. Die Theorie der rationalen Entscheidung fragt ebenfalls „Wie soll ich handeln?“, berücksichtigt aber vor allem Ziele und Interessen eines bestimmten Individuums oder kollektiven Subjekts, nicht notwendig das moralisch Gute.

Die Ethik wird nach der Art ihres Umgangs mit moralischen Aussagen in mehrere Disziplinen gegliedert. Metaethik untersucht Sprache, Logik und Methoden moralischer Diskurse. Sie fragt etwa, was ethische Begriffe bedeuten, wie sie in moralischen Sätzen verwendet werden und ob Werturteile begründbar sind. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gilt sie als eigenständige Disziplin.

Normative Ethik erarbeitet und prüft allgemeingültige Normen und Werte sowie deren Begründung. Sie bildet den Kern der allgemeinen Ethik, weil sie über das Gute und Richtige urteilt. Angewandte Ethik baut darauf auf und behandelt konkrete Lebensbereiche, zum Beispiel Medizinethik oder Wirtschaftsethik; Ethikkommissionen, -räte und -institute entwickeln dazu Normen oder Handlungsempfehlungen. Deskriptive Ethik beschreibt empirisch vorhandene Normen- und Wertesysteme, fällt aber keine moralischen Urteile. Dazu gehören etwa kulturanthropologische, moralsoziologische, moralpsychologische oder evolutionstheoretische Untersuchungen.

Normen begründen

Eine Grundfrage der Ethik lautet: Warum soll man moralisch sein? Metaethische Kognitivisten meinen, erkennen zu können, wie man moralisch handeln soll; für sie stellt sich die Frage nach dem Ob moralität weniger scharf. Nonkognitivisten müssen dagegen klären, ob und warum moralisches Handeln überhaupt begründet werden kann. Die Antwort hängt davon ab, was man unter Vernunft versteht. Grundsätzlich gibt es drei Antworten: Ja, wenn Gründe für Moral angegeben werden; Nein bei Amoralisten; oder „Das muss jeder für sich selbst entscheiden“ bei Dezisionisten.

Absolute Moralbegründungen versuchen zu zeigen, dass Moral nicht weiter hintergehbar ist. Ein Beispiel ist Karl-Otto Apels Letztbegründung: Wer es ablehnt, über Zwecke zu reden, redet damit bereits über Zwecke und gerät in einen performativen Selbstwiderspruch. Die Systemtheorie begründet weniger, warum einzelne moralisch handeln sollen, sondern warum Moral als Regulierungsfunktion des Kommunikationssystems unentbehrlich ist.

Relative Moralbegründungen argumentieren häufig mit Vorteilen moralischen Verhaltens. Moralisches Handeln könne im wirklichen Leben rentabler sein als Amoralismus, etwa im Sinn der Theorie der rationalen Entscheidung. Genannt werden quid pro quo, Tit-for-Tat-Strategien, Vertrauen, soziale Gemeinschaft und Anerkennung. R. M. Hare argumentierte, Amoralisten könnten moralische Begriffe nicht sinnvoll verwenden und nicht verlangen, fair behandelt zu werden. Amoralisten kritisieren solche Begründungen mit dem Hinweis, dass auch stabile Verhältnisse existieren, die verbreiteten moralischen Vorstellungen widersprechen, etwa völkerrechtswidrige Kriege um Ressourcen, Sklaverei oder erfolgreiche Mafia-Organisationen.

Dezisionismus betont Entscheidungen, die aus logischen oder pragmatischen Gründen nicht weiter begründet werden können. Kritiker wenden ein, dass auch Entscheidungen bewertet werden können und ethische Prinzipien nicht erst aus Entscheidungen hervorgehen, sondern Entscheidungen oft erst ermöglichen. In der Frage nach Normen unterscheidet der Artikel außerdem zwischen formaler Verbindlichkeit und inhaltlicher Richtigkeit: Eine Norm kann verbindlich sein, weil sie etwa versprochen, beschlossen oder rechtlich vorgeschrieben wurde; sie kann aber auch als richtig gelten, weil sie gerecht ist, dem größten Wohl aller dient oder der Menschenwürde entspricht.

Grundbegriffe des Handelns

Für die ethische Bewertung sind mehrere Grundbegriffe wichtig. Eine Handlung wird zunächst als „eine von einer Person verursachte Veränderung des Zustands der Welt“ verstanden. Diese Veränderung kann äußerlich beobachtbar oder innerlich-mental sein. Von Ereignissen unterscheiden sich Handlungen dadurch, dass sie auf eine Absicht des Handelnden zurückgeführt werden. Absicht ist von Freiwilligkeit zu unterscheiden: Freiwilligkeit gehört zur Handlung selbst und umfasst auch spontane Handlungen.

