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Synoptisches Problem
Eine vergleichende Gegenüberstellung als Synopse zeigt, dass diese kanonisierten Evangelien – Matthäus, Markus und Lukas – viele Textpassagen gemeinsam haben, …
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Gegenstand und Bedeutung
Das synoptische Problem (auch synoptische Frage) fragt, wie Übereinstimmungen und Unterschiede der ersten drei kanonischen Evangelien des Neuen Testaments zu erklären sind: Matthäus, Markus und Lukas. In einer Synopse, also einer vergleichenden Gegenüberstellung, zeigen sich viele gemeinsame Passagen; zugleich unterscheiden sich die Texte teils im Wortlaut, in der Reihenfolge und in der Auswahl der Erzählstoffe.
Die Antwort ist für die neutestamentliche Einleitungswissenschaft und die Exegese, also die wissenschaftliche Auslegung der Texte, besonders wichtig. Sie beeinflusst die Redaktionsgeschichte (die Frage nach der Bearbeitung von Quellen durch einen Evangelisten) und die Formgeschichte sowie die Rekonstruktion von Leben und Predigt des historischen Jesus von Nazaret und Aspekte der frühesten Kirchengeschichte. Das Problem steht auch im Zusammenhang mit spätantiken Handschriften: Diese enthalten viele Textvarianten. Manche lassen sich als Abschreibfehler erklären, andere gehen eindeutig auf redaktionelle Eingriffe zurück.
Die beobachteten Textbeziehungen
Nach statistischen Angaben von Tony Honoré aus dem Jahr 1968 stimmen Matthäus, Markus und Lukas an parallelen Stellen in ungefähr 50 % der Wörter überein. Mit Parallelstellen bei Johannes stimmen sie dagegen nur in 10 % der Wörter überein.
Zu erklären sind vor allem auffällige Übereinstimmungen, aber auch Abweichungen in der Reihenfolge. Zur dreifachen gemeinsamen Überlieferung gehört fast das gesamte Material des Markus: Es findet sich bei Matthäus, und etwa zwei Drittel davon außerdem bei Lukas; dabei gibt es die sogenannte Lukanische Lücke. Die zweifache gemeinsame Überlieferung umfasst etwa 200 Verse bei Matthäus und Lukas, die bei Markus fehlen.
Daneben steht das Sondergut, also Texte oder Einzelsprüche, die nur ein Evangelium überliefert: bei Lukas 35 %, bei Matthäus 20 % und bei Markus 3 %. Ein weiteres Problem sind die minor agreements („geringfügige Übereinstimmungen“): Matthäus und Lukas weichen dabei in derselben Weise vom Markustext ab. Dies wird als Einwand gegen die Annahme gesehen, beide hätten Markus benutzt. Keine der vorgeschlagenen Lösungen erklärt sämtliche Phänomene befriedigend.
Grundrichtungen der Erklärung
Die Erklärungen lassen sich in zwei Grundrichtungen einteilen. Traditionshypothesen führen die Gemeinsamkeiten vor allem auf einen gemeinsamen Bestand mündlicher oder schriftlicher Überlieferungen zurück. Benutzungshypothesen nehmen dagegen an, dass spätere Evangelisten frühere Evangelien kannten und als literarische Vorlagen verwendeten.
Für die dreifache Überlieferung werden vier Reihenfolgen diskutiert: Matthäus zuerst, dann Markus, dann Lukas; Markus zuerst, dann Matthäus und Lukas; Lukas zuerst, dann Markus, dann Matthäus; oder Markus als dritter Evangelist, der Matthäus und Lukas kombiniert und kürzt. Für die zweifache Überlieferung kommen vier Möglichkeiten in Betracht: fest gefügte mündliche Traditionen, eine gemeinsame schriftliche Quelle, die Übernahme des Matthäus durch Lukas oder die Übernahme des Lukas durch Matthäus.
Johann Gottfried Herder nahm schon im 18. Jahrhundert einen Bestand mündlicher Überlieferung an; Johann Karl Ludwig Gieseler legte 1818 eine ausgearbeitete Traditionshypothese vor. Rudolf Bultmann griff diesen Ansatz in den 1950er Jahren erneut auf. Die Mehrheit der Forschenden ist jedoch von literarischer Abhängigkeit zwischen den synoptischen Evangelien überzeugt.
