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Heilige Schriften
Als heilige Schriften bezeichnet die vergleichende Religionswissenschaft Texte, die für eine Religion normativ sind. In den unterschiedlichen Religionen …
Begriff und Bedeutung
Heilige Schriften sind in der vergleichenden Religionswissenschaft Texte, die für eine Religion normativ sind. „Normativ“ bedeutet: Glaubens-, ethische oder rituelle Fragen können durch Berufung auf diese Texte verbindlich und letztgültig entschieden werden. Was genau als normativer Text gilt und welche Autorität ein Text besitzt, unterscheidet sich jedoch von Religion zu Religion.
Religionen, die sich besonders stark an Texten orientieren, heißen Schrift- oder Buchreligionen. In schriftlosen Kulturen können kollektiv überlieferte Mythen als orale, also mündlich weitergegebene, Texte eine vergleichbare Funktion erfüllen. Heilige Schriften können als zentrale Referenz, als Dokument der Religionsgründung oder als wichtigstes Zeugnis einer Religionsgemeinschaft angesehen werden. Häufig gelten sie als ältestes Zeugnis der jeweiligen Gemeinschaft.
Merkmale und Umgang
Heilige Schriften können mit einem Religionsstifter, mit Gott oder mit Gottheiten verbunden sein. Sie gelten dann etwa als wesentliche Dokumente der Lehre eines Stifters oder als offenbarte beziehungsweise besonders inspirierte Schriften. Manche Gemeinschaften stellen sich außerdem vor, die Schrift habe schon vor ihrer weltlichen Niederschrift in einer himmlischen oder jenseitigen Welt existiert und sei später offenbart worden.
Solche Schriften bilden oft einen Kanon, also eine verbindlich abgegrenzte Sammlung anerkannter Texte. Sie können authentisch geltende Überlieferungen, Erzählungen, Offenbarungen, Lieder, Ritualistik und Weisheitstexte sammeln. Von anderer religiöser Literatur werden sie häufig dadurch unterschieden, dass ihnen ein höherer, auch qualitativer Wert zugeschrieben wird.
Ihre Auslegung ist oft selbst ein wichtiger Bereich: Es gibt Interpretationen sowie manchmal Richtungen und Schulen mit unterschiedlichen Deutungen. Im Gottesdienst, Kult oder Ritual werden heilige Schriften wörtlich zitiert und können dort eine zentrale oder grundlegende Rolle spielen. Auch in der persönlichen Frömmigkeit sind verehrende und liebende Lesung und Rezitation bedeutsam. Kunst, Ethik, Musik und Erzählungen einer Religion können von diesen Schriften stark inspiriert sein. Für ihren Umgang gelten oft besondere Respektregeln, durch die sie sich deutlich von anderen Gegenständen der Buchkultur abheben.
Heilige Schriften in Religionen
Die Zuordnung heiliger Schriften ist je nach Religion verschieden. In der sumerischen und babylonischen Religion galten offenbar Ritualtexte als von den Göttern geschaffene heilige Schriften; darauf weist in Keilschrifttexten der Vermerk „Wortlaut der (göttlichen) Worte“ hin. Im Judentum gehören Tanach und Talmud dazu, im Christentum die Bibel mit Altem Testament und Neuem Testament und im Islam Koran und Hadith.
Im Bahaitum zählen unter anderem das „Heiligste Buch“, das „Das Buch der Gewissheit“ sowie die Schriften vorangegangener Weltreligionen zu den heiligen Schriften. Dort grenzt der Ausdruck Texte, die als Gottes Selbstmitteilung gelten oder sie enthalten, von ihrer menschlichen mündlichen und schriftlichen Auslegung ab.
Im Hinduismus sind neben anderen Schriften besonders die Veden, die Bhagavadgita und die Puranas heilig. Die Sikhs verehren den Guru Granth Sahib, auch Adi Granth („Ur-Buch“). Im Theravada-Buddhismus gilt der Pali-Kanon als heilige Schrift. Der Mahayana-Buddhismus besitzt keine zentrale Schrift, die für alle Richtungen gilt; Beispiele für Schriften bestimmter Schulen sind das Herz-Sutra, das Lotos-Sutra und Sutren des Amitabha-Buddhismus. Im tibetischen Buddhismus gelten Kanjur und Tanjur als Sammlungen kanonischer Schriften; auch die Bön-Religion verfügt über Kanjur und Tanjur.
Weitere Beispiele sind Daodejing, Zhuangzi und Daozang im Daoismus, die Fünf Klassiker und Vier Bücher im Konfuzianismus, Kojiki und Nihongi im Shintoismus sowie der Avesta im Zoroastrismus/Parsismus. Zum Schriftenkanon der Mormonen gehören Buch Mormon, Bibel, Lehre und Bündnisse und die Köstliche Perle. Thelema nennt das Liber AL vel Legis, Wicca das selbst geschriebene individuelle Buch der Schatten und Pastafari das Evangelium des Fliegenden Spaghettimonsters. Auch etwa im Jainismus und bei den Drusen gibt es als heilig angesehene Schriften.