Eine Handlung ist freiwillig, wenn sie mit Wissen und Willen geschieht. Unwissenheit entschuldigt nur, wenn die handelnde Person sich nach besten Kräften informiert hat und mit dem fehlenden Wissen anders gehandelt hätte. Vermeidbare Unkenntnis macht verantwortlich; absichtlich herbeigeführte Unkenntnis entschuldigt noch weniger. Das deutsche Strafrecht greift dies in § 17 StGB auf: Wer bei der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, nicht hatte, handelt ohne Schuld, wenn der Irrtum unvermeidbar war; war er vermeidbar, kann die Strafe gemildert werden. Auch äußerer Zwang hebt die Freiwilligkeit einer Handlung im Allgemeinen auf.

Absichten drücken sich in Handlungsprinzipien aus. Inhaltliche Grundsätze beziehen sich auf konkrete Güter wie Leben, Gesundheit, Besitz, Vergnügen oder Umwelt. Formale Grundsätze verzichten auf solche konkreten Güter; das bekannteste Beispiel ist Kants Kategorischer Imperativ. Praktische Sätze können auf drei Ebenen liegen: oberstes Prinzip, daraus abgeleitete praktische Grundsätze und konkrete Entscheidungen in Lebenssituationen.

Auch Folgen sind wesentlich. Motivierende Folgen sind diejenigen, um derentwillen gehandelt wird; in Kauf genommene Folgen werden nicht direkt beabsichtigt, aber vorausgesehen und zugelassen. Das wird mit dem Prinzip der Doppelwirkung verbunden. Außerdem unterscheidet die Ethik Tun und Unterlassen: Auch Nicht-Eingreifen kann freiwillig sein und als Handlung gelten, wenn jemand eingreifen könnte. Diese Unterscheidung ist etwa in der medizinischen Ethik wichtig, wird aber ethisch als teilweise fragwürdig bezeichnet.

Gut, Wert, Tugend, Sollen und Gerechtigkeit

Teleologische Ethiken fragen nach dem Ziel menschlichen Handelns, also nach dem letzten Ziel oder Endziel. Häufig wird Glück oder Glückseligkeit genannt. „Glück“ kann ein gelungenes gutes Leben bedeuten („Lebensglück“, eudaimonia), günstige Lebensumstände („Zufallsglück“, eutychia) oder subjektives Wohlbefinden beziehungsweise Lust (hedone). Eudämonisten wie Platon und Aristoteles sehen Glück als Folge der Verwirklichung einer im Menschen angelegten Norm; Hedonisten und klassische Utilitaristen verstehen Glück stärker subjektiv.

Der Begriff „gut“ gilt wie „seiend“ als nicht weiter definierbarer Grundbegriff. Als Adjektiv bezeichnet „gut“ die Eignung eines Gegenstands für eine Funktion oder einen Zweck, etwa ein gutes Messer oder einen guten Arzt. Als Substantiv meint „das Gut“ etwas, worauf Handeln ausgerichtet ist. Richard Mervyn Hare zufolge leiten Wörter wie „gut“ und „schlecht“ Handeln an und haben eher vorschreibende als beschreibende Funktion. Das höchste Gut, lateinisch summum bonum, ist das, was dem Menschen als Menschen ohne Einschränkung entspricht und mit dem „unbedingt Gesollten“ identisch ist. Je nach Sicht des Menschen wurde es verschieden bestimmt: Glück, Lust, Wohlbefinden, Macht, Einheit mit Gott beziehungsweise Gott selbst, Erwachen zu Weisheit und Mitgefühl, Bedürfnisbefriedigung, Einheit von Tugend und Glück oder Freiheit.

Der Wertbegriff ähnelt dem Begriff des Guten. Objektiver Wert meint den Wert bestimmter Güter für den Menschen, etwa Leben oder Gesundheit. Subjektive Werthaltung meint das, was jemand für wertvoll hält, zum Beispiel Treue oder Gerechtigkeit. „Wertewandel“ bezeichnet, dass sich gesellschaftlich akzeptierte Handlungsnormen verändern.

Tugend ist nach Aristoteles eine feste Grundhaltung, durch die der Handelnde tüchtig wird und seine eigentümliche Leistung vollkommen zustande bringt. Tugenden verbinden sinnliches Streben und sittliche Erkenntnis; sie entstehen durch Erkenntnis, Gewöhnung, Erziehung und soziale Praxis. Besonders wichtig ist die Klugheit, phronesis, die die rechte „Mitte“ zwischen Extremen findet.