Modelle eines gemeinsamen Überlieferungsbestands
Die Urevangeliumshypothese wurde 1778 von Gotthold Ephraim Lessing vorgeschlagen und 1812 von Johann Gottfried Eichhorn vertreten. Danach schrieben die drei Synoptiker aus einem umfangreichen griechischen Urevangelium ab, das Übersetzung eines hebräischen Protevangeliums, der Quelle „Q“, gewesen sei. Dieses habe die ganze Geschichte Christi enthalten und werde mit dem von antiken Autoren erwähnten Hebräer- oder Nazarenerevangelium verbunden. Eine Variante erklärt die Kürze des Markus damit, dass er nur eine bereits gekürzte Fassung gekannt habe. Die Existenz eines Urevangeliums ist rein hypothetisch.
Die Fragmentenhypothese oder Diegesen-Hypothese formulierte Friedrich Schleiermacher 1817. Apostel und Hörer hätten einzelne Jesusworte und Geschichten schriftlich festgehalten; die Evangelisten hätten diese Fragmente gesammelt und zu Evangelien zusammengestellt. Sie wird heute nicht mehr vertreten und ist nur von historischem Interesse.
Die Traditionshypothese besagt, dass Matthäus, Markus und Lukas jeweils nur oder hauptsächlich mündliche Überlieferung nutzten. Die relative Gleichförmigkeit wird durch Auswendiglernen im rabbinischen Lehrbetrieb, häufige Wiederholung und feste Tradentenkreise erklärt. Sie war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr einflussreich und in der katholischen Kirche bis ins 20. Jahrhundert vertreten. Gegenwärtig wird sie wieder vermehrt vertreten, etwa von Birger Gerhardsson, Rainer Riesner, Armin Baum, James D. G. Dunn und Pierre Perrier.
Benutzungshypothesen und Quellenmodelle
Die Augustinische Theorie setzt Matthäus an den Anfang: Markus habe Matthäus benutzt und gekürzt, Lukas anschließend Markus und Matthäus verwendet. Sie war lange die traditionelle synoptische Theorie, wird heute aber nur vereinzelt vertreten.
Die Griesbachhypothese oder Zwei-Evangelien-Theorie nimmt an, Matthäus sei zuerst geschrieben worden, Lukas habe Matthäus verwendet, und Markus habe sich auf beide gestützt und die Reden weitgehend weggelassen. Die Neo-Griesbach-Theorie bestreitet ebenfalls eine Logienquelle Q und nimmt allgemein an, Matthäus und Lukas seien vor Markus und Johannes entstanden. Die Farrerhypothese setzt Markus zuerst, Matthäus danach und Lukas zuletzt an; Lukas habe zusätzlich Teile aus Matthäus übernommen. Damit soll Q überflüssig werden. Die Wilkehypothese vertritt ebenfalls Markus-Priorität, erklärt die zweifache Überlieferung aber umgekehrt durch die Übernahme von Lukastexten durch Matthäus.
Die im deutschsprachigen Raum und besonders in Europa dominierende Zweiquellentheorie geht von Markus-Priorität aus. Matthäus und Lukas hätten unabhängig voneinander Markus und eine zweite hypothetische Logien- oder Spruchquelle Q benutzt. Die Dreiquellentheorie nimmt an, Matthäus habe Markus und eine Logienquelle genutzt, Lukas jedoch Markus, diese Logienquelle und Matthäus als Nebenquelle. Bei der Vierquellentheorie von Burnett Hillman Streeter (1924) hätten Matthäus und Lukas zusätzlich zu Markus und Q jeweils eine eigene Quelle für ihr Sondergut verwendet; problematisch ist dabei die Begründung, warum diese Quellen schriftlich und nicht mündlich gewesen sein sollen.
Weitere Modelle sind die Theorie der Jerusalem-Schule und die Marcion-Priorität. Die Jerusalem-Schule setzt Lukas zuerst, Markus auf Lukas und Matthäus auf Markus an; Matthäus und Lukas hätten außerdem unabhängig eine unbekannte Redenquelle, eine Anthologie, verwendet. Matthias Klinghardt postulierte 2015 „Mcn“ als vorkanonischen, vorlukanischen, von Markion rezipierten Text aus dem 2. Jahrhundert, auf den sich alle kanonischen Evangelien bezögen.