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Narrative Exegese

Narrative Exegese ist eine neuere Methode der biblischen Exegese, die besonders im englischsprachigen Raum verbreitet ist und seit etwa zwanzig Jahren …

Inhalt3 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundgedanke
  2. 2. Analyse der Erzählung
  3. 3. Handlungsverlauf und Leserwirkung

Gegenstand und Grundgedanke

Narrative Exegese ist eine neuere Methode der biblischen Exegese. Sie ist besonders im englischsprachigen Raum verbreitet und wird seit etwa zwanzig Jahren zunehmend auch in der deutschen Bibelwissenschaft aufgenommen.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass viele biblische Abschnitte Erzähltexte sind, etwa die vier Evangelien, die Apostelgeschichte des Lukas sowie Erzählungen über die Erzeltern, Mose, Samuel und die Könige Israels. Deshalb überträgt diese Methode Modelle und Verfahren der literaturwissenschaftlichen Erzähltheorie auf die Bibel.

Sie beruht besonders auf New Criticism und Close Reading. Close Reading bedeutet die genaue Untersuchung des vorliegenden Wortlauts und seiner Gestaltung. Zugleich betont die narrative Exegese, ähnlich der Rezeptionsästhetik, dass Leserinnen und Leser an der Entstehung des Textsinns beteiligt sind.

Analyse der Erzählung

Im Unterschied zur historisch-kritischen Methode fragt die narrative Exegese nicht vor allem nach der Entstehungsgeschichte eines Textes. Sie untersucht die vorliegende Gestalt der Erzählung: ihre Perspektive, Sprache, Figuren, Welt, Handlung und Wirkung auf den Leser.

Beim Erzähler wird gefragt, aus welcher Perspektive erzählt wird und ob der Erzähler allwissend, deutlich erkennbar oder verborgen erscheint. Für die Rhetorik sind Wiederholungen von Schlüsselwörtern, Sätzen, Themen, Mustern, Situationen und Handlungen wichtig. Auch Wortfelder und Stilfiguren wie Parallelismus, Antithese, Inklusion, Chiasmus und rhetorische Frage können Themen und Standpunkte hervorheben. Analysiert werden außerdem Anfang und Ende, Szenengrenzen, Bilder, Symbole, Gegensätze, Vergleiche und Metaphern. Missverständnisse, Ironie und Verfremdung alltäglicher Standpunkte können ebenfalls zur Aussage beitragen.

Das Setting umfasst geografische oder topografische, soziale, kulturelle, religiöse und politische Rahmenbedingungen. Orte und Zeiten können symbolisch gemeint sein oder an Ereignisse der Geschichte Israels erinnern. Auch Gegenstände als „Requisiten“ können die Handlung voranbringen, Figuren charakterisieren oder einen Standpunkt verdeutlichen. Ein Beispiel ist, dass Nikodemus zu Jesus Christus „bei Nacht“ kommt; die Zeit kann innerhalb der Erzählung symbolische Bedeutung haben.

Figuren werden über ihre ersten Worte, ihre Rede, Handlungen, ihre Umgebung und Aussagen anderer Figuren erschlossen. Titel, Beschreibungen und Erzählerkommentare sind dabei bedeutsam. Die Methode unterscheidet „runde“, komplexere, und „flache“, weniger komplexe Charaktere. Sie fragt, ob sich eine Figur entwickelt, wodurch diese Wandlung entsteht und ob sie den Sinn oder Hauptpunkt der Erzählung erschließt. Eine Figur kann zudem als Folie dienen, um eine andere hervorzuheben oder mit ihr zu kontrastieren. Besonders wichtig ist, ob der Erzähler Einblick in Gedanken, Gefühle, Glauben oder die Weltsicht einer Figur gibt und wie diese Sicht zur allgemeinen Weltsicht der Erzählung steht.

Beim Point of View wird der wertende oder ideologische Standpunkt der Erzählung untersucht. Dazu gehören Hinweise des Erzählers, die psychologische Innensicht von Figuren sowie die Standpunkte, die sich aus Reden und Handlungen ergeben. Diese werden mit dem übergreifenden Standpunkt der Erzählung verglichen.

Handlungsverlauf und Leserwirkung

Bei der Untersuchung des Plot, also des Handlungsverlaufs, stehen Konflikte, Probleme und ihre Lösung im Mittelpunkt. Konflikte können mit der Natur, der Transzendenz oder anderen Menschen entstehen; Figuren können auch innere Konflikte haben.

Ein „u“-förmiger Verlauf wird als „Komödie“ beschrieben: Auf eine Krise und Abwärtsbewegung folgt eine Wendung zur steigenden Handlung und zur Auflösung. Dabei wird nach Anlass der Wende, möglicher Erkenntnisszene und Lösung der Krise gefragt. Die Evangelien gelten in diesem Sinn als „Komödie“, weil Jesus aufersteht; einige Exegeten ordnen das Evangelium nach Markus dagegen eher als „Tragödie“ ein.

Bei einem umgekehrten „u“-förmigen Verlauf, der „Tragödie“, wird nach einer fatalen Schwäche oder Sünde der Figur sowie nach Umständen gefragt, die zur Katastrophe führen. Wichtig ist auch, ob es eine Erkenntnisszene gibt oder was die Figur hätte erkennen sollen, aber nicht erkannt hat. Allgemein untersucht die Methode, ob eine Figur zu einer wichtigen Erkenntnis gelangt, wie diese ihre Sicht verändert und welches Hauptthema die Erzählung verfolgt.

Schließlich nimmt die narrative Exegese den Leser in den Blick. Sie fragt, welche Erwartungen ein impliziter Leser entwickelt und ob die Erzählung sie erfüllt oder umstößt. Daraus kann ein neuer oder fremdartiger Standpunkt entstehen. Entscheidend ist, welche Sicht auf die Realität der Erzähler dem Leser nahelegen will.

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