„Sollen“ ist ein Grundbegriff deontologischer Ethik. Es bezieht sich als Imperativ auf eine Handlung, durch die ein Ziel erreicht werden soll. Dabei gilt: Das Ziel kann verfehlt werden, steht nicht in Konkurrenz zu übergeordneten Zielen und kann grundsätzlich erreicht werden: „Jedes Sollen impliziert ein Können“. Moralisch mögliche Handlungen sind erlaubt, moralisch notwendige geboten, moralisch unmögliche verboten. Gerechtigkeit kann personal oder institutionell verstanden werden. Personale Gerechtigkeit betrifft Handeln und Grundhaltung Einzelner; institutionelle Gerechtigkeit betrifft Recht und Staat. Unterschieden werden ausgleichende Gerechtigkeit, iustitia commutativa, und Verteilungsgerechtigkeit, iustitia distributiva.

Theorien und Probleme

Ethische Theorien unterscheiden sich danach, wie sie das moralisch Gute bestimmen: durch Folgen, Tugenden, Absichten, objektive moralische Tatsachen, Optimierung, Interessen der Betroffenen, Glück oder Wohlfahrt. Klassisch wird zwischen teleologischen und deontologischen Ansätzen unterschieden. Teleologische Ethiken richten sich auf Zwecke oder Ziele; Handlungen sollen ein Ziel anstreben, das in einem umfassenden Sinn gut ist. In ihnen stehen Güter und Werte im Vordergrund. Onto-teleologische Ansätze, etwa bei Aristoteles, nehmen an, dass das zu erstrebende Gut zur Natur des Menschen gehört. Konsequentialistisch-teleologische Ansätze bestimmen das Ziel durch Nutzen außerhalb des handelnden Subjekts; typisch ist der Utilitarismus.

Deontologische Ethiken sind Sollensethiken. Bei ihnen haben Handlungsfolgen nicht dieselbe Bedeutung wie in teleologischen Ethiken; Gebote, Verbote und Erlaubnisse stehen im Vordergrund. Regeldeontologische Ansätze wie bei Immanuel Kant beurteilen allgemeine Handlungstypen als verboten, erlaubt oder geboten. Aktdeontologische Ansätze beziehen das Urteil direkt auf bestimmte Handlungen in konkreten Situationen. Die strikte Unterscheidung zwischen teleologisch und deontologisch wird kritisiert, weil reale Ansätze selten eindeutig nur einer Seite zugeordnet werden können. An strenger Deontologie wird kritisiert, dass sie in Dilemmasituationen die Wahl des kleineren Übels kaum zulässt. An strenger Teleologie wird kritisiert, dass sie das Gesollte von außerethischen Zwecken abhängig macht und damit erklären muss, warum gerade diese Zwecke gelten sollen.

Ein zentrales erkenntnistheoretisches Problem ist das Verhältnis von Sein und Sollen. David Hume kritisierte, dass aus Aussagen darüber, was ist, nicht einfach Aussagen darüber folgen, was sein soll. Unter dem Stichwort „Naturalistischer Fehlschluss“ stellte George Edward Moore verwandte Fragen. Ist-Sätze können durch Beobachtung überprüft werden; Soll-Sätze lassen sich mit Beobachtung und Logik allein nicht begründen oder widerlegen. Dennoch folgt daraus nicht zwingend, dass vernünftige Ethik unmöglich ist; als Beispiel wird die Diskursethik genannt, die sich am zwangfreien Konsens orientiert.

Das Problem des Bösen betrifft moralisches Übel. Leibniz unterschied metaphysisches Übel, physisches Übel und moralisches Übel. Metaphysisches Übel meint die Unvollkommenheit alles Seienden, physisches Übel Schmerz und Leid, moralisches Übel die Nicht-Übereinstimmung einer Handlung mit Sittengesetz oder Naturrecht. Reduktionistische Erklärungen führen Böses etwa auf Aggression zurück; nicht-reduktionistische Ansätze betonen Freiheit, Egoismus, Destruktion oder bei Kant eine „Verkehrtheit des Herzens“. Nach klassischer Lehre ist das Böse letztlich substanzlos und besteht als Mangel an Sein beziehungsweise Gutem.

Schließlich behandelt Ethik ein Durchsetzungsproblem: Einsicht in richtige Prinzipien führt nicht automatisch zu entsprechendem Handeln. Dafür braucht es zusätzliche Motivation oder Zwang, besonders wenn Moral und Eigeninteresse in Spannung stehen. Als Beispiel nennt der Artikel Hilfe für hungernde Menschen in einem Land X: Dass Hilfe moralisch geboten erscheint, wird leicht eingesehen, aber umfassendes eigenes Handeln kann erst durch zusätzliche Motivation entstehen. Evolutionäre Spieltheorie und Neue Institutionenökonomik sehen einen möglichen Lösungsansatz darin, dass der Aufbau von Reputation eine dominante Spielstrategie sein kann.

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