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Mesopotamien
Es entwickelten sich Stadtstaaten, Königreiche – Neuerungen für die Menschheit mit den Erfindungen der Schrift, der ersten Rechtsordnung, der ersten …
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Kernidee und Raum
Mesopotamien, auch Zweistromland oder Zwiestromland genannt, bezeichnet eine Kulturlandschaft in Vorderasien, die von den Flusssystemen Euphrat und Tigris geprägt ist. Der Name bedeutet „zwischen den Flüssen“. Heute wird mit Mesopotamien meist die ganze Region von der Südosttürkei bis zum Persischen Golf gemeint, obwohl der Begriff in der Antike häufig enger für den nördlichen Teil verwendet wurde. In der Forschung wird Mesopotamien meist über Euphrat, Tigris, ihre Zuflüsse und den Unterlauf des Karun bestimmt. Damit haben heutige Gebiete der Südosttürkei, Nordostsyriens, des Irak, Irakisch-Kurdistans, Nordostkuwaits und des Westirans Anteil daran.
Mesopotamien gehört zu den wichtigsten Entwicklungszentren des Alten Orients. Zusammen mit der Levante bildete es einen großen Teil des Fruchtbaren Halbmonds, in dem Menschen früh dauerhaft sesshaft wurden. Dort entstanden Stadtstaaten, Königreiche, Verwaltungssysteme und bedeutende technische und kulturelle Neuerungen, darunter Schrift, frühe Rechtsordnungen, Ziegelstein, Streitwagen, Bier, Keramik und wichtige Schritte in Stadtentwicklung, Kultur- und Technikgeschichte.
Natürliche Grenzen Mesopotamiens sind meist die Randlagen von Zagros- und Taurusgebirge, das Küstengebiet des Persischen Golfs und die beginnende syrisch-arabische Wüste. Die Quellregionen von Euphrat und Tigris gelten geographisch nicht als Teil Mesopotamiens. Nach dem Ende des neubabylonischen Reichs war Mesopotamien politisch nicht mehr unabhängig; Altorientalistik und Alte Geschichte verwenden den Begriff deshalb unterschiedlich weit.
Umwelt und frühe Besiedlung
Die Umweltbedingungen Mesopotamiens waren sehr unterschiedlich und beeinflussten die Geschichte stark. Euphrat und Tigris, fruchtbare Schwemmböden und zeitweise feuchte, warme Klimaphasen boten gute Voraussetzungen für Ackerbau. Später führten trockenere Klimata dazu, dass die Bewohner große Bewässerungssysteme bauen mussten. Diese Anlagen verlangten Organisation, Planung und Verwaltung und begünstigten damit die Entstehung größerer Verwaltungsapparate.
Holz, Steine und Metalle waren in Mesopotamien relativ knapp. Deshalb mussten Nahrungsüberschüsse gegen Güter wie Zedernholz, Granit, Marmor und Metalle eingetauscht werden. Gebäude wurden überwiegend aus sonnengetrockneten Lehmziegeln gebaut; gebrannte, feuchtigkeitsresistente Ziegel verwendete man vor allem zur Verkleidung von Bauwerken und besonders von Zikkuraten, also gestuften Tempeltürmen.
Die ältesten archäologischen Besiedlungsspuren stammen aus der Mitte des 11. Jahrtausends v. Chr. am mittleren Euphrat in Mureybet. Ab dem 10. Jahrtausend v. Chr. finden sich modellierte Frauenfiguren und kleine Mengen Obsidian, die auf Handel mit Kappadokien hinweisen. Bis 8700 v. Chr. wandelten sich runde Wohnstätten zu eckigen Häusern mit mehreren Räumen. Getreidereste in Silos zeigen frühe landwirtschaftliche Tätigkeiten. Aus dem 7. Jahrtausend v. Chr. stammen die ältesten Keramikbelege; ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. ist gebrannter Ton nachweisbar.
Südmesopotamien wurde zwischen 5000 und 4000 v. Chr. in der Obed-Zeit stärker besiedelt. Bauern betrieben Landwirtschaft zwischen Babylon und dem Persischen Golf, Arbeitsteilung entstand, Tempel aus Lehmziegeln wurden gebaut und die Töpferscheibe wurde erfunden. In der Uruk-Zeit (4000–3100 v. Chr.) entstanden Städte und die Anfänge der Schrift. Mittelmesopotamien umfasste wichtige Orte wie Sippar, Dur-Kurigalzu und Opis; dort waren Getreideanbau sowie Pech- und Teerherstellung wichtig. Nordmesopotamien spielte im 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. eine besondere Rolle, mit Städten wie Aššur, Ninive, Mari, Harran und Ebla.
Reiche und Herrschaft
Die Geschichte Mesopotamiens war häufig von Stadtstaaten geprägt, die unter Königen standen und zeitweise gegeneinander Krieg führten. Daneben gab es Phasen großer Reiche und Eroberungen durch Nachbarn. Die Chronologie stützt sich unter anderem auf die assyrische Königsliste, Eponymenlisten, Eponymenchroniken, babylonische Königslisten sowie Beobachtungen wie Venusdaten aus der Zeit von Ammisaduqa und Berichte über Mondfinsternisse während der Ur-III-Dynastie.
Die ersten Schriftzeugnisse in Südmesopotamien sind auf Sumerisch verfasst. Die Herkunft des Sumerischen ist unbekannt; es gilt als isolierte Sprache. Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. wurden bessere Bewässerungstechniken entwickelt, wodurch größere Städte entstehen konnten. Das Kanalsystem wurde von Priesterfürsten organisiert, Tempelwirtschaft sowie Handwerk und Handel gewannen an Bedeutung. Die wichtigste Stadt der Sumerer war Uruk; ihr Herrscher Gilgamesch wurde zur Hauptfigur des Gilgamesch-Epos, des ältesten erhaltenen literarischen Dokuments der Menschheit. Um 2700 v. Chr. erreichte die Keilschrift ihre volle Ausbildung.
Mit Sargon von Akkad begann um 2235–2094 v. Chr. eine neue Epoche. Er vereinte viele Stadtstaaten zum ersten großen vorderasiatischen Reich, das ganz Mesopotamien sowie Teile Syriens, des Irans und Kleinasiens umfasste. Akkad wurde Regierungssitz, ist archäologisch aber noch nicht gefunden. Akkadisch verdrängte Sumerisch als gesprochene Sprache, während Sumerisch als sakrale, zeremonielle, literarische und Wissenschaftssprache weiterlebte. Das Reich bestand höchstens 150 Jahre und endete durch Aufstände und Gutäer.
Nach der Vertreibung der Gutäer entstand das neusumerische Reich der Ur-III-Dynastie. Ur wurde Zentrum, Sumerisch Verwaltungssprache, die ersten Zikkurate entstanden, und mit dem Codex Ur-Nammu wurden Rechtsverordnungen festgelegt. In der altbabylonischen Periode (2000–1595 v. Chr.) wurde Babylon unter Hammurabi zentral. Sein Codex Hammurapi umfasste 280 Paragrafen zu bürgerlichem Recht, Strafrecht und Verwaltungsrecht. Später wurde Assyrien zur Großmacht, besonders im 14. Jahrhundert v. Chr. und erneut im Neuassyrischen Reich. Bedeutende Herrscher waren unter anderem Aššur-uballiṭ I., Tukulti-Ninurta I., Tukulti-apil-Ešarra III., Aššur-ahhe-iddina und Aššur-bāni-apli. Nach dem Untergang Assyriens wurde Babylon im Neubabylonischen Reich erneut kulturelles Zentrum; Meder und Babylonier besiegten Assyrien 612 v. Chr.
Nachfolgereiche
Ab 550 v. Chr. eroberten die persischen Achämeniden den Nahen Osten und Kleinasien. Kyros II. hinterließ 539 v. Chr. in Babylon seine Proklamation auf dem Kyros-Zylinder; Mesopotamien wurde Teil des Perserreichs. Dieses Reich wurde 330 v. Chr. von Alexander erobert. Nach Alexanders Tod übernahm Seleukos die Macht im Osten des Alexanderreichs und gründete das Seleukidenreich.
Um 140 v. Chr. kam der größte Teil Mesopotamiens unter die Herrschaft der iranisch-parthischen Arsakiden. Sie machten Seleukeia-Ktesiphon am Tigris zu ihrer Hauptresidenz. Babylon verlor nach der parthischen Eroberung und den seleukidisch-parthischen Kriegen rasch an Bedeutung.
Der Euphrat war lange die Grenze zum Römischen Reich. Um 200 n. Chr. annektierten die Römer unter Kaiser Septimius Severus Nordmesopotamien und beherrschten es über vier Jahrhunderte. Später wurden die Arsakiden von den persischen Sassaniden gestürzt, die weiterhin in Ktesiphon residierten. Unter den Sassaniden, die selbst Zoroastrier waren, verbreitete sich das Christentum in Mesopotamien; zugleich war die Region in der Spätantike ein wichtiges Zentrum des Judentums. Mit der arabischen Expansion um 640 n. Chr. und dem Untergang des Sassanidenreichs endete die vorislamische Geschichte Mesopotamiens. Danach wurde die Region arabisch als al-Dschazīra bezeichnet, „die Insel“ zwischen den Flüssen.
Wirtschaft und Gesellschaft
Im 3. Jahrtausend v. Chr. lag bei den Sumerern politische und religiöse Macht oft bei Priesterfürsten. Sie organisierten Kanalisierung und Ackerbau. Der Haushalt des Staates war zugleich der Haushalt des Herrschers; dieses Wirtschaftssystem wird Oikoswirtschaft genannt. Dafür war ein großer Verwaltungsapparat nötig. Sklaven, die für die Priesterfürsten arbeiteten, erhielten Naturalien, also Güter statt Geld. Privateigentum wurde erst in der Zeit Babylons etabliert.
Später wurden Aufgaben des Staates teilweise „privatisiert“: Pächter übernahmen Arbeiten und mussten dafür Leistungen erbringen, etwa Silber. Bauern im 2. bis 1. Jahrtausend v. Chr. tauschten Produkte gegen Lebensmittel und Textilien. In Assyrien hatten Tempel und Priester weniger wirtschaftlichen Einfluss als in Sumer. Der Staat duldete Privateigentum und finanzierte sich durch Tribute und Steuern. Ländereien gehörten Adelsfamilien, die kleine Bauern zunehmend abhängig machten; Landbesitz war steuerfrei.
In Babylon gab es einflussreiche Handelsherren, deren Familien regelrechte Dynastien bildeten. Sie vermehrten ihr Vermögen durch Handel und Geldgeschäfte. Mesopotamien trieb Handel mit Nachbarländern; Fernhandelsbeziehungen reichten von der Ostsee bis zum Indusdelta. Waren kamen per Schiff oder Karawane ins Land. Zunächst trugen Esel die Waren, ab dem 1. Jahrtausend v. Chr. auch Kamele; Pferde und Wagen wurden in kleinerem Umfang genutzt. Straßen sind erst seit dem Neuassyrischen Reich überliefert.
Schrift, Sprache und Religion
Vor dem 4. Jahrtausend v. Chr. nutzten die Bewohner Mesopotamiens Zählsteine für alltägliche Rechenaufgaben. Der wachsende Handel führte im 3. Jahrtausend v. Chr. zur Entwicklung der Keilschrift. Anfangs bestand sie vor allem aus Bildsymbolen, später wurde sie abstrakter. Zeichen wurden mit Griffeln in weiche Tontafeln gedrückt und von links nach rechts gelesen. Viele Menschen konnten nicht schreiben, deshalb hatten Schreiber hohes Ansehen.
Bei den Sumerern standen Zeichen zunächst für ganze Wörter, die mehrere Bedeutungen haben konnten. Durch Kombinationen konnten neue Begriffe dargestellt werden, etwa „Essen“ aus den Symbolen „Mund“ und „Brot“. Später konnten Zeichen auch Laute wiedergeben, wodurch komplexere Texte und Literatur möglich wurden. Die Keilschrift wurde über 2500 Jahre lang in Mesopotamien verwendet und ist auch in Syrien, bei den Hethitern und in diplomatischen Archiven Ägyptens belegt.
Vor dem 2. Jahrtausend v. Chr. herrschte keine einzelne Sprache im Zweistromland vor; Sumerisch und Akkadisch wurden nebeneinander verwendet. Später wurde Aramäisch durch die Ansiedlung aramäischer Stämme im Fruchtbaren Halbmond zur führenden Sprache des Nahen Ostens. Die Aramäer führten auch eine von den Phöniziern übernommene Alphabetschrift ein, in der nur Konsonanten geschrieben wurden. Sumerisch blieb bis zur Zeitenwende Sprache der Gebildeten.
Die religiösen Zentren der Sumerer und Akkader waren Tempel der Götter in den Städten. Priester und Kultsänger führten dort Rituale aus. In sumerischer Sprache hießen solche Rituale Me, im Akkadischen meist parṣu. Aus der Sicht der Gläubigen konnte die Gottheit im Ritualexperten gegenwärtig werden, weil nur von den Göttern ausgewählte Personen Zugang zu den Ritualen hatten.
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